„Das Päckchen“ von Franz Hohler

Buch: „Das Päckchen“

Autor: Franz Hohler

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag. (Quelle: Luchterhand)

Das Buch: Als er gerade dienstlich in Bern ist, erreicht den Zürcher Bibliothekar Ernst ein offensichtlich irregeleiteter Anruf. Am anderen Ende der Leitung ist eine ihm unbekannte Frau, die ihn anfleht, umgehend zu ihr zu kommen. Aus einer Augenblickslaune heraus begibt sich Ernst zu der nahe gelegenen Adresse. Dort erwartet ihn eine alte Frau und drückt ihm ein Päckchen in die Hand mit der Bitte, es zu verwahren, damit es nicht in falsche Hände gerate. Zu seiner eigenen Verblüffung kommt Ernst der Bitte nach. Als er das Päckchen bei sich zu Hause öffnet, entdeckt er eine alte Handschrift, die er als ein Exemplar des „Abrogans“ erkennt, eines lateinisch-althochdeutschen Wörterbuchs, das als ältestes deutschsprachiges Buch überhaupt gilt. Sollte es sogar das bisher verschollene Original sein? Was, fragt sich Ernst, hat es mit diesem Fund auf sich? Und was soll er jetzt am besten tun … (Quelle: Luchterhand)

Fazit: Als der Bibliothekar Ernst am Bahnhof den Anruf einer ihm unbekannten Frau entgegennimmt, beginnt damit eine Reihe von Ereignissen und Zufällen, mit denen er so selbst nicht gerechnet hätte. Und ich auch nicht, weswegen es in Summe für mich auch der Zufälle und Konstruktionen zuviel waren, und ja, ich bin mir durchaus bewusst, dass das Absicht gewesen sein könnte.

Hohler teilt seinen Roman in zwei Handlungsstränge. Während wir in der Gegenwart Ernst bei seiner Suche nach den Hintergründen des „Abrogans“ begleiten dürfen, befasst sich der zweite, im 8. Jahrhundert spielende, Handlungsstrang mit der Entstehung des Werkes durch den Scriptoren Haimo.

Hohler bedient sich dabei eines vergleichsweise ruhigen, unaufgeregten Erzählstils, der durchaus zu gefallen wusste, inbesondere insofern, als sich der in der Vergangenheit spielende Handlungsstrang sprachlich teils deutlich von dem in der Gegenwart unterscheidet.

Leider ist der Erzählstil, den ich tatsächlich sehr genossen habe, der einzige Gesichtspunkt an Hohlers Buch, der mir so richtig gut gefallen hat.

Die Charaktere dagegen sind in beiden Handlungssträngen ausgesprochen klischeebehaftet. Ernst und seine Frau sind beide in den 40ern, beide als Bibliothekar bzw. Bibliothekarin tätig und in ihrer biederen Spießigkeit genau so, wie man sich im Klischee Bibliothekare vorstellt. Sie führen ein gemeinsames Leben fernab jeglicher Spannung, schlafen in getrennten Zimmern und treffen sich nur gelegentlich in einem davon zu einem „feurigen Abend“.

Auch der zweite Handlungsstrang kommt nicht ohne Klischees aus, selbst wenn diese sich hier weniger auf die Figuren, sondern mehr auf den Handlungsrahmen beziehen. So fehlen in Hohlers Mittelalter auch keine sündigen Mönche, Aussätzige und ähnliche Zutaten.

Dabei funktioniert das Zusammenspiel der beiden Handlungsstränge durchaus und hier kommt auch positiv zum Tragen, dass Hohler sich vergleichsweise kurz fasst. Während Dan Brown aus der Gegenwartshandlung einen 600-Seiten-Thriller gemacht hätte, so würde Iny Lorentz den zweiten Teil im Rahmen eines ebenfalls 600 Seiten umfassenden Kitsch-Epos verarbeiten. Hohler dagegen kommt mit gut 200 Seiten aus.

Nur leider kranken diese gut 200 Seiten unter anderem an diversen Situationen, die wirklich überkonstruiert wirken, beispielsweise als in einer Szene im ansonsten menschenleeren Gebirge zufällig zwei Personen anwesend sind, die Ernst aus unangenehmer Lage helfen können – und die dieser auch noch kennt. Und diese gut 200 Seiten kranken zudem an einer Charakterdarstellung, die wenig nachvollziehbar erscheint, was bereits ganz zu Beginn zu sehen ist, wenn jemand, der so ein routiniertes, durchstruktiertes Leben wie Ernst führt, plötzlich mit wildfremden Menschen telefoniert, ohne klarzustellen, dass es sich bei ihm nicht um den angenommenen Gesprächspartner handelt, diese Menschen dann auch noch besucht und obendrein später wieder kommt, nur um dort abzuwaschen. Dass ein Charakter wie Ernst sich dann auch noch genötigt sieht, darum ein kompliziertes Lügengebilde zu stricken, passt ebenfalls meines Erachtens nicht ins Bild.

Gefallen hat mir Hohlers Buch im Grunde dennoch. Mutmaßlich, weil ich es nicht als Krimi, Thriller oder ähnliches gelesen bzw. begriffen habe, sondern als eine unaufgeregt aber schön erzählte Geschichte um Vergänglichkeit und wie Dinge, insbesondere hinsichtlich der Kunst, Ewigkeiten überdauern können, beispielhaft durch Hohler veranschaulicht anhand eines in Halberstadt gepielten Orgelstücks von John Caige, das durch die Anweisung „as slow as possible“ des Komponisten hinsichtlich des Tempos dazu führt, dass es seit 2001 gespielt und erst im Jahr 2640 beendet sein wird.

Wer das Buch allerdings in der Erwartung liest, einen Dan-Brown-ähnlichen Thriller in kurz in der Hand zu haben, der dürfte möglicherweise enttäuscht werden. So ganz hat zumindest mich persönlich „Das Päckchen“ nicht erreicht.

Ich danke dem Luchterhand Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das geschwärzte Notizbuch“ von Nicolás Giacobone

 

3 Kommentare zu „„Das Päckchen“ von Franz Hohler

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