„Tyll“ von Daniel Kehlmann

Buch: Tyll

Autor: Daniel Kehlmann

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 480 Seiten

Der Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet, 2018 wurden ihm der Friedrich-Hölderlin-Preis und der Frank-Schirrmacher-Preis verliehen. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden, und auch sein Roman „Tyll“ stand monatelang auf der Bestsellerliste und findet begeisterte Leser im In- und Ausland. Daniel Kehlmann lebt zurzeit in Berlin und New York. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und mittendrin Tyll, jener rätselhafte Gauner, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Ich gebe zu, dass mir Hypes jeglicher Art suspekt sind, auch und gerade wenn sie Bücher bzw. deren Verfasser betreffen. Das hat gar nicht mal etwas damit zu tun, gewollt edgy zu wirken und demonstrativ über den augenscheinlich anspruchslosen Massen zu stehen. Nein, sie, die Hypes, sind mir halt einfach nur suspekt.

Daher verwundert es kaum, dass ich bis heute nicht Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ gelesen habe. Sobald man sich damals in einem halbwegs literaturinteressierten Kreis befunden hat, gab es da immer mindestens einen, der gesagt hat: „Das musst Du lesen!“ Ich muss allerdings erst mal überhaupt nichts, was zur Folge hatte, dass ich meinen ersten Kontakt literarischer Art mit Kehlmanns Büchern in Form seines Romans „Ruhm“ hatte. Der allerdings hat mich nachhaltig beeindruckt, bis heute.

Daher war es lediglich eine Frage der Zeit, bis ich mich seinem Roman „Tyll“ zuwenden würde.

Darin kreiert der Autor tatsächlich so etwas wie ein „Zeitengewebe“, wie es im Klappentext heißt, indem er den Lesern anhand des Lebenslaufs von Tyll Ulenspiegel (mag dieser ein Anachronismus sein, oder nicht) einen Überblick über kleine und große Geschehnisse zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt.

Bemerkenswert ist dabei Kehlmanns Kunstgriff, Tyll Ulenspiegel zwar als Nemensgeber seines Romans auftreten zu lassen, sich inhaltlich im Laufe der Handlung aber auch immer wieder von ihm ab- und anderen Geschehnissen und Personen zuzuwenden. Ulenspiegel fungiert somit weniger als der alleinige Protagonist des Romans, sondern eher als der erzählerische Kitt, der die gesamte Handlung zusammenhält.

Ebenso lässt sich aber auch keine andere Figur herausheben, die man eindeutig als Protagonist bezeichnen könnte, weil sich Kehlmann eben einer ganzen Reihe unterschiedlicher Figuren zu unterschiedlichen Zeiten zuwendet. Gut getroffen sind sie meiner Meinung nach aber ausnahmslos, als Beispiel möchte ich mir hier mal Tylls Vater herausgreifen, der ebenso ein Anachronismus ist, wie ein im 17. Jahrhundert angesiedelter Tyll Ulenspiegel, wenn auch aus anderen Gründen.

Ulenspiegels Vater beschäftigt sich eher notgedrungen mit dem Müllerhandwerk, seine wahre Berufung findet er in Magie, Zaubersprüchen, Zauberbüchern und ähnlichem. Auffallend ist die bemerkenswerte Offenheit und auch Naivität, mit der er beispielsweise Geistlichen davon berichtet. Einem Menschen seiner Zeit sollte eigentlich klar gewesen sein, dass das keine wirklich gute Idee ist. Aus diesem und dem Grund, dass er mit seiner Wissbegierde einen sehr atypischen Eindruck für einen Mann seines Standes und seiner Zeit hinterlässt, wirkt er so, als befände er sich im falschen Jahrhundert.

Dennoch hatte ich mit der Figur viel Freude, die nur noch von der Freude am „Winterkönig“ und seiner Frau Elisabeth Stuart übertroffen wurde. Diese beiden Charaktere waren es auch, die maßgeblich dazu beitrugen, dass ich nach und während der Lektüre des Buches zu intensivem Googeln übergegangen bin, um herauszufinden, inwieweit die geschilderten Ereignisse und Personen den historischen Tatsachen entsprechen. Immer wenn ich das tue, habe ich es erfahrungsgemäß mit einem ziemlich guten, historischen Roman zu tun.

Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine, die geschätzte Kollegin Vro kommt in ihrer gestrigen Rezension des Buches zu einem ganz ähnlichen Schluss.

Letztlich hat Kehlmann einen atmosphärisch dichten, abwechslungsreichen, sprachlich überzeugenden historischen Roman geschrieben und damit den Beweis angetreten, dass man eben auch so einen guten historischen Roman schreiben kann: ganz ohne strahlenden Helden, Herzschmerz, unglückliche Liebe und Wanderhuren.

Früher oder später, nehme ich mal an, werde ich mir Kehlmanns „Vermessung“ wohl doch mal zu Gemüte führen, Millionen Leser können nicht irren.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Staatsfeind“ von Veit Etzold.

18 Kommentare zu „„Tyll“ von Daniel Kehlmann

  1. Ach, und was den Hype anbelangt: Ich bin da immer erstaunlich unberührt. Bis ich mal etwas mitbekomme, ist der Hype fast vorbei. Aber wie du meide ich Hypes und stehe ihnen äußerst skeptisch gegenüber. Ob einer jetzt Kehlmann, Zwerg Bumsti oder Großvater Petz heißt, kümmert mich herzlich wenig, denn Lesen ist meiner Meinung nach eine sehr subjektive Sache. Und letztlich entsteht doch ein Hype nur dadurch, dass viele etwas gut finden. Es ist also irgendwie eine Frage der Quantität und nicht unbedingt der Qualität. (50 Shades of Grey beispielsweise).
    Wobei ich hier das Können eines Herrn Kehlmann durchaus nicht schmälern will.

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    1. Ich bin da etwas weniger unberührt, bekomme Hypes also durchaus frühzeitig mit. Und dann ist es halt mit meinem Interesse – sollte vorher überhaupt eines geherrscht haben – vorbei, selbst wenn es sich um den literarischen Heiligen Gral handeln sollte. Man mag das engstirnig nennen, aber da stehe ich drüber. ;-) Zumal Verkaufszahlen ja tatsächlich nichts über Qualität aussagen.

      Zwerg Bumsti ist mir übrigens neu – was hat der denn so geschrieben …? ;-)

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      1. Ach das mit dem Zwerg ist eher so eine Redensart, wenn einem etwas total egal ist. *lach*
        Aber mir geht das mit vielen Dingen so. Wenn alle plötzlich das neue Auto einer Automarke fahren, weil das so toll sei, dann will ich das mit Bestimmtheit nicht mehr, auch wenn es mir vorher gut gefallen hätte. Ich merke das sogar, wenn ich grantig und schlecht gelaunt in die Arbeit komme und da sind auch alle irgendwie gereizt, dann ist mein eigener Ärger auf einmal weg. Weil: wenn alle das machen, dann mach ich sicher nicht …

        Also ich versteh dich da sehr gut. Wenn du einfach so in eine Richtung spazieren gehst und auf einmal rennen alle auch dahin, dann drehst du sicher um, oder? Seh ich das richtig?

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  2. Witzig, dass Tyll bei uns ähnliche Eindrücke hinterlassen hat. *gg*

    Man lernt im Geschichte-Unterricht immer nur: der heiratet die, daraus folgt der Zusammenschluss jener Ländereien oder eine Schlacht im Jahre xy. Das sind schlichte Sätze, aber das wahre Ausmaß dahinter ist nicht greifbar. Das verheerende Wesen des Krieges und die Entvölkerung ganzer Landstriche fand ich in „Tyll“ sehr eindrucksvoll beschrieben.

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    1. Ja, ich habe mir gestern beim Lesen Deiner Rezension die ganze Zeit gedacht: „Verdammt, das wollte ich auch schreiben. Und das. Und das.“ ;-)

      Es ist natürlich eine der Schwierigkeiten des Geschichtsunterrichts, dass er sich an Fakten hält – halten muss – aber keinen Eindruck vermittelt über „das wahre Ausmaß dahinter“, wie Du treffend schreibst. Im Chemieunterricht – als Gegenbeispiel – sehe ich sofort, was passiert, wenn ich Magnesium in Wasser werfe.

      Ein Roman ist da natürlich viel freier, kann Stimmungen und Atmosphäre transportieren, ohne dass ihm irgendjemand nachweisen könnte, dass er damit falsch liegt.

      Trotzdem mochte ich den Geschichtsunterricht. :-)

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      1. Die Vermittlung von Fakten im Geschichtsunterricht finde ich wichtig, aber sie allein bewirkt nicht, dass ich mir etwas davon merke. Ich mochte den Geschichtsunterricht wie du, aber viel hängen geblieben ist davon nicht, was ich schade finde.

        Ein ganz anderes Gefühl bekomme ich derzeit bei Yanagiharas „Das Volk der Bäume“. Das liest sich wie eine fundierte Biographie und ist doch Fiktion. Sehr verwirrend.

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          1. „Ein wenig Leben“: Das Buch ist großartig, aber sehr schwer auszuhalten, letztlich ist es eine Geschichte eines Scheiterns, aber mit der Macht einer Dampfwalze.
            Das Cover hätte es für mich nicht gebraucht, aber ich akzeptiere es, weil ich das Buch kenne 😀

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          2. Na, eben, und dass es schwer auszuhalten ist, darauf deutete für mich schon das Cover hin. Und ich glaube nicht, dass ich mich momentan mit derartig schwermütiger Literatur befassen möchte. Zumal ich Scheitern immer wieder ganz gut alleine auf die Reihe kriege … ;-)

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    1. Das ist ja unter anderem das Schöne an Literatur: Man kann zum selben Buch völlig unterschiedlicher Meinung sein. Ich gibt eine ganze Reihe erfolgreicher Bücher, zu denen ich selbst so eine Minderheitenmeinung vertrete, daran ist gar nichts Schlimmes, dazu muss man stehen. ;-)

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