„Mord in der Sonntagsstraße“ von Peter Englund

Buch: „Mord in der Sonntagsstraße“

Autor: Peter Englund

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Peter Englund, geboren 1957, arbeitete als Kriegsreporter unter anderem auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak, lehrte Geschichte an der Universität Uppsala und wurde Professor für Historische Narratologie in Stockholm. Er schrieb zahlreiche Bücher zu historischen Themen, die zu Bestsellern wurden. Von 2009 bis 2015 war er Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt. 2011 erschien bei Rowohlt Berlin sein Geschichtsepos «Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs, erzählt in neunzehn Schicksalen», das in rund zwanzig Sprachen übersetzt wurde. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Es sollte das perfekte Verbrechen sein, und es wurde ein Mord, der ein ganzes Land erschütterte. Schweden in seinen «Wunderjahren», als alles sicher und geregelt schien, die Zukunft verheißungsvoll, blickte in einen Abgrund. Im Juli 1965 wird eine junge Frau tot in ihrem Elternhaus an der idyllischen Sonntagsstraße in Stockholm gefunden. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Was genau ist geschehen? Warum musste sie sterben? Und vor allem: Wer ist der Mörder? (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Meine Kenntnisse in schwedischer Geschichte erschöpfen sich im Wesentlichen mit den Geschehnissen des Dreißigjährigen Krieges, also mit Ereignissen wie dem Tode Gustav Adolfs oder dem Untergang der „Vasa“. Die restliche schwedische Geschichte ist mir ein großes Mysterium, gleich nach der Frage, warum mich Thronfolgerin Victoria eigentlich nie angerufen hat sowie der Existenz von Surströmming.

Zu Surströmming habe ich ja eine ganz eigene Theorie, die wie folgt lautet: Die Schweden essen das Zeug gar nicht! Sie behaupten nur, sie würden es essen, um gutgläubige Urlauber und unbedarfte, integrationswillige Einwanderer dazu zu bringen, es ihnen vermeintlich nachzutun, damit sie – also die Schweden – sich später, wenn sie wieder alleine sind, angesichts der Reaktionen der beiden genannten Gruppen, die vermutlich zwischen Michel-Courtemanche-Mimik und handfestem Brechdurchfall sämtliche vorstellbaren Reaktionen abdecken dürften, stundenlang vor Lachen auszuschütten können. Möglichkeit B wäre, dass Surströmming das Ergebnis einer Wette zwischen stark angetrunkenen schwedischen Studenten ist, die mit der Frage „Ob man den Fisch hier wohl noch essen kann?“ angefangen hat.

Ich schweife ab …

Glücklicherweise schickt sich Peter Englund an, einen Teil dieser Wissenslücken zu schließen, denn „Mord in der Sonntagsstraße“ ist nicht nur die Schilderung eines Schlagzeilen machenden Kriminalfalls, sondern eben auch ein schwedisches Sittengemälde. Eines, das eine Zeit schildert, in denen sich die schwedische Bevölkerung von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs entfernt wähnt. Einer Zeit, in der man sämtliche Ideologien für überwunden hält und ein grundpositives Bild der Zukunft malt.  Eine Zeit, die sich vom konservativen Gesellschaftsbild der Vergangenheit zunehmend verabschiedet, was beispielsweise daran zu merken ist, dass allenthalben neue Pornozeitschriften mit mehrheitlich ganz putzigen Namen aus dem Boden schießen. Aber eben auch einer Zeit, in der die Schweden realisieren müssen, dass viele der Hoffnungen, die man dort für die Zukunft hatte, sich nicht bewahrheiten.

Und auch wenn sich der Autor dem eigentlichen, tatsächlich so stattgefundenen Kriminalfall zuwendet, dann begnügt er sich nicht mit einer einfachen Schilderung der Ereignisse.

Wie erkläre ich das jetzt … ?

Nun, Englund wiederholt mehrfach den Satz „Fakten und Fiktion kommunizieren miteinander. “ und eben dieser Satz könnte als eine Art Motto für seine Herangehensweise gelten. Mehrfach führt der Autor beispielsweise Abgleiche durch zwischen der Realität einerseits und dem, was man in der einschlägigen, populären Kriminalliteratur so lesen kann andererseits. Beispielsweise wenn es um die Verwendung von Chloroform geht. Aus unzähligen, meist noch in schwarz-weiß gehaltenen Filmen, „wissen“ wir, dass sich jemand mit einem chloroformgetränkten Tuch ganz einfach ins Reich der Träume befördern lässt. Und daher nutzt der Mörder im vorliegenden Fall eben auch dieses „Wissen“, obwohl die Realität eher darin besteht, dass man sich im besten Fall mit dem Zeug selbst ausknocken kann und im schlimmsten Fall das Opfer innerhalb kürzester Zeit daran stirbt, so wie eben hier auch.

Dieser Ansatz, der Leserschaft klar zu machen, das in einem realen Mordfall tatsächlich nahezu nichts so ist, wie es in der modernen Mord-und-Totschlag-Literatur so dargestellt wird, hat seinen Reiz und er bietet vor allem eine Möglichkeit, die die fiktionale Literatur viel zu wenig nutzt: Dem Opfer eine Stimme geben. Englund tut das ausgiebig, beispielsweise indem er Briefe des Mordopfers Eva Marianne Granell, die man „Kickan“ nannte, veröffentlicht, indem er Personen aus ihrem Umfeld befragte usw. All das dient dem hehren Ziel, den Lesern klarzumachen, dass man es hier nicht einfach mit einer namenlosen, toten Person zu tun hat, an der man sein voyeuristisches „True-Crime“-Bedürfnis stillen kann, sondern mit einer ganz realen, jugen Frau, die viel zu früh sterben musste, nur weil ein frustrationsintoleranter „Incel“ von christlich-fundamentalreligiösen Erziehungsberechtigten versaut wurde und keine anderen Problembewältigungsstrategien gelernt hat.

In die genannten Vorgehensweisen fügen sich auch Stil und Aufbau nahtlos ein. Einerseits bedient sich Englund eines angemessen distanzierten Stils. Andererseits fügt er aber auch immer wieder Passagen aus den Notizen des Täters ein – hier ist man dann wieder beim Abgleich mit der Realtiät -, die für ein bemerkenswertes Unwohlsein sorgen können, auch weil sie nicht nur aus wirrem und irrem Geschreibsel bestehen, sondern tatsächlich den Eindruck machen, es hier mit einer im Grunde hochintelligenten Person zu tun zu haben.

In Summe ist „Mord in der Sonntagsstraße“ ein offensichtlich herovrragend recherchiertes Sachbuch, das sich liest wie ein Thriller, dafür aber segenswerterweise ohne die effektheischenden Elemente dieses Genres auskommt.

Sehr lesenswert.

Wertung:

8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Dunkel“ von Ragnar Jónasson.

 

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