„Der rote Judas“ von Thomas Ziebula

Buch: „Der rote Judas“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich (Rowohlt)

Ausgabe: Hardcover, 480 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis. Seine erste Krimi-Reihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu der Stadt Leipzig, die bis heute seine deutsche Lieblingsstadt ist. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig, Januar 1920. Der Polizist Paul Stainer kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Deutschland taumelt durch die Nachkriegswirren, nichts ist mehr so, wie es einmal war, und in viel zu vielen Nächten wird Stainer vom Grauen der Schützengräben eingeholt. Doch ein aufsehenerregender Fall zwingt den Kriminalinspektor, sich mit der Gegenwart zu befassen: In der Villa eines Fabrikanten werden mehrere Menschen erschossen. Alles sieht nach einem missglückten Einbruch aus, doch eine verängstigte Zeugin und ein Koffer voller Dokumente führen Stainer bald auf die Spur der „Operation Judas“, Männer, die über Leichen gehen, um ihre Verbrechen zu vertuschen. Was der Inspektor nicht ahnt: Die Mörder haben ihn längst ins Visier genommen und planen seinen Tod. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Wenn ich mir meine Lektüren der letzten und der nächsten Zeit so ansehe, dann scheint man daraus ableiten zu können, dass ich mich derzeit verstärkt für Bücher interessiere, die in den 20ern des letzten Jahrhunderts spielen.

Folgerichtig musste auch „Der rote Judas“ bei mir einziehen und hat einen ziemlich nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Nun bieten sich angesichts des Settings Vergleiche zu Volker Kutschers Büchern rund um seinen Protagonisten Gereon Rath sowie der daraus entstandenen Serie „Babylon Berlin“ an, die seit einigen Jahren gefühlt rauf und runter läuft, aber tatsächlich gerade erst in ihre dritte Staffel geht.

Tatsächlich hat das eine aber nichts mit dem anderen zu tun, was bereits beim Setting deutlich wird, denn Ziebula hat seine Handlung bereits in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts angelegt, tatsächlich genau im Jahr 1920, um mal präzise zu sein. Der Protagonist Paul Steiner kehrt, wie viele seiner ehemaligen Kameraden, erst jetzt aus französischer Gefangenschaft in die Heimat zurück. Er ist innerhalb weniger Jahre, obwohl erst gut um die 30, vollständig ergraut und leidet auch in anderer Hinsicht unter den Folgen des Krieges. Ihn plagen Gedächtnislücken und Albträume, die er versucht, mit Alkohol zu betäuben, was natürlich kontraproduktiv ist, und immer wieder gerät er in das, was man heute vielleicht „Flashbacks“ nennen würde, in denen er immer wieder erlebt, wie er bei der Ausführung eines Auftrags, bei dem der Großteil seiner Kameraden ums Leben kommt, eben auch beinahe zu Tode kam.

Und neben den politischen Ereignissen – von denen einige, wie das Ersuchen Frankreichs zur Auslieferung von Kriegsverbrechern, unter anderem Ludendorff und von Hindenburg, bei mir schon im Orkus des Vergessens verschwunden waren – dieser Zeit widmet sich der Autor insbesondere den Auswirkungen des Krieges auf die Menschen. Auf die Daheimgebliebenen, in erster Linie aber die Kriegheimkehrer. Phänomene wie die erstmals nach dem Krieg aufgetauchten „Kriegszitterer“ finden ebenso Erwähnung wie der oft frostige Empfang, den man den Kriegsheimkehrern in der Heimat bereitete. Wurde von staatlicher Seite der eine oder andere Zug aus Frankreich noch mit Glanz, Gloria und Blaskapelle begleitet, fanden die Soldaten bei der einfachen Bevölkerung wesentlich weniger Begeisterung oder auch nur Anteilnahme. Dabei gelingt es dem Autor, diese Hintergründe atmosphärisch so dicht zu beschreiben, dass die eigentliche Krimihandlung fast ein bisschen in den Hintergrund rückt.

Aber nur fast. Und nur ein bisschen. Denn auch der eigentliche Kriminalfall kann sich durchaus lesen lassen. Zwar liegt recht schnell auf der Hand, aus welcher Ecke die Menschen kommen, die da über Leichen gehen, wie es im Klappentext heißt, um Verbrechen zu vertuschen und ebenso ist klar, welcher Art die Verbrechen sind – zumindest ging es mir so -, das alles tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch, denn die Krimihandlung – auch wenn sie anfangs etwas Zeit benötigt, weil so einige Personen eingeführt werden, die man inhaltlich erst mal voreinander kriegen und miteinander in Beziehung setzen muss – bietet allein dadurch, dass sich Stainer mit einem wirklich großen Gegner anlegt, eine durchgehende Spannung und ein im Laufe der Geschichte auch zunehmendes Tempo.

Dass man dem Protagonisten so gerne durch diesen Krimi folgt, liegt aber nicht nur in Ziebulas zweifellos vorhandenem Erzähltalent oder der überzeugenden Geschichte begründet, sondern in erster Linie eben am Protagonisten selbst. Stainer erinnert im Ansatz an den Kriegsheimkehrer Beckmann aus Borcherts „Draußen vor der Tür“. Auch Stainer versucht, wieder in sein altes Leben zu finden, oder überhaupt in irgendeines, und nicht in allen Bereichen will ihm das gelingen, so hatte beispielsweise seine Frau, nach einer Reihe unbeantworteter Briefe, die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgegeben und ist mittlerweile anderweitig liiert. Halt findet Stainer in erster Linie in seiner Arbeit bei der Polizei, in die er, sehr zu seinem Erstaunen und rein aus Gründen des Personalmangels, nicht nur zurückkehren darf, nein, er wird auch noch umgehend befördert.

Aber so sehr Stainer auch Halt in seiner Tätigkeit findet, so sehr wird er doch auch immer von den Ereignissen eingeholt, die er im Krieg miterleben musste. Und es macht Spaß, die Entwicklung dieser Figur zu verfolgen, die sich lange Zeit nicht eingestehen will, wirklich ein Problem zu haben. Er mag nicht immer liebenswert und nicht immer freundlich sein, aber er wirkt immer authentisch. Und, verdammt, im Gegensatz zu all den frustrierten Ermittlern aus skandinavischen Krimis, hat Stainer wenigstens einen Grund, mies gelaunt zu sein!

Wer geschichts- und/oder krimibegeistert ist, macht jedenfalls mit „Der rote Judas“ absolut nichts verkehrt und ich persönlich freue mich schon auf den nächsten Teil mit Paul Stainer.

Ich danke dem Wunderlich Verlag bzw. Rowohlt für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um eine Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Eigentlich wäre erst „Der Fund“ von Bernhard Aichner dran, aber ob ich dem Drang widerstehen kann, nicht stattdessen meine erwartbare Begeisterung für den neuen Pascal-Mercier-Roman „Das Gewicht der Worte“ herauszuposaunen, wird man sehen …

 

7 Kommentare zu „„Der rote Judas“ von Thomas Ziebula

    1. Ich gebe zu bedenken, dass sich der Vergleich in erster Linie auf die Thematik und, in Grundzügen, auf den Protagonisten bezieht, deswegen schrieb ich ja „in Ansätzen“, ich bitte da also keine falschen Schlüsse zu ziehen. Das eine ist ein Drama, und ja, unbeschreiblich trifft es, das andere ist ein Krimi. Beide wollen also schon in ihren Grundzügen etwas unterschiedliches. Aber sofern Dir bei Borchert die Thematik gefällt, wäre ich mal vorsichtig optimistisch … ;-)

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