abc.Etüden KW 47/48 V

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

zugegeben, als die Wortspende von Red Skies over Paradise kam, hätte ich nicht gedacht, dass diese zu fünf Etüden führt – Etüden, die übrigens, wie immer, von Christiane geleitet werden -, denn …, also, mal ehrlich: „Unbehaustheit“!? :-) Aber nun isses halt so, deswegen folgt nun die mutmaßlich vorerst letzte Etüde.

 

„Na, Du schüttelst mit dem Kopf? Bist Du einfach nur schwermütig oder regt Dich etwas auf!?“

„Letzteres …“

„Nämlich?“

„Na, das hier: In Hannover hat eine Wohnungsgenossenschaft …“

„Oh, wir haben wieder das Thema Unbehaustheit?“

„Nein, lass mich ausreden. Also, da hat eine Wohnungsgenossenschaft die Fenster zweier homosexueller Mieter pink anstreichen lassen …“

„WHAT!? Ist doch nicht …“

„Japp. Die beiden sind ein Paar, durften aber schon beim Einzug 2008 den Mietvertrag nicht gemeinsam unterschreiben, es musste mit einem der beiden offiziell eine Untervermietung – inklusive der entsprechenden Zuschläge – vereinbart werden.“

„Alter, das kann nicht Dein …“

„Warte, kommt noch besser. Also, die Genossenschaft wollte nun im Rahmen einer Modernisierung an allen ihren Gebäuden in der Gegend die Fenster austauschen lassen. Nur diese beiden haben sich dagegen gewehrt.“

„Aha. Und dann?“

„Na ja, dann … hat die Wohnungsgenossenschaft deren Fensterrahmen pink streichen lassen.“

„Unfassbar!“

„Japp, ebenso wie Äußerungen der Genossenschaft: Dass die beiden homosexuell seien, habe man erst im Rahmen des Gerichtsverfahrens erfahren.“

„Die wohnen seit 2008 da? So gut kennen Vermieter heute ihre Mieter …“

„Japp. Und außerdem seien die Fenster nicht pink, sondern erdbeerfarben …“

„Und, sind sie!?“

„Ich wills mal so sagen: Das ist die pinkfarbenste Erdbeerfarbe, die ich je gesehen habe …“

„Was ´ne Unverschämtheit! Was haschen die denn in dem Laden?“

„Ich hab keine Ahnung.“

„Und, wie ging die Sache aus?“

„Na, beide haben vor Gericht im Rahmen eines Vergleichs 1.000 Euro bekommen, ausdrücklich auch für die von ihnen empfundene Diskriminierung.“

„Na, wenigstens das.“

„Trotzdem. Muss an der Gegend liegen: Die angrenzende Landeskirche kann sich bis heute nicht dazu durchringen, die Ehe für alle auch im Rahmen einer gewöhnlichen Trauung durchzusetzen, sondern mittels einer „nicht-öffentlichen Segnung“.“

„Ha, dann heißt es zur Silberhochzeit: „Kannst Du Dich noch erinnern? Damals? Nur Du, ich und der Pastor …““

„Tja, ich schätze, in einigen Bereichen haben wir noch einen langen Weg vor uns … “

 

300 Worte.

16 Kommentare zu „abc.Etüden KW 47/48 V

  1. Was zur…? Das hat ja nicht einer alleine entschieden. Da muss es also mehrere Leute geben, die dachten, dass das eine gute Idee ist. Na gut, „gedacht“…vielleicht unterstelle ich da auch zu viel.
    Grüße, Katharina

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  2. Rückständige Denkstrukturen sind eben durch Gesetze nicht einfach veränderbar. Ich kann solche Gemeinheiten nicht nachvollziehen. Eigentlich dieses ganze Denken nicht. Aber diskreditieren als Mittel der Manipulation hat ja Saison.
    Bei meinem Einsiedlersohn wusste ich lange gar nicht, ob er sich zu Frauen oder zu Männern hingezogen fühlt, es war für mich völlig unwichtig.
    Eine ähnliche Erfahrung hab ich auch mal gemacht. Zu jener Zeit wurde Abwertung noch in Worten ausgedrückt: Nach der Trennung von meinem ersten Mann bin ich mit meiner Cousine und deren Tochter zusammengezogen, also zwei Frauen und sechs Kinder. Danach hörte ein Freund auf der Gemeinde im Publikumsverkehr, wie der Mensch vom Einwohnermeldeamt zu einem verzeifelt Wohnungssuchenden sagte, er solle es doch mal in dem „Frauenhaus da oben“ versuchen. Die würden ihn sicher nehmen.
    Wir haben noch am selben Abend eine rote Laterne vor die Haustür gehängt und wir hatten eine kleine Aussprache auf dem Amt – auch im Publikumsverkehr.

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    1. Ich würde mich nicht so weit aus dem Fenster (Wortspiel beabsichtigt) lehnen, den Verantwortlichen „Denkstrukturen“ zu unterstellen, mit Denken hat das nicht mehr viel zu tun. ;-)

      Abwertung wird in neuerer Zeit auch wieder verstärkt in Worten ausgedrückt, so hat es das Wort „behindert“ wieder in beleidigendem Kontext auf Deutschlands Schulhöfe und in den Sprachgebrauch von Teilen einer ganzen Generation geschafft. Ich finde das bedenklich.

      Die Reaktion mit der roten Laterne finde ich übrigens ganz großartig, das zeugt von einer Art fatalistisch-stoischem Humor! :-)

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      1. Ich habe bei diesem Wort auch nicht an denken gedacht, es fiel mir nur kein besseres ein. Mit Bewusstheit oder Wahrnehmung hat das Verhalten ja auch nichts zu tun und eine Struktur ist es m.E.
        An den Umgang mit „behindert“ hab ich auch beim Schreiben gedacht. Aus Verärgerung über die Dummheit habe ich mich schon in einigen Klassen aus dem Lehrplan ausgeklinkt und die Bedeutung des Wortes „Behinderung“ zum Inhalt gemacht. Weil mich jede Verletzung, Krankheit, sogar großer Kummer daran hindert, etwas zu tun, ich also dann behindert bin. Dann brauche ich Unterstützung, nicht Beleidigung. Ich werde auch behindert durch andere, beim Fußballspielen, unterwegs mit dem Fahrrad usw. Zum Ende herrschte überwiegend Einsicht, dass das Wort nicht als Schimpfwort taugt. Kinder verstehen so etwas – noch. Eltern manchmal auch. Kurzfristig hilft bei heftigen Beschimpfungen auch die Frage: Was meinst du damit, was willst du sagen? Auch bei Erwachsenen.
        Übrigens werde ich oft als verhaltensauffällig bezeichnet – mit vollem Respekt.

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  3. Sag mal, die haben doch einen Knall, und zwar einen ziemlich fetten. Was ich schlimm finde, ist die Sache mit dem Entscheidungsspielraum, der zweifelsohne vorlag, und der (wie mir scheint immer öfter) für Übergriffe, Häme etc. genutzt wird. Gut, die Öffentlichkeit macht es vor.
    Dennoch: Wo soll das alles enden? Das hat zwar schon meine Oma gefragt, aber … neee, alles nicht lustig.
    Liebe Grüße
    Christiane, ziemlich entsetzt

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    1. Jau, haben sie. Und ja, sie hatten einen immensen Entscheidungsspielraum, sie hätten nämlich alles so lassen können, wie es ist. Allerdings haben sie sich bewusst entschieden, diese beiden Fenster farblich anders zu gestalten, alle anderen sind nämlich eher in Richtung weiß oder creme oder so ähnlich gestaltet, aber eben, verdammte Axt nochmal, nicht rosa, pink oder „erdbeerfarben“.

      Solange solche Menschen dann vor Gericht eingenordet werden, funktioniert ja wenigstens das.

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    1. Herzlichen Dank! Und ja, ein bisschen sprachlos ließ mich das auch zurück. Ich habe keine Ahnung, was sich die Verantwortlichen dabei gedacht haben, könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sie es auch noch witzig fanden …

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