„In zwangloser Gesellschaft“ von Leonhard Hieronymi

Buch: „In zwangloser Gesellschaft“

Autor: Leonhard Hieronymi

Verlag: Hoffmann und Campe

Ausgabe: Hardcover, 237 Seiten

Der Autor: Leonhard Hieronymi wurde 1987 in Bad Homburg geboren, studierte Philosophie, Informatik und Europäische Literatur in Berlin, Mainz und Wien und ist Gründungsmitglied des Literaturkollektivs Rich Kids of Literature sowie der Kairo-Gesellschaft. Er schreibt unter anderem für SZ, Zeit, Das Wetter und Metamorphosen. 2017 erschien sein umstrittenes Manifest Ultraromantik. Die darin abgedruckte Kurzgeschichte „Formalin“ gilt als „die beste deutschsprachige Kurzgeschichte des Jahres“ (SZ). In zwangloser Gesellschaft ist sein Debüt als Romanautor. Hieronymi lebt in Hamburg. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Das Buch: Nach einem Lachanfall in den Katakomben von Rom, der doch irgendeinen Grund gehabt haben muss, macht sich ein junger Mann auf den Weg: Durch Ohlsdorf, Constanţa, Wien und Prag, entlang der Grabsteine Europas größter und kleinster Literaten beginnt er eine Spurensuche – nach den unheimlich Verschwundenen und den Unsterblichen. Häufiger als erhofft stößt er dabei auf knutschende Paare, Bonbonpapier, Champagnerflaschen und dann doch keine Mentholzigaretten; trifft Orgelsachverständige, Totengräber und Hermann Hesses Enkel, und es braucht neben Durchhaltevermögen nicht zuletzt Rotwein, eine Arminius-Schreckschusspistole und eine frisierte Vespa, bis er erstaunt zu dem Schluss kommt: Verschwinden ist Luxus. — Ein wildes, phänomenales Debüt, das uns berauscht, beglückt und amüsiert und ganz nebenbei ein völlig neues Licht auf das Europa unserer Tage wirft. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Fazit: „In zwangloser Gesellschaft“ war so etwas wie ein Zufallsfund beim Stöbern durch die Neuerscheinungen in der Verlagswelt. Und ich gebe zu: Eigentlich hatte mich der Autor schon nach der Lektüre einiger vereinzelter Textausschnitte, weil so schöne Sätze wie „Wir saßen im Auto meines Bruders und hörten das zweite Album der neuseeländischen Band Die! Die! Die!, was ich während der Fahrt zu einem Friedhof als etwas Unangenehmes empfand, aber man bekam die CD nicht mehr aus dem Schlitz der Anlage heraus.“ („S.17) oder auch nur herrliche Satzanfänge wie „Als Ende April 1945 das letzte Telegramm aus Tokio mit den Worten „Viel Glück für Euch Alle“ Berlin erreichte (…)“ S. 73 genau meinen Humor treffen.

Und auch mit Humor, genau genommen mit einem Lachkrampf, fängt für Leonhard Hieronymis Protagonisten alles an. Jeder hat wohl schon mal zu den unpassendsten Gelegenheiten lachen müssen, den Protagonisten ereilt dieses Schicksal ausgerechnet in den Katakomben Roms, unweit einer Menge verstorbener Päpste. Ausgehend von der Frage, „(…) ob nicht die Angst vorm Sterben und Verschwinden dieses Lachen ausgelöst hatte“, macht sich der Protagonist auf, die Gräber allerlei bekannter und unbekannter Autorinnen und Autoren zu besuchen, die ihrerseits in Vergessenheit geraten, also gleichsam verschwunden, sind oder aber Gefahr laufen, alsbald ein solches Schicksal zu erleiden. Ein entferntes Ziel der Reise soll schließlich der Besuch des Grabes von Ovid bzw. Seneca sein.

In der Folge bringt einem der Autor nicht nur diverse Friedhöfe nahe und überrascht mit der Tatsache, dass es offensichtlich tatsächlich Portale mit Sterne-Bewertungen für Friedhöfe gibt, sondern widmet sich eben auch und ganz besonders den dort untergekommenen Literaten und Literatinnen. So geht es über Robert Gernhardt, der mir persönlich unlängst wieder in Form seiner „Deutung eines allegorischen Gedichts“ begegnete, über Roger Willemsen bis hin zu Karl-Herbert Scheer, liebevoll „Kanonen-Herbert“ oder auch „Handgranaten-Herbert“ genannt, den Schöpfer der Perry-Rhodan-Reihe, die es mittlerweile auf schlanke 3.084 Hefte gebracht hat.

Man erfährt so nebenbei vieles über die genannten und unzählige weitere Personen, während der Weg des Protagonisten von Deutschland über Rumänien bis hin nach Italien führt. Und man merkt charmanterweise auch, wo die literarischen Sympathien der Hauptfigur, wer immer das sein mag, liegen. So scheint der passionierte Friedhofsbesucher einerseits ein glühender Anhänger von Anna Seghers, andererseits Hellmuth Karasek gegenüber jedoch nicht so wohlgesinnt zu sein. Warum auch immer …

Nun mag man sich die Frage stellen, was das Ganze denn nun soll!? Ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein Roman über eine Sinnsuche? Einer Suche nach etwas, womit man die ureigenste Angst vor dem Tod ausblenden oder wenigstens langfristig sedieren kann? Oder ist es in erster Linie eine Liebeserklärung an die Literatur und eine Erinnerung daran, dass eben diese Literatur von sehr viel mehr Menschen und Werken ausgemacht wurde und wird, als von ewig gleichen Personen in den Bestsellerlisten? Oder eine Liebeserklärung an das Europa von heute? Oder gar eine Warnung vor der Eintwicklung in Europa, auch und gerade im Hinblick auf die sich immer weiter verschärfende Klimasituation, die der Autor mehrfach anspricht? Vielleicht aber auch eine subtile Kritik am Tourismus, der heutzutage vor wirklich keinem Ort der Welt mehr haltmacht, und in dem Menschen, die man gerade für viel Geld aus Gründen des Seuchenschutzes wieder in die Heimat geflogen hat, schon wieder darüber nachdenken, wann und wohin sie im Sommer, im Herbst, über Weihnachten und Neujahr hinfliegen können? Oder ist das Ganze am Ende nichts weiter als ein unendlicher Spaß, um es mal mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen?

Nun habe ich die oben genannten Fragen für mich zu meiner Zufriedenheit beantworten können, aber jeder Jeck ist ja anders, deswegen kann ich wärmstens empfehlen, sich mit Hieronymis Buch selbst auseinanderzusetzen und sich seine eigenen Antworten zu geben.

Für mich ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein ausgesprochen gelungener und kurzweiliger Debütroman, wer sich nach meinen Einlassungen aber immer noch nicht sicher ist, ob das Buch etwas für sie oder ihn ist – das soll ja manchmal vorkommen – kann sich Hieronymis Lesung eines Teils des Textes beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis hier ansehen.

Ich danke dem Verlag Hoffmann und Campe für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

 

Demnächst in diesem Blog: „Ein anderer Takt“ von William Melvin Kelley.

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