abc.Etüden KW 47/48 IV

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

bevor sich die handelsüblichen Ausgaben der von Christiane geleiteten Etüden in eine Winterpause verziehen, folgt hier zur Wortspende von Red Skies over Paradise noch eine letzte Etüde. Oder eine vorletzte. Oder so …

 

„Sag mal, kann es sein, dass die Landwirte landauf und landab unter allgemeiner Unbehaustheit leiden?“

„Wieso?“

„Na, weil sie, nach diversen anderen Städten, mittlerweile marodierend durch Berlin ziehen.“

„Die marodieren nicht, die protestieren!“

„Schon wieder!? Wieder gegen das Wetter?“

„Hach ja, das war witzig, oder!? Die einzige Berufsgruppe, die eine Entschädigung wegen schlechten Wetters bekommt! Ich sehe schon eine unheilige Allianz aus Eisdielen und Freibadbetreibern nach dem nächsten verregneten Sommer mit Fackeln und Forken vor dem Wirtschaftsmin…“

„Du übertreibst.“

„Ja, aber ist doch so. Und jetzt wehrt man sich gegen Umweltschutzmaßnahmen. Ist auch böse dieser Umweltschutz!“

„Na, der geht den Bauern eben zu schnell und zu weit.“

„Na, das verstehe ich natürlich. Warten wir doch einfach mit der Umsetzung der Maßnahmen bis zur völligen Nitratverseuchung des Bodens und dem gänzlichen Aussterben aller Insekten, dann geht bestimmt noch was.“

„Sarkasmus ist selten hilfreich. Du bringst den Bauern genau die fehlende Wertschätzung entgegen, die sie derzeit beklagen.“

„Oooch, schwermütige Bauern! Soll ich jetzt wöchentlich durchs Dorf gehen und den Landwirten meinen Respekt aussprechen?“

„Nein, aber … die Bauern fühlen sich verantwortlich gemacht für …“

„Alter, wir leben in Zeiten, wo dauernd Berufsgruppen für etwas verantwortlich gemacht werden: Erzieher, Lehrerinnen, Pflegekräfte … – und ja, das ist Scheiße. Dennoch …“

„Ich habs verstanden! Meinst Du also, die Bauern haben keinen Grund zur Klage?“

„Doch! Aber hier passiert endlich das, was allen Industriezweigen auferlegt werden sollte: Der Bund macht strikte Vorgaben, die müssen eingehalten werden, bumms, aus, fertig. Dass die Industrie, und nichts anderes ist Landwirtschaft, dann meckert, ist normal. Und mehr passiert hier nicht. Es geht nur darum, Aufmerksamkeit zu erhaschen.“

„Aber wenigstens die Sorge vor glyphosatverseuchten Importen aus Südamerika ist doch berechtigt, oder!?“

„Darüber können wir diskutieren, wenn die EU ihre Lebensmittelexporte nach Afrika einschränkt und dort heimischen Bauern das Leben schwer macht. Oder gar Importe subventioniert!“

 

300 Wörter.

 

 

10 Kommentare zu „abc.Etüden KW 47/48 IV

    1. Na klar! Dass sie – in meiner Wahrnehmung, die nicht richtig sein, muss – zunehmend seltsam ist, heißt ja nicht, dass es da nicht viele gibt, die noch rund laufen. ;-) Das im Detail auszudiskutieren, würde aber weit führen.

      Gefällt 1 Person

        1. Joah, nur Beiträge, bei denen man sich mit nennenswert großen Gesellschaftsgruppen anlegt, sind geradezu dafür prädestiniert, ihretwegen geteert, gefedert und auf Bahnschienen aus der Stadt getragen zu werden – und ich bin mir unschlüssig, ob ich das möchte … :-)

          Gefällt 1 Person

  1. Bei uns haben die Bauern Schilder aufgestellt, die besagen:

    Sie säen nicht,
    sie ernten nicht,
    aber sie wissen alles besser.

    Tja, wenn man Jahrhunderte lang verwöhnt und gehätschelt wurde (ein Land muss autark sein) und wenn man beim Düngen und Spritzen gern der Regel gefolgt ist „mehr ist besser“ und „schuld sind immer die anderen“, dann reibt man sich heute halt die Augen und guckt dumm aus der Wäsche.

    Gefällt 3 Personen

  2. Tatsächlich bin ich davon ausgegangen, dass du eventuell eine Trecker-Etüde schreiben würdest. Wobei ich allerdings die Proteste lange nicht für so wenig nachvollziehbar halte wie du – gehalten habe – vielleicht muss ich meinen Wissensstand mal updaten? Mir kam das Problem auf jeden Fall komplexer vor. Oder haben die Bauern einfach nur eine schlechte Presse?
    Liebe Grüße
    Christiane, nachdenklich und hustend

    Gefällt 2 Personen

    1. Natürlich ist das Problem komplexer – ich habe ja nur 300 Buchstaben. :-)

      Im Einzelnen:

      Nitratverseuchung: Aufgrund der hohen Nitratbelastung im Boden soll die Sperrfrist zur Düngung verlängert werden. Nun regen sich die Bauern zum einen auf, weil sie Messungen anzweifeln – kann man machen, aber … – und zum anderen, weil sie fordern, diese Regelung nur in besonders belasteten Gebieten durchzusetzen. Was bedeutet, sie fordern einen Freibrief dafür, vergleichsweise unbelastete Gebiete solange weiterzubelasten, bis auch dort eine längere Sperrzeit machbar ist. Kann man machen, aber …

      Was Glyphosat angeht, so ist das eben billig. Bauern sparen im Vergleich zu anderen Mitteln 100 bis 150 Euro bei der Verwendung von Gylphosat, weswegen sie es eben weiterbenutzen. Ein Verbot für alle würde aber ja nun keinen Wettbewerbsnachteil bedeuten, weil dann alle teurer produzieren müssten. Soll sich das nicht auf die Lebensmittelpreise auswirken, muss man von seiten des Bundes eben subventionieren, das tut man doch sowieso schon.

      Dann geht es um das „Tierwohllabel“: Um das zu erhalten, müssen die Bauern Geld in die Hand nehmen, um ggf. Ställe zu vergrößern etc. Tun sie das nicht, gibt es eben kein Label. Einen Gegenvorschlag seitens der Bauern, das „Tierwohl“ zu verbessern, ist mir nicht bekannt. Man kann natürlich auch alles so lassen, wie bisher, aber … Außerdem handelt es sich bei dem Label um etwas Freiwilliges …

      Dann eben das „Bauernbashing“: Offensichtlich finden sich die Bauern ungerecht behandelt, weichen in ihrer Argumentation dann aber aus und beschuldigen Leute mit Steingärten – die man durchaus kritisch sehen kann -, ebenso für den Klimawandel und Insektensterben verantwortlich zu sein. Die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Die Fläche an Steingärten kenne ich nicht, aber sie wird im Vergleich verschwindend gering sein. Wessen Handeln wird nun also mehr Auswirkungen haben? Da wo ich herkomme, nennt man so etwas Whataboutism …

      Und überhaupt, „Bauernbashing“ … – wenn Lehrerinnen und Lehrer von einer zunehmend seltsamen Elterngeneration dafür verantwortlich gemacht werden, dass die – natürlich zwingend vielfach begabte – eigene „special snowflake“ Defizite im sozialen Umgang mit anderen aufweist, mithin also Kenntnisse fehlen, die früher zu Hause vermittelt wurden, dann finde ich das schlimmer, als wenn ein uneinsichtiger Hundebesitzer vielleicht mal schimpft, weil der Bauer das Tier nicht auf seinem Acker sehen möchte. Und das ist nur ein Beispiel …

      Dabei belasse ich es jetzt erst mal … :-)

      Gefällt 5 Personen

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