„Staatsfeind“ von Veit Etzold

Buch: „Staatsfeind“

Autor: Veit Etzold

Verlag: Droemer

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: Prof. Dr. Veit Etzold, geboren 1973 in Bremen, ist Autor von neun Spiegel-Bestsellern und gefragter Keynote-Speaker. Veit Etzold versteht es, komplexe Themen unterhaltsam und spannend aufzubereiten und zu einzigartigen Thrillern zu verarbeiten. Als Experte für Strategie und Storytelling hat er bereits zahlreiche internationale Unternehmen beraten. Er ist u. a. Mitglied der Atlantikbrücke und Global Bridges und lehrt zudem seit 2018 als Professor für Wirtschaftswissenschaften. (Quelle: Droemer)

Das Buch: Was wäre, wenn: Der ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick wird von seinem alten Kameraden Philipp kontaktiert, der als Politiker Karriere macht. Philipp braucht Iwos Hilfe bei einem Vorhaben, das die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland für alle Zeiten verändern soll. Was sich da zwischen Dubai, Berlin und New York zusammenbraut, ist so ungeheuerlich, dass es selbst Iwos schlimmste Albträume übersteigt. Doch die Verschwörung reicht bis in die allerhöchsten Kreise von Finanzwesen, Politik und Sicherheitsdiensten, und wenn Iwo sie stoppen will, muss er sich entscheiden: Opfere ich mich selbst, oder opfere ich alle anderen? (Quelle: Klappentext)

Fazit: Puh, hm, ja, was soll ich bloß über „Staatsfeind“ schreiben, eine Art konsumgeilheitsgetriebener Spontankauf meinerseits, ohne genauere Erklärung, wie es dazu kommen konnte? Wie viele der markierten Stelle zitiere ich tatsächlich? Und überhaupt, was habe ich mir dabei eigentlich gedacht? Und habe ich etwas anderes erwartet?

Fragen über Fragen, die im Zusammenhang mit Veit Etzolds Thriller auftauchen. 26! Nein, nicht 26 Fragen, sondern 26 Post-It-Zettel! Ganze 26 Post-It-Zettel zieren nach der Lektüre dieses Buch, was gemeinhin darauf hindeutet, ein wunderbares Buch im Bereich einer stilistischen Perle in der Hand zu haben – oder eben „Staatsfeind“.

Selten, wirklich selten hat mich ein Buch so geärgert, wie dieser Thriller. Das beginnt mit den Figuren, die, mit Verlaub, eigentlich durch die Bank ätzende Drecksäcke sind. Nicht nur die auftauchenden Ermittler, auch und insbesondere Ex-KSK-Mann Retzick, sind von der „Kuscheljustiz“ enttäuschte Menschen, die gerne einen Staat hätten, der härter durchgreift. So meint auch der agyptischstämmige Ermittler Tahir: „Ihr Deutschen seid einfach blöde Teddyschmeißer.“ (S. 130), um sich an anderer Stelle aufgrund seiner Herkunft die Frage zu stellen: „Durfte ein Ausländer über Ausländer schimpfen?“ (S. 56) Nun, so pauschal? Nö! Genausowenig wie pauschal über jede andere Personengruppe als Ganzes, seien es Bademeister oder Kleingärtnerinnen. Das ist aber nur meine Meinung …

Der eben angesprochene Retzick ist da auch nicht zimperlicher, findet er doch: „Friedensstifter sind keine Pazifisten. Und umgekehrt. Den Frieden bewahrt nur der, der auch zum Krieg fähig ist,“, denn „Gewalt ist nun mal eine Sprache, die man international versteht.“ (S. 199) Da wundert es auch nicht, dass er den deutschen Atomausstieg angesichts des verlorengehenden Know-how kritisch beäugt. „Deutschland könnte bald gar keine Atomwaffen mehr herstellen, selbst wenn es das wollte.“ (S. 173)

Und auch die Tahirs Kollegin Judith entblödet sich nicht, bei Gelegenheit unpassende Nazivergleiche anzustellen. So sinniert sie bezüglich der sogenannten „Kölner Silvesternacht“ vor sich hin: „Einige Sozialpädagogen hatten den Frauen, die begrapscht worden waren, gesagt, dass sie ihren Grapschern ja sozial überlegen seien. (…) Mit der gleichen Logik hätte man damals den Zwangsarbeitern in den Konzentrationslagern auch sagen können, dass sie den SS-Wachen moralisch und bildungstechnisch überlegen waren, da viele von den Gefangenen, im Gegensatz zu den SS-Schergen, einen Universitätsabschluss hatten.“ (S. 34) Ernsthaft jetzt? Muss das sein?

Selbst die einzige Person, die im Laufe der Handlung als eine der mehr oder weniger „Guten“ durchgehen würde – die Journalistin Ulrike – denkt manchmal auch nur von Tapete bis Wand, beispielsweise angesicht der Bauten in Dubai: „Für Brückner war es nach wie vor ein Wunder, wie man der erbarmungslosen Wüste so ein Hightechwunderwerk wie Abu Dhabi und Dubai abtrotzen konnte, im wahrsten Sinne des Wortes gebaut auf Sand, aber dennoch mit einer Entschlossenheit und Geschwindigkeit, wie man sie im Westen, besonders in Europa und Deutschland, schon längst verlernt hatte. (S. 361) Nun, ich denke, ich könnte zur Erklärung dieses „Wunders“ beitragen: Wenn man sich nämlich Gastarbeiter aus dem asiatischen Raum organisiert, diese zu großer Zahl in kleiner Zimmer pfercht, schwachsinnuig niedrig bezahlt, und gleich zu Beginn erst mal die Pässe wegnimmt, dann funktioniert das Bauwesen super. Anhand der faktischen Zwangsarbeiter in den Emiraten, über die in den letzten Jahren immer mal wieder berichtet wurde, hätte sich vielleicht tatsächlich mal ein Nazi-Vergleich angeboten, denn mit Zwangsarbeitern hatte man hierzulande ja so seine Erfahrungen … Wahrscheinlich war aber auch an dieser Stelle die Versuchung zu groß, mittels eines Seitenhiebs darzustellen, was für ein unfassbarer failed state die Bundesrepublik sein muss.

Das alles wäre ja noch okay, nicht jeder Charakter eines Buches kann und muss ein netter Kerl sein. Angesichts der Tatsache, dass Etzold aber keine einzige wohltuende Ausnahme in seinen Charakteren einfügt, die auch mal widerspricht, angesichts der Tatsache, dass sie alle zynisch-ätzende Hardliner sind, bildet sich aber der Eindruck ab, die Meinungen seiner Charaktere seien mehrheitsfähig. Und dagegen wehre ich mich.

Meine Probleme mit dem Buch beschränken sich aber nicht nur auf die Figuren, über die ich bis hier nun mehr als genug und viel mehr als gewollt geschrieben habe, sondern sie betreffen auch die Handlung. Diese besteht aus meiner Sicht – andere halten das für fundierte Recherche, was ihnen vollständig unbenommen bleibt – in erster Linie darin, dass das komplette Füllhorn halbwegs aktueller Verschwörungstheorien über dem Leser ausgekübelt wird. Nur Chemtrails, Hohlwelter und Reptiloiden werden ausgespart, die waren wahrscheinlich selbst Etzold zu blöd. Ansonsten ist aber alles dabei: Von den Anschlägen des 11. September als „inside job“ der US-Regierung (womit man meine Gesprächsbereitschaft schon deutlich senken kann) bis zu der unappetitlichen Behauptung, die NSDAP sei schon vor der Machtergreifung von reichen amerikanischen Juden gesponsert worden, da diese den Staat Israel gründen und bevölkern wollten und um die europäischen Juden zur Ausreise aus Europa zu überreden sei nun mal der Holocaust nötig gewesen, somit seien die Juden am Holocaust mitschuldig.

Spätestens hier wollte ich die Lektüre eigentlich abbrechen. Hab ich aber nicht.

Letztlich lässt der Autor die Handlung in einem Showdown und einem Abschluss münden, die man bestenfalls als hanebüchen beschreiben kann.

Dass Veit Etzold durchaus in der Lage ist, stilistisch ansprechend zu schreiben und immer wieder Szenen enthalten sind, die mich erzählerisch vollkommen überzeugten, hilft bei „Staatsfeind“ leider kein bisschen mehr.

Insgesamt war dieser Thriller für mich ein Reinfall sondergleichen.

Wertung:

Handlung: 2 von 10 Punkten

Charaktere: 0,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der dunkle Garten“ von Tana French.

 

2 Kommentare zu „„Staatsfeind“ von Veit Etzold

  1. …klingt nach einer richtig „supi“ Lektüre!!! 😉

    Ich bewundere Dich, dass Du einen solchen Schmarrn immer bis zum Ende liest. Ich halte das nicht durch: Ich breche dann immer die Lektüre eines solchen geistigen Mülls vorzeitig ab und widme mich dann lieber einer wahrhaft bodenständigen Tätigkeit: Unkraut zupfen!

    …und wenn Du das nächste Mal den Drang nach einem „konsumgeilheitsgetriebenen Spontankauf“ verspürst und es Dich in eine Buchhandlung treibt, dann denke daran, Tee, Kaffee und eine kleine Auswahl an Fein-Gebäck für die Buchhändlerin Deinen Vertrauens mitzubringen. Schließlich ist sie es, die tagein-tagaus diese Art „Literatur“ und die dazugehörigen Lesern ausgesetzt ist. Da hat sie ein wenig Freude wahrlich verdient…! 😂

    Gefällt 4 Personen

    1. Es war zumindest eine interessante Erfahrung …

      Dass ich so etwas durchlese, liegt wohl in erster Linie an zwei Gründen. Einerseits dem. nennen wir es mal „Verkehrsunfalleffekt“: Man möchte nicht weiterlesen, man kann es aber auch nicht weglegen. Andererseits gibt es den ganz profanen Grund: Ich habe die Lektüre schließlich bezahlt! :-) Und von Unkraut zupfen kriege ich Rücken. ;-)

      Im Grunde tut es mir auch immer ein bisschen leid, wenn ich so über ein Buch schimpfen muss, schließlich hat Veit Etzold mir nichts getan und ich kann außerdem erahnen, wie viel Arbeit und Herzblut in so einem Buch stecken, aber manchmal muss man eben festhalten: „Nee, für mich ist das nix!“

      Hätte ich dieses Buch übrigens in der Buchhandlung meines Vertrauens erworben und nicht – unter Verstoß gegen diverse Grundsätze, die ich eigentlich zum Buchkauf habe – in dem, was man landläufig einen „Supermarkt“ nennt, in dem es eben auch ein Bücherregal gab, dann hätte mich die freundliche Belegschaft sicherlich davon abgehalten, auch ohne Bestechung in Form von Tee und Gebäck. Ansonsten gilt: Augen auf bei der Berufswahl – ich übernehme den Job gerne … :-)

      Gefällt 4 Personen

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