„Die Wächter“ von John Grisham

Buch: „Die Wächter“

Autor: John Grisham

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: John Grisham hat 32 Romane, ein Sachbuch, einen Erzählband und sieben Jugendbücher veröffentlicht. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia. (Quelle: Random House)

Das Buch: In Seabrook, Florida wird der junge Anwalt Keith Russo erschossen. Der Mörder hinterlässt keine Spuren. Es gibt keine Zeugen, keine Verdächtigen, kein Motiv. Trotzdem wird Quincy Miller verhaftet, ein junger Afroamerikaner, der früher zu den Klienten des Anwalts zählte. Miller wird zum Tode verurteilt und sitzt 22 Jahre im Gefängnis. Dann schreibt er einen Brief an die Guardian Ministries, einen Zusammenschluss von Anwälten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Cullen Post übernimmt seinen Fall. Er ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt. (Quelle: Random House)

Fazit: Es wird nicht verwundern, dass mich als bekennenden Fan von Serien wie „Matlock“ oder Filmen wie „Eine Frage der Ehre“ – hach, ich werde alt -, mithin also von so ziemlich allem, was sich größtenteils in Gerichtssälen abspielt, eine schon recht lange Leser-Autor-Beziehung mit John Grisham verbindet.

Zuletzt jedoch kriselte es in dieser Beziehung ein wenig, denn mit den letzten beiden von mir gelesenen Romanen „Homerun“ und „Das Original“ konnte mich Grisham nicht mehr vollkommen überzeugen. Da das mutmaßlich daran gelegen haben könnte, dass sich der Autor mit diesen beiden Büchern recht weit von seinem eigentlichen Genre des Justizthrillers entfernt, war ich guten Mutes, dass mir „Die Wächter“, mit dem er sich wieder innerhalb gewohnter Genregrenzen aufhält, besser gefallen würde. So richtig erfüllt hat sich diese Hoffnung allerdings leider nicht.

Das beginnt schon bei den Charakteren. Nun mag man einwenden, dass Charaktere noch nie so wirklich Grishams Stärke waren, und das stimmt sicherlich auch. Dennoch kann man nicht einfach so darüber hinwegsehen, dass es dem Autor erneut nicht gelingt, seine handelnden Personen irgendwie nahbar darzustellen. Lediglich sein Protagonist bekommt eine annähernd detaillierte Hintergrundgeschichte, und diese reicht auch vollkommen, um Cullen Posts Handlungsmotivation zu erklären, mehr aber eben auch nicht. Denken, Fühlen, Einstellungen und Sichtweisen seines Protagonisten, all das bleibt dagegen weitgehend auf der Strecke.

Dass sich das alles auch über die Nebenfiguren sagen lässt, kann man noch recht einfach verschmerzen. Viel Potenzial wurde allerdings insbesondere hinsichtlich des seit 22 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzenden Quincy Miller verschenkt. Denn der Autor schafft es ebenfalls nicht, nicht mal bei einer Figur, bei der sich das geradzu anbietet, so etwas wie emotionale Nähe beim Leser hervorzurufen.

Darüber hinaus kennen Grishams Charaktere, wie schon fast gewohnt, keinerlei Grauzonen. Da gibt es einerseits die Guten, die Mitarbeiter von „Guardian Ministries“ und deren Klienten, und dann gibt es da eben die Bösen, die verhindern wollen, dass Cullen Post der Wahrheit auf die Schliche kommt. Die Figuren bieten keinerlei Zwischentöne an.

Auch hinsichtlich des Stils lässt sich einiges kritisieren. Und doch gelingt Grisham hier etwas Faszinierendes. Denn einerseits präsentiert sich auch sein Stil ähnlich wie seine Charaktere: distanziert, oft unpersönlich, recht trocken und schnörkellos. Andererseits habe ich trotz und alledem „Die Wächter“ nicht ungern gelesen, weil eben diese straubtrockene Art des Erzählens für mich sehr gut lesbar ist. Zumindest, wenn man sich in Grishamschen Genregrenzen bewegt. „Matlock“ war schließlich auch nicht sonderlich bunt …

Nun ist sowohl die Kritik an den Charakteren als auch die Erzählweise nichts sonderlich Neues für mich, weshalb ich sicherlich über vieles in dieser Hinsicht hinwegsehen kann. Der Hauptgrund dafür, dass mich das Buch nicht vollkommen überzeugt hat, ist daher hauptsächlich in der Geschichte selbst zu finden.

Grishams Plot liefert leider wenig Überraschungen. Man wartet als Leser förmlich auf eine große, unerwartete Wendung, irgendetwas in Stil von „Das Leben das David Gale“ beispielsweise, wird aber diesbezüglich enttäuscht. Die Fronten hinsichtlich Schuld  und Unschuld sind zweifelsfrei geklärt und es gilt nur noch, diese Unschuld zu beweisen. Und auf dem Weg dahin geht alles – vom Hauch einer Wendung abgesehen, die aber für den erfahrenen Leser jetzt auch nicht so überraschend kommt – irgendwie zu glatt, zu einfach, begünstigt auch durch so ein, zwei Deus-ex-Machina-Momente.

Letztlich punktet das Buch, ähnlich wie die oben genannten Bücher auch, immer dann, wenn es sich dem eigentlichen Thema, dem eigentlichen Anliegen des Autors zuwendet. War das bei „Homerun“ der Baseballsport, so war es bei „Das Original“ der Literaturbetrieb, und hier ist es eben die Kritik am amerikanischen Justizsystem. Damit gelingt es Grisham dann tatsächlich, im Leser eine Reaktion hervorzurufen. In erster Linie etwas zwischen Unverständnis und Fassungslosigkeit.

Leider ist das in Summe etwas zu wenig für ein wirklich gelungenes Buch. Hardcore-Grisham-Fans dürften allerdings durchaus auf ihre Kosten kommen.

Ich danke dem Heyne Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbtredend nicht.

Wertung:

Handlung: 5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit.

 

5 Kommentare zu „„Die Wächter“ von John Grisham

    1. Zu Binchy kann ich nichts sagen, da ich ihre Bücher nicht kenne. Aber was Grisham angeht: Das stimmt natürlich. Zumindest weitestgehend. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein, wenn man ansatzweise abschätzen kann, was einen erwaret. Würde „Volbeat“ ab morgen Ska-Punk machen, wäre das zwar innovativ, aber ich wäre schwer enttäuscht … :-)

      Gefällt 2 Personen

      1. Nein, natürlich muss das nichts schlechtes sein, allerdings mochte ich die Bücher von ihm (ebenso wie die von Binchy oder auch anderen Autoren) einfach nicht mehr lesen. Und dabei brauche ich auch nicht immer etwas spektakuläres neues oder so, aber irgendwie war es mir zu viel „Einheitsbrei“ :-) Aber sein Brei verkauft sich ja ganz gut ;-)

        Und sonst so? Soll ich mal wieder treten?

        Gefällt 1 Person

        1. Kann ich verstehen. :-)

          Ich war von Freitag bis einschließlich gestern krankgeschrieben, wäre Dir also insofern dankbar, wenn Du schon allein deswegen auf jegliche Treterei Deinerseits verzichten würdest … ;-)

          Selbst so?

          Gefällt 2 Personen

          1. Achachje. ….. da hoffe ich mal, dass es dir besser geht (aber ansonsten wärst du ja weiter krank geschrieben 😉). Dann verzichte ich mal aufs treten . . .

            Selber: joah … inmitten von kranken Menschen halte ich wacker die Stellung. Same linke everytime…. ganz okay. ….

            Und ja – ich liebe diese ……
            😗😂

            Gefällt 2 Personen

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