„Die Wälder“ von Melanie Raabe

Buch: „Die Wälder“

Autorin: Melanie Raabe

Verlag: btb

Ausgabe: Paperback

Die Autorin: Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin – und schrieb nachts heimlich Bücher. 2015 erschien „Die Falle“, 2016 folgte „Die Wahrheit“, 2018 dann „Der Schatten“. Ihre Romane werden in über 20 Ländern veröffentlicht, mehrere Verfilmungen sind in Arbeit. Melanie Raabe betreibt zudem gemeinsam mit der Künstlerin Laura Kampf einen erfolgreichen wöchentlichen Podcast rund um das Thema Kreativität, „Raabe & Kampf“. Melanie Raabe lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Random House)

Das Buch: Als Nina die Nachricht erhält, dass Tim, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet gestorben ist, bricht eine Welt für sie zusammen. Vor allem, als sie erfährt, dass er sie noch kurz vor seinem Tod fast manisch versucht hat, zu erreichen. Und sie ist nicht die Einzige, bei der er sich gemeldet hat. Tim hat ihr nicht nur eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen, sondern auch einen Auftrag: Sie soll seine Schwester finden, die in den schier endlosen Wäldern verschwunden ist, die das Dorf, in dem sie alle aufgewachsen sind, umgeben. Doch will Nina das wirklich? In das Dorf und die Wälder zurückkehren, die sie nie wieder betreten wollte … (Quelle: Random House)

Fazit: Es ist nun schon über drei Jahre her, seit ich Melanie Raabes Debüt „Die Falle“ gelesen habe und nachhaltig beeindruckt war. Die kammerspielartige, psychologische Spannung des Romans ist mir ebenso nachhaltig im Gedächtnis geblieben wie die mehr als überzeugende Darstellung einer vielschichtigen und manchmal nicht ganz rund laufenden Hauptfigur.

Derlei mit Vorkenntnissen ausgestattet, fühlte ich mich ausreichend gerüstet, um mich nach langer Zeit erneut auf ein weiteres Buch von Melanie Raabe einzulassen. Schade nur, dass mich selbiges eher enttäuscht zurücklasst. Aber beginnen wir mal der Reihe nach.

Wir haben also Nina, deren bester Freund Tim verstorben ist und sie mittels einer vor seinem Ableben verschickten Sprachnachricht sowie eines Briefes auffordert, sich auf die Suche nach seiner vor 20 Jahre verschwundenen Schwester Gloria zu machen.

In der Folge wechselt die Autorin beständig zwischen zwei Handlungssträngen. In der Gegenwart wird geschildert, wie Nina sich mit dem Polizisten David in Verbindung setzt – einem weiteren Freund aus Kindertagen -, um ihn davon zu überzeugen, gemeinsam Tims letzten Wunsch zu erfüllen und wie beide dann zusammen versuchen, den Geschehnissen von damals auf den Grund zu gehen.

Der zweite Handlungsstrang widmet sich den damaligen Ereignissen, dem Verschwinden von Gloria und erläutern, warum Nina und David so große Vorbehalte haben, sich wieder in das tief in den Wäldern abgelegene Dorf ihrer Kindheit zu wagen.

Die Schwierigkeiten beginnen dabei für mich schon beim Setting, das ich Frau Raabe in der vorliegenden Form so einfach nicht abnehme: Nina organisiert eine Mitfahrgelegenheit, um in ihr weit abgelegenes Dorf zu kommen. Und das muss wirklich,  wirklich abgelegen sein … Nicht, dass es nicht auch hier in der Gegend entferntere in Wäldern gelegene Ortschaften gäbe, aber wenn erwähnt wird, dass Ninas Plan unter anderem vorsieht, auf ihrem Weg in dieses in den Wäldern gelegene Dorf an Kilometer 158 nach der letzten Autobahntankstelle auf bestimmte Art aktiv zu werden, die an dieser Stelle nicht weiter interessiert, dann frage ich mich: Ernsthaft? Es gibt keine Autobahntankstelle, die am Zielort näher als 158 Kilometer dran ist? Kann man hierzulande überhaupt 158 Kilometer am Stück in eine beliebige Richtung fahren, ohne an einer Autobahn bzw. Autobahntankstelle vorbeizukommen?

Darüber hinaus ist es für Ninas Plan von elementarer Wichtigkeit, dass sie den Kilometer 158 ihrer Strecke nicht verpasst. Trotzdem schätzt sie einige Zeit nach Beginn der Fahrt notgedrungen, wie viele Kilometer sie denn nun wohl schon zurückgelegt haben, um dann zu rechnen, wie viele der 158 Kilometer noch vor ihr liegen. Sie muss schon sehr gut schätzen können, eine Fehlertoleranz ist zur Umsetzung ihres Plans nämlich nicht drin.

Es geht mit Ninas Fahrgelegenheit weiter: Es stellt sich heraus, dass der Fahrer – aus Gründen, die nicht näher genannt werden, das ist also einfach so – in regelmäßigen Abständen in „die Stadt“ fährt, in der Nina wohnt und mit dem sie aus genau diesem Grund mitfährt. Genaue Ortsnamen gibt Frau Raabe übrigens wohlweislich nicht an. Warum der Fahrer nun genau in diese Stadt fährt, die, wie wir ja nun wissen, mehr als 158 Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt liegen muss und ob es da nicht eine gäbe, die vielleicht näher liegt, in der er auch seinem Tun, welches auch immer das ist, nachgehen kann, all das wissen wir nicht. Ich persönlich hätte es gerne erfahren …

Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass es im kleinen Dorf eine Bäckerei gegenüber des Rathauses gibt und mich ob dieses Umstands frage, warum denn dieses winzige Dorf ein Rathaus hat, weil Rathäuser meines Erachtens nur in Städten beheimatet sind, fallen da dann auch nicht mehr nennenswert ins Gewicht.

Auch in stilistischer Hinsicht konnte mich Frau Raabe diesmal nicht überzeugen, gerade wenn man weiß, zu welch guten Leistungen sie in diesem Bereich fähig ist. Zwar ist der bewährte Aufbau mit zwei Handlungssträngen nicht zu bemängeln und darüber hinaus enthält das Buch eine klug eingearbeitete Schlüsselszene, die man als Wendepunkt in der Motivation der Figuren begreifen kann, aber spachlich und gerade im Bereich der Dialoge wäre noch viel Luft nach oben gewesen. Gut, es mag sein, dass ich dialogtechnisch nach wie vor Star-Wars-geschädigt bin und deshalb besonders gut darauf achte, aber insbesondere der Dialog zwischen Nina und David, in dem sie ihn davon zu überzeugen versucht, dass sie Tims Bitten zur Suche nach dessen Schwester nachkommen sollen, ist an Kitsch, Pathos und Gemeinplätzen schwer zu überbieten. Die Dialoge der Jugendlichen im in der Vergangenheit spielenden Handlungsstrang sind dabei deutlich besser, weil lebensnäher, gelungen. In Summe allerdings bleibt, wie gesagt, viel Luft nach oben.

Das gilt nun leider, wenn auch in abgeschwächtem Maße, auch für die Charaktere. Ja, sie werden mit einer Hintergrundgeschichte versehen, diese beschränkt sich aber ausschließlich darauf, zu erläutern, was Nina, David und Co. in ihrer Kindheit im Dorf passiert ist, um daraus ihre Motivation fürs heutige Handeln abzuleiten. Ich hätte da durchaus gerne ein wenig mehr gehabt. Außerdem kann man insbesondere Ninas Handeln phasenweise durchaus als wenig nachvollziehbar bezeichnen. Merke: Nur weil ich mir in einer Gemeinschaft aus 11-Jährigen mal geschworen habe, jemanden umzubringen, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Jemand ein böser Mensch ist und böse Dinge getan hat, taugt das nicht als eine Motivation für Erwachsene, genau diesen Plan mit der Argumentation „Aber wir haben es geschworen!“ durchzusetzen, weil man eben nunmehr erwachsen sein sollte und in der Lage, eine gute Idee von einer dummen, strafbaren zu unterscheiden.

Der Plot selbst wartet, abseits des oben erwähnten guten Wendepunktes mit vergleichsweise wenig Überraschungen auf, es mag aber sein, dass ich diesen Kritikpunkt exklusiv hatte. Er wirkt insgesamt, angesicht der ebenfalls oben erwähnten Schwierigkeiten mit dem Setting, teils arg konstruiert und kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen.

Insgesamt finde ich es durchaus schade, dass ich über „Die Wälder“ nichts Besseres sagen kann, insbesondere da mit „Die Falle“ so gefallen (ha!) hat, aber manchmal soll es halt nicht sein. Vielleicht probiere ich es mal mit einem von Raabes anderen Büchern …

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 6 von 10 Punkten

Atmosphäre: 2,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Claire Adam und ihr „Goldkind“ mussten sich jetzt eine Weile gedulden, da sich Frau Raabe dazwischengeschummelt hat, als nächstes sollte dann aber wirklich „Goldkind“ dran sein.

7 Kommentare zu „„Die Wälder“ von Melanie Raabe

  1. Ich kann Dir versichern, daß man mit elf Jahren die Alkoholsucht seiner Mutter durchaus als solche erkennen kann. Es nützt nix, weil man’s eh nicht ändern kann, aber selbst als ziemlich naive Elfjährige war ich mir darüber im Klaren.

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    1. Ich habe die Erfahrung glücklicherweise nie machen müssen, aber ich bin mir ebenfalls sicher, dass ich das als Elfjähriger begriffen hätte. Insofern finde ich die Art und Weise, wie das thematisiert wurde beschönigend bis peinlich.

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  2. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Gruppe erwachsener Kindheitsfreunde, die sich allesamt als gescheitert ansehen und dieses Scheitern einer bestimmten Person und nicht geahndeten Verbrechen als ursächlich/schuldhaft zuordnen, eine solche Tat ausführen könnten. In der zugegeben naiven und unlogischen Hoffnung, damit die eigene Vergangenheit zu verändern. Isoliertes Zusammentreffen verschworener Einheiten nach vielen Jahren können durchaus dazu führen, dass man in den damaligen Erkenntniszustand zurückfällt. So wie manche Erwachsene bei Elternbesuchen wieder zu dem Kind werden, das sich völlig unangemessen gegen empfundene Angriffe wehrt. Ich kenne das Buch nicht und bin demnach unwissend, ob eine solche Herleitung auch nur andeutungsweise beschrieben wird.

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    1. Wenn man von der Grundannahme gescheiterter Existenzen ausgeht, ergäbe das möglicherweise Sinn, im vorliegenden Fall haben wir aber eine Ärztin, einen erfolgreichen Fotografen, einen Polizisten und einen … ich habs vergessen … jedenfalls, in Summe haben wir durchaus Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und die den Ereignissen von damals nicht mehr als nur unbedingt nötigen Platz in ihrem Leben zugestehen. Bis sie halt mit TIms Tod konfrontiert werden, und lange verdrängte Dinge wieder auftauchen. Trotzdem kann ich dann von erwachsenen Menschen erwarten, die Dinge rationaler zu betrachten, als sie es letztlich tun.

      Insgesamt ist es halt schade, dass vieles hinsichtlich der Charaktere nur so angerissen wird. So ist Tims Mutter depressions- und alkoholkrank, und auch Tim entwickelt später eine Drogensucht. Und sein Vater, der sich zeitigst aus dem Staub machte, ist ein farbiger US-Soldat, weswegen sich Tim auch in seiner Jugend mit Rassismus konfrontiert sieht. Statt hier nun in die Tiefe zu gehen, möchte mir die Autorin weismachen, dass der elfjährige Tim weder die Alkoholsucht seiner Mutter noch den Rassismus seines Umfeldes so wirklich als das begreift, was es ist. Die rassistischen Äußerungen versteht er auf der Sachebene nicht und seine Mutter ist halt „irgendwie krank“. Hier wird eine Menge Potential verschenkt, weil es eben nicht in die Tiefe geht. Derartige Dinge einbauen, einfach, damit sie da sind, empfinde ich als nicht sonderlich glücklich.

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