„Das geschwärzte Notizbuch“ von Nicolás Giacobone

Buch: „Das geschwärzte Notizbuch“

Autor: Nicolás Giacobone

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover, 304 Seiten

Der Autor:Nicolás Giacobone, geboren 1975 in Buenos Aires, schrieb die Drehbücher für Filme wie »Biutiful« und »Birdman«. Für Letzteren wurde er 2015 mit einem Golden Globe sowie dem Oscar in der Kategorie »Bestes Originaldrehbuch« ausgezeichnet. »Das geschwärzte Notizbuch« ist sein erster Roman. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Um das perfekte Drehbuch zu bekommen, entführt der manisch brillante Regisseur Santiago den renommierten Autor Pablo. Er sperrt ihn ein. Fünf Jahre lang. In einem kargen dunklen Raum. Nichts soll Pablo vom Schreiben ablenken. Ein Meisterwerk entsteht. Und eine von Abhängigkeit, Abscheu und Faszination geprägte Beziehung zweier genialer Künstler. (Quelle: Heyne)

Fazit: Hach, wie fange ich nur an, dieses Buch in Worte zu fassen? Der Drehbuchautor Pablo steht in Giacobones erstem Roman „Das geschwärzte Notizbuch“ vor einer ganz ähnlichen Frage, wie ich jetzt – nur mit dem Unterschied, dass mich niemand eingesperrt hat.

Für Pablo gilt das durchaus, denn der, ja, sagen wir ruhig salopp durchgeknallte Regisseur Santiago ist auf Pablos Talent aufmerksam geworden, träumt davon, DEN großen Film zu produzieren, der die Welt des Films für alle Zeiten verändern wird, kidnappt Pablo und sperrt ihn im Keller ein, auf dass er, Pablo, dort Drehbücher verfasse. Seit fünf Jahren sitzt der junge Autor zum Beginn der Handlung nun schon dort. In der Zwischenzeit sind bereits zwei Drehbücher entstanden, aus denen ihrerseits nun wieder zwei erfolgreiche Filme entstanden sind. Aber das reicht Santiago nicht. Er möchte nichts anderes als ein revolutionäres Meisterwerk aus Pablos Feder. Ein drittes Drehbuch, eines, das alles verändern soll.

In seiner Einsamkeit beginnt Pablo, unbemerkt von Santiago, ein Notizbuch mit seinen Gedanken zu füllen. Und Gedanken sind nicht immer stringent oder aufeinander aufbauend. Und genau so liest sich „Das geschwärzte Notizbuch“ auch. „Das was Sie hier lesen (falls es Sie überhaupt gibt), sind nichts weiter als durchgestrichene Seiten, ein in aller Eile geschriebener Text in einem Schulheft der Marke Rivadavia, das ich in Buenos Aires gekauft habe“, schreibt Pablo dann auch auf Seite 7 dazu.

Und diese Art des teils abschweifenden, teils sprunghaften Erzählens, die hat durchaus ihren Reiz und, vor dem Hintergrund des Handlungsrahmens, eben ihre Logik. Als weiteres Beispiel dafür, dass Giacobone ein geschickter Erzähler ist, sei hier genannt, dass es ihm gelingt, die Monotonie im Leben seines Protagonisten durch die Verwendung der immer gleichen Formulierungen zu veranschaulichen, beispielsweise in Form des täglichen Besuchs von Regisseur Santiago, der den Keller immer „mit seinem Stuhl, einer Tasse Kaffe, einem Teller mit Obst und den ausgedruckten Szenen“ (Seite 7) betritt. Auch die gelegentlich vorkommenden zeitlichen Abstände zwischen den Kapiteln, Abstände, in denen irgendetwas passiert sein muss, verdeutlichen Pablos Situation sehr treffend, der in sein Notizbuch eben nur dann schreiben kann, wenn er Zeit und Gelegenheit dazu hat und sich halbwegs sicher sein kann, nicht ertappt zu werden.

Ich könnte noch weitere Beispiele anbringen, belasse es aber dabei zu sagen, dass Giacobones Romandeüt erzählerisch und stilistisch auf ganzer Ebene überzeugt.

Die Anzahl der handelnden Personen wiederum hält sich in argen Grenzen und beschränkt sich im Wesentlichen auf die genannten Protagonisten sowie die Haushälterin Norma. Hier ähnelt das Buch eher einem Kammerspiel, was es um so wichtiger macht, dass die wenigen Charaktere überzeugen können. Und das können sie.

Wenn man, das sei mir gestattet, Norma mal außer Acht lässt, bleiben zwei Hauptfiguren, die sich sehr ähnlich und dennoch völlig unterschiedlich sind. Beide leben für den Film. Dementsprechend oft wird über Filme, Regisseure und Drehbuchautoren gesprochen, was den Reiz des Buches für größere Cineasten als ich einer bin, durchaus nochmal erhöhen dürfte.

Segenswerterweise wird aber am häufigsten auf den Film „Amadeus“ Bezug genommen, zu dem Peter Schaffer das Drehbuch schrieb – von Schaffer weiß Protagonist Pablo übrigens genausowenig, dass er bereits verstorben ist, wie er das auch von Prince nicht weiß, was nicht verwundern wird, da er ja, wir erinnern uns, im Keller eingesperrt ist – und den ich mehrfach gesehen habe und der darüber hinaus wohl tatsächlich einer des besten Filme in der Geschichte des Films sein dürfte, was im Übrigen eine unwiderlegbare Tatsache und keine Diskussionsgrundlage ist, weswegen sich eine diesbezügliche Diskussion erübrigt.

Es gelingt Giacobone, seine Leser teilhaben zu lassen am Leid seines eingesperrten Protagonisten angesichts dessen Freiheitsberaubung. Das allerdings, ohne übermäßig auf die Tränendrüse zu drücken, sondern eher, indem Pablo immer wieder unvermittelt einzelne entsprechende Sätze und Passagen einstreut, beispielsweise darüber, von seiner Mutter und seinen Freunden getrennt zu sein, wodurch sie eine umso größere Wirkung erzielen. Es gelingt Giacobone aber auch, die Leidenschaft zu vermitteln, die Pablo trotz seiner Lage in seine Arbeit investiert – denn eigentlich kann er nichts anderes – sowie die Verzweiflung, wenn es diesbezüglich mal nicht so läuft, mutmaßlich, weil beide Hauptfiguren zwar etwas Revolutionäres schaffen wollen, sich beim Entstehungsprozess aber an jahrtausendealten Dogmen eines Aristoteles festklammern.

Santiago wiederum ist die Leidenschaft für den Film ebenso anzumerken, naturgemäß aber eher in einem ungesunden Maße. Im Grunde wird der Regisseur über die gesamte Lektüre als der Irre dargestellt, der er ist. Wenn ich so überlege, ist das einzige wirklich Sinnvolle, das Santiago auf über 300 Seiten von sich gibt, seine Äußerung über das Internet, in der er sinngemäß darauf hinweist, dass das Internet den Menschen unendliche Freiheiten gibt und eben diesen Menschen nichts anderes einfällt, als diese Freiheit dazu zu nutzen, zu allem ihre Meinung und ihren Hass abzusondern.

Und inhaltlich? Tja, inhaltlich möchte ich über „Das geschwärzte Notizbuch“ gar nicht so viel sagen, weil ich Gefahr laufe sonst zu viel zu verraten.

Insgesamt ist „Das geschwärzte Notizbuch“ ein spannendes, nahe am Psychodrama liegendes Kammerspiel, eine Abrechnung mit der Welt des Films, den Drehbuchautoren, den Regisseuren, aber auch dem Publikum, das es von Besuchen von Shakespeare-Stücken im Theater über Fellini-Filme hin zu „Police Academy 7“, „Fast & Furios 9“ und 23 Marvel-Filmen geschafft hat – was ich ganz wertfrei verstanden wissen möchte.

Ein starkes, sehr lesenswertes Romandebüt.

Ich danke dem Bloggerportal sowie dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung naturgemäß nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demächst in diesem Blog: Ich habe keine Ahnung.

 

 

4 Kommentare zu „„Das geschwärzte Notizbuch“ von Nicolás Giacobone

    1. Da schrieb ich schon „Ich habe keine Ahnung“ anstelle von „Schaun mer mal“, so wie letztens, und es passiert trotzdem wieder dasselbe … ;-)

      Und ja, das kann man sich wünschen. Es gibt sogar eine Leseprobe, da könnte man mal reinschnuppern, ob man mit dem Stil klarkommt …

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich bin eben genauso einfallslos wie die meisten, wenn ich witzig sein will ;-)
        Komisch, ich mag irgendwie keine Leseproben. Wahrscheinlich, weil mir der Gedanke nicht behagt, dass ich im Fall dass mir diese gefällt, nicht sofort weiter lesen kann ;-)

        Gefällt 2 Personen

        1. Tja, was soll ich jetzt dazu sagen … ;-)

          Hm, ohne Leseprobe muss man dann halt ins Risiko gehen. :-) Aber wenn man eine hauchzarte, cineastische Ader hat, einen erfreulich anderen Erzählstil zu würdigen weiß und kein Michael-Bay-Action-Feuerwerk braucht, dann könnte „Das geschwärzte Notizbuch“ ganz richtig sein …

          Gefällt 2 Personen

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