„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

Buch: „Die Eroberung Amerikas“

Autor: Franzobel

Verlag: Zsolnay

Ausgabe: Hardcover, 544 Seiten

Der Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ (2014), „Groschens Grab“ (2015) und „Rechtswalzer“ (2019) sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 2021 der Roman „Die Eroberung Amerikas“.  (Quelle: Hanser)

Das Buch: Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. (Quelle: Hanser)

Fazit: Erwartungshaltungen und daraus resultierende Enttäuschungen sind ein weites Feld, wie Effi Briests Vater vielleicht gesagt hätte. Wäre ich beispielweise mit der unrealistischen Erwartung in diesen Tag gestartet, zu Hause bleiben und den Radiosender meines Vertrauens irgendwie davon überzeugen zu können, weiter „Alter Bridge“ zu spielen, so wäre ich nahezu unausweichlich sehr enttäuscht worden.

Und unter anderem eine unrealistische Erwartungshaltung war es eben auch, an der Franzobels neuer Roman bei mir gescheitert ist. So ging ich in meiner grenzenlosen Unkenntnis davon aus, dass sich der Autor in seinem Buch inhaltlich mehr mit der Klage des New Yorker Anwalts beschäftigen würde. Vor dem Hintergrund, dass sich beispielsweise mittlerweile diverse US-amerikanische Sportteams aus NFL und MLB der schon gefühlte Ewigkeiten bestehenden Forderung amerikanischer Ureinwohner nach einer Änderung ihrer Teamnamen berechtigterweise gebeugt haben, hätte dieser thematische Ansatz mit einer gewissen Aktualität punkten und viele relevante Fragestellungen behandeln können. Tatsächlich macht dieser Handlungsstrang allerdings nur einen minimalen Anteil des Buches aus.

Stattdessen hat Franzobel im Kern einen historischen Roman geschrieben, der sich inhaltlich detailliert mit der Expedition Ferdinand Desotos nach Florida beschäftigt, was ja nun per se nichts Schlechtes sein muss, zumal ich historische Romane mag. Ich beschloss also, mich von meiner enttäuschten Erwartungshaltung nicht weiter beeinflussen zu lassen, sondern mich vielmehr auf das einzulassen, was da denn nun kommen sollte.

Aber auch im weiteren Verlauf wollte „Die Eroberung Amerikas“ bei mir irgendwie nicht zünden. Und das wundert mich rückblickend schon, denn realistisch betrachtet macht Franzobel hier wenig anders als beispielsweise in seinem Roman „Das Floß der Medusa“, welches ich seinerzeit mit großer Begeisterung gelesen habe. Aber alles was dort in erzählerischer Hinsicht funktioniert hat, funktioniert für mich in seinem neuen Roman eben nicht.

Schon in „Das Floß der Medusa“ hat der Autor erzählerisch durchblicken lassen,  dass er eher einen Tatsachenbericht aus heutiger Sicht als einen reinen historischen Roman geschrieben hat. Ausmachen ließ sich das an allerlei anachronistischen Motiven, die an diversen Stellen mehr oder weniger beiläufig eingestreut wurden. Und auch in „Der Eroberung Amerikas“ verhält es sich ganz ähnlich. Es wirkt aus meiner Sicht nur leider vollkommen deplaziert.

Im Laufe der Handlung wird das Verhalten der Konquistadoren gegenüber den Ureinwohnern immer rauer und gipfelt schließlich in diversen Massakern, die explizit, blutig und schonungslos dargestellt werden. Anstatt es nun bei diesen Fakten zu belassen und sich tatsächlich eher im Bereich des Tatsachenberichts zu bewegen und die Ereignisse entsprechend auf die Leserschaft wirken zu lassen, versucht der Autor augenscheinlich, das Geschilderte ein bisschen aufzulockern, „die Grausamkeit erträglich“ zu machen, wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Rezension schreibt. Nur: Hier gibt es nichts erträglich zu machen! Durch Franzobels durchweg humoristischen Ansatz – er dichtet der Expedition unter anderem die Urheberschaft für Fritten, Hamburger, Football und Personenkontrollen an Flughäfen an – verkommt das Geschilderte zur Farce und sein Roman zur Groteske. Und ja, im Grunde war der Ansatz in „Das Floß der Medusa“ ähnlich und in dort ging es immerhin um Themen wie Kannibalismus. Im vorliegenden Fall halte ich persönlich den humoristischen Ansatz – der im Übrigen, auch wenn man ihn schätzen würde, ohnehin nur mäßig unterhaltsam ist und eine überschaubare Halbwertzeit hat – nur leider für gänzlich unangemessen. So wirkt das Ganze nicht wie ein adäquater Umgang mit den Ereignissen, sondern eher wie „Kick-Ass“. Schade.

Eine rühmliche Ausnahme von dieser Kritik stellt lediglich der Notar Turtle Julius dar, der im Verlaufe der Handlung einiges durchmachen muss und irgendwie an Monty Pythons „Schwarzen Ritter“ erinnert. Der ist wirklich komisch – und hätte als humoristisches Element des Buches vollkommen ausgereicht.

Ein weiteres Ärgernis stellen die Charaktere des Buches dar. Während sie in Franzobels letztem Buch bereits guten Gewissens als etwas überzeichnet durchgehen dürften, gilt hier das ziemliche Gegenteil. Empfand ich den Protagonisten selbst noch als recht vielschichtige Figur, als einen aus reiner Zweckmäßigkeit mit einer ungeliebten Frau verheirateten, vom Erfolgshunger getriebenen und  von der Angst vor der Bedeutungslosigkeit verfolgten Mann, ist es dem Autor nicht gelungen, seinen Nebenfiguren ausreichend Profil zu verleihen, um sie als Leser auch nur halbwegs sicher auseinanderhalten zu können. Das ist selbstverständlich ein äußerst subjektiver Eindruck, aber ich zumindest habe es irgendwann aufgegeben, zwischen den überdies sehr skurrilen Figuren unterscheiden zu wollen und sie der Einfachheit halber für mich zu einer Art Personen-Pool zusammengefasst.

In Summe entsteht der letztlich Eindruck, als habe ich sich der Autor an seinem letzten Roman orientieren und in jeglicher Hinsicht noch eines draufsetzen wollen. Nur manchmal ist weniger halt eben doch mehr.

Nun mag man angesichts der Tatsache, dass „Die Eroberung Amerikas“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 steht, und auch die Pressestimmen, zumindest in meiner Wahrnehmung, mehrheitlich positiv waren, den Schluss ableiten, dass ich keine Ahnung habe, und das mag vielleicht so sein. Die genannten Punkten wiegen für mich allerdings zu schwer, als dass ich mit Franzobels neuestem Werk so richtig glücklich geworden wäre. Und das ist für mich ebenso überraschend wie schade.

Demnächst in diesem Blog: „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.

 

 

3 Kommentare zu „„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

  1. Lass dich von positiver Presse nicht ins Boxhorn jagen. Das Feuilleton findet gut, was man ihm vorsetzt, besonders wenn darin die richtige Haltung gezeigt wird.
    Ein schreckliches Buch. Figuren Klischees, mehr Predigt als Handlung. Habs nicht zuende gelesen. Vll mach ich nochmal weiter, wenn ich sonst nix mehr hab.
    Franzobel macht eben doch etwas anders, als im „Floß“ – dort wurde das Grausame meist durch die Handlung präsentiert, hier kriegt man schon auf den ersten paar 10 Seiten ständig gesagt, wen und was man alles schlimm finden muss. An sich schade, der wahnsinnige De Soto, dessen Ziel „für ihn“ größtenteils die Pocken erreicht haben, als er schon wieder abgezogen war, wäre wirklich guter Stoff für einen exemplarischen Roman rund um den Kolonialismus bzw. dessen Frühphase. Hatte mir nach dem „Floß“ da auch eine solidere Arbeit erhofft.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich neige tatsächlich dazu, mein Licht im Vergleich zu Menschen, denen ich eine größere literarische Expertise zubillige als mir, ein wenig unter den Scheffel zu stellen und im Falle unterschiedlicher Ansichten den Fehler bei mir zu suchen. Zuletzt war das beispielsweise bei Ursula Krechel so, deren Roman mich in verschiedenster Hinsicht heillos überfordert hat, der aber im Feuilleton gut ankam.

      Ich bin aber sehr beruhigt, dass wir eine ähnliche Ansicht über Franzobels Roman vertreten. :-) Angesichts deiner Buchpreis-Longlist-Rezensionen hatte ich schon vor meiner Rezension bei dir nach einer über „Die Eroberung Amerikas“ gesucht, aber nichts gefunden, was sich vermutliche daraus erklärt, dass du es nicht zu Ende gelesen hast!?

      Ich sehe erzählerisch schon große Parallelen zum „Floß“, aber du hast tatsächlich recht, denn dort hat Franzobel die Handlung weitgehend unbewertet für sich selbst stehen und wirken lassen, der moralisierende Einschlag der „Eroberung“ fehlt da völlig. Auch den empfand ich als deplaziert und unnötig.

      Gefällt 1 Person

      1. Genau, wenn ich es nicht fertig lese möchte ich auch nicht drüber schreiben.

        Ich denke nicht, dass man dem Feuilleton zu große Expertise zusprechen sollte. Dort zeigt sich schon ein sehr ausgeprägter Herdentrieb, fast alle finden fast alles immer gut, wenn es erstmal bei einem größeren Verlag gelandet ist. Ausnahmen: Zum Abschuss freigegebene Bücher wie zB Würgers Nazikitschbuch „Stella“ (das schrecklich war, aber mE nicht viel schlimmer als anderer Nazikitsch wie zB Schlinks „Vorleser“), oder ein Text aus den Reihen der politischen „Gegner“.
        Das ist auch historisch und statistisch mE bemerkenswert: Selbst die größten Meisterwerke der Literaturgeschichte haben ihre Schwächen und immer wieder wurden die auch penibel herausgestellt. Allein die zeitgenössische Literatur soll größtenteils einfach toll sein?

        Ein großes Problem ist dabei mE auch, wie sehr sich die Millieus überschneiden. KrtikerInnen & Autorenschaft hängen ja auf den gleichen Partys ab.

        Ich lese, wenn etwas im Feuilleton bejubelt wurde und es mich interessiert wenn möglich noch paar Amazon-Kritiken, wo noch argumentiert, zitiert und verglichen wird.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.