„Der Sucher“ von Tana French

Buch: „Der Sucher“

Autorin: Tana French

Verlag: Fischer

Ausgabe: Hardcover, 496 Seiten

Die Autorin:»Meisterhaft, wie Tana French Stimmungen einfängt und geniale Plots konstruiert«​, sagt die​ Washington Post​ über Tana French. ​Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet die irische Autorin ​markante Gesellschaftsporträts und schaut tief in die Seelen der Menschen. Tana French wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. ​Tana French lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Cal Hooper, ehemaliger Cop aus Chicago, hat sich in den Westen von Irland geflüchtet. Die Natur scheint friedlich, im Dorf nimmt man ihn freundlich auf. Da springt sein langjährig trainierter innerer Alarm an: Er wird beobachtet. Immer wieder taucht ein Kind bei ihm auf. Auf den umliegenden Farmen kommen auf seltsame Weise Tiere zu Tode. Stück für Stück gerät Cal in eine Suche, die ihn tief in die Dunkelheit führt. (Quelle: Fischer)

Fazit: Zu den wenigen zuverlässigen Gewissheiten im Leben gehört neben regelmäßig wiederkehrenden Meisterschaften des FC Bayern München auch die, dass Tana French ebenfalls regelmäßig, wenn auch in größeren Intervallen, einen ausgesprochen lesenswerten Roman auf den anderen folgen lässt lässt. Gut, zwischenzeitlich fremdelte ich ein bisschen mit „Gefrorener Schrei“, dem Abschluss ihrer Dublin-Reihe, aber spätestens mit ihrem aktuellen Roman „Der Sucher“ hat sie mich wieder ins Boot geholt.

Protagonist des Romans ist Cal Cooper, der aus recht trifftigen Gründen seinen Job als Polizist in Chicago drangegeben sowie all sein Hab und Gut versetzt hat, um in die Einöde des ländlichen Irlands überzusiedeln. Dort möchte Cal sich sich neu einleben, angeln, die Stille und Abgeschiedenheit genießen, regelmäßig mit seiner schon erwachsenen Tochter telefonieren und ansonsten eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Leider funktioniert das nicht so wirklich gut, denn Cal merkt, dass er beobachtet wird. Und tatsächlich steht irgendwann Trey vor der Tür, ein etwa zwölf Jahre alter Rotzlöffel, der auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, in nicht gerade gefestigten Verhältnissen aufzuwachsen. Langsam fassen der Ex-Polizist und das Kind Vertrauen zueinander und so erfährt Cal den Grund für die das Beobachten und Nachstellen: Treys Bruder Brendan ist verschwunden und da sich längst durchgeschwiegen hat, dass es sich bei dem neu Zugezogenen um einen Ex-Polizisten handelt, fordert Trey von Cal, seinen Bruder auszuspüren und zurückzubringen. Ungeachtet der Tatsache, dass Cal eigentlich wirklich liebend gerne nur in Ruhe gelassen werden würde, erklärt er sich – im sicheren Glauben, Brendan sei einfach nur ausgerissen – bereit, Trey zu helfen.

Die sich daraus entwickelnde Krimihandlung bildet, wie man es aus Tana Frenchs Romanen gewöhnt ist, nicht unbedingt das Zentrum des Buches. Nicht umsonst urteilt die „New York Times“ über die Autorin, sie schreibe „große Romane, in denen auch Verbrechen geschehen.“ Und exakt so verhält es sich auch. Die Krimihandlung geht dabei zwar weit über bloßes Beiwerk hinaus, weiß für sich allein also zu überzeugen, aber im Grunde genommen geht es in Frenchs Romanen häufig um das, was nicht unmittelbar Bestandteil der Krimihandlung ist.

Im vorliegenden Fall hat die Autorin daher in erster Linie ein Buch über das ländliche Irland geschrieben, über die Sorgen und Nöte, mit denen man sich dort befassen muss. Über das Wesen der Bevölkerung, die – zumindest im geschilderten Ort – eher eine Art Wagenburgmentalität hinsichtlich bestimmter Ereignisse bilden und sich wünschen, der Neuzugang würde aufhören, so viele Fragen zu stellen, während es hierzulande ja zielsicher gelingt, immer wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist, mindestens einen mitteilsamen Nachbarn vor die Mikros zu schleppen, der dann kundtut, dass er eigentlich nichts weiß und niemanden kennt, sich aber trotzdem nie habe vorstellen können, dass so etwas Schlimmes gerade dort usw. Darüber hinaus widmet sie sich Themen wie sozialer Ausgrenzung von Menschen, die vermeintlich nicht ins Raster passen und ähnlichen Dingen. Das Gesamtbild, das die Autorin aus diesen vielfältigen Thematiken und Eindrücken macht, ist ein ausgesprochen stimmiges.

Stimmig ist auch, wie fast schon gewöhnt, Tana Frenchs Sprache. Sei es die zwischenzeitlich immer bedrohlicher werdende Atmosphäre in Cals neuem Wohnort, sei es die Beschreibung der rauen, wilden Natur, der gefühlt unendlichen Weite in einem gleichzeitig doch vergleichsweise kleinen Land – für all das findet sie die richtigen Worte. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass man inhaltlich mit dem Buch also wenig anfangen können sollte, bleibt dennoch ein in stilistischer Hinsicht mehr als überzeugendes Lesevergnügen.

Zudem wird der Roman durch eine Reihe merk- bis denkwürdiger Charaktere bevölkert, die schlicht gut im Gedächtnis bleiben. Sei es Cals Nachbar Mart, mit dem er sich gerne mal auf ein Schwätzchen trifft und dem er auch aus dem Dorfladen seine Lieblingskekse mitbringt, nachdem sich Noreen, die Inhaberin eben dieses Dorfladens, weigert, Mart diese direkt zu verkaufen, „weil es in den 1980ern zwischen ihren Onkeln und Marts Vater einen komplizierten Konflikt wegen Weiderechten gab.“ (S.13) – man kennt das … Sei es aber auch besagte Noreen selbst, die eine Art Epizentrum des Dorfklatschs darstellt, und beharrlich versucht, Cal mit ihrer Schwester Helena zu verkuppeln. Zudem ist Cal ein überzeugender Protagonist, der allenfalls vielleicht gelegentlich schon fast ein bisschen zu tugendhaft erscheint.

Alles in allem bleibt so ein mehr als lesenswerter Roman, in dem auch Verbrechen geschehen. Einer, der Tana-French-Fans mit Sicherheit glücklich machen wird, den ich aber auch allen anderen aufs Wärmste empfehlen kann.

Ich danke dem Fischer-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Terra Alta“ von Javier Cercas

11 Kommentare zu „„Der Sucher“ von Tana French

      1. Ganz oben liegen noch so Sachen wie der neue Meyer oder sowas wie „Das Tal in der Mitte der Welt“ oder „Ein Sohn der Stadt“ oder die anderen ungefähr 50 ungelesenen Bücher (mal abgesehen von den Rezensionsexemplaren)…….

        Sonst so…… joah, wenn der schlaffe, kränkelnde Körper nicht wäre oder auch die Gesundheit vom weltbesten Hund …. Sonst passt alles. Und selbst so?

        Gefällt 2 Personen

        1. Ha, ungelesene Rezensionsexemplare: 4! Davon erst am Freitag hier eingezogen: 4! ;-) Insofern habe ich keinen Stress, aber auf eine ähnliche Gesamtsumme ungelesener Bücher komme ich auch. Dass aber auch immer wieder Neuerscheinungen rauskommen … :-)

          Davon mal ab: Klingt beschissen. Beides. Ich drücke in gesundheitlicher Hinsicht mal ganzheitlich und vollumfassend alle zur Verfügung stehenden Daumen. Auch für den Weltbesten.

          Gefällt 2 Personen

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