„Asymmetrie“ von Lisa Halliday

Buch: „Asymmetrie“

Autorin: Lisa Halliday

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Lisa Halliday, aufgewachsen in Massachusetts, studierte in Harvard und lebt als freie Lektorin und Übersetzerin in Mailand. 2005 erschien ihre Kurzgeschichte „Stump Louie“ in der Paris Review. Für »Asymmetrie«, ihren ersten Roman, erhielt sie 2017 den Whiting Award for Fiction. (Quelle: Random House)

Das Buch: Sie ist fünfundzwanzig, er in den Siebzigern. Es beginnt auf einer Bank im Central Park. Hals über Kopf stürzt sich Alice in eine Lovestory mit dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Ein erotisches, tragikomisches Kammerspiel. Doch dann setzt eine ganz andere Erzählung ein: Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Zwei so ungleiche Geschichten. Ein so kühner, provokanter Roman. (Quelle: Random House)

Fazit: In ihrem Debütroman verarbeitet Lisa Halliday literarisch ihre Liaison, die sie in ihren Zwanzigern mit dem deutlich älteren und skandalöserweise bis zu seinem Tod nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Philip Roth führte. Und ich gebe zu, dass ich gewisse besorgte Vorbehalte gegen „Asymmetrie“ hatte, weil derartige Rückblicke in modernen Zeiten ja gerne mal zu einer Art über Twitter geführten Rachefeldzug gegen jemanden, der sich aufgrund des eigenen Ablebens nicht mehr wehren kann oder zu fragwürdigen Homestorys in ebenso fragwürdigen Mittags- und Vorabendformaten bei RTL verkommen. Aber für meine Vorbehalte, die augenscheinlich dadurch entstehen, dass ich irgendwie die falschen Medien konsumiere, kann Lisa Halliday nichts. Denn sie wählt einen anderen Weg. Einen behutsameren und literarisch ansprechenden Weg.

Sie teilt ihren Roman in drei Teile ein, in deren erstem wir die Protagonistin Mary-Alice kennenlernen, die in einer Literaturagentur arbeitet. Durch Zufall begegnet sie dem bekannten Schriftsteller Ezra Blazer, einer Art Dauernobelpreisanwärter. Und im Folgenden entspannt sich zwischen beiden eine hauchzarte Liebesgeschichte. Allerdings eine, die weder zum eingangs erwähnten Rundumschlag verkommt, noch eine, die eine total romantisierte, verklärte Version der Tatsachen darstellt. Stattdessen lässt Halliday ihre Protagonisten die Geschehnisse sehr reflektiert und realitätsgetreu schildern. Dass sich Mary-Alice Gedanken darüber macht, dass sie vielleicht Jahre ihres jungen Lebens an einen hinfälligen Greis verschwendet, wird dabei ebenso wenig verschwiegen, wie der Umgang mit Ezras körperlichen Malässen im späteren Bereich des Romans. Das alles hat, so unterstelle ich mal, eben nicht den Hintergrund, Philip Roth, um den es ja nun eigentlich geht, posthum bloßzustellen, sondern ganz klar zu machen, welche Schwierigkeiten eine solche Beziehung, bei aller sonstigen Freude darüber, sich überhaupt gefunden zu haben, mit sich bringt oder bringen kann.

Und wenn Ezra Blazer Mary-Alice Geld zusteckt, damit sie sich mal schön einkleiden kann oder ihr stapelweise Bücher in die Hand drückt, von denen er der Meinung ist, sie sollte sie mal gelesen haben, oder ihr gerade allgemein die Welt erklärt, dann könnte man denken, dass das etwas Gönnerhaftes hat, etwas von Gutsherrrenart, etwas in Richtung „Mansplaining“. Aber auch all das ist es meiner Meinung nach nicht, sondern es ist in erster Linie der Wunsch des Älteren, der jungen Frau einerseits etwas Gutes zu tun und sie andererseits an seiner Lebenserfahrung teilhaben zu lassen. Und daran ist erst meiner Meinung nach erst mal wenig auszusetzen.

Kaum hat man sich jedoch an die beiden und ihre sympathischen Turteleien gewöhnt, erzeugt Halliday einen gigantischen Bruch in ihrem Roman. Die Perspektive wechselt hin zu Amar Ala Jaafari, einem US-Amerikaner, dessen Eltern im Irak geboren und nach Amerika ausgewandert sind. Jaafari wird aus für ihn unklaren Gründen am Flughafen in London festgehalten, von wo aus er nach einem kurzen Aufenthalt eigentlich zu seiner Familie im Irak weiterfliegen möchte. Die zur Verfügung stehende Zeit nutzt Jafaari für ausgiebige Rückblicke auf seinen Lebensweg und den seiner Familie. Hierbei entwickelt sich dann nicht nur ein spannender Blick auf das Leben eines Einwanderers in zweiter Generation, der zwischen allen Stühlen sitzt, wie sein Erzählteil zwischen dem von Mary-Alice und Ezra und dem Abschlussteil, sondern auch auf den Irak, ein von Kriegen zerrüttetes Land in dem die Situation heute unsicherer ist als überhaupt irgendwann.

Dieser Bruch mag spannend sein, ist er zweifellos sogar, zumal er anschaulich die titelgebende Asymmetrie verdeutlicht, die ja nun nicht nur aufgrund des Altersunterschieds zwischen den Lebensrealitäten von Mary-Alice und Ezra besteht, sondern eben auch zwischen den beiden auf der einen Seite, die sich vornehmlich – von Ezras gesundheitlichen und somit durchaus existenziellen Problemen mal abgesehen – mit „first world problems“ beschäftigen, während auf der anderen Seite jemand sitzt, der anhand des Geburtslandes seiner Eltern und des Schicksals, das der im Irak verbliebene Teil der Familie erduldet, weiß, was wirkliche Probleme sind.

So richtig verziehen habe ich Halliday diesen Bruch aber dennoch nicht, und das aus ganz banalen Gründen: Ich wäre gerne weiter bei Mary-Alice und Ezra geblieben, hätte gerne weiter etwas über Literatur, Ezras Lesetipps, Buchauszüge aus diversen Werken der Weltliteratur, von Ahrendt über Camus und Joyce bis hin zu Mark Twain und über first world problems gelesen. Aber das ist ja nun mein eigenes first world problem.

Im abschließenden Teil kommt dann – und das finde ich wirklich klug und charmant gewählt – Ezra selbst im Rahmen eines Radiointerviews zu Wort, in dem er sozusagen einen Rückblick auf sein Leben führen soll.

Im Summe ergibt sich ein absolut runder Roman, der inhaltlich zwischen der Sinnsuche und Selbstfindung einer jungen Frau und den Problemen von Einwanderern in allen Ländern dieser Welt changiert und der es schafft, zwischen diesen Extremen in seiner Themenpalette nie den roten Faden zu verlieren. Ein überaus gelungener Debütroman.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Natchez Burning“ von Greg Iles.

16 Kommentare zu „„Asymmetrie“ von Lisa Halliday

    1. Ich fühle mich geehrt – und bin ganz froh, dass gerade niemand meine zartrosa Gesichtsfarbe sieht. ;-) Ich hoffe nur, mit meiner Rezension keine falschen Erwartungen zu wecken, bin aber eigentlich ganz optimistisch, dass es gefallen wird.

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  1. Oh, das ist jetzt eine Entdeckung! Bin ich doch eine grosse Roth-Verehrerin und immer noch sauer auf die Schweden.
    Herzlichen Dank für diese Besprechung, Buch ist schon geordert. Lesegruss vom Dach, Karin

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    1. Oh, in der Liste des im Laufe der Zeit eingeheimsten Lobes rangiert dein Einstiegssatz relativ weit vorne, herzlichen Dank! :-) Tja, sonst so …? Irgendwo zwischen „Frag nicht!“ und „meh“, fürchte ich …

      Selbst so?

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          1. *lach… Tatsächlich glaube ich, dass man sich für positives Denken und für Motivation entscheiden kann, allerdings erlebe ich das immer wieder als schwierig und eben auch als immer wieder „neu ansetzbar“….. Und klar kannst du das lernen, aber nicht bei mir :-( Und generell habe ich inzwischen auch Schwierigkeiten mit sog. „Motivationsmenschen“ – ich glaube, jeder hat da so einen Schalter, den er bei Bedarf umlegen kann ….. *flöt :-)

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          2. Im Grunde glaube ich das auch, ich glaube aber auch gleichzeitig, dass das nicht immer funktioniert. Vielleicht muss aber auch nur mein Schalter mal gewartet werden. ;-)

            Motivationsmenschen – schöner Begriff. Leute, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein „Carpe diem!“ fallen lassen, die es ganz ernsthaft meinen, wenn sie „Lebe jeden Tag blaaaa“ raten, Leute, deren Leben zwischen „Du kennst deine Grenzen erst, wenn du über sie hinausgewachsen bist.“ und „Du hast erst verloren, wenn du aufhörst, es zu versuchen.“ changiert, Menschen, die augenscheinlich noch nie in ihrem Leben einen Tag hatten, der schon beim Aufstehen beschissen war, Menschen, die entweder vortäuschen, dass sie all ihr Geseier ernst meinen und damit gigantische Heuchler wären oder die es tatsächlich ernst meinen, und damit entweder zu blöde oder zu verblendet sind, die tragischen Aspekte jedes Lebenslaufes zu erfassen, Menschen, für die es gänzlich außerhalb der eigenen Vorstellung liegt, dass es andere Menschen gibt, die die Welt nicht jeden Tag in Regebogenfarben wahrnehmen, Menschen, die sich dann noch beschweren, wenn man ihnen aufs Maul hat, weil sie einem auf den Zeiger gehen … ;-) Hm, vielleicht sollte ich tatsächlich mal ein Motivationsseminar besuchen. Ich würde wahrscheinlich entweder in schallendes Gelächter ausbrechen oder aber durchdrehen. :-)

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          3. Ha – herzhaft gelacht – danke dafür. Sieh es so – du schaffst es fast immer, mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Das ist auch was wert. Jetzt musst du das nur noch bei dir schaffen (*grins) … Und das Fatale ist ja, dass du deinen Schalter nur selber warten kannst …. (*KännchenÖlrüberreich ;-) …. ) Die Kunst ist wahrscheinlich/vielleicht, solche Kotz-Tage nicht überzubewerten udn eben den Schalter irgendwann wieder umzulegen…. Wenn ich eine Patentlösung gefunden habe, sage ich Bescheid ;-) (und lasse mir viel viel Geld dafür bezahlen ….)……

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          4. Na, dann sind wir doch schon drei. Wir sollten so eine Art Bürgeriniative gründen. Ich schlage als Bezeichnung „BI gegen affektierten Optimismus“ vor. ;-)

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          5. Auch schön. Angefangen vielleicht mit der Frage: „Glauben Sie eigentlich den ganzen Scheiß, den Sie da erzählen?“ und endend mit lauten „Nieder mit der Optimisten-Diktatur“-Rufen! Stelle ich mir spaßig vor, zumindest spaßiger als die eigentliche Veranstaltung … :-)

            Liken

          6. Gut gefällt mir auch die Frage, wie man schädlichen Stress aus seinem Leben eliminiert, wenn man ein todkrankes Kind hat oder die Existenz vernichtet wird. Dann das große Schweigen und die erwartete Antwort, dass man Einzelfälle hier nicht behandeln könne, das ginge zu sehr in die Details. Darauf die nächste Frage: „Was unterscheidet Sie dann von einem Animateur am Pool, also vom Stundenlohn einmal abgesehen?“
            Oder: „Wenn ich mir immer wieder vorsage, ich sei die Beste, glaube ich es dann nur oder bin ich es auch?“
            Ich hör jetzt auf, könnte mich da reinsteigern.

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