„Das Floß der Medusa“ von Franzobel

Buch: „Das Floß der Medusa“

Autor: Franzobel

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch,

Der Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, ist einer der populärsten und polarisierendsten österreichischen Schriftsteller. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Mit seinem Roman „Das Floß der Medusa“ stand er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, und er erhielt den Bayerischen Buchpreis. (Quelle: btb)

Das Buch: 18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens? (Quelle: btb)

Fazit: Zugegeben, es sind der Beispiele zu wenige, um daraus eine generelle Tendenz abzuleiten, aber: Es scheint sich so darzustellen, als würden mir Bücher, die für den Bayerischen Buchpreis nominiert wurden oder diesen gewonnen haben, ganz besonders liegen. So halte ich Klaus Cäsar Zehrers Buch „Das Genie“ (nominiert 2017) immer noch für eines der besten Bücher, die ich in den letzten fünf Jahren gelesen habe, und auch Franzobels „Das Floß der Medusa“ (Preisträger 2017) gefiel mir ausnehmend gut.

Darin schildert Franzobel die Ereignisse rund um den Untergang des Schiffs Medusa im Jahr 1816 vor der Küste Mauretaniens und er tut das auf eine Weise bzw. bedient sich dabei erzählerischer Kniffe, die man mögen oder eben auch nicht mögen kann.

Der Autor erzählt seine Geschichte streng chronologisch, beginnend mit der Zeit vor der Ausfahrt des Schiffes. Dabei wendet er sich einem umfangreichen Figurenensemble zu, allerdings ohne eine der Figuren explizit als Protagonisten herauszufiltern, vielmehr stehen lediglich mit dem Schiffjungen Viktor, dem zweiten Schiffsarzt Savigny sowie dem Matrosen Hoesa Thomas einige Personen mehr im Fokus als andere.

Und an diesen Charakteren könnte man trefflich herumkritisieren, denn sie wirken in der Mehrzahl doch teils deutlich überzeichnet, beispielsweise in Form des als grenzenlos inkompetent dargestellten Kapitäns Chaumareys. Wenn man sich aber ein wenig mit der Materie befasst, muss man zum Schluss kommen: Der war tatsächlich grenzenlos inkompetent! Und insgesamt passen die in Summe etwas überzeichneten und jenseits der Norm liegenden Charaktere auch wunderbar zu den späteren Ereignissen auf dem Floß, denn Selbstmorde, Morde in Form von Erschießungen, Kannibalismus etc. liegen, ich denke, da sind wir uns einig, schließlich ebenfalls weit jenseits der Norm. Lediglich die Gouverneursgattin Reine Schmaltz habe ich hier zu kritisieren, deren historisches Vorbild wohl eine von wiederkehrenden Depressionen geplagte Frau war, von denen man bei Franzobels Reine nichts bemerkt, der sie eher als eine arrogante, abgehobene, verzogene und über dem Pöbel stehende Adlige zeichnet, was mich tatsächlich etwas störte.

Während des gesamten Buches bedient sich Franzobel eines rauen, schonungslosen Erzählstils. Neben diversen Szenen expliziter Gewalt, die aber, zumindest in meiner Wahrnehmung, niemals um des Effektes selbst eingefügt werden, sondern, weil sie teils den Tatsachen entsprachen, teils halt in sich stimmig sind, sind auch Stellen vertreten, an denen es durchaus mal eklig bis unappetitlich werden  kann. Und manchmal stolpert man in solche Szenen auch unversehens hinein und denkt sich: „Boah, iiiih!“ Nun, zumindest tat ich das …

Darüber hinaus macht sich im stilistischen Bereich der Verzicht auf einen klar auszumachenden Protagonisten bezahlt. Das ermöglicht Franzobel, erzählerische Kamerafahrten zu machen und dem Leser das Gefühl zu geben, er würde von oben herab auf die Geschehnisse auf der Medusa betrachten können. Gut gelöst!

Hinsichtlich der Handlung hält sich der österreichische Autor, so weit meine umfassende Google-Recherche ergab, erfreulich nah an die historischen Realitäten, bemüht sich aber, in seinem Buch durchscheinen zu lassen, dass er hier keinen historischen Roman schreibt, sondern eher einen um historische Fiktion angereicherten Tatsachenbericht. Und er lässt auch keinen Zweifel daran, dass er aus heutiger Sicht auf die Geschehnisse blickt, beispielsweise, indem Charaktere mit aktuellen Prominenten verglichen werden (Schwarzenegger etc.). Das muss man nicht mögen, und mich riss es tatsächlich immer wieder unangenehm aus der Lektüre, als Stilmittel weiß ich es aber zu schätzen. Das kann man so machen.

Man sollte meinen, um herauszufiltern, was aus Menschen in Extremsituationen werden kann, reiche es, einen handelsüblichen Oktoberfestbesuch zu unternehmen, man kann sich aber auch Franzobels „Das Floß der Medusa“ zur Gemüte führen, dessen Buch ganz unter dieser Frage steht. Und die Antworten, die der Autor, sein Buch, seine Charaktere geben, beruhigen eindeutig nicht, in Summe ist „Das Floß der Medusa“ dennoch höchst lesenswert.

Und um herauszufinden, ob es tatsächlich eine Korrelation zwischen dem Bayerischen Buchpreis und meinem Buchgeschmack gibt, wäre es jetzt eigentlich angeraten, sich zeitnah mit dem diesjährigen Preisträger David Wagner und seinem Buch „Der vergessliche Riese“ zu beschäftigen. Nun, wir werden sehen …

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht. Mein besonderer Dank geht an die freundliche Mitarbeiterin bei Random House, die sich nicht nur hinsichtlich meines Interesses an Franzobels Roman verständig zeigte, sondern mich gleichzeitig von der Bürde befreite, ein Buch lesen zu müssen, nach welchem mir mittlerweile nicht mehr der Sinn stand.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Schaun mer mal …

7 Kommentare zu „„Das Floß der Medusa“ von Franzobel

    1. Ich ahnte, dass dieser Einwand kommt, deshalb weise ich beiläufig darauf hin, dass „Schaun mer mal“ nicht in Anführungszeichen steht, wie es das bei mir sonst immer der Fall ist, sofern es sich denn um einen Buchtitel handelt, werteste Kollegin. ;-)

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          1. Ja, aber wo denn!? Der kann ja überall sein, der ist wahrscheinlich schon über alle Berge, im schlimmsten Fall hat ihn jemand mitgenommen, im allerschlimmsten Fall steht er jetzt irgendwo draußen und friert, während … ich glaube, ich brauche einen Kaffee … :-)

            Gefällt 1 Person

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