„Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil

Buch: „Die Zeit der Ruhelosen“

Autorin: Karine Tuil

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 505 Seiten

Die Autorin: Karine Tuil, geboren 1972, Juristin und Autorin mehrerer gefeierter Bücher, darunter der Roman „Die Gierigen“. Zuletzt erschien ihr vielbeachteter Roman „Die Zeit der Ruhelosen“, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Karine Tuil lebt mit ihrer Familie in Paris. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn – dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat. (Quelle: Ullstein)

Fazit; „Es ist für mich das Buch der Stunde.“, urteilt die von mir durchaus geschätzte Elke Heidenreich über diesen bereits 2018 in der deutschen Taschenbuch-Ausgabe erschienenen Roman. Nun mag man von solchen Autorinnen-Empfehlungen auf Buchrückseiten denken, was man mag, aber recht hat Frau Heidenreich damit trotzdem. Und heute sogar noch mehr als vor zwei Jahren.

Denn Karine Tuil beschäftigt sich in ihrem Roman unter anderem mit der Situation der französischen people of colour mit „afrikanischen Wurzeln“, wie es so schön heißt, mit den Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, wenn es um sozialen Aufstieg jeglicher Art geht und letztlich auch mit Rassismus sowie mit Antisemitismus.

Im Vordergrund der Handlung stehen in erster Linie vier Personen:

Osman Diboula, der sich während Ausschreitungen in der Banlieue als besonnener Vermittler zwischen Demonstranten und Politik hervorgetan hat und somit ins Blickfeld der Reichen und Mächtigen gekommen ist, was ihm letztlich sogar einen Job als Präsidentenberater verschafft.

Der Mobilfunk-Mogul François Vély, dem ein Fototermin zum Verhängnis wird. Vély ist Kunstliebhaber und als solcher im Besitz eines sogenannten „Black Woman Chair“ des Künstlers Bjarne Melgaard, auf dem er sich nichtsahnend ablichten lässt. (Den „Black Woman Chair“ kann man googeln und versteht dann vielleicht die Entüstung.) In der Folge prasselt ein veritabler, medialer Shitstorm ungekannten Ausmaßes über Vély herein, der sich plötzlich wegen seiner jüdischen Herkunft auch noch antisemitisch beleidigen lassen muss.

Die Journalistin Marion, die in ihrer Eigenschaft als zweite Ehefrau von Vély praktisch der Auslöser für die erster Ehefrau war, aus dem Fenster zu springen und die eine Affäre mit dem Soldaten Romain Roller anfängt.

Und eben dieser Romain Roller, nach einem Afghanistan-Einsatz kurzzeitig zum Kopf frei bekommen und Sau rauslassen in einer entsprechenden Freizeitanlage untergebracht, stellt den vierten der Hauptcharaktere dar.

Die Lebenswege dieser vier augenscheinlich so unterschiedlichen Menschen kreuzen sich auf verschiedene Art. Die Autorin springt in ihrer Erzählung beständig von Person zu Person, was dem Roman eine angenehme Dynamik verleiht und sie nutzt die Chance, über ihre Figuren die verschiedensten politischen und/oder gesellschaftlichen Ansichten zu äußern.

So ist und bleibt Vély, als Superreicher deutlich abgehoben von allen Normalsterblichen, der Meinung, dass Kunst Kunst bleiben müsse und er sich nichts vorzuwerfen habe. So sagt er in einem Anfall von „Man darf heute aber auch gar nichts mehr sagen!“ auf Seite 201: „Man kann heute offenbar nicht mehr mit den Codes von Rasse, Religion und Herkunft spielen, ohne gleich des Rassismus verdächtigt zu werden, man kann Sexualität und Erotik nicht mehr darstellen, ohne die Moral der Selbstgerechten auf den Plan zu rufen. Das ist intellektueller Totalitarismus!“

„Intellektueller Totalitarismus“ gefällt mir, den Begriff muss ich mir merken …

In die selbe Kerbe schlägt Osmans Mentorin Corsini, die sagt: „Ein Mann, der auf einem Kunstwerk sitzt – das mag ungeschickt sein, aber es handelt sich doch um Kunst, und Kunst ist von Natur aus provokativ und verstörend. (S.285)

Tuil lässt Nebenfiguren wie Aline, die an dieser Stelle nicht weiter interessieren soll, Dinge sagen wie: „Wir leben doch in einer Demokratie, oder nicht? Man kann ja wohl sagen, dass die Juden unangreifbar sind, deshalb ist man noch lange kein Antisemit.“ (S.230) und Osmans Frau, selbst mit „afrikanischen Wurzeln“ äußert sich zur Opferrolle: „Du siehst überall nur Herbwürdigung durch die Weißen. Vielleicht solltest du deinen Horizont mal etwas weiten. (…) Du hast dir eine Bemerkung anhören müssen, weil du scharz bist – ich höre den ganzen Tag sexistische Kommentaren und stelle mich trotzdem nicht als Opfer dar.“ (S.234)

Mittels dieser Textbeispiele soll verdeutlicht werden, dass Karine Tuil ihre Figuren durchaus diskutable Dinge sagen und durchaus provokante Sichtweisen vertreten lässt. Aber das ist einer der Gründe, die diesen Roman so spannend machen. Weil es zum Denken anregt, dazu den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Und das alles gelingt der Autorin ohne eine oberlehrerinnenhafte Pose einzunehmen oder sich gar angreifbar zu machen, denn sie lässt ja schließlich nur ihre Figuren interagieren, und was kann eine Autorin schon dafür, was ihre Figuren sagen!? :-)

Eben diese Figuren treffen dann im späteren Verlauf aufeinder, Dramatik, Spannung und Tempo nehmen zu und lassen den Roman sicherlich auch für Leserinnen und Leser, die mit der eigentlichen Thematik nichts anfangen können, zu einem mehr als zufriedenstellenden Erlebnis werden.

Stilistisch kann man Karine Tuil ebenfalls keine Vorwürfe machen. Nach einem ersten Kapitel von etwa 13 Seiten, das in Präsentation und Wirkung an die ersten Minuten des Films „Der Soldat James Ryan“ erinnert, und in dem Tuil unablässig Sätze auf die Leserschaft abfeuert, in denen die Schrecken des Krieges und die Erfahrungen, mit denen die Soldaten in Afghanistan und anderswo konfrontiert werden und die man sich als pazifistischer Heimatfrontler nicht mal vorstellen kann, ist man fast schon froh, dass es danach in erzählerisch ruhigeres Fahrwasser geht, das hohe Niveau an sich hält aber an, die Autorin erzählt durchgehend lebhaft, realitätsnah, insbesondere was die Dialoge angeht, und temporeich.

In Summe ergibt sich das Bild eines Romans, den man – ganz einfach und knapp gesagt – tatsächlich mal gelesen haben sollte!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Asymmetrie“ von Lisa Halliday.

2 Kommentare zu „„Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil

    1. Herzlichen Dank, so was lese ich immer wieder gerne. Sollte es dann tatsächlich mal gelesen werden, so hoffe ich natürlich, dass es dir gefallen wird und würde mich in diesem Fall über eine entsprechende Rückmeldung freuen, einfach so für mein Seelenheil. :-)

      Gefällt 2 Personen

Schreibe eine Antwort zu freiedenkerin Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.