„Tod in der Bibliothek“ von JB Lawless

Buch: „Tod in der Bibliothek“

Autor: JB Lawless

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch, 368 Seiten

Der Autor: JB Lawless ist das Pseudonym eines bekannten Autors.  (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Klassischer kann ein Krimi kaum beginnen: Ein Pfarrer liegt tot in der Bibliothek eines irischen Herrenhauses. Die Anzahl der Verdächtigen ist eher klein. Wer aus der Familie hat den Pfarrer auf dem Gewissen?

»Die Leiche liegt in der Bibliothek«, sagte Colonel Osborne. »Hier entlang bitte.«

Bei der Leiche handelt es sich um einen Kirchenmann, Father Tom, dem übel mitgespielt wurde. Glaubt man dem Colonel, war er in der Gegend sehr beliebt. Seine Tochter Lettie hingegen mochte ihn nicht besonders. Und da sind noch Sylvia Osborne, die zweite Frau des Colonels und 25 Jahre jünger als er, der gutaussehende Sohn Dominic und der leicht debile Stallbursche Fonsey. Ist der Mörder in diesem kleinen Kreis zu finden? Während der Schnee immer weiter fällt, versucht Detective St John Strafford frierend, dem Mörder des Pfarrers auf die Spur zu kommen. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: „Es war Oberst von Gatow mit der Rohrzange im Musikzimmer!“, möchte man reflexartig ausrufen, sobald man sich mit dem wirklich klassischen Einstieg in „Tod in der Bibliothek“ konfrontiert sieht, in dem ein Pfarrer tot in, nun ja, der Bibliothek liegt.

Nun ist diese Lösung einerseits falsch, was dem aufmerksamen Leser bis hierhin schon aufgefallen sein mag, weil einerseits der Buchtitel bereits das Wort „Bibliothek“ beinhaltet und zum anderen der Tote eben, nun ja, halt in der Biblitohek liegt, zum zweiten, weil er erstochen wurde und zum dritten, weil JB Lawless einen glücklicherweise ungleich komplexeren, spannenderen und sehr lesenswerten Krimi geschrieben hat.

Neben der Rätselei um die eigentliche Handlung habe ich während der Lektüre übrigens versucht, zu ergründen, um wen es sich denn nun bei „JB Lawless“ handeln könnte. Indes, es ist mir nicht gelungen. Ich kenne Lucy Lawless, aber das tut hier nichts zur Sache …

Wie dem auch sein, werden wir mal kurz ernst und wenden uns den tragenden Säulen zu, die diesen Krimi so lesenswert machen, als da wären natürlich die Geschichte selbst, der ermittelnde Protagonist sowie der Handlungsrahmen und die Atmosphäre.

Lawless siedelt seine Handlung im verschneiten Irland im Winter des Jahres 1957 an. Detective St John (sprich „sinjin“) Strafford (mit r) wird in ein Herrenhaus in der verschneiten Einöde gerufen, um den Mord an Father Tom aufzuklären. Er beginnt, ganz traditionell, mit der Befragung der Familie Osborne, die in diesem Herrenhaus residiert. Und schon hier wird deutlich, dass Lawless seinen Krimi mit verschrobenen, aber durchaus spannenden Charakteren bevölkert hat.

Das gilt einerseits für die Familienmitglieder, das gilt aber auch und gerade für Detective Strafford, mit dem Lawless eine wirklich faszinierende Ermittlerfigur gelungen ist. In gelegentlich mehr oder weniger nebenbei eingestreuten Passagen wird ein vergleichsweise komplexes Psychogramm eines Mannes gezeichnet, den durchaus Selbstzweifel plagen, der seinen Platz in der Welt sucht und der sich manchmal als Außenseiter fühlt, der aber trotz alledem nie wirklich unglücklich wirkt, sondern eine erfrischende Haltung des „Is´ halt so!“ an den Tag legt.

Da es sich bei „Tod in der Bibliothek“ um den Auftakt einer Krimireihe handeln soll, ist allein St John Strafford ein Grund, sich auf weitere Teile zu freuen.

Darüber hinaus punktet der Krimi besonders mit seinem Handlungsrahmen und seiner Atmosphäre. Lawless schildert das ländliche Irland der 50er Jahre, das phasenweise jedoch eher so wirkt, wie anderswo die 20er. Passend dazu wird immer wieder Bezug genommen auf den Irischen Unabhängigkeitskrieg (1919 -1921). Mich persönlich verleiten die Erwähnung geschichtlicher Ereignisse, mit denen ich mich, sehr zu meinem Leidwesen, weniger auskenne, als ich gerne würde, ja oft zu ausgiebigem Googeln. So auch in diesem Fall,  und immer dann, wenn ein Buch so etwas schafft, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Zumindest weiß ich jetzt, etwa 36 Jahre nach Erscheinen, auch im Detail, worüber U2-Bono in „Sunday Bloody Sunday“ singt …

Aber auch die Gegebenheiten zum Zeitpunkt der Handlung werden ausgiebig thematisiert, beispielsweise in Form des Einflusses der Katholischen Kirche, die über den Mord am Pfarrer, und insbesondere über dessen Umstände, gerne den Mantel des Schweigens legen würde. Manches hat halt Tradition …

Inhaltlich kommt „Tod in der Bibliothek“ tatsächlich nahezu ohne größere Wendungen aus, einfach deshalb, weil Strafford dem Leser nicht dauernd den einen und einzigen Verdächtigen präsentiert, um sich dann doch wieder zu revidieren, sondern weil mehr oder weniger alle Familienmitglieder verdächtig sind, die Ermittlungen Argumente für oder gegen die Täterschaft aller zutage fördern, und man so als Leser nach Herzenslust mitraten kann.

Kurz, „Tod in der Bibliothek“ ist ein perfekt in diese Jahreszeit passender Reihen-Auftakt, für alle, die im Bereich des klassischen Ermittler-Krimis zu Hause sind.

Ich bedanke mich beim Kiepenheuer & Witsch Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkte

Charaktere: 8,5 von 10 Punkte

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Möglicherweise „Ein angesehener Mann“ von Abir Mukherjee, wobei ich fürchte, dass ich wohl nie darüber schreiben werde. Alternativ käme „Das Floß der Medusa“ oder „Der unsichtbare Freund“ von Stephen Chbosky infrage. Wir werden sehen …

23 Kommentare zu „„Tod in der Bibliothek“ von JB Lawless

  1. Vielen Dank für die tolle Besprechung! Mein Exemplar von „Tod in der Bibliothek“ kam gestern an. Mal schauen, wann ich es mir vornehme. Wenn ich so aus dem Fenster schaue, ist ja jetzt eigentlich die beste Lesezeit für einen Whodunit.

    Mich würde ja auch brennend der Mann bzw. die Frau hinter Lawless interessieren. Wie du schon sagst: Die gute Xena ist es jedenfalls nicht. :-D

    Beste Grüße aus der kriminellen Gasse
    Stefan

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    1. Nein, Xena ist es nicht, aber gut zu wissen, dass jemand außer mir noch Xena kennt. ;-)

      Und ja, es ist eindeutig die beste Lesezeit für dieses Buch, zumindest ist das nichts für den Hochsommer. Insofern wünsche ich schon mal viel Vergnügen und dann schauen wir mal, ob es gefällt.

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      1. Das ist natürlich nichts, was in einer öffentlichen Befragung zugebe. :-D In den wirren Jugendjahren hat man so etwas aber in der Tat sogar gerne geguckt. Heute denkt man sich: Wieso? Muss an den tiefschürfenden Geschichten gelegen haben. *hust*

        Danke! Ich werde dann berichten. :-)

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  2. Das steht, auch auf meiner Wunschliste, danke für die tolle Renzension!

    „…wobei ich fürchte, dass ich wohl nie darüber schreiben werde. …“ Weil es so gut war oder weil du es doof fandest? (bin einfach mal neugierig :) )

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    1. Ich danke fürs Lesen! :-)

      Und dass ich wohl nie darüber schreiben werde, liegt weder daran, dass es so gut war, noch daran, dass es so doof war, sondern viel mehr daran, dass die Lektüre schon so lange zurückliegt, sich erst die Rezensionen einiger Rezensionsexemplare dazwischengeschummelt haben und meine Dokumentation zur Lektüre bestenfalls lückenhaft ist, weil ich nicht davon ausging, eine detaillierte Dokumentation zu brauchen. :-)

      Kurz: Je mehr Zeit vergeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rezension bestehen würde aus: „Joah, war gut. Glaube ich… “ ;-) Und das kann man sich dann wohl gleich ganz schenken …

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  3. Ha – den unsichtbaren Freund habe ich gestern abend begonnen … Bin sehr gespannt, was du dazu sagst ….
    Und den von dir rezensierten Krimi werde ich evtl eher der geliebten Wintermutter empfehlen ….
    Hab einen schönen Tag, der bei euch wohl kein Feiertag ist (hihihi), aber dafür hattet ihr ja gestern :-)

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    1. Nein, hier ist kein Feiertag und ja, ich frage mich schon seit heute Morgen, warum, um alles in der Welt, ich mir nicht freigenommen habe. ;-)

      Solltest Du den Krimi enpfehlen, hoffe ich, dass er gefällt und harre einer Rückmeldung.

      „Der unsichtbare Freund“ ist bei mir noch nicht mal eingezogen, ich harre aber stündlich eines entsprechenden Paketes – dann werden wir mal sehen … Wenn Du ihn gestern Abend begonnen hast, dürftest Du die 912 Seiten ja bald durch haben … :-P

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      1. Da ich parallel noch zwei andere (Sach-)Bücher lese, brauche ich evtl doch ein paar Tage länger für die paar Seiten ;-) Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir nach den ersten Seiten etwas anderes erhofft hatte …

        Denk immer dran – auch dieser Tag geht vorüber und dann beginnt das Wochenende :-)

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        1. Tage? Das ist für Dich eine Geschwindigkeit, die mit der der Kontinentaldrift vergleichbar ist …!? ;-)

          Hm, ich weiß eigentlich selbst nicht so genau, was ich erwarte, aber vielleicht können wir bald ja mal so eine Art „Erwartungsabgleich“ machen. :-)

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          1. Ich mag kreative Vergleiche … ;-)

            Nö, erst wenn ich das Buch auch angefangen habe, denn sonst weiß ich ja vorher schon, was es NICHT ist. Da wäre mir lieber, doch erst einen Eindruck davon zu bekommen, was es IST! :-)

            Gefällt 2 Personen

          2. Guten Morgähn! Gestern ist übrigens „Der unsichtbare Freund“ bei mir eingezogen und zumindest ich für mich kann sagen, dass ich bisher ziemlich genau das bekommen habe, was ich erwartet habe. Ich bin allerdings auch erst auf Seite 190. :-)

            Sonst so?

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          3. Nun, erwartet habe ich eine an die guten – und die Betonung liegt auf „guten“ – Bücher von Stephen King erinnernde Geschichte. Und momentan habe ich den Eindruck, als könnte das so sein. Es könnte auch eine Mischung aus „Goonies“ und „Stranger Things“ sein, was auch okay wäre. Jedenfalls, bis jetzt (etwa Seite 220) bin ich ganz zufrieden.

            Selber? Krankgeschrieben! Seit Montag ist eine Kollegin Magen-Darm-mäßig krankgeschrieben. Gegen 9 h heute früh ging eine zweite wegen ähnlicher Probleme zum Arzt. Und nachdem mein Chef wusste, dass es mir aus ganz ähnlichen Gründen heute nicht gut geht, hat er mich ganz schnell auch weggeschickt … – keine Ahnung, warum!? ;-) Aber mal im Ernst, mir ging es schon mal besser. Sicherlich aber auch schon mal schlechter. Jedenfalls soll ich mich jetzt mal bis einschließlich Freitag auskurieren, sagt mein Arzt.

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          4. Bäh, Magen-Darm ist sch.. . Naja, weisst schon😚 dann wünsche ich von Herzen gute Besserung!
            Ich bin auf den letzten Seiten und ich sage mal besser nix zu dem Buch, sonst würde ich spoilern. Nur soviel: eigentlich bin ich entsetzt, andererseits auch fasziniert…..

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          5. Ja, ich weiß schon und gebe Dir vollumfänglich recht. :-)

            Wie, „auf den letzten Seiten“? Du hast das Ding doch auch erst seit, ich weiß nicht, sechs Tagen, oder so!? Da gebe ich mal ganz subtil damit an, dass ich bei einem gerade erst gestern eingetrudelten Buch so etwa auf Seite 220 bin und dann das … ;-) Du liest zu schnell! :-)

            Dann frage ich Dich halt in Sachen „Erwartungsaustausch“, wenn ich auch durch bin … :-)

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          6. Den sollte ich dann aber prophylaktisch erst mal nicht lesen … ;-)

            Trotzdem erschließt es sich mir immer noch nicht, wie man mit zwei Pubertierenden und Deinem Mann, bleibt Dein Mann, und trotz des maladen Fußes so schnell und so viel lesen kann. Apropos Fuß, wie geht es dem so!?

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