„Die Geschichte eines Lügners“ von John Boyne

Buch: „Die Geschichte eines Lügners“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper)

Das Buch: Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff… (Quelle: Piper)

Fazit: In meiner Vorstellung wurde John Boyne einmal zu häufig die wohl unkreativste Frage aller Interviewfragen gestellt, nämlich: „Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?“, woraufhin er dann ein diabolisches Grinsen aufgesetzt und sich gedacht hat: „Ach, dann schreib ich halt einfach mal ein Buch darüber!“. Aber egal, ob mein fiktives Szenario zutrifft oder welche Ursache tatsächlich der Entstehung dieses Romans zugrunde liegt, seine Veröffentlichung ist ein absoluter Glücksfall, denn „Die Geschichte eines Lügners“ rangiert für mich im Bereich der Kategorie „absolutes Meisterwerk“, so viel sei eingangs schon mal verraten.

Zu Beginn des Buches begegnen wir dem Protagonisten Maurice Swift, der eigentlich alles hat, was man braucht, um in literarischer Hinsicht erfolgreich zu sein. Nur leider hat er ein Problem damit, sich eigene Geschichten, eigene Handlungen auszudenken. Zufällig trifft er auf den renommierten Schriftsteller Erich Ackermann und freundet sich mit ihm an. Während Ackermann gerne eine intimere Liasion aus dieser Bekanntschaft entstehen lassen würde, macht ihm Swift zwar durchaus entsprechende Hoffnungen, hält ihn aber ansonsten auf Abstand. Stattdessen stellt der junge Mann dem Autoren unablässig Fragen über Ackermanns Leben während des Zweiten Weltkrieg. Letztlich verarbeitet er dessen Lebensgeschichte klammheimlich zu einem Bestseller-Roman und beendet damit Ackermanns Karriere. Ich fühlte mich hier ein wenig an Günther Grass erinnert und tatsächlich taucht der auch irgendwann auf, allerdings eher passiv, als sich zwei Schriftsteller über Ackermann unterhalten:

„Das war aber nicht der Typ, den wir bei dem Festival in Jaipur getroffen haben, oder doch? Der mit dem Schnäuzer und der Pfeife? Der ständig in den unpassendsten Momenten gesungen hat?“

„Nein, das war Günther Grass.“ (S. 136)

Herrlich! :-)

Sehr zu meiner Verwunderung geht die Handlung des Romans allerdings mit dieser Geschichte erst so richtig los. In der Folge intrigiert sich Maurice Swift munter durch die Gegend, immer auf der Suche nach Ideen oder nach Menschen mit Ideen, um ihnen selbige wegzunehmen.

Mit der Idee, einen solchen Menschen zur Hauptfigur eines Romans zu machen, geht Boyne eigentlich ein großes Risiko ein, denn Swift taugt nun wahrlich nicht als Sympathieträger. Im Grunde muss man ihn eigentlich sogar leidenschaftlich verabscheuen. Uneigentlich auch. Dieser Wirkung seiner Hauptfigur war sich mutmaßlich auch Boyne bewusst, weswegen er sich eines gelungenen literarischen Kunstgriffs bedient: Er lässt seinen Protagonisten in den ersten beiden des insgesamt drei Teile umfassenden Romans nicht als Erzähler auftauchen. Das sorgt aus meiner Sicht für eine gewisse erzählerische Distanz, die es der Leserschaft einfacher macht, ihn während seines Tuns zu begleiten und mit ihm im Rahmen der Möglichkeiten warm zu werden. So hangelt man sich von Ungläubigkeit über Fassungslosigkeit, manchmal aber auch anerkennende diebische Freude über seine Kreativität beim Aneignen von Ideen, ohne die Figur so zu verabscheuen, dass man die Lektüre abbrechen würde. Erst im letzten Teil fungiert der Protagonist auch als Erzähler.

Aber nicht nur der dieser Protagonist kann überzeugen, im Grunde sind die Figuren – wie eigentlich immer in John Boynes Romanen von „Tristan Sadler“ bis hin zu „Cyril Avery“ – hervorragend gelungen. Ich könnte diesbezüglich ins Detail gehen und Beispiele nennen, müsste damit aber zu viel von der Handlung vorwegnehmen, weswegen man mir in dieser Hinsicht jetzt einfach mal glauben muss.

In ebenso gewohnt hoher Qualität befindet sich der Roman in stilistischer Hinsicht. Allein die Dialoge des ersten Zwischenspiels – die drei Teile der Handlung werden von zwei Zwischenspielen unterbrochen -, in dem Maurice Swift den  möchte man sich ausdrucken und an die Wand hängen. Darüber hinaus beherrscht der Autor es in diesem Buch meisterhaft, auf der Emotionsklaviatur seiner Leserschaft zu spielen, ohne dass der Roman in eine Richtung kippt. Wann immer das Buch droht, zu düster oder zu traurig zu werden, bringt Boyne es mit seinem teils beißenden Humor wieder in die Balance.

In Summe ergibt sich ein phasenweise bitterböses Schelmenstück, ein Roman der sich dem Literaturbetrieb umfangreicher als Joel Dicker in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und treffender und überzeugender als Edward St Aubyn in „Der beste Roman des Jahres“ widmet und der der Frage nach der Herkunft von Romanideen auf satirisch-böse Art nachgeht.

Sollte man mich bitten, eine Liste mit Büchern zu erstellen, die man aus meiner Sicht unbedingt mal gelesen haben müsste, so wäre „Die Geschichte eines Lügners“ mit Sicherheit dabei!

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

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