„Propaganda“ von Steffen Kopetzky

Buch: „Propaganda“

Autor: Steffen Kopetzky

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 495 Seiten

Der Autor: Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein letzter Roman «Risiko» (2015) stand monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: John Glueck ist im Krieg. Tief in Deutschland, im dunklen Hürtgenwald in der Eifel, 1944. Vor kurzem noch war er Student in New York, voller Liebe zur deutschen Kultur seiner Vorfahren; dann, als Offizier bei Sykewar, der Propaganda-Abteilung der US-Army, traf Glueck in Frankreich sein Idol Ernest Hemingway. Für ihn zieht Glueck in den scheinbar unbedeutenden, doch von der Wehrmacht eisern verteidigten Hürtgenwald bei Aachen. Er entdeckt das Geheimnis des Waldes, als eine der größten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs beginnt: die «Allerseelenschlacht» mit über 15 000 Toten. Was kann John Glueck noch retten? Sein Kamerad Van, der waldkundige Seneca-Indianer? Seine halsbrecherischen Deutschkenntnisse? Ein Wunder?

Niemand trat unverändert wieder aus dem «Blutwald» heraus, den die Ignoranz der Generäle zu einem Menetekel auch folgender Kriege machte. Zwanzig Jahre später, in Vietnam, erfährt John Glueck: Die Politik ist zynisch und verlogen wie eh und je. Er wird handeln, und sein Weg führt von der vergessenen Waldschlacht direkt zu den Pentagon-Papers. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Für mich ist das bisherige Jahr 2019, das ja nun auch schon wieder zu fast drei Vierteln vorbei ist, wahrlich arm an Highlights, auch und gerade in literarischer Sicht. Zwar waren da viele gefällige Bücher dabei, aber nichts, was so herausgestochen hätte, dass ich davon auch noch geraume Zeit später erzählen wollen würde.

Würde man mich nach literarischen Highlights der Vorjahre fragen, so fielen mir spontan beispielsweise Klaus Cäsar Zehrers „Das Genie“ oder „Die Gestirne“ von Eleanor Catton ein. Aber eben auch der absolut großartige Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky.

Das schürt natürlich eine Erwartungshaltung an Kopetzkys neuen Roman, die Bücher nur selten zu erfüllen imstande sind. Im vorliegenden Fall allerdings schon, denn „Propaganda“, soviel sei hier jetzt schon verraten, ist für mich das bisherige Lesehighlight des Jahres 2019.

Allerdings hat Kopetzky mit Lesern wie mir auch leichtes Spiel, denn ich mag historische Romane, womit man es hier im weiteren Sinne zu tun hat. Noch mehr mag ich allerdings historische Romane, die auf tatsächlichen Begebenheiten basieren. Am liebsten allerdings sind mir historische Romane, die auf tatsächlichen Begebenheiten basieren und die gut recherchiert sind. Und eben Letzteres ist „Propaganda“.

Der Autor teilt seinen Roman in zwei Handlungsstränge, deren erster 1944 bis 1945 spielt und die Schlacht im Hürtgenwald zum Thema hat. Der zweite Handlungsstrang ist im Jahr 1971 angesiedelt und thematisiert den Vietnamkrieg sowie die Geschehnisse rund um die sogenannte „Pentagon-Papers“.

Kopetzky teilt seinen Roman in lediglich fünf große Abschnitte ein, den richtigen Moment zur Unterbrechung der Lektüre muss sich die Leserschaft also mangels kurzer, leicht verdaulicher Kapitel selbst suchen, allerdings wüsste ich ohnehin nicht, warum man die Lektüre unterbrechen sollte. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen.

Zu der Reihe handelnder Personen, mit denen Kopetzky seinen Roman bevölkert, gehören ebenso wie schon in „Risiko“ eine ganze Reihe prominenter Personen, vorzugsweise aus der Literaturbranche, namentlich seien hier mal die Herren Hemingway oder Bukowski genannt. Im Grunde sehe ich so etwas in Romanen eher kritisch, weil die entsprechenden Figuren meist eher Mittel zum Zweck sind und ihren tatsächlichen Originalen nur schwerlich gerecht werden. Kopetzky allerdings lässt seine Figuren menscheln und beim Leser das Gefühl erzeugen, dass beispielsweise die genannten Autoren wirklich so waren, wie sie hier dargestellt werden.

Auch die nicht berühmten Persönlichkeiten im Buch können weitgehend überzeugen, allen voran natürlich Protagonist John Glueck. Hat man anfangs noch das Gefühl, es mit einer Person zu tun zu haben, die, mit Verlaub, einfach einen veritablen Schatten hat, entwickelt sich langsam durch die Erzählung seiner Lebensgeschichte ein gewisses Verständnis für Glueck, das sich – zumindest bei mir – letztlich in aufrichtige Sympathie verwandelte.

Bei den Nebenfiguren verzichtet Kopetzky zumeist auf eine detaillierte Vorgeschichte und bringt sie dem Leser durch ihre Handlungen näher. Mir gefällt der Ansatz in einem Buch, das so deutlich seinen Plot in den Vordergrund stellt, auch recht gut, zumindest habe ich trotz der kargen Charakterisierung einiger Personen nicht das Gefühl, etwas zu verpassen oder gar, dass mir wesentliche Informationen vorenthalten werden.

Der Autor bringt dem Leser seine Handlung auch stilistisch auf hohem Niveau näher. Er verzichtet zwar zum Teil auf die aus meiner Sicht eher ausufernde Schilderung diverser Begebenheiten, so wie das noch in „Risiko“ der Fall war, dafür schildert er einzelne Szenen in einer Eindrücklichkeit, die sehr zum Lesevergnügen beiträgt. Hart und schonungslos präsentiert Kopetzky der Leserschaft die Schlacht im Hürtgenwald, allerdings nicht, um Gewalt als banales Mittel zum Zweck einzusetzen, sondern, um die Sinnlosigkeit allen kriegerischen Tuns aufzuzeigen. Und gäbe es eine Liste der dämlichsten und sinnlosesten Militäroperationen aller Zeiten, würde die Schlacht im Hürtgenwald durchaus einen der vorderen Plätze einnehmen.

Der Autor nutzt die Thematik aber auch, um allgemein den Militarismus der USA aufs Korn zu nehmen. Im Wesentlichen ist „Propaganda“ wahrlich kein USA-freundliches Buch, verlässt aber nie den Boden der Sachlichkeit und darüber hinaus ist die Kritik angesichts der Tatsache, dass die Liste der US-Militäroperationen der letzten Jahrzehnte länger ausfällt als meine Abi-Klausur im Deutsch-LK vor gut 20 Jahren, wohl auch durchaus berechtigt.

Kopetzky beschränkt sich aber nicht nur auf die schlechten Seiten der Geschichte, sondern hat immer wieder auch Positives zu bieten. Zum einen blitzt an einzelnen Stellen, nicht oft, immer wieder ein Humor durch, den man im Buch nicht erwartet und der, zumindest bei mir, deshalb umso besser funktioniert hat. So beispielsweise an der Stelle, als der hinsichtlich Fallschirmsprüngen deutlich unterqualifizierte John Glueck nach Frankreich versetzt wird um sich dort an die Fersen von Ernest Hemingway zu heften und über diesen zu schreiben. Glueck kann sein, Verzeihung, Glück kaum fassen, steigt mit einigen Soldaten in den Bomber, fliegt ab und sagt:

„Ich war berauscht wie nie. Nur einem Umstand hatte ich bisher keine Beachtung geschenkt: Bomber landen nicht.“ ( S. 128)

Ich find´s komisch!

Auch abseits des selten eingesetzten Humors erzeugt „Propaganda“ trotz der ernsten Themen streckenweise einen gewissen Wohlfühlfaktor, denn neben der eben geschilderten USA-Kritik ist „Propaganda“ vor allem eines: eine Liebeserklärung an die amerikanische Literatur, an die Literatur allgemein, des letzten Jahrhunderts. Oftmals wird, so ging es mir jedenfalls, durch die Erwähnung dieses Schriftstellers oder jenes Buches, der Leser dazu verleitet, sich die entsprechenden Werke ebenfalls anzusehen, sofern noch nicht geschehen.

Letztlich also hat Kopetzky einen Roman geschrieben, der mindestens mit seinem Vorgänger mithalten kann, ihn in Teilen sogar übertrumpft. Wer einen gut recherchierten Roman mit spannender Handlung, gefälligen Figuren und historischem Bezug auf stilistisch hohem Niveau lesen möchte, dem kann ich „Propaganda“ wärmstens ans Herz legen. Und wer das nicht möchte, lässt es halt, verpasst dann aber etwas.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hier um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstreden nicht.

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten (hier würde ich 11 geben, wenn ich könnte)

Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Runas Schweigen“ von Vera Buck.

8 Kommentare zu „„Propaganda“ von Steffen Kopetzky

  1. Ich wollte schon „Risiko“ lesen und habe es bis dato nicht geschafft. Aber das klingt ja jetzt noch weit besser. „Propaganda“ wird bei meinem Oktober-Einkauf direkt mit in den Warenkorb wandern!

    Danke für die tolle Empfehlung/Besprechung!

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlich gerne und herzlichen Dank!

      Ich kann es wirklich guten Gewissens empfehlen, dabei aber ebenfalls raten, deswegen „Risiko“ nicht zu vergessen. ;-)

      Und wie immer würde mich dann interessieren, wie der Leseeindruck war.

      Gefällt 1 Person

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