„Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg

Buch: „Die Reise ins Reich“

Autor: Tobias Ginsburg

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 320 Seiten

Der Autor: Tobias Ginsburg, Jahrgang 1986, ist Autor und Regisseur. Er studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie. 2016 war er Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs, 2020 erhielt er das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Acht Monate lang tauchte Tobias Ginsburg inkognito in die Szene der «Reichsbürger» und rechten Verschwörungstheoretiker ein. Er baute sich eine Scheinidentität im Netz auf und bewegte sich unter AfD-Politikern, gewaltbereiten Neonazis und friedensbewegten Esoterikern in Braun, Sektierern und Systemumstürzlern. Sein Buch ist ein ebenso erschütternder wie komischer Streifzug durch eine Welt böser Verführer und verführter Irregeleiteter, das zugleich einen neuen, literarischen Ton in die investigative Reportage einführt. Ein ungewöhnliches Enthüllungsbuch. Es erscheint hier in einer aktualisierten, überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Fassung. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Ob man sein Vergnügen mit der Lektüre von „Die Reise ins Reich“ hat, hängt – so viel sei eingangs schon verraten – maßgeblich davon ab, was man sich von dem Buch erwartet. Erwartet man neue, revolutionäre sozial- oder politikwissenschaftliche Erkenntnisse zur Reichsbürgerszene, zu Neonazis oder sonstigen Geistesgestörten, wird man vielleicht enttäuscht sein. Wenn man das Buch aber als das betrachtet, was es ist, nämlich eine Art Sachbuch-Erfahrungsbericht-Hybrid, dann wird man schon sehr viel eher seine Freude damit haben. Ein aus meiner Sicht wichtiges Buch ist es jedoch in jedem Fall.

Denn es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die sogenannten „Reichsbürger“ eher milde belächelt. Dass es hierbei allerdings eigentlich eher weniger zum Lächeln gibt, das arbeitet Ginsburg in seinem Buch heraus.

Seine „Reise ins Reich“ beginnt der Autor mit der Ausarbeitung eines Alter Ego. Er erstellt Facebook-Account und Website für den fiktiven Journalisten Tobias Patera und unternimmt mit der dadurch aufgebauten Glaubwürdigkeit einen Kopfsprung in den braunen Sumpf. Dieser führt ihn zuerst ins „Königreich Deutschland“, einen Fantasiestaat unter Leitung des „Königs“ Peter Fitzek – einer großen Nummer in der Reichsbürgerszene – der allerdings zum Zeitpunkt von Ginsburgs Eintreffen leider gerade im Gefängnis weilt … Vor Ort kommt Ginsburg mit vielen Menschen ins Gespräch, lernt ihre Lebensgeschichten und Hintergründe kennen. Und  bereits hier kommt eine große Stärke des Buches zum Tragen. Denn während es ein Leichtes wäre, all diese Menschen als Verrückte abzustempeln – was ich, der ich weniger gnädig als der Autor bin, geneigt wäre, zu tun -, setzt Ginsburg eben den Fokus auf den Menschen hinter dem „Verrückten“, begibt sich mit ihnen auf Augenhöhe und versucht, herauszufinden, wodurch sie in ihre Parallelwelt abgedriftet sind. Er mag ihre Weltanschauung verdammen, aber er macht sich nicht über sie lustig – was ich wiederum, da ich weniger gnädig als der Autor bin, zu tun geneigt wäre.

In der Folge wendet sich der Autor dann dem Bereich der Esoterik zu. Einem Themenfeld, deren Anhängern ich noch wesentlich weniger gnädig … sei´s drum. Hier zeigt sich dann, dass bemerkenswert viele Anhänger der Esoterik auch diversen Verschwörungserzählungen gegenüber nicht abgeneigt sind. Nun mag diese Erkenntnis nicht unbedingt neu sein, schon im letzten Jahr sagte die Sozialpsychologin Pia Lamberty im Deutschlandfunk,  „dass ähnliche Faktoren den Glauben an esoterische Welterklärungsmodelle befeuern wie auch Verschwörungserzählungen.“ Dennoch war es erfrischend entlarvend zu lesen, wie Menschen, die ihren eigentlichen Unfug mit schon fast chakraler Hingabe vehement verteidigen, auch anfällig für anderen Unfug jedweder Couleur sind.

Natürlich setzt sich die Reichsbürgerszene nicht nur aus gescheiterten Existenzen und gutgläubigen Spinnern zusammen, nein, auch entschiedene Unsympathen sind darunter. Und auf seiner Reise in den braunen Sumpf begibt sich Ginsburg auch in Kontakt mit eben diesen:

Er lernt Ernst Köwing kennen, den „Honigmann“, der in seinem Blog bis zu seinem Tod im Jahr 2018 allerlei fragwürdiges Zeug von sich gab und isst mit ihme Kuchen, ohne ihn, den Kuchen, zweckzuentfremden, was mir einmal mehr Respekt abnötigt.

Er nimmt an konspirativen Treffen allerlei Grupierungen, von strammen Neonazis bis hin zum Verein „Weltfrieden global“ – denkt über den Namen mal eine Sekunde nach … – teil und findet sich immer weiter in seine Rolle als „Systemkritiker“ ein.

Er landet schließlich auch im Umfeld von Jörg Elsässer, dem Mitherausgeber des seit 2020 vom Verfassungsschutz als sogenannten Verdachtsfall eingestuften „Compact“-Magazins. Ein Machwerk, das in einem aktuellen Meinungsartikel Björn „Landolf Ladig“ Höcke als „Hoffnungsträger“ bezeichnet – ein erwiesener Faschist als „Hoffnungsträger“! – und im selben Artikel ausführt: „Je mehr Moslems das Wahlrecht erhalten, desto stärker werden sie die Zusammensetzung der Parlamente bestimmen.“ Ein Machwerk, das derzeit behauptet: „Die Gewalt gegen Querdenker und Impfskeptiker ist längst in vollem Gange: das Zusammenschlagen von Corona-kritischen Demonstranten durch Polizei findet unter lautem Jubel der Mainstream-Faschisten statt.“ Ein Machwerk, von dem monatlich angeblich etwa 40.000 Exemplare abgesetzt werden Ich weiß nicht, was es da seitens des Verfassungsschutzes nur zu „verdächtigen“ gilt, aber was solls.

Spätestens beim Elsässer überkommt den Leser dann so eine diffuse Übelkeit, die man bis zum Ende der Lektüre auch nicht mehr los wird. Zumal Ginsburg deutlich klarstellt, dass eine Gefahr für die Demokratie nicht nur von der AfD – die paradoxerweise in Parlamenten sitzt, die sie am  liebsten auflösen würde – oder von strammen Neonazis ausgeht, sondern dass die Menge an unterschiedlichen Gruppierungen, denen allen gemein ist, dass sie die Demokratie offensichtlich für eine dumme Idee halten, schier unüberschaubar ist. Das wiederum mag ein Glücksfall sein, weil es dieser Querfront schwieriger macht, sich zu einer einheitlichen Gruppe mit einheitlichen Zielen zusammenzufinden. Aber schön ist anders.

Die Schilderung all dessen gelingt Tobias Ginsburg auf eine trocken-humorvolle Art und Weise, die mich beeindruckt, und die allerdings vielleicht auch notwendig ist, um all die menschenfeindliche Schwurbelei, die da in den „Hass-Maufakturen“ (O-Ton Ginsburg“) entwickelt wird, zu ertragen, ohne sich vor Seite 320 zu übergeben.

Und auch sonst ist Humor im Leben nicht verkehrt, manche Dinge muss man mit Humor betrachten. So veröffentlichte die ansonsten nicht unbedingt für ihre Weltoffenheit bekannte „Welt am Sonntag“ unlängst eine Statistik, nach der etwa 1.500 als mutmaßliche Rechtsextremisten eingestufte Personen in diesem Land im Besitz einer Schusswaffe sind und erlaubte sich dabei den Scherz einer Unterteilung zwischen „Rechtsextremisten“ einerseits und „Reichsbürgern“ andererseits. Was beide sichtbar voneinander unterscheidet, weiß offensichtlich nur die „Welt am Sonntag“ allein. Ein Nebenaspekt der Statistik war übrigens, dass der Anteil an Rechtsextremisten mit Waffen mit 443 in Mecklenburg-Vorpommern ganz besonders groß ist. Nun, vermutlich sieht man sich dort gezwungen, sich mit der Waffe gegen die ungebremste Zuwand…, nein, warte, Mecklenburg-Vorpommern hat den geringsten Ausländeranteil aller Bundesländer …

Nun, wie auch immer, letztlich bietet „Reise ins Reich“ ein ob der Thematik schon fast unangemessen vergnügliches Leseerlebnis, zu dem ich allen nur raten kann. Auch wenn die Erkenntnis für mich letztlich die bleibt, die ich schon vorher hatte, nämlich, dass wir in einem Land leben, dass zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Helgoland“ von Carlo Rovelli

 

6 Kommentare zu „„Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg

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