„Insel“ von Ragnar Jónasson

Buch: „Insel“

Autor: Ragnar Jónasson

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 371 Seiten

Der Autor: Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers‘ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.
Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.
Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch. (Quelle: Random House)

Das Buch: Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird zu einer abgelegenen Insel geschickt. Was ist dort in dem Haus geschehen, das von der Bevölkerung als das isolierteste Haus Islands bezeichnet wird? Huldas Ermittlungen kreuzen Vergangenheit und Gegenwart – und plötzlich ist sie einem Mörder auf der Spur, der möglicherweise nicht nur ein Leben auf dem Gewissen hat … (Quelle: Random House)

Fazit: Ich finde es irgendwie immer ein bisschen undankbar, über „Mittelteile“ von Trilogien zu schreiben. Meistens können sie das Niveau des ersten Teils nichts ganz halten, dienen als Infodump oder als Lückenfüller und notwendiger Übergang, bevor im abschließenden Teil alles auf einen dramatischen Showdown hinausläuft. Ich finde es insbesondere dann undankbar, wenn man, wie im vorliegenden Fall, den ersten Teil der Reihe eher im Bereich von „Okay“ einordnet und die trotzige Lektüre von Teil 2 primär auf dem Prinzip Hoffnung beruht. Weil man vielleicht ein Potenzial sieht, das zum Beginn der Reihe noch nicht ausgeschöpft scheint. Weil man vielleicht vieles zu kritisieren hatte, aber grundsätzlich auch viel Positives gefunden hat. Oder weil man vielleicht auch grundsätzlich ein hoffnugsvoller Mensch ist.

Umso positiver überrascht wurde ich daher, dass mir „Insel“, trotz aller meiner Vorbehalte, deutlich besser gefiel, als der Reihenauftakt „Dunkel“. Auch wenn trotzdem aus meiner Sicht in allen Bereichen immer noch Luft für Verbesserungen ist.

Beginnen wir einmal mit Jónassons Charakteren. Im ersten Teil habe ich noch bemängelt, dass der Fokus, den der Autor so deutlich auf seine Hauptfigur richtet, mir persönlich ein bisschen zu viel des Guten ist, weil andere tragende Elemente des Buches meines Erachtens darunter litten. Auch wenn eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Hauptfigur natürlich erst mal nicht Schlechtes ist und außerdem mittlerweile innerhalb des Genres schon eher eine Ausnahme bildet. Hierzu muss konstatiert werden, dass Jónasson einen eindeutigen Schritt nach vorne macht. Einerseits steht seine Figur auch in „Insel“ noch deutlich im Fokus, andererseits war das erwartbar, stört weit weniger, hat auf die eigentliche Krimihandlung meiner Meinung nach quasi keinen nachteiligen Einfluss und es gelingt ihm sogar, noch hilfreiche Zusatz- und Hintergrundinformationen zu seiner Protagonistin auszugraben. Dass ich besagte Protagonistin bereits seit Beginn des ersten Teils, aus seinerzeit genannten Gründen, die nicht erneut hier durchgekaut werden müssen, leider nicht mag, tut hier überhaupt nichts zur Sache. Im Bezug auf die Ermittlerfigur ist also eine positive Entwicklung zu verzeichnen, auch wenn ich finde, dass sich gerade hier die zeitlich rückwärts gerichtete Erzählweise rächt und es sinniger gewesen wäre, Huldas Lebensgeschichte chronologisch zu erzählen, denn dann hätte ich unter Umständen vielleicht mehr Verständnis und Empathie für sie entwickelt. Wobei – nein, hätte ich nicht, sinniger wäre es aber trotzdem gewesen.

Eine positive Entwicklung ist auch im Bereich der weiteren Charaktere zu verzeichnen. Waren die mir im ersten Teil noch recht gleichgültig, so wurde ich mit den vier Leuten auf der einsamen namensgebenden „Insel“ schon besser warm. Die Dynamik zwischen den Figuren funktioniert, die Stimmung wird angemessen rüber gebracht. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir Autorinnen und Autoren einfallen würden, die beides noch besser umsetzen können, aber sei es drum. Die Richtung stimmt also auch hier.

Gleiches gilt für den Kriminalfall an sich. Das mag sicherlich daran liegen, dass ich jegliche Art von „Whodunit“-Szenarien liebe und deswegen voreingenommen bin, aber im Gegensatz zum ersten Teil wird hier ein tatsächlich spannender Fall präsentiert, einer der auch zum Mitraten einlädt und einer, bei dem man sogar mit ein bisschen Glück auf die richtige Lösung kommen könnte, eben weil sich Jónasson offensichtlich nicht genötigt sah, die Täterschaft als vermeintlich spannende Wendung dem Milchmann, der auf Seite 179 rechts oben eine kurze Sprechrolle hat, in die Schuhe zu schieben. Ein rein fiktives Szenario, hier gibt es keinen Milchmann, mir geht es ums Prinzip.

Lediglich hinsichtlich der Erzählweise bzw. des Stils werden der Autor und ich wohl weiterhin keine Freunde mehr. Schon hinsichtlich des ersten Teils beschrieb ich das als „eine seltsam nüchterne, reduzierte und schnörkellose Erzählweise“, an der sich auch in der Fortsetzung nicht Wesentliches geändert hat, ohne das jetzt an Beispielen verdeutlichen oder mit dem Finger auf etwas zeigen zu können, was mich stört.

Insgesamt werte ich „Insel“ aber als deutlichen Schritt nach vorne. Wer sich mit den Krimis des isländischen Autors auseinandersetzen möchte, dem rate ich trotzdem, erst mal mit „Dunkel“ anzufangen, denn ohne die Kenntnisse zur Hauptfigur, die man aus dem Trilogie-Start entnehmen kann, würde die Fortsetzung wohl nicht so wirklich funktionieren.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Mutation“ von Ivan Ertlov. Abgedrehte Science-Fiction. Warum auch nicht!?

2 Kommentare zu „„Insel“ von Ragnar Jónasson

    1. Die abgedrehte Science-Fiction ist auch besser – zumindest dann, wenn man so etwas mag. Was das Inselleben angeht, so bezweifele ich, dass das ein dauerhafter Lösungsansatz wäre, auch wenn ich die Grundidee dahinter verstehe und stütze …

      Gefällt 1 Person

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