„Terra Alta“ von Javier Cercas

Buch: Terra Alta

Autor: Javier Cercas

Verlag: Fischer

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Javier Cercas, geboren 1962 in Ibahernando in der spanischen Extremadura, lebt als Schriftsteller, Publizist und Universitätsdozent in Girona. Mit seinem Roman »Soldaten von Salamis« wurde er international bekannt. Heute ist sein Werk in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Für »Der falsche Überlebende« (S. Fischer 2017), erhielt er u.a. den Prix du livre européen 2016 und den chinesischen Taofen-Preis 2015 für das beste ausländische Buch. Für seinen zuletzt erschienenen Roman »Terra Alta« wurde er mit dem Premio Planeta 2019 ausgezeichnet. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Er ist der Sohn einer Prostituierten, sein Zuhause ist die Unterwelt Barcelonas. Melchor Marín arbeitet für ein Drogenkartell und wird bei einer Razzia festgenommen. Als er im Gefängnis von der Ermordung seiner Mutter erfährt, beschließt er, nach dem Absitzen der Strafe Polizist zu werden.
Jahre später ist Melchor als bewährter Polizist in der kargen Landschaft der Terra Alta im Einsatz, wo er mit Frau und Tochter ein ruhiges Leben führt. Aber dann erschüttert ein Verbrechen die Region, ein altes Unternehmerpaar wird grausam ermordet. Ein brutaler Raubüberfall? Eine alte Fehde? Als das Kommissariat den Fall ungelöst abschließt, ermittelt Melchor auf eigene Faust. (Quelle: Fischer)

Fazit: Um ehrlich zu sein: Javier Cercas hatte mich als Leser seines Romans „Terra Alta“ schon fast verloren, noch ehe er, der Roman, so recht begonnen hat. Ziemlich zu Beginn des Buches wird Melchor Marín, Polizist und Protagonist der Geschichte, an den Schauplatz eines Verbrechens gerufen. Und der könnte blutiger nicht sein.Gleiches gilt für die Beschreibung der Situation. Von Aufschlitzen und Ausweiden ist da die Rede, von ausgerissenen Fingernägeln, Augen, Zähnen, von abgeschnittenen … lassen wir das. Irritiert sehe ich mir nochmal das Cover an und denke mir: „Nein, da steht nicht Quentin Tarantino. Hm, wenn das so weitergeht …“

Glücklicherweise tut es das nicht, denn die zugegebenermaßen allzu brutale Schilderung der Szenerie ist ausgesprochen kurz, kann bei Bedarf auch übersprungen werden und ist zudem der einzige Moment, an dem es der Autor ein wenig übertreibt. Nun mag man einen solchen Einstieg als ungünstiges Timing erachten, mit dem man Leser wie mich für gewöhnlich recht zuverlässig abschrecken und von der Fortsetzung der Lektüre abhalten kann, aber ich kann die versammelte Leserschaft beruhigen, denn: Hinter diesem Einstieg verbirgt sich ein durchaus lesenswerter Roman.

Darüber hinaus ergibt der Bucheinstieg durchaus Sinn, denn auf diese Weise wird deutlich: Das ermordete Unternehmerehepaar wurde nicht einfach „nur“ ermordet, sie wurden gequält und gefoltert. Und Marín stellt sich völlig berechtigt die Frage, welcher Mensch um Himmels Willen so etwas tut. Daher beschließt er, nachdem die Polizei den Fall nach einiger Zeit ungelöst zu den Akten legt, weiter auf eigene Faust zu ermitteln.

Dabei stellt sich für den Leser in der Folge heraus, dass „Terra Alta“ mitnichten ein einfacher Kriminalroman mit unnötig blutigem Einsteig ist, es ist vielmehr eine Charakterstudie, in deren Mittelpunkt voll und ganz der Protagonist Melchor Marín steht. Selbst unter widrigen Bedingungen aufgewachsen, ohne genaue Kenntnis über seinen eigenen Vater, früh kriminell geworden und ebenso früh ins Gefängnis gekommen, beschließt er, nach seiner Entlassung die Seiten zu wechseln und Polizist zu werden. Aufgrund einer Verkettung von Ereignissen steht er nach einiger Zeit extrem im Licht der Öffentlichkeit und wird, um ihn aus eben diesem öffentlichen Fokus zu entfernen, ins ländliche Terra Alta versetzt. In eine Gegend, in der eigentlich nie etwas passiert. Wenn nicht gerade ein Industriellenehepaar ermordet wird, versteht sich.

An diesem Protagonisten werden sich vermutlich die Geister der Leserschaft scheiden. Cercas widmet sich ihm in zahlreichen Rückblicken in einem Detailreichtum, der mit persönlich sehr gut gefiel, weil er Melchor für mich greifbarer und verständlicher machte, der vielen aber auch eben einfach zu viel sein könnte. Maríns fast schon manische Begeisterung für Victor Hugos Roman „Les Misérables“ beispielsweise wirkt irgendwann ob der häufigen Erwähnung irgendwie aufgesetzt, obwohl sie durchaus Sinn ergibt und man Parallelen entdecken kann, wenn man Hugos Roman kennt. Und von seiner Art her erinnerte der Protagonist mich manchmal irgendwie an eine eher unterkühlte Version von Lorenzo Lamas in „Renegade“. Insgesamt betrachtet ist Marín aber ein durchaus als vielschichtig zu bezeichnender Charakter, dessen Weg weiter zu verfolgen mir Freude machen wird, denn im Sommer kommt Teil zwei von Cercas Romanreihe heraus.

Auch wenn man sich weniger dem Protagonisten, sondern eher der Krimigeschichte zuwenden will, kommt man auf seine Kosten. Nachdem die Polizei die Ermittlungen offiziell eingestellt hat, führt Marín sie auf eigene Faust fort. Anders als in unzähligen anderen Romanen mit ähnlich gelagerten Ermittlerfiguren pflügt er sich aber eben in der Folge nicht als unschlagbare Ein-Mann-Armee durch den Roman, sondern trifft durchaus auf Schwierigkeiten. So bleiben seine Ermittlungen beispielsweise von Kollegen und Vorgesetzten natürlich nicht unbemerkt. Zudem scheinen sich einige Menschen durch seine Fragerei auf die Füße getreten zu fühlen und machen es dem Polizisten zunehmend ungemütlich.

Insgesamt liegen die Stärken des Romans einerseits deutlich im Bereich der Handlung und der Figuren, dafür weniger im stilistischen. „Terra Alta“ ist nicht sonderlich komplex geschrieben, was der Lesbarkeit natürlich zuträglich ist, andererseits aber irritiert und schade ist, wenn man berücksichtigt, dass es ein Roman ist, der sich inhaltlich – nicht nur am Beispiel „Les Misérables“ – unter anderem mit der Macht von Büchern beschäftigt.

Letztlich ist „Terra Alta“ ein sehr gelungener Roman, der sich hinter der eigentlichen Handlungsebene mit der Frage beschäftigt, inwieweit es legitim ist, selbst Rache zu üben, wenn die staatliche Gewalt – aus welchen Gründen auch immer – nicht willens oder in der Lage ist, für Gerechtigkeit zu sorgen. Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten.Oder aber „Terra Alta“ lesen.

Ich danke dem Fischer Verlag für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg. Dauert vielleicht noch ein bisschen.

3 Kommentare zu „„Terra Alta“ von Javier Cercas

  1. Hm. Darüber habe ich jetzt schon zum zweiten Mal gelesen (weiß nicht mehr wo, wollte es noch suchen), und beide Besprechungen gingen in eine ähnliche Richtung und klangen interessant. Ich hoffe, ich erinnere mich an den Titel, wenn ich darüber stolpere 😉
    Vormittagskaffeegrüße 😁🌥️🍂☕🍪🍁👍

    Gefällt 1 Person

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