„Das Wunder“ von Emma Donoghue

Buch: „Das Wunder“

Autorin: Emma Donoghue

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 411 Seiten

Die Autorin: Emma Donoghue wurde 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin geboren und war seit Beginn ihres Lebens von Büchern umgeben. Dafür sorgte der Beruf ihres Vaters – Literaturkritiker und Universitätsprofessor Denis Donoghue. Seit ihrem 23. Lebensjahr verdient Emma Donoghue, die an der University of Cambridge promovierte, selbst ihren Lebensunterhalt als Autorin. Sie verfasst Romane, literaturgeschichtliche Werke, Märchen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher. Mit »Raum« wurde sie zur internationalen Bestsellerautorin; die Verfilmung, basierend auf Donoghues Drehbuch, wurde für vier Oscars nominiert. 1998 zog Emma Donoghue nach Kanada, wo sie auch heute mit ihrer Partnerin und ihren beiden Kindern lebt. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O’Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht? (Quelle: Goldmann)

Fazit: Bekannt wurde die Autorin Emma Donoghue hierzulande in erster Linie durch ihren Roman „Raum“, der aus der Sicht eines Fünfjährigen erzählt wird, der zusammen mit seiner Mutter in einem 16 Quadratmeter großen namensgebenden Raum gefangen gehalten wird, und den er bislang noch nie verlassen hat.

Ich habe seinerzeit – und bis heute – einen größtmöglichen Bogen um dieses Buch gemacht, weil ich mir schon vorab sicher war und bin, dass ich einen solchen Plot nur schwerlich verpacken, im Sinne von ertragen, könnte.

Das alles war aber ja nun kein Grund, nicht doch zu ihrem ersten in die deutsche Sprache übersetzten Roman nach „Raum“ zu greifen. Letztlich musste ich zwar feststellen, dass sich „Das Wunder“, zumindest mutmaßlich, wohl auch nicht wesentlich fröhlicher liest als „Raum“, aber ein gutes Buch ist es allemal.

Die Autorin teilt ihren über 400 Seiten starken Roman in gerade einmal fünf große Kapitel ein – wer also einen Hang zu kurzen Kapiteln hat, dürfte hier desilluisioniert werden – und lässt einen allwissenden Erzähler die Handlung aus der Sicht der Krankenschwester Libby erzählen.

Und direkt zu Beginn werden zwei Dinge deutlich. Zum einen, dass die Autorin sehr atmosphärisch schreiben kann. Vergleichsweise selten genutzte, dann aber intensiv beschriebene Landschaftsbilder vermitteln ein überzeugendes und recht raues Bild vom Irland des 19. Jahrhundert. Dauernd meint man, den Geruch von Rauch, Regen, nasser Erde oder Torf in der Nase zu haben. Zusammen mit dem anfangs zwar recht mäßig ansteigenden Spannungsbogen, der später aber durchgehend ein gutes Niveau hält, ergibt das ein stilistisches Bild, das nur zum Schluss führen kann: Ja, Donoghue kann schreiben.

Zum zweiten wird aber auch deutlich, wie sehr ihre Protagonistin nerven kann. Sie war bei der großen Florence Nightingale in der Ausbildung, möchte das aber gar nicht an die große Glocke hängen, was eigentlich einen sympathischen Eindruck hinterlässt. Wäre da nicht diese arrogante Überheblichkeit und, ja, auch eine gehörige Portion Begriffstutzigkeit, mit der sie der irischen Dorfbevölkerung gegenübertritt. Gerade diese überhebliche Art hat es mir anfangs recht schwer gemacht, mit Libby zurechtzukommen, bietet aber auf der anderen Seite auch die Chance einer entsprechenden, wenn auch vorhersehbaren, Chrakterentwicklung zum Besseren, die sie natürlich auch durchmacht.

Die elfjährige Anna O´Donnell, um die sich Libby während ihres Aufenthaltes kümmern muss, überzeugt da deutlich mehr. Ich könnte viel über das junge, zutiefst religiöse Mädchen schreiben, würde aber mit jeder Zeile Gefahr laufen, zu viel zu verraten, die geneigte Leserschaft muss hier also ausnahmsweise mal meinem Urteil vertrauen.

Ganz besonders gelungen im Bereich der Charaktere sind Donoghue allerdings ihre Nebenfiguren, und das im Grunde ausnahmslos. Das verschrobene, im Grunde zutiefst abergläubische Landvolk wird dem Leser hier im Grunde als genau das präsentiert, was es ist: eine verschrobene, zutiefst abergläubische Landbevölkerung, die man, von wenigen Ausnahmen abgesehen, trotzdem – oder gerade deswegen – einfach mögen muss.

Die Handlung selbst, ich erwähnte es hinsichtlich des Spannungsbogens weiter oben, kommt vergleichsweise langsam in Gang. „Oha!“, dachte ich mir nach einer Weile. „Libby geht auf ihren Posten am Bett des Mädchens, passt dort auf, geht dann ins Gasthaus, übernachtet dort, steht am nächsten Tag wieder auf, geht auf ihren Posten am Bett des Mädchens, passt dort auf, geht dann ins Gasthaus usw. usf. – ob das jetzt immer so weiter geht!?“ Nun, „immer“ nicht, aber eine Weile …

Erst als der Journalist William Byrne in die Geschehnisse eintritt, bekommt die Handlung eine etwas größere Dynamik, die sie ab da nicht mehr verliert.

Dass das Buch gelegentlich leichte Anwandlungen in Richtung Kitsch beinhaltet – geschenkt! Denn was bleibt, ist ein sehr, sehr eindringlicher, atmosphärischer, historischer Roman, der sich mit einem erfrischend unverbrauchten Thema befasst.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Echo der Wahrheit“ von Eugene Chirocivi.

6 Kommentare zu „„Das Wunder“ von Emma Donoghue

  1. Ich habe zuerst den Film „Raum“ gesehen, mit großen Vorbehalten und danach das Buch gelesen. Abgesehen von der Grundsituation wr ich absolut begeistert. Vom intuitiven Umgang der Mutter mit dem Kind – der Typ war völlig zweitrangig – und auch von der Entwicklung des Kindes. Und am Ende ging mir mal wieder durch den Kopf, dass – unabhängig von der erzwungenen Isolation – besonders kleinere Kinder nicht unbedingt unsere Form von Kindergarten und Schule brauchen, schon gar keine Schulpflicht, sondern mindestens einen Erwachsenen, der ihnen all ihre Fragen beantwortet und ihnen herzlich zugetan ist.

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    1. Unabhängig von „Raum“, das ich trotz allem weiter meiden werde, denke ich allerdings, dass Kindergarten und/oder Schule in erster Linie als Ort des sozialen Kontakts, der Begegnung, schlicht unverzichtbar sind.

      Sicherlich kann ich ein Kind auch ganz alleine, ohne Kontakt zu anderen Menschen, großziehen. Ich vermute nur, dass das für die Entwicklung des Kindes nicht gut sein kann.

      Ich bin aber kein Experte, ich habe schließlich keine. ;-)

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      1. Ich als Lehrerin muss leider zu bedenken geben, dass das staatliche System mittlerweile – bis in die 80er war das noch anders – nur noch auf Gleichschaltung, permanente Konkurrenz und fortwährenden Druck ausgelegt ist. Soziales Lernen ist nur in sozialem Umfeld möglich. Es ist sehr schwer, überhaupt ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen.

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