„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart

Buch: „Willkommen in Lake Success“

Autor: Gary Shteyngart

Verlag: Penguin Verlag

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Er legte 2002 mit »Handbuch für den russischen Debütanten« seinen Erstling vor, ein New-York-Times-Bestseller, der u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction geehrt wurde. Es folgten die vielfach ausgezeichneten Erfolgsromane »Absurdistan« und »Super Sad True Love Story« sowie zuletzt sein autobiografisches Buch »Kleiner Versager«. »Willkommen in Lake Success« ist der vierte Roman des New Yorker Kultautors, er wurde mehrfach zu einem der besten Bücher des Jahres 2018 gekürt und wird von HBO als Serie mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt. (Quelle: Random House)

Das Buch: Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann? (Quelle: Penguin)

Fazit: Werden Männer mit einem großen Problem konfrontiert, so handeln sie meiner Erfahrung nach zur Lösung dieses Problems auf eine von drei unterschiedlichen Arten: Die einen gehen kurz weg, ziehen sich sozusagen in ihre sinnbildliche Höhle mit sich selbst zurück, denken intensiv über das Problem nach und kommen kurz darauf mit der aus ihrer Sicht besten Lösung zurück. Die nächsten gehen weg, kommen irgendwann wieder und hoffen, dass sich das Problem in der Zwischenzeit von selbst erledigt hat oder aber von anderen gelöst wurde. Und die letzten gehen einfach weg. Punkt.

Gary Shteyngarts Protagonist Barry Cohen gehört eindeutig zur letzten Gruppe.

Cohen ist Hedgefondsmanager, schwer reich, irgendwo so im oberen zwei- bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich und verheiratet mit der umwerfend schönen und deutlich jüngeren Seema. Dass sich beide eigentlich nicht mehr lieben, das könnte Barry wohl noch verschmerzen. Aber da wäre ja noch Shiva, Seemas und Barrys Sohn. Shiva ist Autist. Und damit wiederum kann Barry so gar nichts anfangen. Und da ihm praktischerweise sowieso gerade das FBI bzw. die Steuerfahnung im Nacken sitzt, macht sich Barry aus dem Staub. Er besteigt einen Greyhound-Bus und fährt quer durch die Vereinigten Staaten auf der Suche nach seiner Jugendliebe, um mit ihr ein Leben zu leben, das ihm bislang verwehrt blieb.

Hach, was könnte ich alles über diesen wunderbaren Roman schreiben. Ich versuche dennoch, mich mal auf das minimal Notwendige zu beschränken, das dürfte schon genug sein …

Shteyngart lässt seinen Roman hauptsächlich im letzen Vor-Trump-Sommer spielen. Dabei werden die Ereignisse kapitelweise abwechselnd aus Barrys und Seemas Sicht erzählt. Vor dem Hintergrund dieses Handlungsrahmens ist „Willkommen in Lake Success“ nicht nur die Schilderung einer Reise, sondern immer auch der Versuch, sich dem Phänomen Trump und der Denkweise seiner Wählerschaft zu nähern, auch wenn dieser Aspekt des Romans sich wohltuend im Hintergrund abspielt.

Und die Skurrilitäten, mit denen Barry sich auf seiner Reise konfrontiert sieht, beispielsweise, als er mit dem Gedanken spielt, das „Geschäft“ eines jungen Drogendealers auf Vordermann zu bringen und so etwas wie dessen Mentor zu werden – dieses Motiv des verhinderten Mentors findet sich im Laufe des Romans immer wieder -, diese Skurrilitäten zu lesen, macht großen Spaß. Mit oft witzig-ironischem Ton begleitet Shteyngart seinen Protagonisten von der traurigen Gestalt und stellt ihn genau als die Wurst dar, die er auch ist, aber dazu später. Eben dieser Ton ist es auch, der maßgeblich dazu beiträgt, „Willkommen in Lake Success“ zu einem locker-flockigen Leseerlebnis zu machen, auch wenn die Geschichte selbst phasenweise alles andere als locker-flockig ist.

Ob man mit diesem Roman seine Freude haben kann oder nicht, hängt meiner Meinung nach primär davon ab, inwiefern man bei der Lektüre seinen Wunsch beherrschen kann, Barry Cohen den Hals umzudrehen, ob  man in der Lage ist, sich von diesem, mit Verlaub, Arschloch nicht das Buch versauen zu lassen.

Für seinen Protagonisten hat der Autor harmlose Anleihen bei sich selbst gemacht, in Form eines ähnlich klingenden Vornamens, der jüdischen Herkunft und der ausufernden Leidenschaft für teure Armbanduhren, angeblich besitzt Shteyngart selbst eine ganze Sammlung davon. Nun, wems gefällt …

Ansonsten besteht Barry Cohen aus in etwa drei realen Vorlagen, Hedgefondsmanager, mit denen der Autor zum Zwecke der Recherche seine Zeit verbracht hat bzw. verbringen musste. In Summe kommt dabei ein veritabler Kotzbrocken heraus. Auffallend dabei ist die Diskrepanz zwischen Cohens Eigenwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung durch andere. Tatsächlich hält er sich für einen guten Menschen, hat viele „gute“ Ideen, wie man unterprivilegierten Menschen weiterhelfen kann, so beispielsweise, indem man „Milliardärssammelkarten“ für arme Kinder herausbringt, um vorzugsweise schwarze Jugendliche in der Schule anzuspornen, es genau so weit zu bringen …

Darüber hinaus ist Cohen, wen wundert es, begeisterter Anhänger des (nicht funktionierenden) trickle-down-Effektes, sieht eigentlich keine Notwendigkeit Steuern zu bezahlen – mutmaßlich, weil ihm nicht klar ist, was davon eigentlich so bezahlt werden muss – und hält alles unterhalb von utopischem Wirtschaftsliberalismus für Sozialismus.

Das alles wäre ja noch gar kein Problem und man könnte diese Verhaltensweisen seinem Umfeld und seiner Herkunft zuschreiben. Da wäre aber ja noch das „Problem“ Shiva. Sein Sohn, den Shteyngart selbst an einer Stelle als „nicht funktionierendes“ Kind bezeichnet, so als rede er da von einer seiner Armbanduhren. Und den er, da er nicht im Geringsten weiß, wie er mit ihm umgehen soll, einfach verlässt.

Und lange Zeit ist Seema, Shivas Mutter, Barry Frau, nicht besser. So behalten sie Shivas Autismus in einer Art „Was-sollen-die-Nachbarn-denken?“-Reaktion für sich, nennen das Kind – also, den Autismus, nicht Shiva selbst – nicht einmal beim Namen, sondern sagen immer nur dass der Junge „im Spektrum“ liegt. Diese Art des Umgangs mit Shivas Einschränkung war der Part des Buches, der mit am meisten zugesetzt hat. Dabei versteht es Shteyngart, sich mit dem Thema Autismus nicht oberflächlich „weil halt“ auseinanderzusetzten, sondern geht hier durchaus in die Tiefe.

Es ist eine Sache, dass Barry nicht genau weiß, wie er mit Shiva umgehen soll. Es ist aber eine ganz andere, dass er es gar nicht erst versucht! Das alleine macht ihn neben all seinen sonstigen Unzulänglichkeiten schon zu einem Drecksack, wie man ihm nur selten begegnet. Und zu einer ganz großartigen Hauptfigur, denn Barry ist wirklich richtig gut gelungen! Nur mögen kann man ihn halt nicht.

Aber den Roman insgesamt, den kann man mögen. Muss man wahrscheinlich sogar. Von mir gibt es daher eine ganz klare Leseempfehlung.

Ich danke dem Penguin Verlag und dem Bloggerportal für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Goldkind“ von Claire Adam.

 

 

9 Kommentare zu „„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart

  1. Oha, eine Geschichte von einem sich selbst überschätzenden Gutmenschen … ob ich wirklich die Größe hätte das zu tolerieren ohne, wie du ja angesprochen hast, wutentbrannt das Buch in die Ecke zu feuern, weil mir Ignoranz generell auf das Skrotum zu gehen neigt … hmm, ich bin unschlüssig ;-)

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    1. „Sich selbst überschätzenden Gutmenschen“ trifft es nur teilweise, weil Cohen nicht mit dem Anspruch durch die Welt geht, selbige und die in ihr lebenden Menschen alle zu retten, aber er hat halt durchaus selbstüberschätzende Anwandlungen, in denen er aber der Fehleinschätzung unterliegt, dass seine Art zu leben eine wirklich erstrebenswerte ist, die er auch anderen ermöglichen möchte.

      Insgesamt ist Barry Cohen aber eine außerordentlich spannende Hauptfigur, eine, die mir in dieser Form lange nicht begegnet ist, eine, die über sich selbst sinngemäß sagt: „Ich bin gemäßigter Republikaner. Mein Vater war gemäßigter Rassist.“ :-)

      Und sind wir mal ehrlich: Man wird hierzulande doch fast täglich mit den geistigen Unzulänglichkeiten real existierender Menschen (oftmals vom äußeren rechten Rand) gequält, da kann man die geistigen Unzulänglichkeiten einer fiktiven Figur doch auch ertragen … :-)

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      1. Und genau das ist ja das Problem, und eine etwas anders gelagerte Definition des Gutmenschen. Es soll ja Leute geben, die in ihrer Welt meinen etwas ungemein Gutes zu tun. Was nur leider keinem nützt, sie es aber als aufopferungsvoller Akt der Menschlichkeit ihrerseits sehen und sich vor den Kopf gestossen und nicht verstanden fühlen. Andere Einschätzungen halt…

        Und klar, genau das macht es absolut spannend, da bin ich sicher. Und wer genau das reale Vorbild wird Berry war wollen wir hier nur raten :-)

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    1. Du hast in El Paso geheiratet? Warum, um alles in der Welt, hast Du in El Paso geheiratet? Wie kommt man überhaupt hin nach El Paso, außer mit dem Greyhound? Und was macht man da, außer heiraten? ;-)

      Scherz beiseite: Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Dir das Buch gefallen dürfte. Vielleicht ist das aber auch eines jener Bücher, deren Erfolg beim Leser von der Tagesform des Lesenden abhängt, ich bin mir unschlüssig …

      Dessen ungeachtet: Sonst so?

      Gefällt 3 Personen

      1. Warum in aller Welt sollte man nicht in ElPaso heiraten? In Las Vegas kann schließlich jeder🤣 lange Geschichte…. Kurzfassung: Der Schwager war dort stationiert und wir zu Besuch….
        Davon abgesehen hat ElPaso tatsächlich auch einen Flughafen….

        Tagesformabhängig – dann warte ich mal lieber noch ein wenig🙂🙃

        Sonst so: tja, eigentlich gut, und eigentlich auch gut, wenn mir nicht aufgefallen wäre, dass ich immer noch nicht im Lotto gewonnen habe. Das schmälert aus Gründen aktuell mein Wohlbefinden. Ansonsten plane ich und mache mich hier etwas rar (falls du es gelesen haben solltest).

        Und selbst so?

        Gefällt 2 Personen

        1. Nun, ich hatte da spontan folgende Szene vor Augen: Du und Du Dein Mann kreisen mit dem Finger über einen Atlas-Index, tippen blind irgendwo drauf und dann sagt ihr beide begeistert: „Hm, El Paso – na gut, dann eben El Paso.“ ;-)

          Hätte ja auch sein können, dass es ein El Paso bei Bonn gibt, hier ganz in der Nähe gibt es schließlich auch ein Texas! Hat kanpp über 400 Einwohner …

          Tja, das mit dem fehlenden Lottogewinn kenne ich auch. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht jeden Tag die Anzahl der Menschen größer werden würde, die Geld von einem wollen, was!?

          Dass Du Dich rar machst, habe ich mitbekommen, angemessen bedauert und dann für richtig empfunden. Für schade, aber richtig.

          Selbst so? Wie ich vorhin sinngemäß schrieb: Vor dem Hintergrund, dass letztes Jahr zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vollkatastrophe war – in erster Linie in gesundheitlicher Hinsicht -, klopfe ich mal zaghaft auf Holz und bin auf unterem Niveau zufrieden …

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          1. Tja, und Anbetracht der Tatsache, dass es auch ein paar Orte namens Bonn auf der großen weiten Welt gibt, hätte das mit El Paso natürlich auch so sein können😁 aber nein…. es begab sich in dem Lan zu einer Zeit, in der noch keine böse kleine Jungs mit hässlichen Perücken Präsident werden konnten…..

            Dann klopfe ich mal weiter mit dir auf Holz und bin weiter optimistisch und mit dir zufrieden😊

            Gefällt 1 Person

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