„Dunkel“ von Ragnar Jónasson

Buch: „Dunkel“

Autor: Ragnar Jónasson

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 384 Seiten

Der Autor: Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers‘ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.
Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.
Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch. (Quelle: Random House)

Das Buch: Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, soll frühzeitig in Ruhestand gehen, um Platz für einen jüngeren Kollegen zu machen. Sie darf sich einen letzten Fall, einen cold case, aussuchen – und sie weiß sofort, für welchen sie sich entscheidet. Der Tod einer jungen Frau wirft während der Ermittlungen düstere Rätsel auf, und die Zeit, um endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, rennt. Eine Wahrheit, für die Hulda ihr eigenes Leben riskiert … (Quelle: Random House)

Fazit: Jónassons Trilogie wurde allenthalben von Kritikern und Leserschaft gelobt. Und tatsächlich hinterlässt der Auftakt zur Reihe um die Kommissarin Hulda Hermannsdóttir streckenweise einen recht guten Eindruck, so ganz kann ich mich dem Lob aber dann doch nicht anschließen.

Das beginnt bereits mit der Hauptfigur. Dabei wird insbesondere Hulda von den lobenden Stimmen eigentlich als positiver Aspekt hervorgehoben. Und im Grunde stimmt das auch. Die Protagonistin ist tatsächlich gut und detailliert herausgearbeitet, teils so detailliert, dass sich das Buch phasenweise eher mit seiner Hauptfigur und ihrer Hintergrundgeschichte als mit dem eigentlichen Kriminalfall beschäftigt. Im Laufe der Buches lernt die Leserschaft Hulda und ihre Beweggründe immer  besser kennen und erfährt, warum sie so handelt, wie sie handelt.

Nur leider muss ich sagen, dass Hulda mich persönlich auf emotionaler Ebene nie erreicht hat und dafür ist sie auch selbst verantwortlich. Denn ganz zu Beginn des Buches – insofern ist das kein Spoiler, aber wer es nicht wissen will, überspringt den restlichen Absatz einfach – begeht sie einen folgenschweren Fehler, der dazu führt, dass ich ihr voreingenommen gegenübertrete: Sie deckt eine Straftäterin, gegen die wegen schwerer Körperverletzung ermittelt wird, einfach, weil sie mit den Motiven dieser Frau übereinstimmt, weil sie das Opfer der Körperverletzung für einen schlechten Menschen hält. Und ja, ihr Handeln wird begründet – ob man die Begründung schlüssig findet oder nicht, sei jedem selbst überlassen -, stellt aber doch aus meiner Sicht gerade für eine Kommissarin, und seien ihre Motive noch so gut, eine absolut verantwortungslose, moralisch werfwerliche Handlung dar. Und eine Figur, die sich in moralischer Hinsicht schon zu Beginn eines Buches derartig selbst diskreditiert, hat es in der Folge bei mir eben schwer.

Meine Probleme mit dem Buch beschränken sich aber nicht auf Hulda alleine. Auch der eigentliche Kriminalfall schwächelt an manchen Stellen, insbesondere, was die eigentliche Ermittlungsarbeit angeht. Zwar bietet die Handlung eine, zumindest für mich, durchaus überraschende Auflösung, der Weg bis dahin ist aber bemerkenswert unspektakulär. Huldas Ermittlungsergebnisse beruhen häufig darauf, dass sie zufällig jemanden kennt, der etwas weiß oder wissen könnte oder aber, dass sie jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der etwas weiß oder wissen könnte. Irgendwie ging das alles zu glatt und war mir in Summe einfach ein bisschen zu wenig.

Und auch im Hinblick auf Form und Stil kann ich nicht in Jubelarien ausbrechen. Jónasson wechselt zwischen Kapiteln, die sich mit den heutigen Ereignissen und der Ermittlungsarbeit beschäftigen und solchen, die mehr oder weniger aus Sicht eines Mordopfers zeigen, wie es zu der Gewalttat kommen konnte, ab. Und während man das guten Gewissen so machen kann, ist es mehr der Stil, mit dem ich hier meine Probleme habe, denn der Autor hat eine seltsam nüchterne, reduzierte und schnörkellose Erzählweise, die nicht ganz an die Hauptsatz-Flut eines von Schirach heranreicht, aber dennoch dazu beiträgt, dass mich neben der Hauptfigur auch die Handlung nur bedingt errreichen konnte.

Und das ist überaus schade, denn wenn man den Fokus ein bisschen mehr auf  den Plot rund um eine russische Einwanderin, ihre Sorgen und Nöte, gelegt hätte, dann hätte man eine emotionalere Geschichte erzählen können.

Insgesamt klingt das vielleicht negativer als es beabsichtigt ist und wer mit einer Ermitterfigur mit fragwürdigem moralischen Kompass weniger Probleme hat und mit einer Handlung, die nicht gerade vor atemloser Spannung strotzt, dafür aber segenswerterweise recht unblutig und ohne Effektheischerei auskommt, der dürfte mit „Dunkel“ durchaus seinen Spaß haben.

Und auch ich werde dranbleiben an dieser Reihe, die demnächst mit „Insel“ fortgesetzt wird. Und da es sich bei dieser Fortsetzung eher um ein Prequel handelt, die Hauptfigur in diesem Buch daher vielleicht noch keinen defekten moralischen Kompass hat, komme ich dann möglicherweise auch besser mit ihr klar.

Man wird sehen …

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kryonium“ von Matthias A. K. Zimmermann.

 

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