„Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier

Buch: „Das Gewicht der Worte“

Autor: Pascal Mercier

Verlag: Hanser

Ausgabe: Hardcover, 573 Seiten

Der Autor: Pascal Mercier, 1944 in Bern geboren, lebt in Berlin. Nach Perlmanns Schweigen (1995) und Der Klavierstimmer (1998) wurde sein Roman Nachtzug nach Lissabon (2004) einer der großen Bestseller der vergangenen Jahre und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2007 folgte die Novelle Lea. Unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri veröffentlichte er, ebenfalls bei Hanser, Das Handwerk der Freiheit (2001) sowie Eine Art zu leben (2013). Pascal Mercier wurde 2006 mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis ausgezeichnet und 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. 2007 erhielt er die Lichtenberg-Medaille der Universität Göttingen. (Quelle: Hanser)

Das Buch: Seit seiner Kindheit ist Simon Leyland von Sprachen fasziniert. Gegen den Willen seiner Eltern wird er Übersetzer und verfolgt unbeirrt das Ziel, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden. Von London folgt er seiner Frau Livia nach Triest, wo sie einen Verlag geerbt hat. In der Stadt bedeutender Literaten glaubt er den idealen Ort für seine Arbeit gefunden zu haben – bis ihn ein ärztlicher Irrtum aus der Bahn wirft. Doch dann erweist sich die vermeintliche Katastrophe als Wendepunkt, an dem er sein Leben noch einmal völlig neu einrichten kann. Wieder ist Pascal Mercier ein philosophischer Roman gelungen, bewegend wie der „Nachtzug nach Lissabon.“ (Quelle: Hanser)

Fazit: Ihr habt demnächst etwas vor? Familie, Freunde, Einkaufen, Kino, sonstwas? Na gut, dann stellen wir uns jetzt alle mal Sir Alec Guiness – meinetwegen auch Liam Neeson, wenn es sein muss – vor, der mit der Hand dieses Jedi-Gefuchtel macht, während ich euch sage: „Das ist nicht die Freizeitbeschäftigung, die ihr sucht. Was ihr sucht, ist der neue Roman von Pascal Mercier.“

Und? Hat es funktioniert? Nicht? Das dachte ich mir, viel zu lernen ich noch habe und die Macht ist schwach in mir …

Aber mal ohne Kappes, ich kann – und ich denke, das ist bis hierhin deutlich geworden – Merciers neuen Roman wirklich empfehlen. Diesbezüglich muss allerdings gesagt werden, dass ich zu den Leuten gehöre, die den literarischen Weg, den Mercier wandelt, mit Rosen streuen wollen, insofern gibt es sicherlich differenziertere Besprechungen, aber sei es drum, zwischendurch ein Hohelied auf ein Buch sei mir gestattet. Nun aber in medias res.

Wir haben also den Übersetzer Simon Leyland, der in London aufwuchs, wo er seine Frau kennenlernte, wo zwei Kinder geboren wurden und wo sich die Familie allgemein die Zukunft vorstellte. Dann jedoch erbt seine Frau einen Verlag und man beschließt, gemeinsam nach Triest überzusiedeln. Dort geht jahrelang alles seinen gewohnten Gang, seine Frau Livia leitet den Verlag, Simon geht seiner Übersetzertätigkeit nach. Schließlich jedoch verstirbt seine Frau plötzlich und nun sieht sich Simon damit konfrontiert, unerwarteterweise einen Verlag führen zu müssen. Dann, weitere gut zehn Jahre später, wird bei Simon eine nicht heilbare Erkrankung diagnostiziert, ihm bleiben vermutlich nur noch wenige Monate. Kaum hat er den Verlag verkauft, stellt sich sein vermeintliches Todesurteil jedoch als Fehldiagnose heraus. Wo er eben noch damit beschäftigt war, Dinge zu regeln und Abschied zu nehmen, sieht sich Simon plötzlich mit der Frage konfrontiert, was er mit seinem Leben noch so alles anfangen möchte.

Merciert teilt seinen Roman, dessen Handlung von einem personalen Erzähler geschildert wird, in 45 Kapitel, deren Besonderheit darin besteht, dass zwischendurch immer wieder Briefe eingefügt sind, die Simon geschrieben hat. An seine verstorbene Frau. Das mag seltsam klingen, aber bereits auf Seite 32 stellt Simon in einem dieser Briefe fest: „Wenn man in Gegenwart anderer über sich spricht, sagt man nie genau das, was man eigentlich sagen möchte: Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, hemmt einen die Rücksicht, entweder die Rücksicht auf die Wirkung der Worte in den anderen, oder die Rücksicht auf die Art und Weise, wie man für die anderen durch diese Worte erscheinen würde.“ Diese Feststellung ist so simpel, wie zutreffend, deswegen ist Simons Entschluss, seiner verstorbenen Frau zu schreiben, auch vollständig logisch: Er kennt sie, er kann ihr vollständig vertrauen, und er muss eben keinerlei Rücksicht mehr nehmen, da sie schließlich, lapidar gesagt, keine Widerworte mehr geben, er sie aber auch nicht mit dem Geschriebenen verletzen kann. Insbesondere die Briefpassagen haben es mir angetan, aber letztlich hat „Das Gewicht der Worte“ noch wesentlich mehr, was es so lesenswert macht.

Mercier beschäftigt sich in seinem Roman mit Themen, die es mir naturgemäß angetan haben. Mit der Sprache, einzelnen Worten, deren Klang und Bedeutung, und dem Wunsch des eigenen Schreibens. Über all dem steht eben die große, nicht minder spannende Frage, was man mit seiner Zeit noch so alles anfangen kann, will und sollte, wenn einem vermutlich nicht mehr so viel davon bleibt.

Und Simon geht dieser Frage nach, um sie für sich ganz persönlich zu beantworten. Sein Weg führt ihn dabei in die Gesellschaft vieler interessanter Menschen und in Situationen, die er nie erlebt hätte, wenn es die Fehldiagnose nicht gegeben hätte. Und ja, manchmal wirkt das Ganze etwas konstruiert und Mercier weiß das auch, denn vermutlich lässt er Andrej, einer der eben erwähnten interessanten Menschen, ebenfalls Übersetzer und gerade aus dem Knast gekommen, nicht ganz ohne Hintergedanken angesichts all der Verstrickungen der handelnden Personen untereinander sagen: „Ist das nicht alles ganz unwahrscheinlich? Ganz und gar unwahrscheinlich?“ (Seite 496) Und ja, das ist es, aber es hat dennoch seinen Reiz, zu verfolgen, wie Simons Lebensweg weitergeht.

Auch wenn man, das sei als zweiter Kritikpunkt genannt, bemängeln könnte, dass eben dieser Simon, ebenso wie die meisten anderen Charaktere, manchmal etwas nerven können. Sie wirken in ihrem intellektuellen Wolkenkuckucksheim zuweilen derart abgehoben, dass die These nicht aus der Luft gegriffen scheint, dass sie alle im echten Leben wahrscheinlich nicht mal zur fachgerechten Nutzung eines Inbusschlüssels in der Lage wären.

Wer einen komplexen Spannungsbogen sucht, ist ebenfalls fehl am Platze, schließlich wird der Roman auch nicht grundlos vom Verlag als „philosophischer Roman“ bezeichnet, und das trifft es vollumfänglich.

Wer aber in der Lage ist, sich vollständig in einem Buch zu verlieren, wer willens ist, sich an Wörtern und Sätzen zu berauschen, die oftmals zitierwürdig sind, wer darüber hinaus bereits andere Bücher von Mercier gelesen hat, insbesondere vielleicht „Perlmanns Schweigen“, zu dem dieser Roman hier durchaus Parallelen aufweist, und wer insgesamt ein ruhiges, eher leises, wirlich, wirklich schönes Buch lesen möchte, der sollte „Das Gewicht der Worte“ durchaus stemmen können.

Mir persönlich passiert es nur ganz, ganz selten, dass ich das Gefühl habe, ein Buch zur absolut richtigen Zeit im Leben gelesen zu haben und mir passiert es ebenfalls nur ganz selten, dass mir ein Buch so gut gefällt, dass ich eigentlich gar nicht darüber schreiben möchte, weil ich die gemachte Erfahrung in einem Anfall der Egozentrik für mich selbst behalten oder allenfalls mit einem ganz kleinen Kreis mir nahestehender Menschen teilen möchte – Glavinic´ „Das größere Wunder“ war beispielsweise ein solches, bei dem ich auf eine Rezension verzichtet habe. Nun habe ich mich doch noch durchgerungen und mag der Versuch, meine Begeisterung kundzutun auch nur mangelhaft gelungen sein, so gilt trotz- und alledem: Klare Leseempfehlung!

Kurz: Vielen Dank, Herr Mercier! Für ihren nächsten Roman sei Ihnen nur noch kurz gesagt, dass der dann sicherlich wieder sehr ausgefeilte Stil noch ausgefeilter wirken würde, wenn sie, anders als hier, beherzigen würden, dass es sich bei „erinnern“ um ein reflexives Verb handelt. :-)

Wertung:

10 von 10 Punkten

Und das ist keine Meinung, sondern ein Axiom! :-)

Demnächst in diesem Blog: „Tod eines Gentleman“ von Christopher Huang.

28 Kommentare zu „„Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier

    1. Das hast Du jetzt sehr schön und sehr passend formuliert. Und gerne wäre ich im Rahmen dieses Taumels des Schwärmens noch viel mehr ins Detail gegangen und hätte viel schlüssiger begründet, warum dieses Buch für mich bedeutet, was es bedeutet – aber das geht niemanden etwas an. ;-)

      Ich habe an anderer Stelle hier in den Kommentaren übrigens eine Leseprobe verlinkt, und, so sehr ich mich auch für das in mich gesetzte Vertrauen bedanke, vielleicht solltest Du anhand dieser erst mal versuchen, zu eruieren, ob das Deinen Geschmack trifft!? :-)

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    1. Sehr gern, dann hatte ich doch richtig im Hinterkopf, dass Du eine gewisse Affinität zu Merciers Romanen hattest bzw. hast. :-)

      „Lea“ ging seinerzeit an mir vorbei, hat aber insgesamt, zumindest in meiner Wahrnehmung, keine Begeisterungsstürme hervorgerufen. Mal schauen, ob ich das noch nachhole. Ungünstigerweise erschien das damals zu einem Zeitpunkt, da ich mit meinem spärlichen Einkommen kaum ein Auskommen hatte und Bücher in den Bereich Luxus fielen … :-)

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        1. Ich habe mal in die Leseprobe reingelesen und irgendwie klingt das unverkennbar nach Mercier. :-) Auch auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden, werde ich mich damit mal beschäftigen. Ich spiele auch mit dem Gedanken mich mit „Das Handwerk der Freiheit“ und „Eine Art zu leben“ zu beschäftigem, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass ich sie vermutlich nicht vollständig verstehen werde … :-) Aber was solls, rückblickend muss man sagen, dass ich vermutlich auch „Perlmanns Schweigen“ zu früh gelesen habe, ich muss da so um die 20 gewesen sein. Heute würde das Buch wahrscheinlich nochmal einen völlig anderen Eindruck auf mich machen.

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          1. Bieris Buch über die Freiheit ist wirklich zu toll. Es liest sich von Anfang an schier wie ein Roman, in dem Raskolnikow eine beispielartige Hauptrolle spielt …

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          2. Klingt gut, „Schuld und Sühne“ habe ich gelesen. ;-) Ich bin mir aber wie immer nicht sicher, ob ich das für solche Lektüre nötige Rüstzeug mitbringe, aber wir werden sehen …

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          3. Ja eben, meine philosophische Vorbildung geht über eine Vorlesung über Karl Popper im Rahmen eines Schnuppertages an der Uni in der 11. Klasse sowie die Lektüre von „Sofies Welt“ und Weischedels „Die philosophische Hintertreppe“ nicht hinaus – und von nichts davon habe ich etwas behalten. ;-)

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    1. In erster Linie verweist der Duden dabei aber auch auf die vorwiegend im Norddeutschen gelegentlich auffindbare Verwendung nur mit direktem Objekt. Das kann man dann als lokale Spracherscheinung ebenso durchgehen lassen, wie „Komm mal bei mich bei!“ :-)

      Dessen ungeachtet lässt der Duden mittlerweile viele Dinge zu, weil die Menschen so lange etwa falsch machen, bis dem Duden gar keine andere Möglichkeit übrig bleibt, sich dem anzupassen.

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        1. Ja, das ist Lektüre, die nicht zu jeder Zeit passt. Ich hatte danach auch das dringende Bedürfnis, jetzt aber mal unbedingt etwas Banales lesen zu wollen … :-)

          Falls Deine Entscheidungsfindung irgendwann abgeschlossen ist, kannst Du es mich ja vielleicht wissen lassen!?

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