„Was wäre ich ohne Dich?“ von Guillaume Musso

Buch: „Was wäre ich ohne Dich?“

Autor: Guillaume Musso

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Guillaume Musso, geboren 1974 in Antibes, arbeitete als Dozent und Gymnasiallehrer. Musso ist einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs, seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt und haben sich als internationale Bestseller durchgesetzt. (Quelle: Piper)

Das Buch: Martin, engagierter Polizist in Paris, konzentriert sich nach einer enttäuschten Liebe voll und ganz auf seine Arbeit. Das muss er auch, denn zurzeit hat er es mit einem besonders schwierigen Fall zu tun: Er ist dem berühmt-berüchtigten Archibald MacLean auf den Fersen, dem größten Kunstdieb aller Zeiten. Martins abenteuerliche Jagd führt ihn bis nach San Franciso, wo er ausgerechnet Gabrielle wieder über den Weg läuft – der Frau, die ihm vor fünfzehn Jahren das Herz gebrochen hat. Und auch sie hat eine Verbindung zu Archibald …(Quelle: Piper)

Fazit: Eingangs sei erwähnt, dass diese Rezension Spoiler enthält, möglicherweise massive. Diese waren nicht zu vermeiden, um meinen Unmut zu diesem Machwerk angemessen zu äußern. Ihr wurdet gewarnt!

Manchmal sollte man doch auf seine innere Stimme hören. Denn so sehr man auch mit ihr diskutieren mag, meistens hat sie eben doch recht. Im Beispiel von „Was wäre ich ohne Dich?“ hat meine innere Stimme in etwa gesagt:

„Alter, lass die Finger davon! Alleine der Titel!“

„Ja, aber … aber ich habe schon „Das Atelier in Paris“ von Musso gelesen. Und das gefiel mir recht gut.“, antwortete ich meiner inneren Stimme.

„Ach ja!? Und die Charaktere? Schon vergessen? Die waren ätzend! Und dass das Buch gegen Ende voll vor eine massive Kitsch-Mauer knallte, das hast Du auch verdrängt, was!?“

„Ja, aber bis dahin …“

„Ach, papperlapapp, ich sag Dir: Lass es!“

„Ey, halt die Backen, ich weiß, was ich tue!“

Ich wusste es nicht.

Und deshalb sehe ich mich genötigt, mich jetzt auch noch in schriftlicher Form mit dem Gelesenen auseinandersetzen zu müssen. Selbst schuld. Denn meine innere Stimme hatte durchaus recht. Die Charaktere in „Das Atelier in Paris“ waren schlecht, und ja, das Ende war kitschig. Ich hätte also gewarnt sein müssen.

Bezeichnenderweise sind die genannten Punkte auch das, was man „Was wäre ich ohne Dich?“ vorwerfen kann und muss. Nur leider ist es damit noch längst nicht getan …

Erwartet habe ich etwas zwischen „Ocean´s blabla“, „Die Thomas-Crown-Affäre“ und irgendwas mit Jean-Paul Belmondo – bekommen habe ich einen Roman mit indiskutablen Figuren, einer überschaubaren Story und immensem Kitschfaktor.

Beginnen wir mal mit der Story: Zu Beginn des Buches ist Martin als junger französischer Student für einen recht kurzen Aufenthalt in den USA und lernt dort Gabrielle kennen. Die beiden verlieben sich, müssen sich aber kurz darauf eben wieder trennen und, wie das halt so ist, verläuft die ganze Sache im Sande, wiewohl Martin Monate später nochmal einen letzten Versuch unternimmt, sein ganzes Geld in ein Flugticket in die USA investiert um dort in einem Café auf Gabrielle zu warten, die er zwar vorher per Brief von seinen Plänen informiert hat, die aber nicht kommt.

15 Jahre später ist Martin Polizist und hat Bindungsprobleme. Und beides ist irgendwie auf Gabrielle zurückzuführen. Daher investiert er seine ganze Energie ersatzweise in die Jagd nach dem Meisterdieb Archibald McLean – dieser Name! – und allein dieser Handlungsstrang wirkt nicht nur deswegen etwas lächerlich, weil besagter Meisterdieb ein Herr in durchaus gesetzterem Alter ist, der dennoch alle Ermittlungsbehörden weltweit narrt – was müssen die unfähig sein – und sich regelmäßig von Hauswänden abseilt und ähnliche akrobatische Kunststücke unternimmt, sondern auch, weil Martin ihm auf eine Art „method acting“ der Polizeiarbeit begegnet. Augenscheinlich muss man sich in McLean hineindenken, hineinversetzen, er sein, um zu begreifen, was er vorhat. Aha …

Insgesamt ist dieser Handlungsstrang arg überschaubar, denn eigentlich wollte Musso wohl den Fokus auf die Geschichte seiner Charaktere und deren Zusammenspiel setzen. Nur leider funktioniert das auch nicht. Denn diese zweite Handlungsebene ist schon ziemlich banal und grenzwertig kitschig.

Neben der früh notgelandeten Story wären da aber ja auch noch die handelnden Personen. Und die sind ebenso allesamt Totalausfälle.

Martin hat es nach 15 Jahren nicht geschafft, sich gedanklich von einer Frau zu lösen, die er während nur weniger Wochen kennengelernt hat und lässt sich unbewusst sein Leben davon disktieren. Armer Wicht.

Gabrielle ist nochmal ein ganz anderer Fall. Angesprochen auf ihr o.g. Fernbleiben vom Café antwortet sie sinngemäß, dass sich Martin wohl nicht genug um sie bemüht habe, als dass sie dort erscheinen wollte …

Dafuq!?

Ey, der junge Mann hat wochen- und monatelang jede freie Minute gearbeitet, um sich das Ticket leisten zu können, dauernd angerufen und täglich Briefe geschrieben! Was hätte er tun sollen? Auf dem Kutschbock – passenderweise habe ich mich gerade vertippt und „Kitschbock“ geschrieben – einer Kutsche mit „Eiskönigin“-Aufdruck, die von vier Schimmeln gezogen wird, vor ihrer Tür stehen!?

Und auch Meisterdieb Mc-Lean hat so sein Problemchen. Er hat nämlich eine Tochter. Zu dieser kann er aber keine Beziehung aufbauen, weil seine Frau bei der Geburt besagter Tochter verstarb und er die Schuld dafür – sic! – dem Kind zuschiebt. Als Ausgleich für sein Fehlen als Vater entblödet er sich aber nicht, jedes Jahr zum Geburtstag der Tochter in unterschiedlichen Verkleidungen in ihrer Nähe aufzutauchen, ohne, dass sie ihn erkennt. Irgendwie gruselig, oder!? Auf eine stalking-gruselige Art gruselig, oder!? Damit aber nicht genug! McLean entblödet sich weiters nicht, im Gespräch mit Martin Weisheiten wie „Wenn eine Frau Nein sagt, bedeutet das oft: Ja, aber ich habe Angst.“ von sich zu geben.

Ernsthaft!?

Da wo ich herkomme, bedeutet ein Nein tatsächlich ein Nein und für o.g. Äußerung läuft man Gefahr, vollkommen zu recht eine gefenstert zu bekommen.

Und Zitate wie dieses gäbe es noch einige …

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hätten alle drei Protagonisten in erster Linie – und ich meine das nicht zynisch, sondern tatsächlich so – professionelle Hilfe nötig gehabt, um ihre Traumata in irgendeiner Art und Weise aufzuarbeiten. Anstatt dann unbedarfte Leser damit zu quälen …

Zu den Protagonisten gesellen sich dann noch so zwei, drei Nebenfiguren, die skurril, dafür aber vollkommen überflüssig sind und deren Vorhandensein in dieser Form ich mir nicht rational erklären kann. Beispielsweise hat McLean eine Art Assistentin, die aus, wenn ich das jetzt richtig auf dem Schirm habe, Geheimdienstkreisen kommt, Kampfsportarten beherrscht und was-weiß-ich sonst noch kann. Die Assistentin taucht in gefühlt drei Szenen auf, die inhaltlich von wenig bis absolut nichts zur Handlung beizutragen haben. Was soll diese Figur also!?

Ich könnte mich noch Ewigkeiten über dieses Buch echauffieren, das tatsächlich zu den schlechtesten gehört, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Am schlimmsten fand ich persönlich ja noch, dass zu den die Kapitel einleitenden Zitaten aus Liedertexten und Büchern auch ein Zitat aus „Der Schatten des Windes“ gehört. Zafóns schöne Worte in diesem, mit Verlaub, Schund lesen zu müssen, tat weh. Aber da alles weitere Lamentieren nichts hilft, belasse ich es bei:

„Was wäre ich ohne Dich?“ ist letztlich ein grenzkitischiges Machwerk voller Pathos und mit absolut indiskutablen Figuren.

Ich behaupte nicht, dass es dafür nicht Leser oder Innen geben kann, ich gehöre aber wohl eindeutig nicht zu Zielgruppe.

Und ich werde fürderhin halt doch um weitere Bücher von Musso den größtmöglichen Bogen machen.

Wertung:

Handlung: 3 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 1 von 10 Punkten

Atmosphäre: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Bis ihr sie findet“ von Gytha Lodge oooder „Ein angesehener Mann“ von Abir Mukherjee.

„Der zweite Schlaf“ von Robert Harris

Buch: „Der zweite Schlaf“

Autor: Robert Harris

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover, 416 Seiten

Der Autor:  Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane »Vaterland«, »Enigma«, »Aurora«, »Pompeji«, »Imperium«, »Ghost«, »Titan«, »Angst«, »Intrige«, »Dictator«, »Konklave« und zuletzt »München« wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polański bei der Verfilmung von »Ghost« (»Der Ghostwriter«) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire. (Quelle: Heyne)

Das Buch; England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird vom Bischof in ein Dorf entsandt, um dort die Beisetzung des mysteriös verstorbenen Pfarrers zu regeln. In der Umgebung finden sich besonders häufig jene verbotenen Artefakte aus vergangener Zeit – Münzen, Scherben, Plastikspielzeug –, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat. Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt? (Quelle: Heyne)

Fazit: Ich bin ja bekennender Fan der Bücher von Robert Harris. Und ich erwähne das auch nahezu immer bei den Rezensionen seiner Bücher vorneweg, um der Leserschaft zu verdeutlichen, dass das, was folgt, möglicherweise nur so semi-objektiv sein könnte. Trotz der Tatsache, dass ich bekennender Fan der Bücher von Robert Harris bin, hat er mich allerdings zuletzt weder mit „München“ noch mit „Konklave“ so wirklich überzeugt.

Wir steuerten also auf eine eher schwierige Leser-Autor-Beziehung zu, der Robert und ich. Glücklichweise hat er mit „Der zweite Schlaf“ alles nur Mögliche getan, um die früher vorherrscheinde Harmonie wieder in diese Beziehung einziehen zu lassen.

Postapokalyptische Romane, Filme, Spiele gibt es wie Sand am Meer. Darin kämpft sich der Protagonist dann entweder durch die U-Bahn-Tunnel des verstrahlten Moskau, ballert mit PS-Boliden durch wüste Einöde und trifft auf Tina Turner oder trinkt Nuka-Cola und bezahlt mit Kronkorken.

Harris´ Postapokalypse unterscheidet sich von oben genannten in erster Linie dadurch, dass sie weniger trostlos und trotzdem kein bisschen weniger faszinierend wirkt. Um ehrlich zu sein, ist das Setting des Romans, und das, was Harris, daraus macht, größtenteils das, was den Roman trägt und ihn so besonders macht.

Zu Beginn des Romans begleiten wir den jungen Priester Fairfax an einem „Nachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468“ zu Pferde auf dem Weg in ein abgelegenes Dorf, in dem der dort ansässige Priester verstorben ist. Spätestens bei der Beschreibung eines durch die Gegend fliegenden Sittichs wird allerdings deutlich, dass wir uns unmöglich in England des 15. Jahrhunderts befinden können, denn Sittiche hatten dort zu dieser Zeit nichts in freier Wildbahn verloren.

Und wir befinden uns auch gar nicht im uns bekannten 15. Jahrhundert. In Harris Roman ist die Welt, wie wir sie kennen, nämlich untergegangen – im Jahr 2025 übrigens, lasst also, ihr, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren – und die Überlebenden haben eine neue Zeitrechnung etabliert. Um nicht zu viel zu verraten, verrate ich diesbezüglich nicht mehr viel.

Wie es nun zur Apokalypse gekommen ist, die, wie es sich für eine anständige Apokalypse gehört, den Großteil der Menschheit das Leben gekostet hat, nun, diese Frage macht einen Großteil der Faszination des Romans aus, neben der Frage, wie sich die Gesellschaft nach der Apokalypse entwickelt hat. Spannenderweise hat neben Kakerlaken und Keith Richards, denen ja, wie allgemein bekannt, eine Apokalypse nichts anhaben kann, auch die Religion überlebt. Das führt nun wieder zu Problemen, insbesondere für den Protagonisten Fairfax. Manche Dinge ändern sich halt nie …

Besagter Fairfax ist es auch, dem ich im Bereich der Charaktere als Einzigen genauer betrachten möchte. Die Nebenfiguren taugen in erster Linie dazu, zu verdeutlichen, dass sich die Menschen eben doch nicht ändern und sich bestimmte Charaktereigenschaften der Menschen, beispielsweise Habgier, auch von einer Apokalypse nicht ausrotten lassen. Fairfax dagegen ist gut gelungen, seine persönliche Entwicklung ist nachvollziehbar und sein innerer Konflikt angesichts seines bewussten Handelns gegen die Richtlinien der Kirche ist überzeugend dargestellt.

Stilistisch ist auffällig, dass sich Harris Charaktere einer eher anachronistisch wirkenden Redeweise bedienen, die allerdings begründet wird und für mich nicht nur deshalb absolut stimmig wirkt. Abgesehen davon konnte ich Harris stilistisch – „München“ vielleicht mal ausgenommen – noch nie sonderlich viel vorwerfen und kann es auch hier nicht.

Was bleibt, ist ein wirklich spannender Roman, der zum Denken anregt und der im Grunde einen topaktuellen Bezug hat. Beispielsweise hätte ich mich diesbezüglich auch noch über die Brexit-Thematik, auf die sein Buch mit Sicherheit etwas abzielt, oder auch die Entwicklung des Frauenbildes in seinem Setting auslassen können, aber einerseits würde das den Rahmen sprengen und andererseits muss man ein bisschen geistige Arbeit ja auch der Leserschaft überlassen. :-)

Wer also Harris-Fan ist, für den ist „Der zweite Schlaf“ meines Erachtens absolutes Pflichtprogramm, aber auch jedem der das nicht ist, kann ich eine absolute Leseempfehlung aussprechen.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Was wäre ich ohne dich?“ von Guillaume Musso.

 

„Dreck am Stecken“ von Alexandra Fröhlich

Buch: „Dreck am Stecken“

Autorin: Alexandra Fröhlich

Verlag: Penguin

Ausgabe: Taschenbuch, 350

Die Autorin: Alexandra Fröhlich lebt als Autorin in Hamburg und arbeitet als freie Textchefin für verschiedene Frauenmagazine. Mit ihren Romanen »Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen« und »Gestorben wird immer« stand sie monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. (Quelle: Penguin)

Das Buch: Opa Heinrich ist tot. Sein Vermächtnis: ein vergilbtes Tagebuch. Johannes und seine Brüder beschließen erst mal, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch zur Beerdigung erscheinen lauter Menschen, die sie noch nie gesehen haben, eine alte Dame ist sogar aus Argentinien angereist. Was hatte der Großvater mit diesen Leuten zu schaffen? Aus Neugierde beginnt Johannes, das Tagebuch zu lesen. Danach ist klar: Die vier Brüder müssen ihrer Familiengeschichte auf den Grund gehen. Denn Opa hatte Dreck am Stecken. Und zwar nicht zu knapp … (Quelle: Penguin)

Fazit: Ich gebe zu, als ich die Lektüre von „Dreck am Stecken“ begann und mich damit auseinandersetzte, welche Bücher Alexandra Fröhlich bislang geschrieben hat und was sie sonst so tut, war ich skeptisch, ob mir ihr Buch tatsächlich gefallen würde -, was vollkommen wertfrei hinsichtlich ihres literarischen Schaffens gemeint ist. Nur bin ich halt nicht unbedingt – Ausnahmen bestätigen die Regel – ein Anhänger humorvoller Literatur, noch lese ich Frauenzeitschriften.

Glücklicherweise war die Skepsis im vorliegenden Fall grundlos, denn „Dreck am Stecken“ war ein auf vergleichsweise vielen Ebenen schönes Leseerlebnis.

Alexandra Fröhlich erzählt ihre Geschichte rund um die vier Halbbrüder Johannes, Philipp, Jakob und Simon sowie ihren Opa in drei verschiedenen Zeitebenen, indem sie einerseits die Kindheit und Jugend der Halbbrüder beleuchtet, andererseits die Entwicklung im Hier und Heute schildert sowie aus Opas Tagebucheinträgen zitiert. Insgesamt klingt das bei weitem komplizierter, als es letztlich ist. Als Erzähler fungiert dabei Johannes als der älteste der Brüder.

Schon zu Beginn des Buches wird deutlich, dass Fröhlich eine Reihe ernster Themen anspricht. Der Leser wird vergleichsweise früh mit dem Alkoholismus, der Depression und dem letzlichen Suizid der Mutter konfrontiert. Klar, dass das nicht spurlos an den vier Jungen, vier Söhnen von vier verschiedenen Vätern, die sich alle nicht bis kaum und sie kümmern, vorbeigeht. Dazu später mehr.

Und letztlich gehört auch der namensgebende „Dreck am Stecken“ zu diesen ernsten Themen, auch wenn für den Leser relativ schnell klar ist, welcher Art dieser Dreck bei einem Opa von in den 70ern aufgewachsenen Enkeln denn wohl nur sein kann.

Der Autorin gelingt es dabei, ihren Roman nie wirklich schwermütig wirken zu lassen. Erzählt wird dagegen sogar oft in einem humorvoll-trockenen Ton, der mir gut gefiel, zumal er nie wirklich unpassend wirkt. Kritiker mögen einwerfen, dass Fröhlich bei keinem der angesprochenen Bereiche, wie Alkoholismus oder Depression, in die Tiefe, ins Detail geht, aber einerseits stimmt das nicht, denn sie beleuchtet in erster Linie die Auswirkungen, die diese Dinge auf die Folgegeneration haben – und das gut, aber dazu wieder später mehr – und darüber hinaus gelingt es ihr eben nur so, den eben angesprochenen Schwermut zu vermeiden, den Roman auf dem schmalen Grat der Tragikkomödie entlangzubalancieren, ohne ihn in eine der möglichen Richtungen kippen zu lassen.

Gleiches gilt auch für die Charaktere. Werden die Brüder in ihrer Kindheit und Jugend auch mit sehr harten Schicksalsschlägen konfrontiert, und geraten sie ob dieser Schicksalsschläge auch ins Schlingern, so bilden sie doch eine gemeinsame Familienfront, an der viele Dinge – vermeintlich – abprallen. Erst später, in ihrem Erwachsenenleben, wird deutlich, welche Spuren das alles hinterlassen hat: Einer der Brüder hat deutliche Bindungsängste und definiert sich größtenteils über seinen Reichtum, der für ihn Macht bedeutet, ein weiterer hat den Alkoholismus der Mutter übernommen, Johannes, der Erzähler, hat ein Stottern ausgebildet und der Jüngste hat immer einen Lorazepam-Vorrat in seiner Umgebung.

Man mag diese Charakterentwicklung – am deutlichsten auszumachen an der Figur des alkoholkranken Chirurgen – vielleicht als klischeehaft empfinden, ich empfinde sie als absolut folgerichtig. Die Charaktere wirken nachvollziehbar und authentisch und funktionieren auch im Zusammenspiel sehr gut.

Stilistisch kann man der Autorin ebenfalls nichts vorwerfen. Der trockene Humor überzeugt, der Ton ist ebenso authentisch wie die Charaktere und die Dialoge wirken lebensnah.

Hinsichtlich der Handlung mag man kritisieren, dass diese teilweise vorhersehbar wirkt und wenig Überraschung bietet. Und im Grunde stimmt das auch. Es tut dem Lesevergnügen nur wenig Abbruch, denn im Kern handelt es sich bei „Dreck am Stecken“ um eine herzerfrischend erzählte Familiengeschichte, die einfach keinen atemberaubenden Spannungsbogen braucht, um zu überzeugen. Lediglich ein kleiner, nennen wir es in Ermangelung eines besseren Wortes Logikfehler, fiel ins Auge, als an einer Stelle niemand Heinrich Himmler auf einem Foto erkennt. Ich mag nicht unbedingt von mir auf andere schließen, aber: Ich würde ihn erkennen! :-)

Wer also gerne tragikomische Familiengeschichten mit überzeugenden Familiengeschichten liest, liegt mit „Dreck am Stecken“ absolut richtig.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Penguin Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht!

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der zweite Schlaf“ von Robert Harris.

„Psychose“ von Blake Crouch

Buch: „Psychose“

Autor: Blake Crouch

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 415 Seiten

Der Autor; Blake Crouch hat sich bereits als erfolgreicher Autor von Kurzgeschichten und Spannungsromanen einen Namen gemacht. Seine Wayward-Pines-Trilogie wurde zudem mit verschiedenen Hollywoodstars als TV-Serie verfilmt. Der große internationale Durchbruch gelang ihm dann mit dem Roman »Dark Matter. Der Zeitenläufer«, der auf Anhieb zum Bestseller und in zahlreiche Länder verkauft wurde. Blake Crouch lebt mit seiner Familie in Colorado. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Wayward Pines, Idaho, eine idyllische Kleinstadt mitten im Nichts. Hier soll Secret-Service-Agent Ethan Burke zwei Vermisste aufspüren. Doch als er nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus des Ortes wieder zu sich kommt, ist seine eigentliche Mission sein geringstes Problem: All seine Sachen sind verschwunden, die Menschen um ihn herum verhalten sich äußerst merkwürdig, auf seine Fragen bekommt er nur ausweichende Antworten. Und als Ethan dann versucht, Wayward Pines zu verlassen, stößt er auf einen unüberwindbaren Zaun – und ein grauenvolles Geheimnis … (Quelle: Goldmann)

Fazit: Amnesie des Protagonisten ist eines der Motive, die mich verhältnismäßig schnell mit den Augen rollen und ein Buch genervt weglegen lassen, weil es mittlerweile wirklich arg überstrapaziert ist. Und tatsächlich lässt Blake Crouch seine Hauptfigur, mit eben genau so einer Amnesie ausgestattet, durch den Beginn der Handlung stolpern und wirft die Leserschaft ohne genauere Erklärungen an deren Seite.

Glücklicherweise unterwirft der Autor seinen Protagonisten nur vergleichsweise kurz seinem Gedächtnisschwund. Schnell hat Agent Ethan Burke seine Erinnerung wieder. Das hilft ihm in der Folge allerdings nur selten, denn Burke fehlt nicht nur sein Kollege, der beim Unfall ums Leben kam, sondern auch seine Dienstwaffe und seine Brieftasche. Und die Bevölkerung von Wayward Pines verhält sich ihm gegenüber alles andere als zuvorkommend. Auch und gerade, als Burke versucht, seine ursprünglichen Ermittlungen wieder aufzunehmen. Und spätestens, als er in einem Gebüsch einen kleinen Lautsprecher bemerkt, aus dem das Zirpen einer Grille ertönt, weiß er, dass er in einer sehr seltsamen kleinen Stadt gelandet ist …

Blake Crouch teilt seinen gut 400 Seiten umfassenden Thriller in 18 Kapitel und lässt die Handlung von einem auktorialen Erzähler schildern. Dabei bedient er sich eines Schreibstils, der durch Unkompliziertheit und teils kurze Sätze auffällt, der den Leser nicht gerade fordert, aber zweckmäßig ist.

Seine Figurenzeichnung kann man ebenfalls nicht gerade als überkomplex bezeichnen, lediglich Agent Burke bekommt eine Hintergrundgeschichte, und das wahrscheinlich nur, weil sie für die weitere Handlung relevant ist. Nahezu sämtliche Nebenfiguren sind halt einfach da, was durchaus gemeiner klingen mag, als es gemeint ist.

Und trotz des zweckmäßigen Stils und der nachlässig gezeichneten Charaktere war „Psychose“ ein Thriller, den ich gerne gelesen habe. Das liegt nahezu ausschließlich an der Handlung selbst, die unverbraucht und spannend daherkommt. Anhand einiger Informations- und Handlungshäppchen kann sich der aufmerksame Leser einiges selber herleiten, für die letztliche Auflösung muss man allerdings, wie sich das gehört, fast bis zum Schluss warten.

Besonders auffällig sind die Assoziationen, die die Lektüre von „Psychose“ beim Leser hervorrufen. So hat die Schilderung des skurrilen Kleinstadtflairs in Verbindung mit dem allgegenwärtigen Bedrohungsszenario durchaus etwas King´sches an sich. Im späteren Verlauf zieht die Handlung etwas an, wird deutlich actionlastiger und erinnert in Grundzügen an „Rambo 1“ mit  einem Hauch „Stranger Things“.

Zu bemängeln ist hierbei lediglich, dass Crouch es manchmal ein bisschen übertreibt und es seinem Protagonisten in zahlreichen Szenen etwas zu schwer macht, indem Burke, salopp gesagt, ein wenig zu oft aufs Maul bekommt, nur um kurz darauf wieder verhältnismäßig fit durch die Gegend zu sprinten. Hier wäre weniger mehr gewesen, weil man irgendwann irritiert die Augenbrauchen hochzieht und darauf wartet, dass Agent Burke die Fäust in die Luft wirft und „Adriaaaan!“ brüllt …

Wem die oben genannte Mischung zusagt, wer auf Plots steht, die gerne mal ein wenig abgefahrener sein können und wer „Twin Peaks“ noch kennt, dem kann ich guten gewissens zu „Psychose“ raten, muss dann aber dazu sagen, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Einer Trilogie, von der zumindest ich in naher Zukunft mit Sicherheit den zweiten Teil lesen werde.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Goldmann Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Dreck am Stecken“ von Alexandra Fröhlich.

 

Extraetüden KW 40 I

Extraetüden 27.19 | 365tageasatzaday

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ungeachtet der Tatsache, dass ich eigentlich mal wieder Rezensionen schreiben sollte – na, der Tag ist aber auch noch lang … -, herrscht in der Blogosphäre, zumindest was Beiträge meinerseits angeht, auch und gerade hinsichtlich der Etüden, ziemliche Ruhe. Und eigentlich sollte das auch noch eine Weile so weitergehen. Eigentlich. Uneigentlich aber gibt es immer wieder Dinge, über die muss man …, da kann man nicht einfach …, also, nee, das geht nicht.

Deshalb gibt es im Folgenden eine Extraetüde. Diese wiederum werden schirmherrschaftlich von Christiane geleitet. Die Wortspenden kommen von Ludwig Zeidler und Alice.

 

„Na, was ist denn mit Dir los? Du wirkst so bleich – mit einem Stich ins Grüne …“

„Mein Magen befindet sich in einem ambivalenten Zustand. Er ist sich nicht sicher, ob er sein Innerstes nach außen …“

„Iiiihhh… – warum?“

„Manche Dinge schlagen mir einfach auf den Magen. Wie hier zum Beispiel, auf der Facebookseite vom Höcke, da …“

„WAS?“

„Hä?“

„Was hast Du auf der Facebookseite vom Höcke zu suchen …?“

„Recherche! Hier: Der Höcke hat auf seiner Facebookseite einen Höcke-Comic veröffentlicht.“

„Einen was?“

„Du hast mich schon verstanden …“

„Stimmt leider. Ich hatte allerdings gehofft, ich hätte mich verhört … Und, worum gehts in dem Comic?“

„Nun ja, Höcke wandert so durch die Gegend – in Erfurt, heißt es, das kann ich aber nicht beurteilen – und redet mit den Normalsterblichen. Diese lamentieren beispielsweise auf Seite 1 darüber, „dass man schon wieder aufpassen muss, was man sagen darf“. “

„Oh, weh …“

„Jau – auf Seite zwei geht es weiter mit einem resiginierten, älteren Herrn, der die vorherrschende „Gesinnungsdiktatur“ beklagt, in der „Antifa-Banden Jagd auf politische Abweichler machen“.“

„Oh, ja, diese fiesen Antifa-Banden, die täglich marodierend durch die Straßen ziehen, dauernd irgendwelche „Mahnwachen“ abhalten, gelegentlich Politiker erschießen und Todeslisten mit 25.000 Namen führen – halt, warte, das waren die ja gar nicht … Egal! Kann man das Ding eigentlich kaufen? Und geht es noch weiter?“

„Keine Ahnung! Und ja, es geht noch weiter: Heiko Maas, offensichtlich in seiner Rolle als Justizminister, hat auch einen Auftritt.“

„Aber ist der nicht längst Außenminister?“

„Japp!“

„Justizministerin ist doch Frau Barley …“

„Nope – die wurde doch ausgebrüsselt. Justizministerin ist Christine Lambrecht.“

„Ja, und warum taucht die dann nicht anstelle von Maas auf?“

„Ja, was weiß ich? Vielleicht war Maas einfacher zu zeichnen. Außerdem würde wahrscheinlich kein AfD-Wähler der Welt Frau Lambrecht erkennen, ungefähr so, wie kein Wähler der demokratischen Parteien den AfD-Politiker Roman Reusch kennt.“

„Der sagt mir nichts …“

„Ja, sag ich doch! Jedenfalls, auf Seite drei sinniert Höcke dann darüber, dass es „beängstigend“ sei, „wie gleichgeschaltet Politik, Medien, Kultur und sogar die Kirchen inzwischen wirken“.“

„Alter! Geht das noch weiter …?“

„Nö, das Pamphlet hat offensichtlich nur drei Seiten.“

„Und was wollen die jetzt damit bezwecken …?“

„Keine Ahnung, aber so was ist doch variabel einsetzbar: Für comicbegeisterte Leser vom ganz rechten Rand. Zur Nachwuchsgewinnung für jüngere Leser, als Alternative zum „Lustigen Taschenbuch“.“

„Ha ha, Du hast „Alternative“ gesagt …“

„War Absicht. Aber mal im Ernst, ich weiß nicht, was das soll. Ich fürchte, wir werden den auch nicht so schnell los. Strache hat sich in Österreich wenigstens selbst entlassen …“

„Das darf man hierzulande wohl nicht erwarten.“

„Dabei verpisst er sich doch immer, wenn es für ihn unangenehm wird. So wie neulich, in dem ZDF-Interview, als man ihn auf seinen Sprachgebrauch ansprach und sein Pressesprecher sagte, man habe Fragen gestellt, die Höcke „stark emotionalisiert haben“.“

„Memme!“

„Japp!“

„Und jetzt?“

„Jetzt? Denke ich darüber nach, wie man es ihm ausreichend unangenehm machen kann. Bis mir etwas einfällt, bleibt mir wohl nichts, als mich dem Ekel hinzugeben. Und was ist mir Dir?“

„Mir ist jetzt auch schlecht. Ich lege mich einfach wieder hin.“

 

500 Wörter.