„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker

Buch: „Das Geheimnis von Zimmer 622“

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 617 Seiten

Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)

Das Buch: Eine dunkle Nacht im Dezember, ein Mord im vornehmen Hotel Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Doch der Fall wird nie aufgeklärt. – Einige Jahre später verbringt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Ferien im Palace. Während er die charmante Scarlett Leonas kennenlernt und sich mit ihr über die Kunst des Schreibens unterhält, ahnt er nicht, dass sie beide in den ungelösten Mordfall hineingezogen werden. Was geschah damals in Zimmer 622, das es offiziell gar nicht gibt in diesem Hotel … (Quelle: Piper)

Fazit: Im Laufe eines Jahres gibt es für mich neben den gesetzlichen Feiertagen immer auch so etwa eine Handvoll literarischer Feiertage, und zwar immer dann, wenn jemand aus dem illustren Kreis der von mir favorisierten Autorinnen und Autoren ein Buch veröffentlicht. Und Joël Dicker gehört zu besagtem Kreis absolut dazu, weswegen es nicht verwundern wird, dass ich mich auf diese Neuerscheinung gefreut habe wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Dabei wähnte ich Dickers letzte Veröffentlichung „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ noch gar nicht so lange her, stellte aber mit Erschrecken fest, dass seitdem schon wieder drei Jahre ins Land gegangen sein sollen, was ich mir einerseits nur mit einem Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum erklären kann, was uns andererseits aber eigentlich auch gar nicht weiter beschäftigen soll.

Beschäftigen sollte uns viel mehr Dickers neuer Roman. Warum dieses Buch einiges anders macht als vergleichbare Genrevertreter, warum es Dicker-Fans mit Sicherheit glücklich machen wird, warum die, die das nicht sind, aber sicherlich auch Anlasss zur Kritik finden werden, versuche ich im Folgenden mal zu erläutern.

Zu Beginn des Buches lernen wir den Autor höchstpersönlich ein bisschen kennen. Denn Dicker hat sich diesmal selbst als Romanfigur und die Entstehung des vorliegenden Romans selbst als Handlungselement eingebaut. Nun bekommt das Buch auf diese Weise eine gewisse Metaebene – und ich mag Metaebenen -, allerdings muss man fairerweise zugeben, dass das Buch rein auf der Handlungsebene auch funktioniert hätte, wenn man statt des Autors höchstpersönlich eine fiktive Schriftstellerfigur als Protagonisten etabliert und auf sonstige literarische Kunstgriffe verzichtet hätte.

Sehr bald wird allerdings deutlich, warum sich Dicker eben für diesen literarischen Kunstgriff entschieden hat. Denn „Das Geheimnis von Zimmer 622“ ist nicht nur ein einfacher Krimi – was völlig wertfrei gemeint ist – sondern es ist auch als Hommage an Dickers ehemaligen Verleger Bernard de Fallois gedacht, der 2018 im Alter von 92 Jahren verstarb, seinerzeit übrigens von sich reden machte, als man in seinem Nachlass unveröffentlichte Proust-Texte fand, und dem Dicker seine Autorenkarriere im Wesentlichen zu verdanken hat. Und um der Leserschaft alle Dinge über de Fallois, die Dicker als wesentlich und erzählenswert erachtet, zu erzählen, und vielleicht auch, um für sich den Tod des Verlegers ein bisschen zu verarbeiten, erscheint die Idee, sich selbst als Romanfigur einzubauen auch völlig logisch und ist, selbst wenn die Umsetzung ein bisschen aufgesetzt wirkt, schon recht charmant, insofern sei Joel Dicker solcherlei Schnickschnack – ebenfalls wertfrei gemeint – verziehen. Zumal die Wichtigkeit, die Bernard de Fallois als Person für den jungen Schriftsteller besessen haben muss, dadurch deutlich wird, dass Dicker sich unlängst entschieden hat, seinen Verlag „Éditions de Fallois“ zu verlassen und mit Beginn des Jahres 2022 seinen eigenen Verlag zu gründen, in dem zukünftig seine Bücher erscheinen sollen.

Kommen wir ein bisschen weg von der Autoren-Verleger-Beziehung und wenden uns der Handlungsebene zu, dann sehen wir, dass Dicker hier an entscheidenen Stellen Dinge anders macht als in anderen Krimis. In anderen Krimis ist jemand ermordet worden, man erfährt ein kleines bisschen über das Opfer, und dann wird die Täterhatz zum zentralen Element der Handlung. Um solcherlei Krimikonventionen schert sich Dicker allerdings so überhaupt nicht. So erfahren wir zwar auch direkt zu Beginn der Handlung, dass im Zimmer 622 jemand zu Tode gekommen ist, wir erfahren allerdings nicht, um wen es sich dabei überhaupt handelt. In der Tat muss der Leser bis irgendwo auf Seite 415 warten, bis der Autor mit dieser wesentlichen Information herausrückt. Diese Idee hat mich durchaus mehr begeistert, als jegliche Metabenen das überhaupt könnten.

Ansonsten bewegen wir uns inhaltlich im Bereich der Schweizer Hochfinanz. Seit jeher ist die Ebezner Bank im Besitz der Bankiersfamilie Ebezner und der Vorsitz der Bank wird seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Hurray for patriarchy! Nun ja … Und seit jeher richtet die Ebezner-Bank ein sogenanntes „Großes Wochenende“ im Hotel „Palace de Verbier“ aus, eine Art riesiger Betriebsfeier, bei der immer auch beispielsweise betriebliche Personalentscheidungen verkündet werden. Nur diesmal ist alles anders. So hat Macaire Ebezner, Sohn des derzeitigen Bankpräsidenten, sofort nach Aufrücken seines Vaters auf den Präsidentenposten, verbunden mit Macaires eigenen Aufstieg als Vize, seine Bankanteile an den zwielichtigen Sinior Tarnogol verkauft, sich deswegen den unbegrenzten Zorn seines Vaters zugezogen, woraufhin dieser verfügt, dass das Präsidentenamt erstmals in der Geschichte der Bank nicht einfach weiterverebt, sondern anderweitig vergeben werden soll. Die Verkündung der Präsidiumsnachfolge, auf die sich Macaire Ebenzner nichtsdestotrotz weiter Hoffnung macht, soll nun im Rahmen des „Großen Wochenendes“ verkündet werden – wäre da nicht die Leiche in Zimmer 622 …

Zugegeben, man muss geneigt sein, Dicker so ein, zwei Ideen, die er zur Auflösung seiner Geschichte braucht, einfach abzukaufen, einfach davon auszugehen, dass das alles so umsetzbar ist, wie er uns das weismachen möchte. Und ja, phasenweise hatte ich so meine Probleme damit. Aber wenn man sich mal entschieden hat, sich darauf einzulassen, dann wird man mit einer ziemlich komplexen Handlung belohnt, die sich zudem dadurch auszeichnet, dass mit zunehmender Dauer immer mehr Teile der Handlung zahnradartig so ineinanderfallen, wie ich das bisher noch in wenigen Büchern erlebt habe und überdies auch noch so, dass wirklich alle Fragen, die man vielleicht noch gehabt haben könnte, beantwortet werden. Irgendwo habe ich mal in einer Rezension über Dickers letzten Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ gelesen, dass er eine „Handlung vom Reissbrett“ habe. Und diese Einschätzung passt auch sehr gut auf seinen neuen Roman. Das mag unemotional klingen, soll es aber gar nicht, sondern es soll nur verdeutlichen, wie gut dieser Roman auf der inhaltlichen Ebene konstruiert ist.

Auf der stilistischen Ebene gibt es ebenfalls wenig Grund zur Klage. So etwa zwei, drei Stellen ließen mich scharf die Luft einziehen, unter anderem dort, wo es sinngemäß – ich finde gerade partout die Stelle nicht wieder und ärgere mich – heißt „Wir hätten nie gedacht, was uns dann erwarten würde.“, wodurch ich mich unangenehm an Clickbait-Videos und Artikel erinnert fühlte, in denen es dann beispielsweise heißt „Du wirst nie erraten, was diese Katze gleich mit diesem Hamster macht!!!einself!!“, aber abseits von diesen wenigen Schnitzern ist Dickers Buch stilistisch gut gelungen. Das gilt im übrigen auch für den Aufbau. Munter springt der Autor dabei durch mehrere Zeit- und Handlungsebenen – ich glaube, es waren vier – und schafft es dabei, die Leserschaft nicht den Überblick verlieren zu lassen. Das muss man ihm erst mal nachmachen.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren wollte – und insbesondere Nicht-Dicker-Fans werden das tun -, dann sind das wohl die Charaktere, auch und gerade abseits des Schriftsteller-Alter-Ego. Seit seinem ersten Roman zieht sich durch Dickers Werk eigentlich die Tatsache, dass seine Charaktere immer ein wenig, manchmal auch ganz massiv, überzeichnet wirken. Nun habe ich lange Zeit zu seinem Gunsten angenommen, dass das Absicht sein und immer auch einen leicht satirischen Ansatz verfolgen soll. Und diese These ergab irgendwie auch immer Sinn, beispielsweise als Seitenhieb auf den Literaturbetrieb in seinem Debütroman „Der Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Nur leider lässt sich diese Begründung im vorliegenden Buch nicht wirklich aufrecht erhalten. Zwar hätte der Hochfinanz-Zirkus, um den es inhaltlich ja nun geht und in dem sich ein Gutteil der Charakere bewegt, sicherlich Anlass für einen solchen satirischen Ansatz gegeben, der ist allerdings ansonsten nicht erkennbar, weswegen man in Summe, nach der langen Rede kurzem Sinn, einfach zu dem Ergebnis kommen muss: Die Charaktere wirken mehrheitlich überzeichnet, nicht lebensecht und teilweise sogar recht merkwürdig.

Wer willens und in der Lage ist, darüber hinwegzusehen, wird allerdings mit einem spannenden, komplexen Roman belohnt, den ich ausdrücklich empfehlen kann. Und so werde ich mich auch auf Dickers nächstes Buch wieder freuen wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ von Graeme Macrae Burnett.

Ein Kommentar zu „„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker

  1. Betrüblicherweise habe ich mir schon bei deiner letzten enthusiastischen Dicker-Besprechung vorgenommen, den endlich mal zu lesen, und muss jetzt zugeben, dass ich es mitnichten geschafft habe. Aber ich kann es mir ja wieder vornehmen, und das tue ich hiermit. 🤔😉
    Ja, ich sage Bescheid 😁
    Vormittagskaffeegrüße 😁🌞🌼☕🥨👍

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.