„Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman

Buch: „Der Donnerstagsmordclub“

Autor: Richard Osman

Verlag: List

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: Richard Osman ist Autor, Fernsehmoderator und Produzent. Sein Debüt, Der Donnerstagsmordclub, war ein internationaler Riesenerfolg. Der Mann, der zweimal starb ist sein zweiter, gleichwohl erstbester Roman. Er lebt in London.

Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator, Produzent und seit Neuestem auch Autor. Die Idee für seinen Krimi kam ihm, als er eine Verwandte in einer luxuriösen Seniorenresidenz besucht hat und ihm das Schlimmste zugestoßen ist, was einem modernen Menschen widerfahren kann: Er hatte keinen Handyempfang. Wer denkt da nicht sofort an Mord und Totschlag? »Der Donnerstagsmordclub« ist sein erster und bisher bester Roman. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Man möchte meinen, so eine luxuriöse Seniorenresidenz in der idyllischen Grafschaft Kent sei ein friedlicher Ort. Das dachte auch die fast achtzigjährige Joyce, als sie in Coopers Chase einzog. Bis sie Elizabeth, Ron und Ibrahim kennenlernt oder, anders gesagt, eine ehemalige Geheimagentin, einen ehemaligen Gewerkschaftsführer und einen ehemaligen Psychiater. Sie wird Teil ihres Clubs, der sich immer donnerstags im Puzzlezimmer trifft, um ungelöste Kriminalfälle aufzuklären. Als dann direkt vor ihrer Haustür ein Mord verübt wird, ist der Ermittlungseifer der vier Senioren natürlich geweckt, und selbst der Chefinspektor der lokalen Polizeidienststelle kann nur über ihren Scharfsinn staunen. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Fazit: Wenn eine britische Zeitung über Osmans Debüt schreibt, es sei „witzig, warmherzig und weise“, und sie damit vollumfänglich recht hat, dann könnte es sich der Rezensent, der ohnehin noch nicht so genau weiß, wie er seine Begeisterung in Worte fassen soll, einfach machen und es lediglich bei der Einlassung belassen, dass oben genannter Einschätzung besagter Zeitung ohnehin nichts hinzuzufügen sei. Ganz so einfach mache ich es mir dann aber doch nicht und versuche stattdessen, mal detaillierter zu beschreiben, warum „Der Donnerstagsmordclub“ für mich eines der Bücher des Jahres 2021 war.

Dabei standen die Voraussetzungen für diesen Eindruck eigentlich denkbar schlecht: Mit vergleichsweise schlechter Laune und auch ansonsten mit der Gesamtsituation gerade vehement unzufrieden, stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens und griff in einer Art Übersprungshandlung zu Osmans Buch, mit dem Ziel, dass eben dieses Buch doch nun bitte meine Laune positiv beeinflussen möge, in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass das bei mir nur selten funktioniert. Und die ersten beiden Leseversuche wurden dann nach wenigen Seiten auch wieder abgebrochen, weil der vorurteilsbehaftete Teil von mir den Kauf bereits bereute und sicher war, es hier mit etwas Grenzkitschigem zu tun zu haben.

Weit gefehlt.

Richard Osman präsentiert uns das Geschehen über zwei unterschiedliche Erzählperspektiven. Der Großteil der Ereignisse wird von einem auktorialen Erzähler geschildert, zwischendrin werden diese Passagen von Tagebucheinträgen aus der Feder von Joyce unterbochen. Diese Art des Erzählens funktioniert auch deswegen besonders gut, weil die Tagebucheinträge das Ganze auf gelungene Weise auflockern. Auch und gerade, weil sie in sprachlich-stilistischer Hinsicht an einen „Mein schönstes Ferienerlebnis“-Aufsatz erinnern, mit der überdies Joyce´ Persönlichkeit wunderbar abgebildet wird, aber dazu später mehr.

Was das Erzählerische zudem ausmacht, ist die emotionale Klaviatur, auf der Osman in beeindruckender Weise zu spielen vermag. Da wäre zum einen der teils großzügig eingesetzte, aber immer subtil daherkommende, zuweilen recht britische Humor. Humor in  Büchern funktioniert bei mir in den meisten Fällen nur bedingt, und die Ursache hierfür wäre mal zu ergründen, liegt sie doch mitnichten darin, dass ich ein humorloser Mensch wäre. „Der Donnerstagsmordclub“ allerdings versetzte mich vergleichsweise häufig in mal infantiles, mal unerwartetes Kichern.

Zum anderen spart der Autor aber eben auch die unschönen Dinge des Lebens nicht aus. Die Hauptfiguren werden naturgemäß auch mit den negativen Aspekten des Alterns konfrontiert, sei es beispielsweise ein dementer Ehemann, sei es der Verlust geliebter Menschen.

Trotzdem gelingt es Osman, die Balance zu halten und den Roman weder in seinen komischen Momenten ins Alberne noch in seinen ernsten Momenten ins Rührselige oder gar Kitschige kippen zu lassen.

Neben dem erzählerischen Aspekt sind es insbesondere die Hauptfiguren, die diesen in höchstem Maße sympathischen Krimi tragen. Da wäre die bereits kurz angesprochene Joyce, ihres Zeichens ehemalige Krankenschwester. Eine Person, über die man allgemein sagen würde, dass sie kein Wässerchen trüben könnte, die auch zuweilen etwas naiv daherkommen mag. Eine Person, die sich dieses Eindrucks aber eben auch bewusst ist und die sich selbst als „harmlos“ beschreibt.

Da wäre überdies der ehemalige Gewerkschaftsführer Ron, der, durch unzählige Arbeitskämpfe gestählt, immer ein wenig auf Krawall gebürstet ist und sich völlig in seinem Protestler-Element wiederfindet, als die betagten Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenanlage aus Widerstand gegen die geplante Bebauung eines Friedhofs einen spontanen Sitzstreik organisieren.

Ihm immer zur Seite steht der ehemalige Psychologe Ibrahim, ein analytisch denkender Mensch, der zwischendurch aber immer auch durch kalenderspruchartige Weisheiten wie „Normalität ist eine hypthetische Größe!“ auffällt.

Das organisatorische Mastermind hinterallem ist die ehemalige Geheimdienstlerin Elizabeth, die irgendwie als „M“, „Q“ und „Miss Moneypenny“ in Personalunion erscheint. Braucht man gerade Kontakte nach Zypern, kann man sichergehen, dass Elizabeth dort noch jemanden kennt, ist gerade ein Forensiker vonnöten, dann gibt es sicherlich noch jemanden, der Elizabeth einen Gefallen schuldet …

Diese Figuren und ihr Zusammenspiel machen einen Großteil des Charmes von „Der Donnerstagsmordclub“ aus, zudem ergänzt der Autor sein Figurenensemble durch ebenso gelungenen Nebenfiguren, als Beispiel sei hier mal der Betreiber der Seniorenwohnanlage, Ian Ventham, genannt. Ein Typ, der so von sich und der Welt überzeugt ist, dass er sich überhaupt nicht vorstellen kann, warum es Menschen geben sollte, die ihn nicht für Gottes größtes Geschenk an die Menschheit halten sollten.

Man mag einwenden, dass die Charaktere alle ein bisschen überzeichnet wirken könnten, und das mag bei Lichte betrachtet sogar stimmen. Ich bin allerdings davon überzeugt: Das soll so!

Wenn man einen Krimi schreibt, der eine eindeutig gefühligere Komponente aufweist als andere Genrevertreter, man sich mithin also im Bereich der „Cosy-Crime“ befindet, wie Nachfolgegenerationen wohl sagen würden, dann – so ist jedenfalls mein Eindruck – bleibt die Krimihandlung selbst oftmals ein wenig auf der Strecke bzw. wird etwas stiefmütterlich behandelt. Hier ist das anders, der eigentliche Kriminalfall ist vergleichsweise komplex, auch wenn einzelne Handlungselemente für den aufmerksamen Teil der Leserschaft vielleicht auf der Hand liegen und wenig überraschend sein mögen.

Was ich also versuche, hier auf so ungelenke Art zu vermitteln, ist, dass man sich „Der Donnerstagsmordclub“ nicht entgehen lassen sollte, insbesondere dann nicht, wenn man mal wieder ein bisschen Wohlfühlliteratur braucht, die dennoch nicht gänzlich spannungsbefreit daherkommt. Die Tatsache jedenfalls, dass Osman insgesamt drei Romane rund um das hochbetagte Ermittlerteam veröffentlichen will und dass der zweite Teil mit dem Titel „Der Mann, der zweimal starb“ im Januar 2022 erscheinen wird, lässt mich mit einer Menge Vorfreude zurück.

Ganz klare Leseempfehlung!

Demnächst in diesem Blog: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

8 Kommentare zu „„Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman

      1. Ich glaube, ich wußte, dass es Fortsetzungen geben soll, aber als ich das Buch gelesen habe, gab es noch keine deutsche Ankündigung. Von daher habe ich mich sehr darüber gefreut, dass Du das erwähnt hast und ich das Buch gleich auf die Wunschliste setzen konnte, damit ich es nicht vergesse.

        Gefällt 1 Person

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