„Die Nadel“ von Ken Follett

Buch: „Die Nadel“

Autor: Ken Follett

Verlag: Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 414 Seiten

Der Autor: Ken Follett wurde 1949 in Cardiff, Wales, geboren und lebt heute mit seiner Familie in London. „Die Nadel“ war sein erster internationaler Thriller. (Quelle: Klappentext)

Das Buch: April 1944: Die Invasion der Alliierten steht unmittelbar bevor. Vor der schottischen Küste wartet ein deutsches U-Boot auf einen Spion. Man nennt ihn „Die Nadel“. Wenn er durchkommt, könnte er mit seinem Wissen über die Pläne der Briten den gesamten Verlauf des Krieges ändern. Dieser Mann hat bereits mehrmals getötet. Zwischen ihm und seinem Erfolg steht nur noch Lucy, eine junge Engländerin. Sie allein könnte ihn aufhalten. Und so entbrennt ein psychologischer Krieg zwischen dieser einsamen Frau und einem zu allem entschlossenen Mann. (Quelle: Klapptentext)

Fazit: Mehr als zehn Jahre bevor Ken Follett mit „Die Säulen der Erde“ meinen persönlichen Heiligen Gral der historischen Romane schrieb, konnte er mit „Die Nadel“ seinen ersten großen Erfolg verbuchen. Grund genug, mir dieses Buch, das zusammen mit ein, zwei anderen Follett-Romanen im Rahmen einer kleinen „Ken-Follett-für-schlankes-Geld-abgreifen“-Aktion bereits vor geraumer Zeit bei mir eingezogen ist, genauer unter die Lupe zu nehmen und der Faszination, die das Buch auf die Leserschaft gehabt haben muss, näher auf den Grund zu gehen. So richtig nachvollziehen kann ich diese Faszination letztlich allerdings nicht. Aber wenigstens habe ich damit, wie derzeit geplant, meinen Stapel ungelesener Bücher verkleinern  können …

In so ziemlich allen Bereichen weist „Die Nadel“ Schwächen auf, die mal mehr und mal weniger ins Gewicht fallen. So war es beispielsweise meines Erachtens noch nie Ken Folletts Stärke, bis heute nicht, sich lebensechte Figuren einfallen zu lassen. Seine Charaktere wirken häufig wie klischeehaftes Schema-F-Personal, meist charakterisiert durch eine einzige hervorstechende Eigenschaft. Wenn man mal ehrlich ist, gilt das auch für eben genannten „Heiligen Gral“, und es gilt für „Die Nadel“ eben auch.

Weder der Spion Faber, genannt „Die Nadel“, noch seine Gegenspieler Perci Goodliman, eigentlich Historiker, nun aber ernannter Spion-Jäger, weil … ich weiß nicht, warum …, oder auch der ihm an die Seite gestellte Frederick Bloggs – immerhin schon mal Polizist und beim MI5 angestellt – wirken überzeugend, sondern bleiben über die gesamte Länge des Buches blass. So blass, dass ich jetzt kurz nach der Lektüre nochmal nach den Namen blättern musste. Und dann hätten wir noch die eine oder andere wirklich zweifelhafte Frauenfigur, aber dazu kommen wir noch.

Inhaltlich macht „Die Nadel“ über weite Strecken der ersten  Hälfte dagegen sogar verhältnismäßig viel Spaß. Der namensgebende Spion Faber muss aus seinem Unterschlupf fliehen, weil seine angetrunkene Vermieterin mit derm Vorsatz, Faber ins Bett zu kriegen, ohne Voranmeldung seine Wohnung betritt und Faber am Radio überrascht. Er tötet die Frau und tritt seine Flucht an. In der Folge entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, während dessen Faber weiter seiner Tätigkeit nachgeht und ihm seine Verfolger immer knapp auf den Fersen sind und das Ganze vermittelt den angenehmen Charme einer spannenden Partie des uralten Brettspiels „Scotland Yard“. Das meine ich positiv …

Dann aber, ziemlich genau an dem Punkt, an dem Faber auf der Insel landet auf der sich Lucy befindet, wendet sich das Ganze und wird skurril bis albern.

Follett mutet seinem Protagonisten zu Beginn dieses Abschnitts schon ein hartes Schicksal zu, heißt es doch bei dessen unfreiwilligem Eintreffen auf der Insel nach einem Schiffbruch „Einen Meter vor dem Ende der Rampe hatte er einen leichten Herzanfall und verlor das Bewusstsein, doch seine Beine machten noch zwei Schritte, bevor er auf den durchweichten Grasboden knallte.“ (S. 221)

Keine guten Karten also für den „psychologischen Krieg“, den der Klapptentext da ankündigt, und der nun zwischen ihm und Lucy stattfinden soll. Allerdings besteht dieser „Krieg“ lange Zeit eher darin, dass die beiden – der Herzanfallpatient sowie die ganz offensichtlich sexuell frustierte und seit Jahren in liebloser Ehe auf dieser einsamen Insel dahinschmachtende Frau – bei jeder sich bietenden Gelegenheit miteinander ins Bett springen. Bei allem Respekt davor, dass man Prioritäten setzen muss, und bei manchen Leuten sehen diese Prioritäten offensichtlich eher anders aus, aber wenn ich persönlich gerade erst am Vortag einen Herzanfall(!) erlitten hätte, wäre es in erster Linie mein Anliegen, mich darum zu kümmern und nicht, mein Herz-Kreislauf-System in neue, ungeahnte Höhen zu treiben, denn genau das tut Faber wohl, und auch nicht zu knapp, denn dabei zeigt er ihr – detailliert beschrieben – augenscheinlich Sachen von denen sie nicht wusste, dass … denn er ist auf diesem Gebiet offensichtlich eine Koryphäe, die in der Lage ist, seine Gespielin in ganz neue Sphären der Lust … blaaaaaa!

Wir haben also im ganzen Buch gerade mal zwei Frauenfiguren, von Klein- und Kleinstrollen mal abgesehen, und beide werden augenscheinlich in erster Linie davon angetrieben, dass sie dringend vögeln wollen. Man mag dem Roman das Erscheinungsjahr 1978 zugutehalten und man sollte da vielleicht auch keine modernen Maßsstäbe ansetzen, aber dennoch: Einerseits könnte man das aus gutem Grund heutzutage nicht mehr so machen und andererseits war das aber auch für damalige Verhältnisse schon unfassbar schlecht geschrieben.

Neben der ganzen Vögelei hat die zweite Hälfte des Buches dann in Sachen Spannung auch deutlich weniger zu bieten, weil die wiederkehrenden Sexzesse halt Platz wegnehmen, den man sinnvoller hätte nutzen können. Irgendwann wünscht man sich dann nur noch, die Fallschirmspringer der 1st Airborne Division der Briten würden auf der Insel landen, und selbige mittels Verwendung eines Atomsprengkopfes in die Luft jagen, um dem Treiben unserer Turteltauben Einhalt zu gebieten.

Am wenigstens kann ich noch über Folletts Schreibstil meckern, das konnte ich aber wohl noch nie.

Nur leider fällt das in Summe dann auch nicht mehr wirklich ins Gewicht.

Schade eigentlich.

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 3 ,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Maurerdekolleté des Lebens“ von Matthias Thurau ooooder „Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil.

8 Kommentare zu „„Die Nadel“ von Ken Follett

        1. Ganz herzlichen Dank! Es mag ja Menschen geben, die denken: „Na, nu is auch egal, und wenn schon draufgehen, dann … dabei!“, zumindest scheint der Protagonist so drauf zu sein, derartiges Denken ist mir dann aber doch eher fremd. :-)

          Gefällt 1 Person

  1. Das erklärt mir, warum ich nicht mehr weiß, ob ich die „Nadel“ jemals gelesen habe. Die „Säulen der Erde“ habe ich jedenfalls verschlungen. Kaum möglich, dass ich daraufhin nicht nachgeforscht hätte, was der Gute noch alles geschrieben hat.
    Danke! 😉
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌼☕🍪👍

    Gefällt 4 Personen

    1. Sehr gerne. :-) Und er hat ja schon ziemlich viel geschrieben, der Ken. Nur an der Nadel würde ich mich an Deiner Stelle jetzt nicht freiwillig pieksen. Stattdessen wäre es, wenn Du „Die Säulen der Erde“ mochtest, vielleicht sinnvoller, die Kingsbridge-Reihe fortzusetzen? Also mit „Die Tore der Welt“ weitermachen, dann „Das Fundament der Ewigkeit“ und im September dann „Der Morgen einer neuen Zeit“?

      Gefällt 2 Personen

        1. Die „Tore“ habe ich auch noch gelesen und irgendwie einen ganz ähnlichen Eindruck bekommen. ;-) „Das Fundament der Ewigkeit“ las sich dann anfangs gar nicht mal so schlecht, aber irgendwie kamen mir dann … Dinge dazwischen und … seitdem liegt es hier so rum …

          Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu romantickercarolinecasparautorenblog Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.