„Zeit der Mörder“ von Ulf Torreck

Buch: „Zeit der Mörder“

Autor: Ulf Torreck

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 576 Seiten

Der Autor: Ulf Torreck, geboren 1972 in Leipzig, arbeitete bereits früh als Barmann, später als Journalist und Filmkritiker. Nach längeren Aufenthalten in Südostasien, Frankreich, Irland und Großbritannien begann er, Novellen und Romane zu schreiben. Seit April 2011 veröffentlichte Ulf Torreck unter dem Pseudonym David Gray fünfzehn Thriller und Kriminalromane, die regelmäßig Spitzenpositionen in den E-Book-Charts erreichten. Für seine historischen Thriller »Das Fest der Finsternis« (ebenfalls bei Heyne erschienen) und »Zeit der Mörder« recherchierte Torreck mehrere Jahre lang und befasste sich intensiv mit den dunklen Seiten des Menschen. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Oktober 1947. In einem kleinen irischen Dorf erschießt der Maler Claas Straatmann einen Fremden, der in sein Haus eingebrochen ist. Alles deutet auf Notwehr hin. Doch die Aussage, die Straatmann bei dem jungen Inspector Lynch macht, führt zurück in eine dunkle Zeit. In Wahrheit heißt der vermeintliche Maler nämlich Carl von Maug und war während der deutschen Besetzung von Paris damit beauftragt, den furchtbarsten Serienkiller Frankreichs zu jagen. Die Geschichte, die er erzählt, reißt den Inspector in einen Strudel aus Hass und Gewalt. Doch Lynch kommt der Verdacht, dass Straatmann lügt… (Quelle: Heyne)

Fazit: Zugegeben, wenn im Klappentext eines Buches die Begriffe „Serienmörder“, „Hass“ und „Gewalt“ enthalten sind, ist absehbar, dass essentielle Bestandteile des Buches nun nicht gerade darin bestehen, dass die Protagonisten Pompons fuchtelnd gemeinsam „Do you hear the people sing“ aus „Les Misérables“ singen. Damit, dass „Zeit der Mörder“ phasenweise dann aber doch ziemlich harter Stoff ist, hätte ich allerdings dennoch nicht gerechnet, denn sonst hätte ich, das gebe ich gerne zu, von Anfang an wahrscheinlich von der Lektüre abgesehen. Warum Torrecks Roman dennoch ein sehr lesenswertes Buch ist, versuche ich im Folgenden nun mal zu erläutern.

Torreck teilt seinen Roman in zwei Handlungsstränge, die in zwei unterschiedlichen Zeitebenen spielen. Während im Irland des Jahres 1947 die Ermittlungen bzw. das Verhör vom Maler Claas Straatmann geschildert werden, wendet sich der zweite Handlungsstrang im Jahr 1943 in Frankreich den Ereignissen zu, die letztendlich zur Erschießung des Einbrechers 1947 geführt haben.

Im Mittelpunkt steht in beiden Handlungsebenen eben jener Claas Straatmann, bei dem es sich eigentlich um Carl von Maug handelt, einen Obersturmbannführer, der als Nachfolger des wegen Bestechlichkeitsvorwürfen abberufenen Kurt Lischka nach Paris versetzt wird, um dort unter anderem die Arbeit zwischen deutschen und französischen Polizeibehörden zu koordinieren.

Dabei geht von Maug seiner Tätigkeit nur semi-begeistert nach, denn er möchte, vor dem Hintergrund der Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs und in völliger Gewissheit, dass Deutschland diesen verlieren wird, vor allem eines: sich zu Tode trinken, um nicht unbedingt miterleben zu müssen, was nach der Niederlage Deutschlands so kommt. Diesem Vorhaben wiederum kommt von Maug allerdings vollständig begeistert nach.

Das ändert sich erst, als deutlich wird, dass in Paris wohl ein Serienmörder umgeht, dem man tunlichst das Handwerk legen sollte, denn der französische Widerstand könnte diesen Umstand ausnutzen, um die Bevölkerung gegen die Besatzer aufzubringen, da diese eben augenscheinlich nicht mal imstande sind, die Bevölkerung vor einem solchen Widerling zu beschützen.

Also macht sich von Maug mit Unterstützung seines Adjutanten Heiliger sowie dem französischen Ermittler Perreau ans Werk …

Torrecks Stärke liegt in erster Linie in der Stimmung, die sein Roman erzeugt. Es gelingt ihm mittels eines eher reduzierten, sachlichen Stils eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, die der Roman über seine gesamte Länge halten kann und die dazu führte, dass vor meinem inneren Auge seltsamerweise immer eine Art Schwarz-Weiß-Film ablief.

Der reduziert-sachliche Ton erstreckt sich auch auf die Charaktere des Romans. Torreck zeichnet keine komplizierten Psychogramme – das passiert tatsächlich nur im Hinblick auf die Frage nach der Urheberschaft der Mordserie -, aber seine Charaktere wirken stimmig und lebendig. Der einzige kleine Kritikpunkt, den ich hierbei anbringen möchte, liegt in der Person des Protagonisten Carl von Maug. Jener von Maug ist, ich erwähnte es, stark alkoholsüchtig. Irgendwann jedoch beschließt er, die Sauferei sein zu lassen. Löblich! Nur gelingt ihm das verdächtig einfach. Vor dem Hintergrund der sonstigen Atmosphäre wäre es viel passender gewesen, die mit dem Entzug verbundenen Schwierigkeiten stärker in den Vordergrund zu stellen. Das ist aber letztlich Jammern auf hohem Niveau.

Die Geschichte bezieht ihre Spannung zu großen Teilen aus der Frage, was man aus den Einlassungen des Carl von Maug nun glauben kann und was nicht. Vor dem Hintergrund entwickelt sich eine spannende Mörderjagd, bei der man als Leser nie so ganz sicher sein kann, ob das alles nun tatsächlich so stattgefunden hat, wie von Maug das behauptet. Eine Mörderjagd übrigens, bei der ich natürlich auch mitgeraten und auf die wirklich größtmögliche Art danebengelegen habe … Nicht, dass das neu wäre, aber so daneben lag ich selten.

Lediglich habe also eigentlich nur den eingangs erwähnten Gewaltgrad zu kritisieren. Ich muss nicht unbedingt in allem Detailreichtum lesen, wie ein Mörder seine Opfer zu bizarren Bildkompositionen drapiert. Oder wie er einzelne Körperteile seiner Opfer zu aussagekräftigen Formen und Bildern anordnet bzw. zusammenfügt. Für mich ist das einfach eine Nummer obendrüber und die Handlung hätte auch gut funktioniert, wenn man das etwas weniger plastisch geschildert hätte. Das ist allerdings mein persönliches Problem, weil ich eben Gewaltdarstellung in Büchern, bei der ich das Gefühl habe, dass sie eben um ihrer selbst Willen eingearbeitet ist, nicht sonderlich mag.

Wer damit kein Problem hat, bekommt einen spannenden Roman mit einem Handlungsrahmen, der vergleichsweise unverbraucht ist.

Ich bedanke mich beim Heyne Verlag sowie dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplares. Dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere 7 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Könige der Finsternis“ von Nicholas Eames ooooder aber „Scherben der Ahnen“ von Stephan Linnenbank. Je nachdem, welches von beiden ich eher durchgelesen habe, wird es also so oder so auf Fantasy hinauslaufen.

3 Kommentare zu „„Zeit der Mörder“ von Ulf Torreck

    1. Das war ja einfach … ;-) Ich hatte übrigens erst „One day more“ im Text, dann „Master of the house“ und mich letztlich für „Do you hear the people sing“ entschieden. ;-) Hach ja, schönes Musical!

      Gefällt 1 Person

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