„Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus

Buch: „Eine Frage der Zeit“

Autor: Alex Capus

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 300 Seiten

Der Autor: Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte und Philosphie in Basel. Zwischen 1986 und 1995 arbeitete er als Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen, davon vier Jahre als Inlandredaktuer bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA in Bern. Alex Capus lebt heute als freier Schriftsteller in Olten, Schweiz. (Quelle: dtv)

Das Buch: Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte: 1913 beauftragt Kaiser Wilhelm II. drei norddeutsche Werftarbeiter, ein Dampfschiff in seine Einzelteile zu zerlegen und am Tanganikasee südlich des Kilimandscharo wieder zusammenzusetzen. Der Monarch will damit seine imperialen Ansprüche unterstreichen. Zur gleichen Zeit beauftragt Winston Churchill den exzentrischen, aber liebenswerten Oberstleutnant Spicer Simson, zwei Kanonenboote über Land durch halb Afrika an den Tanganikasee zu schleppen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, liegen sich Deutsche und Briten an seinen Ufern gegenüber. Keiner will, aber jeder muss Krieg führen vor der pittoresken Kulisse des tropischen Sees. Alle sind sie Gefangene der Zeit, in der sie leben, und jeder hat seine eigene Art, damit fertig zu werden. (Quelle: dtv)

Fazit: Die deutsche Kolonialgeschichte ist kurz, tragisch und rückblickend für alle Beteiligten eigentlich vollkommen überflüssig. Aber Wilhelm II. wollte ihn ja nun mal, seinen „Platz an der Sonne“, wie der damalige Staatssekretär Bernhard von Bülow in einer Reichstagsrede sagte.

Hm, gerade muss ich darüber nachdenken, dass die ehemalige ARD-Fernsehlotterie bis vor gar nicht so langer Zeit mit dem Slogan „Ein Platz an der Sonne“ Werbung gemacht hat. Entweder ist das nie jemandem aufgefallen, oder aber man hatte es bei der Fernsehlotterie nicht so mit deutscher Geschichte oder aber es war den Verantwortlichen schlicht schnurz. Aber ich schweife ab, bevor ich überhaupt angefangen habe …

Kommen wir also wieder zur kurzen, deutschen Kolonialgeschichte zurück, die sich nicht nur durch tragische Begebenheiten auszeichnet, sondern mit dem einen oder anderen Ereignis aufwarten kann, dass an Skurrilität kaum zu überbieten ist. Und einem dieser Ereignisse widmet sich Alex Capus in seinem Roman „Eine Frage der Zeit“.

Auf Geheiß des Kaisers also werden drei Werftarbeiter beauftragt, das Dampfschiff „Götzen“, zusammengebaut in der Meyer-Werft, wieder auseinanderzunehmen, quer durch den afrikanischen Kontinent zu schleppen bzw. schleppen zu lassen und dann am Tanganikasee, der teilweise zum Hoheitsgebiet des damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi, Ruanda und ein Teil Mosamiks) gehört, wieder zusammenzubauen, um damit die Vorherrschaft über die Region zu bekommen.

Die Engländer und die Belgier, deren Kolonien ebenfalls an den See grenzen, sind auf selbigem nämlich nur mit kleinen Seelenverkäufern vertreten, die „altersschwach“ zu nennen ein Euphemismus wäre.

Die drei Werftarbeiter – Schiffbaumeister Anton Rüter, Handwerksbursche Hermann Wendt und Nieter Rudolf Tellmann – nehmen den Auftrag aus unterschiedlichen Gründen – einer davon ist in allen Fällen Geld – an und erwarten, eine spannende Zeit in Afrika zu erleben. Und das tun sie auch, denn kurz danach bricht der Krieg aus und der Aufenthalt dauert für die Beteiligten wesentlich länger als geplant.

Währenddessen bekommen die Briten Wind von den Plänen zur Stationierung der „Götzen“ auf dem Tanganikasee und denken sich: „Was die können, können wir auch!“ und beauftragen ihrerseits Geoffrey Basil Spicer Simpson damit, seinerseits Boote quer durch Afrika zu schleppen bzw. schleppen zu lassen, um den maritimen Großmachtsfantasien des deutschen Kaisers Einhalt zu gebieten. Allerdings schleppen die Briten aus der anderen Richtung …

Es entwickelt sich eine Art „Wettrüsten“, das im Grunde stategisch vollkommen unerheblich ist und auf mich nur den Eindruck eines militärischen Sch****vergleichs machte.

Diese ehrlich betrachtet aehr skurrile Handlung, die ja nun weitgehend – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – auf historischen Tatsachen beruht, füllt Capus durch Figuren mit Leben, die nur teilweise überzeugen können. Während der eigentliche Protagonist der Geschichte, Schiffbaumeister Rüter, noch ganz gut durchgeht, wirken seine beiden Kollegen irgendwie überzeichnet und zu realitätsfern.

Heimlicher Star unter den Charakteren ist für mich allerdings der Brite Spicer Simpson. Zwar könnte man auch ihn als überzeichnet empfinden, nähere Recherchen ergaben aber: Der war wirklich so! Simpson war ein Lügner und Aufschneider, wie er im Buche steht, dafür aber vollkommen von sich überzeugt und dabei gänzlich unfähig. Der perfekte Mann also für ein Projekt, das im Grunde ebenso gänzlich schwachsinnig ist.

Ganz besonders gut gefällt mir zu Spicer Simpson übrigens die Anekdote, dass der Gute auf die grenzgeniale Idee gekommen ist, während eines Manövers im Ärmelkanal ein Stahlseil zwischen zwei Zerstörern zu spannen, um auf diese Weise U-Boote zu fangen. Nun – im Grunde hat das auch geklappt, nur gehörte das Periskop, das sich im Stahlseil schließlich verfing, zu einem britischen U-Boot, das bei dieser Aktion fast gesunken wäre. Die entsprechenden Matrosen werden begeistert gewesen sein …

Und die Heiterkeit des Kanoniers, der bei Schießübungen an Bord von Spicers Schiff mitsamt seiner Kanone über Bord gegangen ist (ihm ist nichts passiert!), weil niemand so genau darauf geachtet hat, das Geschütz auch wirklich fest zu installieren, wird sich ebenfalls in Grenzen gehalten haben.

Capus erzählt die Geschichte in einem phasenweise angemessen ironischen Ton, der mir wirklich gut gefiel und der die gesamte Sinnlosigkeit des Krieges deutlich macht. Er ist aber auch in der Lage, stilistisch weniger humorig, dafür umso spannender zu erzählen, wenn es die Szene erfordert. Insgesamt las sich „Eine Frage der Zeit“ sehr kurzweilig.

Wer also mal wieder einen auf wahren Begebenheiten basierenden, gut recherchierten und geschriebenen historischen Roman lesen möchte, ist bei Alex Capus´ „Eine Frage der Zeit“ gut aufgehoben.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Wunder“ von Emma Donoghue.

 

14 Kommentare zu „„Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus

    1. Mittlerweile frisst WP meine eigenen Kommentare – Na, wohl bekomm´s. ;-)

      Jedenfalls war ich bis eben felsenfest davon überzeugt, Dir vorhin dahingehend zurückgeschrieben zu haben, dass „Leon und Luise“ hauchzart kitischig klingt. :-) Aber ich mag mich irren. Und selbst wenn, hat Capus ja noch weitere Bücher geschrieben, „Eine Frage der Zeit“ wird also wohl nicht mein letztes von ihm sein.

      Hm, vielleicht ist auch nicht WP schuld, vielleicht war ich vorhin einfach nur abgelenkt von diesem Flugzeug, das ich als Laie eindeutig als AWACS-Flieger identifiziere, das hier seit Stunden lautstark seine Runden dreht und dessen Anwesenheit in der doch eher ruhigen niedersächischen Provinz mich nicht mit Vertrauen erfüllt … :-)

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    1. Das könnte man annehmen, wobei ich mir vorstellen kann, dass auch Frauen auf dumme Ideen kommen, nur eben auf andere. ;-)

      Oh, und ganz herzlichen Dank!

      Ich habe den gestrigen Nachmittag damit verbracht, etwas über zwei Stunden zu telefonieren, zu bloggen und „Westwall“ von Benedikt Gollhardt zu lesen, da war für Sachen wie Brainstorming und Plot nun wirklich keine Zeit. ;-)

      Gefällt 3 Personen

      1. Ach ja – Frauen können auch auf ganz furchtbar dumme Ideen kommen – da hast du recht *flöt

        Du solltest dich ein wenig besser organisieren …. lesen, bloggen….ph – du willst reich und berühmt werde und eine VIP-Karte für Werder haben – da hast du für solche profanen Dinge keine Zeit. Prioritäten setzen, sage ich nur. Los jetzt (ich mache eigentlich einen verdammt guten Job – wir sollten über eine Gehaltserhöhung sprechen ….)

        Gefällt 2 Personen

        1. Was Du immer mit Deinem „jetzt“ hast!? ;-) Immer wenn Du das Wort „jetzt“ verwendest, ist es „jetzt“ ganz schlecht. :-)

          Ja, insgesamt machst Du einen guten Job, ich denke mal über eine Anpassung der Konditionen nach – auch wenn ich mich frage, was Du denn noch alles wollen könntest. ;-)

          Gefällt 3 Personen

          1. Nein, das solltest Du nicht! Deine Jobbezeichnung lautet „staatlich geprüfte Arschtreterin“ und nicht „diktatorische Herrscherin über mein Leben! ;-)

            Ich wünsche Dir einen ebenso wundervollen Tag!

            Gefällt 3 Personen

          2. Ach, übrigens, da fiel mir gerade etwas siedend heiß ein, was ich in Ermangelung eines besseren Ortes mal hier loswerde:

            Nachdem der geschätzte Bloggerkollege Zeilenende ja nun seit geraumer Zeit – zumindest hinsichtlich eigener Beiträge – sehr viel seltener in der Blogosphäre unterwegs zu sein scheint, als mir das lieb wäre, gibt es eigentlich mittlerweile so etwas wie einen weiteren Plan für die Zukunft des Buch-Dates!?

            Ich fand die Aktion nämlich eigentlich immer sehr schön und wäre eindeutig dafür, sie zu reaktivieren! :-)

            Gefällt 1 Person

          3. Spaßig- da dachte ich heute auch mal wieder dran….
            Ich würde die Aktion tatsächlich sehr gerne wieder reaktivieren, allerdings fehlt mir gerade komplett die Zeit und Muße dafür. Wahrscheinlich würde ich gerade noch nicht mal mit machen, wenn jd anders das ganze durchführen würde. Aber – nichts hält dich davon ab, das ganze zu über- und in die Hand zu nehmen. Ich kann mir kaum jd besseren vorstellen 😙🙂 ansonsten: frag mich in ca 4 Jahren nochmal….. nein, das war ein Scherz….. sagen wir in 4 Wochen?

            Gefällt 1 Person

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