„Liebe machen“ von Moses Wolff

Buch: „Liebe machen“

Autor: Moses Wolff

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 286 Seiten

Der Autor: Moses Wolff, geboren 1969, ist Autor, Schauspieler und Komiker. Er schreibt regelmäßig für das Satiremagazin „Titanic“ und ist Mitveranstalter der erfolgreichen Münchner Lesebühne „Schwabinger Schaumschläger Show“. 2015 erhielt er den Schwabinger Kunstpreis. Gemeinsam mit Arnd Schimkat hat er den mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle verfilmten Romans „Highway to Hellas“ verfasst. Moses Wolff wohnt in der Münchner Isarvorstadt. (Quelle: Piper)

Das Buch: Als die zwanzigjährige Dagmar in einer lauen Kölner Nacht im März 1970 aus dem Schlaf hochschreckt, ahnt sie nicht, dass in Hamburg ein junger Mann, Götz, ebenfalls wach liegt und denselben Traum träumt wie sie. Und vor allem ahnen weder Dagmar noch Götz, dass das Schicksal sie füreinander bestimmt hat … Noch im selben Jahr werden sie sich auf dem Oktoberfest begegnen, sich verlieben – und dann für lange Zeit aus den Augen zu verlieren, ohne zu wissen, wie nah sie sich eigentlich die ganzen Jahre über sind. (Quelle: Piper)

Fazit: Kennt ihr noch Prilblumen? Viele werden jetzt wissend nicken, weil sie entweder zu der Generation gehören, die selbst einstmals ihre Kinderzimmer, ihre Zimmertüren, Schränke, und eigentlich alles, was eine glatte Oberfläche hatte, mit diesen Teilen „verschönert“ haben oder aber zu deren Elterngeneration, die irgendwann später versucht haben, diese Aufkleber wieder von den eben genannten Gegenständen zu entfernen. Allerdings konnte man die Kleberückstände dieser Dinger von den Oberflächen leider schwerer entfernen als Andi Scheuer von seinem Ministerposten, weil dieses Zeug besser hielt, als modernster Zweikomponenten-Idiotenkleber der NASA …

Und Prilblumen – zusammen mit alten ARAL-Aufklebern auf einem Kofferradio – sind es auch, die das Cover von Moses Wolffs Roman „Liebe machen“ zieren. Der Kenner weiß anhand dieser Kombination: Es muss um die 70er gehen. Und das tut es auch.

Nun habe ich als 77er-Baujahr zugegebenermaßen eher so rudimentäre Erinnerungen an diese Zeit. Vielleicht wollte mein Hirn mich aber auch nur vor Schaden bewahren, denn bei „D.I.S.C.O.“ – halt, das war 1980 … – na, sagen wir stattdessen, bei allem von Boney M. setzt bei mir nach wie vor der natürliche Fluchtreflex ein, Demis Roussos sang immer irgendwie so, dass er mir leidtat und Tony Marshall habe ich noch nie begriffen.

Nee, irgendwie würde ich naturgemäß eher die späten 80er sowie natürlich die 90er als „mein Jahrzehnt“ bezeichnen. Da gabs auch Beispiele aus dem musikalischen Gruselkabinett, keine Frage, aber darum soll es ja jetzt nicht gehen, sondern eben darum, dass Moses Wolff mit seinem Roman angetreten ist, um meine Meinung über ein Jahrzehnt, das aus meiner Sicht in erster Linie durch musikalische Totalausfälle auffiel, zu revidieren, was ihm auf äußert charmante Art gelungen ist.

Zu Beginn des Romans lernen wir die Protagonisten Dagmar und Götz kennen, die in Köln bzw. Hamburg leben. Beide sind in Beziehungen, beide aber darin mehr oder weniger unzufrieden. Und so verwundert es nicht, dass sie sofort Feuer und Flamme sind, als sie sich 1970 auf dem Oktoberfest begegnen. Wobei „begegnen“ etwas hochgegriffen ist, sagen wie lieber, sie sehen sich. Nur um sich danach sofort wieder aus den Augen zu verlieren. Aber dieser flüchtige Moment hat Spuren hinterlassen, sodass beide den Versuch unternehmen, sich wiederzusehen.

Vorrangig beschäftigt sich Moses Wolff in seinem Roman also tatsächlich mit der Liebe. Dahinter steht allerdings ein Streifzug durch die deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. So widmet sich der Autor anfangs detailliert dem letzten Konzert von Jimi Hendrix auf Fehmarn, während in späteren Kapiteln beispielsweise die Anfänge der „Love Parade“ geschildert werden. Und immer wieder der Kölner Karneval und das Münchner Oktoberfest.

Und obwohl ich als Norddeutscher das Verkleiden und extensive Werfen von Süßwaren ebenso verzichtbar finde wie hunderttausendfache Druckbetankung in lokaler Tracht unter dem Deckmantel der kulturellen Tradition und ich mit der Musik von Jimi Hendrix ebenfalls wenig anfangen kann, weil er gelegentlich so klingt, als würde er ums Verrecken die Gitarre nicht auskriegen, gelingt Moses Wolff das Kunsstück, dass ich das Buch nicht entnervt weglege und „Nicht mein Thema!“ behaupte, sondern dass ich dranbleibe. Einerseits, weil ich wissen will, wie es sich mit Dagmar und Götz entwickelt, aber eben auch, weil ich wahnsinnig viel Wissenswertes aus der Zeit erfahre, was ich vorher noch nicht wusste.

Wolffs Figurenensemble ist dabei quantitativ überschaubar. Im Fokus stehen ganz klar die beiden Hauptfiguren. Und diese überzeugen vollumfänglich. Der unstete Freigeist Götz, der immer etwas Neues sehen, immer etwas Neues erleben möchte, ist genau so treffend gezeichnet wie die etwas zurückhaltende aber auch aufgeschlossene Dagmar. Im Hinblick auf die Nebenfiguren ist hier in erster Linie Dagmars zweiter Freund Hartmut zu erwähnen, der wahnsinnig verkrampft wirkt und sehr verklausuliert spricht und daher solche Dinge von sich gibt wie: „Ich würde vorschlagen, dass wir unsere gemeinsamen Empfindungen bündeln, indem wir uns körperlichen Dingen zuwenden. Ich möchte nun gerne ausgiebig Liebe mit dir machen.“ (S. 131) Herrlich! Großartiger Typ! :-) Heute würde man das kürzer formulieren. :-)

Stilistisch kann man Moses Wolff nichts vorwerfen, er schreibt launig und lebendig. Lediglich der Aufbau des Romans gibt Anlass zur Diskussion. Denn während der Autor sich den ersten Kapiteln bzw. den ersten Jahren der Handlung noch vergleichsweise detailliert widmet, und er in Jahresschritten vorgeht, werden diese Schritte im späteren Verlauf der Handlung immer größer und die behandelten Jahre immer kürzer abgehandelt. Nun mag das versinnbildlichen, dass für die Protagonisten die Zeit mit zunehmendem Alter auch immer schneller vergeht bzw. sie weniger davon zur Verfügung haben, dennoch hätte ich mir hier ein etwas ausgewogeneres Verhältnis gewünscht. Auch wenn ich mir natürlich der Tatsache bewusst bin, dass in erster Linie die 70er behandelt werden sollten und der Roman, hätte man sich auch den späteren Jahren der Handlung so detailliert zugewendet wie den früheren, in etwa den Umfang von Tolstois „Krieg und Frieden“ gehabt hätte.

Geblieben ist ein sehr charmanter Streifzug durch die Geschichte, ein vergleichsweise leichtes, aber an keiner Stelle seichtes Sommerbuch, das ich allen Prilblumenzeitgenossen wärmstens empfehlen kann. Selbst wenn sie Boney M. mögen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten. Und es wären 11, wenn es 11 gäbe.

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Zu oben genanntem Buch möchte ich übrigens noch anfügen, dass ich die darin enthaltene Verunglimpfung norddeutschen Bieres, namentlich „Astra“ und „Holsten“, niemals nicht so stehen lassen kann, während augenscheinlich das süddeutsche Bier – ausgeschenkt in, euphemistisch genannt, „Maßkrügen“, die angesicht ihrer Litergröße doch eigentlich auch nicht anderes sind als Mallorca-Sangria-Eimer aus Glas – dagegen jedoch als göttliches Mana dargestellt wird. „Astra“ ist eine norddeutsche über 100 Jahre alte Institution und mitnichten das „Lebenselixier der Gescheiterten“ wie es auf Seite 114 heißt, und Holsten, tja, wie wir alle wissen: Holsten knallt am dollsten! Das musste mal gesagt werden. ;-) Was die nächste Rezension angeht: Keinen Schimmer.

4 Kommentare zu „„Liebe machen“ von Moses Wolff

  1. Hallöchen!
    Faszinierend, wie unterschiedlich manchmal Bücher wahrgenommen werden. Ich habe zuletzt auch dieses Buch gelesen und muss zugeben, dass ich hinterher das Gefühl hatte, kaum mehr als Banalitäten verfolgt zu haben. Auch stilistisch hat mich das Buch so gar nicht angesprochen :D Aber ich finde es toll, dass es so verschiedene Wirkungen auf uns Leser haben kann!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    1. Hey!
      Ich kann deinen Eindruck sogar nachvollziehen, denn ein sonderlich großer Spannungsbogen, mal abgesehen von der für den Großteil der Leserschaft wohl wichtigen Frage „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“ besteht in der Form ja eigentlich gar nicht. Aber es gibt eben Bücher, und gar nicht mal wenige, die das nicht brauchen und mich trotzdem gut unterhalten können.

      Und ja, die unterschiedliche Wahrnehmung auf ein und das selbe Buch ist auch etwas, was das Ganze so spannend macht. Was wäre es langweilig, wenn wir uns immer alle einig wären!? Dann hätte ich wahrscheinlich sogar irgendwann mal Bücher über im Sonnenlicht glitzernde Vampire oder Quidditch spielende Zauberlehrlinge gelesen – und das kann nun wirklich niemand wollen. ;-)

      Liebe Grüße zurück.

      Gefällt 1 Person

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