„Der kretische Gast“ von Klaus Modick

Buch: Der kretische Gast

Autor: Klaus Modick

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 456 Seiten

Der Autor: Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach unter anderem als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach einigen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Nicolas-Born-Preis und der Bettina-von-Arnim-Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo. Er veröffentlichte eine Vielzahl von Romanen, darunter »Der kretische Gast«, »Die Schatten der Ideen« und »Sunset«. (Quelle: Piper)

Das Buch: 1943: Der deutsche Archäologe Johann Martens soll im Auftrag der Wehrmacht die Kunstschätze der besetzten Insel katalogisiern. Der Einheimische Andreas wird zu seinem Fahrer und Führer, doch verbindet beide bald mehr. Die Lebensart der Kreter und noch mehr Andreas´ schöne Tochter Eleni schlagen Martens immer mehr in den Bann. Als die Deutschen eine Razzia planen, muss sich Johann entscheiden, wofür er steht. (Klappentext)

Fazit: Wer öfter bei mir liest, dem wird aufgefallen sein, dass mir das Verfassen längerer Texte, insbesondere in Rezensionsform, derzeit nicht gut von der Hand geht. Manchmal aber bedarf es nur eines kleinen Anstoßes in die richtige Richtung, in meinem Fall in Form einer Rezension des Buches „Oliven zum Frühstück“ von der wohl geschätztesten aller Bloggerkolleginnen in ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram, den fehlerfrei schreiben zu können ich mich mittlerweile rühmen darf.

Und manchmal bedarf es auch eines kleinen Anstoßes, wenn es um die Lektüre eines Buches geht. Wohl kaum ein sich in meinem Besitz befindlicher Roman hat mehr Zeit auf meinen Stapeln ungelesener Bücher verbracht als Klaus Modicks „Der kretische Gast“. Rückblickend völlig zu unrecht.

Modick teilt seinen Roman in zwölf große Kapitel ein, die abwechselnd zur Zeit der deutschen Besatzung von Kreta und dann an selber Stelle in den 70er Jahren spielen. Diese großen Kapitel sind ihrerseits in Unterabschnitte überschaubarer Länge unterteilt und aus der Sicht der jeweiligen Protagonisten Johann Martens und Lukas Hollbach erzählt.

Mag der äußere Aufbau des Romans somit auch vergleichsweise konventionell erscheinen, ist der Stil des Romans besonders hervorzuheben. Modick versteht es, einerseits Dinge wie Kriegsverbrechen der Wehrmacht auf deutliche, eindringliche aber nicht reißerische Art darzustellen und zu thematisieren, widmet sich aber dann andererseits immer wieder auch der Schönheit Kretas, der Landschaft und Natur, aber auch der teils eher verschrobenen Bevölkerung. Insbesondere steht hier die Frage im Raum, ob man dort wirklich so unfassbar viel Raki trinkt … Ein bisschen fühlte ich mich – und das bitte ich als Kompliment zu verstehen – an „Asterix auf Korsika“ erinnert. Tja, Insulaner eben. ;-)

Trotz aller düsteren Passagen in der Handlung schimmert also immer das Schöne an der Insel und am Leben als solches durch. Für mich war das einer der Punkte, die mich trotz allen geschilderten Grauens immer wieder zum Weiterlesen animiert haben. Das, und die Tatsache, dass ich immer, wenn ich die Lektüre unterbrochen habe, beim späteren Einstieg immer ganz genau wusste, wo ich inhaltlich war. Das schafft durchaus nicht jeder Autor, manchmal muss man, je nach Länge der Lektürepause, einige Seiten wiederholen, um wieder reinzukommen. Hier nicht – ich mache dafür in erster Linie Modicks bildhafte und szenische Erzählweise verantwortlich.

Der Protagonist Martens hatte bereits nach wenigen Seiten meine Sympathie und verlor diese über die gesamte Distanz des Romans nie wieder. Zu Beginn ist Martens noch im Archäologischen Institut tätig, und wäre wohl auch ganz froh, wenn man ihn einfach in Ruhe ließe, denn ein überzeugter Nazi, das ist er wahrlich nicht. Er sieht aber andererseits auch die Beeinträchtigung seiner Arbeit eben durch diese Nazis, die in jedem noch so unbedeutenden archäologischen Fund augenscheinlich einen Beweis für die Herrschaft der arischen Rasse sehen wollen.

Und da kommt es ihm andererseits nun wieder recht gelegen, als er die Aufgabe zugeteilt bekommt, nach Kreta zu reisen, um Kunstschätze zu katalogisieren. Einerseits ist Kreta zu diesem Zeitpunkt für die deutschen Besatzer ein vergleichsweise ruhiger Ort, an der Ostfront hätte man es zum gleichen Zeitpunkt bedeutend schlechter. Zum anderen: Wann bietet sich schon mal die Chance, griechische Kunstschätze zu katalogisieren!? Nur: Martens weiß, dass diese Katalogisierung lediglich zum Raub der entsprechenden Stücke führt.

Im Grunde ist Martens eine Figur, die sich dauernd in einem Gewissenskonflikt befindet: Nach Kreta reisen oder nicht? Die Katalogisierungsarbeiten korrekt durchführen oder nicht? Er ist aber auch eine Figur, die eine dauernde Entwicklung durchmacht und insbesondere das ist es, was ihn so spannend macht.

Der 70er-Jahre-Protagonist Lukas Hollbach fällt da im Vergleich etwas ab. Nichtsdestotrotz ist auch er überzeugend gestaltet, ein typischer Vertreter einer noch vergleichsweise rebellischen Studentengeneration, der sich auf die Suche nach der Vergangenheit macht. Mir ist bewusst, dass Modick die Figur Lukas Hollbach offensichtlich brauchte, um den Roman inhaltlich „rund“ zu machen, der zentrale Charakter bleibt jedoch Martens.

Nachdem ich schon Stil und Charaktere gelobt habe, mag es kaum verwundern, dass es auch inhaltlich kaum einen Grund zu Klage gibt. Modick erzählt eine Geschichte um Schuld, um Verantwortung, auch sich selbst gegenüber. Eine Geschichte, die angesichts der geschilderten Kriegsverbrechen auch heute noch topaktuell ist. Und zwar immer dann, wenn Griechenland die Bundesregierung angesichts solcher Geschehnisse wie dem Massaker von Distomo zur Zahlung von Reparationen auffordert. Ich persönlich kann diese Forderungen gut nachvollziehen und bin deswegen dann immer unangenehm berührt, lege gedanklich die Hände auf die Ohren und mache laut „LALALAAA“, bis der Tag vorbei und das Thema wieder in Vergessenheit geraten ist. Tragischerweise macht die Bundesregierung offenbar dasselbe. „“Dieses Kapitel ist für uns rechtlich und politisch abgeschlossen.“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert schon 2015. Wie irgendein Kabarettist mal sinngemäß sagte: „“Steffen seibert“ ist ein kompletter Satz …“

Aber ich schweife ab …

Kurz gesagt: Mit „Der kretische Gast“ hat Modick einen atmosphärisch dichten, zum Nachdenken anregenden aber nie unnötig ins Drama kippenden Roman geschrieben, den ich gerade bei den ansteigenden Temparaturen wärmstens empfehlen kann.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

15 Kommentare zu „„Der kretische Gast“ von Klaus Modick

  1. Modick ist für mich einer der besten deutschen Autoren überhaupt und wurde von der ungeneigten Leserschaft viel zu sehr ignoriert bzw. unterschätzt. Tatsächlich schaffte es erst das kleine „Konzert ohne Dichter“ aufs wirkliche Bestseller-Treppchen. Modick gefällt mir so, weil er erstens unglaublich gut schreibt und zweitens sich nicht in Rubriken eintüten lässt. Jedes Buch von ihm ist anders – und das finde ich klasse. Schon „Das Grau der Karolinen“ aus den 80er Jahren ist großartig oder „Ins Blaue“ oder „Klack!“ oder „Der Flügel“ oder …
    Jedenfalls herzlichen Dank für die Rezi! Enjoy the summer. Und bei Kreta muss ich natürlich immer an das andere großartige Buch denken: Alexis Sorbas.

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    1. Herzlichen Dank fürs Lesen! :-)

      Und auch herzlichen Dank für die vielen Anregungen in Sachen Modick. Ich habe durchaus das Bestreben, mir sein Werk noch genauer zu Gemüte zu führen. Aber ach, so viele Bücher, so wenig Zeit … „Die Tränen der Vögel“ steht auch noch auf meiner „to-read-Liste“. Irgendwann … ;-)

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      1. Das Problem kenne ich nur zu gut! Und fühle mich umso mehr geschmeichelt :-) Im September kommt übrigens der zweite Nachfolgeband zu den Vogeltränen raus …
        Ganz liebe Grüße und noch viel Sonnenschein-Wünsche (ohne zu starke Gewitter)!

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  2. Freufreufreu – und herzlichen Dank für dieses Kompliment am Morgen. So möge der Tag bitte weitergehen. 😊🌼
    Und als jemand, die schon ein, zwei, dreimal auf Kreta war – ja, man trinkt viel Raki. Und man teilt diesenauch gerne. Ich kann mich an den ersten Besuch dort erinnern, als Stiefvattern und Wintermami sturzbetrunken von einem eigentlich nur kurzen essen zurück kamen, wo man dann aber jemanden traf und dann …. Kreta ist eine wundervolle Insel, mit gastfreundlichen und großzügigen Menschen (nicht nur, was den Raki-Ausschank betrifft)…. wenn du nur fliegen würdest 😚😂
    Und danke für deine Rezi – geht doch. Sogar sehr gut!

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    1. Der Dank ist ganz meinerseits. :-)

      Angesichts des Raki-Konsums muss ich aber mal mit erhobenem Zeigefinger in den Raum werfen: Das kann doch nicht gesund sein! :-) Aber hey, offensichtlich wissen die Kreter, gut zu leben. Im übrigen sind „gastfreundlich“ und „großzügig“ genau die Worte, mit denen man Modicks Beschreibung der Bevölkerung bezeichnen könnte. Er muss mal da gewesen sein … ;-)

      Und ja: geht doch! Manchmal aber eben nicht von allein. Deswegen: Nochmals danke!

      Und sollte ich irgendwas dazu beitragen können, dass der Tag genauso weitergeht: sage Bescheid! :-)

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      1. Alsooooooo – ich habe ganz viele, ganz alte, glücklich aussehende Kreter gesehen – kann also nicht ganz so verkehrt sein :-) Außerdem ist das Zeugs ja auch echt lecker (und man sollte im übrigen NICHT den Fehler machen, Raki mit Ouzo zu verwechseln ….)

        Weiter Komplimente bitte – das könnte helfen. Ansonsten trägt mich der gestrige Abend. Und ich mache eventuell noch Werbung, aber im kleinen sage ich es jetzt schon: Ich traue mich und werde Teil einer Lesung Anfang August mit zwei oder drei Texten von mir :-)

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        1. Wenn ich dauernd Raki in mich reinkippen würde, würde ich auch einen glücklichen Eindruck machen! ;-)

          Komplimente? Kann ich, krieg ich hin.

          Wie denn, was denn, Lesung? Das ist ja mal geil! Glückwunsch! Ick freu mir! Dafür würde ich aber mal ganz definitiv Werbung machen! :-)

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          1. Also – lasst uns alle einfach mehr Raki trinken :-) Glücklich kann so einfach sein! Das ist doch mal ne Maßnahme :-)

            Und ja – Werbung wird noch gemacht. Ich freue mich auch, allerdings bricht mir jetzt schon der Angstschweiß aus – und wahrscheinlich werde ich mir kurz vorher auch einen kleinen Raki oder ähnliches gönnen ;-)

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          2. Um das Klischee der vergeistigten, distinguierten Literatin zu stützen, würde ich für den Abend Rotwein vorschlagen. ;-)

            Und irgendwas an dem Plan, Raki zum Glücklichsein zu trinken, erscheint mir falsch, ich weiß aber noch nicht, was es ist … :-)

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  3. Bliebe noch anzumerken, dass von Herrn Modick ebenfalls „Konzert ohne Dichter“ stammt, das vor ein paar Jahren die Rilke liebende (Damen-) Welt erschütterte, und in dem er belegte, dass dichterische Größe und menschliche Charakterstärke nicht unbedingt Hand in Hand gehen müssen.
    Ich mochte seine Art zu schreiben sehr. Danke für den Tipp.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Herzlichen Dank für die Ergänzung und fürs Lesen. :-)

      In mir reifte ohnehin schon der Entschluss heran, mich näher mit anderen Werken des Autors zu beschäftigen. Ich dachte da aber eigentlich eher an „Bestseller“ oder „Sunset“, aber „Konzert ohne Dichter“ klingt zugegebenermaßen auch sehr gut. Sollte ich mich dem zuwenden, wirst Du es erfahren. ;-)

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