„Fragen zu „Corpus Delicti““ von Juli Zeh

Buch: „Fragen zu „Corpus Delicti““

Autorin: Juli Zeh

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel“ (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman „Unterleuten“ (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt. (Quelle: Random House)

Das Buch: Seit ihr Roman »Corpus Delicti« 2009 erschienen ist, erreichen Juli Zeh immer wieder E-Mails von Leserinnen und Lesern mit Fragen zum Text. Zur Entstehungsgeschichte, zur Handlung, zu Figuren und Interpretation. In diesem Buch geht Juli Zeh in Form eines fiktiven Interviews diesen Fragen nach, nicht selten geht sie auch darüber hinaus. Im Zentrum steht die Beschäftigung mit Themen des Romans, die zum Verständnis unserer heutigen Gesellschaft beitragen. Was für ein Menschenbild pflegen wir, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft, wie wollen wir zusammenleben und welche Werte sind bedeutsam für uns? »Fragen zu Corpus Delicti« ist nicht nur eine profunde Auseinandersetzung der Autorin mit ihrem bislang politischsten Roman, sondern auch eine Betrachtung der Bedingungen und Mentalitäten, die unser Leben heute bestimmen. (Quelle: Random House)

Fazit: Ach, wie sehr hätte ich ein solches Buch wie das hier vorliegende in meiner Oberstufenzeit im Deutsch-LK zu schätzen gewusst. Sekundärliteratur von einer Autorin, die auch die Primärliteratur, die auch den Roman geschaffen hat, dem sie sich widmet.

Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass Christa Wolf so ein Buch schreibt, um mir zu verdeutlichen, was sie meint, wenn in „Nachdenken über Christa T.“ Katzen mit Aschenbechern durch die Gegend laufen, die eine skurrile Aufschrift tragen. Die Aschenbecher. Nicht die Katzen.

Wie sehr hätte ich mir kurze Anmerkungen von Thomas Mann selbst über „Joseph und seine Brüder“ gewünscht, und sei es nur, um herauszufinden, ob er immer so schrieb. Das tat er, wie sich später herausstellte.

Wie gerne hätte ich Frank Wedekind selbst darüber schwadronieren lassen, warum man sein „Frühlings Erwachen“ heute noch lesen sollte. Oder Schiller und Sophokles befragt, ob es mich weiterbringen wird, dass ich heute noch den Rüthlischwur und „O, Schwester, du mein eigen Blut, Ismene“ kenne.

Mit anderen Worten, Bücher wie „Fragen zu „Corpus Delicti““ hätten mir den Zugang zur Schulliteratur in der Oberstufe vermutlich deutlich erleichtert.

Und das wird auch einer der Gründe sein, warum sich Juli Zeh 10 Jahre nach Erscheinen ihres mutmaßlich erfolgreichsten Romans, der es bis in die Lehrpläne des Deutschunterrichtes geschafft  hat – und das übrigens aus meiner Sicht völlig zu Recht -, mit ihr häufig von der Leserschaft gestellten Fragen zum Inhalt des Romans wie zu seiner Entstehungsgeschichte auseinandersetzt. Im Rahmen eines fiktiven Interviews geht Zeh auf viele der Fragen im Detail ein.

Und für die Leser von „Corpus Deliciti“ – für die Nichtleser des Romans hat die Lektüre dieses Buches hier naturgemäß viel weniger Sinn – bieten Juli Zehs „Fragen“ spannende Einblicke und Hintergrundinformationen. Die Autorin teilt ihre Buch in 14. Kapitel, beginnend mit der Entstehungsgeschichte des Romans. Sie verdeutlicht, dass „Corpus Delicti“ eigentlich ein Theaterstück zum Thema Mittelalter war, bevor es zum Roman umgearbeitet wurde und das Juli Zeh sich darin des Themas der Hexenverfolgung annimmt, was auch deutlich wird, wenn man sich mal näher mit den Namen ihrer handelnden Figuren beschäftigt. Die Protagonistin Mia Holl ist an die historische Mia Holl angelehnt, die im 16. Jahrhundert der Hexerei bezichtigt wurde und 62 (!) Folterungen ohne Geständnis überstand, bevor man sie wieder freiließ, Heinrich Kramer, der im Roman die METHODE vertritt, war im Original der Autor des berühmt-berüchtigten „Hexenhammer“ usw.

Immer wieder wendet sich Zeh auch von der rein inhaltlichen Ebene ihres Romans ab, beispielsweise, indem sie ihn in die heutige Zeit einordnet bzw. aktuelle Bezüge herstellt. So stellt sie einen Zusammenhang her zwischen der Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit einerseits und der heutigen Jagd auf Terroristen nach amerikanischem Vorbild andererseits her und vergleicht die Hexenprozesse von damals, bei denen das Urteil im Grunde genommen schon von Anfang an feststand, mit der willkürlichen Tötung von Terroristen gänzlich ohne Strafverfahren, Prozess oder Urteil. Und mit der Kritik an Letzterem hat die Autorin ja auch vollumfänglich recht, seinerzeit habe ich beispielsweise in der Rezension zu Frederick Forsythes „Die Todesliste“ etwas ganz ähnliches angeprangert. Nur im direkten Vergleich „Hexe-Terrorist“ lässt die Autorin meiner Meinung nach außer Acht, dass die damals verfolgten Hexen wohl wirklich ausnahmslos unschuldig waren und nur aus einer Fülle von Gründen, auf die einzugehen zu viel Zeit in Anspruch nähme, denunziert wurden, während Terroristen auf irgendwelchen „Todeslisten“ sich die Plätze auf diesen Listen zumeist wohl redlich erbombt haben.

An anderer Stelle spricht sie mir dabei aber zutiefst aus der Seele. Beispielsweise wenn es um das Thema Selbstoptimierung geht, die sie, ebenso wie ich, augenscheinlich zutiefst ablehnt. In Zeiten, in denen die Religion eine immer geringere Rolle für die Menschen spielt, so sagt Zeh sinngemäß, man also eines entsprechenden Ankers, Lebenssinns sowie der vermittelten Gewissheit, dass alles schon irgendwann irgendwie gut werden wird, verlustig geht, ziehen sich die Menschen immer mehr in eine übersteigerte Ich-Bezogenheit zurück, die dann letztendlich in die Sackgasse der Selbstoptimierung führt, was man beispielsweise daran erkennen kann, dass es heutzutage für alles Coaches gibt. Mittlerweile sogar fürs Atmen! Ich dachte eigentlich, dass ich das könnte … aber vermutlich habe ich jahrzehntelang falsch geatmet. Eben dieses „falsch“ ist es auch, was mich an der Selbstoptimierung so nervt. Selbstoptimierung Coaching vermitteln mir, alle möglichen Dinge „falsch“ zu machen, was letzendlich impliziert, dass man als Person, so wie man eben ist, nicht okay ist, und das wiederum finde ich nicht okay. Zumal Selbstoptimierung eben wirklich eine Sackgasse darstellt, denn den optimalen Zustand gibt es nun mal nicht, weswegen man immer weiter an sich herumdoktert und herumoptimiert, anstatt einfach so zu sein, wie man es für richtig hält. Menschen, die diese Fitness-Tracking-Armband-Gedöns-Dinger tragen, die Daten an Hersteller und/oder Krankenkasse weiterleiten, nur um ggf. ein paar Euro Beiträge zu sparen, kämen ihr dementsprechend vor wie „dressierte Laborratten“ wie Juli Zeh sinngemäß so treffend sagt.

Und das ist nur eine der zahlreichen Fragen zur Gesellschaft, in der wir leben wollen, der sich Juli Zeh zuwendet. Die Frage der Sicherheit wäre eine weitere. Oder die der Freiheit eine weitere. Und inwiefern wir bereit wären, auf Letzteres zu verzichten, um Ersteres zu erlangen und schließlich beides zu verlieren.

Für die Schülerinnen und Schüler, bei denen „Corpus Delicti“ auf dem Lehrplan steht, ist dieses Buch ein wahrer Segen, kann man dort doch Argumente und Interpretationen ableiten und der Deutsch-LK-Lehrkraft dann vorhalten: „Aber das hat die Autorin selbst so gesagt!“ Man kann das aber auch lassen und selbst denken. Denn die einzig wahre Deutung, die einzige wahren Antworten auf den Inhalt hat Juli Zeh eben auch nicht. Und die will sie auch nicht haben.

Wer sich intensiver mit dem behandelten Roman auseinandersetzen möchte, dem sei zu diesem Buch geraten, allen anderen kann man guten Gewissens raten, eben diesen Roman nachzuholen.

Ich bedanke mich bei dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Staub zu Staub“ von Philipp Weber.

 

9 Kommentare zu „„Fragen zu „Corpus Delicti““ von Juli Zeh

  1. Diese Art von Sekundärliteratur ist wirklich super, von der Quelle selbst. Andererseits macht das eine Branche der Literaturkritik arbeitslos :)
    Bei mir geht demnächst eine Juli Zeh an den Start.

    Gefällt 3 Personen

    1. Dann bin ich mal gespannt. :-)

      Juli Zeh nimmt für sich selbst auch nicht in Anspruch, die allumfassende Wahrheit zu ihrem Buch zu kennen, sie würde daher eine möglicherweise abweichende Meinung von Literaturkritikern absolut so stehen lassen, sofern sie halbwegs schlüssig begründet ist.

      Gefällt 3 Personen

  2. Deine Begeisterung kann ich voll nachempfinden und wer jemals die Gelegenheit haben sollte, sie auf einer Lesung persönlich zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen – sie zieht immer die Zuhörer in ihren Bann.
    Begeisterter Gruß zu Dir, Karin

    Gefällt 2 Personen

    1. Dann sind wir schon zwei. :-) Ich hatte das Vergnügen noch nicht, muss aber auch gestehen, dass ich im Hinblick auf Juli Zehs Gesamtwerk bemerkenswerte Lücken aufweise, will sagen, dass „Corpus Delicti“ bislang der einzige Roman ist, den ich von ihr gelesen habe. Keine Ahnung, warum das so ist. Bei „Leere Herzen“ gefiel mir beispielsweise die Grundprämisse schon nicht, „Unterleuten“ ist so laaaaang usw. :-)

      Gefällt 2 Personen

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