abc.Etüden KW 15/16 VI

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

nein, mangelnde Produktivität bezüglich der von Christiane organisierten abc.Etüden kann man mir im Moment wirklich nicht vorwerfen. Und da sich mir gerade die Gelegenheit kurzer Prokrastination bietet, nutze ich selbige zu einem kleinen Laune-Verderber in Etüden-Form. Muss auch mal sein. Die Wortspende kommt übrigens von Veronika.

 

 

Die beiden Jungen, etwa 15 Jahre alt, sitzen an der Bushaltestelle und warten auf den Bus. Einer der beiden spielt ein kurzweiliges Handyspiel, der andere surft ziellos durchs Internet.

Etwa drei Meter entfernt steht ein älterer Herr – die 80 hat er wohl schon deutlich überschritten -, modisch gekleidet mit Stoffhose und kurzärmligem Hemd, und trägt augenscheinlich einen Beutel mit Tulpenzwiebeln.

„Ey, heute ist Internationaler Tag des Tattoos“, sagt der Internet-Surfer.

„Echt?“ erwidert sein Freund. „Ich wollte mir ja auch immer schon mal ein Tattoo stechen lassen. Aber meine Mutter erlaubt es nicht.“

„Meine auch nicht. Aber sobald ich 18 bin, mache ich das. Voll groß, nur um meine Mutter zu ärgern.“

Die beiden lachen, der ältere Herr wirkt etwas nervös und verschränkt die Unterarme vor der Brust.

Der Blick des Handy-Spielers fällt auf den älteren Herrn und auf dessen Unterarme.

„Krass. Sie haben ja auch ein Tattoo. Darf ich mal sehen?“

„Lieber nicht!“, gibt der Man einsilbig zurück.

„Och, bitte!“ bettelt der Junge.

Der ältere Herr flucht innerlich und gibt dann nach.

„Krass. Das sind ja Zahlen. Ist das so was wie ein Code?“ fragt der Junge.

„Gewissermaßen. Ihr habt beide keine Ahnung, was diese Tätowierung bedeutet?“, fragt er und bezieht den Internet-Surfer in das Gespräch ein.

„Nö!“, antworten beide wie aus einem Mund. „Was soll denn das sein?“ fragt der Spieler.

Der Mann seufzt.

„Wie alt seid ihr beide denn?“

„15!“

„Na, dann …“, sagt der ältere Herr, lässt seine Erinnerungen auferstehen und beginnt zu erzählen.

Kurz danach kommt der Bus an der Haltestelle ein. Niemand steigt an dieser Haltstelle ein.

 

256 Wörter.

 

Den Anlass zu dieser Etüde gab die fälschlicherweise verbreitete Information, dass heute der „Internationale Tag des Tattoos“ sei. Dieser ist allerdings nicht am 17.04., sondern am 14.07., aber das sei hier nur am Rande erwähnt.

Spontan musste ich bei dieser Meldung an ein gestern gelesenes Interview in der „Zeit“ mit Gabriel Bach, dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt im Prozess gegen Adolf Eichmann denken. Ein Interview, dessen Lektüre ich übrigens jedem wärmstens empfehle, auch wenn man viele Dinge liest, die man besser nie erfahren hätte. Oder gerade deswegen. Ein Interview, das ich, im PDF-Format auf USB-Sticks gezogen, jedem „Vogelschiss“-Politiker sowie dessen Entourage ans Ohrläppchen tackern möchte. Aber alles, was Spaß macht, ist ja leider verboten.

Im Zusammenhang damit kramte mein Gedächtnis die Information aus dem Jahr 2017 hervor, dass laut Angaben des „Spiegel“ nur noch 47 Prozent der Schüler zwischen 14 und 16 wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg war. Ich bin im mathematischen Bereich nicht sonderlich gut, aber wenn mich nicht alles täuscht, sind 47 Prozent weniger als die Hälfte. Wie man das findet, überlasse ich jedem Einzelnen.

Von da an jedenfalls war es nicht mehr weit, bis zur Etüde.

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22 Kommentare zu „abc.Etüden KW 15/16 VI

    1. Eine Geschichtslehrerin, die „Angst davor“ hat? Ja, so was soll ja auch kein Urlaubsausflug sein! ;-) Ich persönlich habe vor Jahrzehnten Bergen-Belsen besucht, den Eindruck habe ich nicht vergessen.

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  1. Den Artikel habe ich auch gelesen und gleich rumgeschickt, mit der Hoffnung, dass er vor allem bei Leuten ankommt, die sich nicht mehr erinnern wollen.
    Ich glaube unsere Erinnerungskultur ist einzigartig und wichtig, daher sollte man sich nicht nur auf die Schule verlassen.
    Grüße, Katharina

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    1. Dann gleich vielen Dank in doppelter Hinsicht: Einmal fürs Lesen, einmal fürs Teilen. Ich betrachte damit schon mal Deine gute Tat des Tages als erledigt. ;-)

      Und ja, es ist in der Tat wichtig, sich nicht nur in der Schule mit der Thematik zu befassen. Natürlich nicht zwingend jeden Tag. ;-) Aber gerade die, die sagen: „Ich kann das alles nicht mehr hören!“ oder „Was betrifft mich das“?, die sollten das Interview lesen.

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  2. Hier in Hessen bieten die Schulen Fahrten nach Buchenwald an, die auch regelmäßig wahrgenommen werden. Aber ich denke, dass der Prozentsatz von 47% bei den Jugendlichen m.E. noch über dem Prozentsatz bei den Erwachsenen liegen dürfte, die ja vielfach argumentieren: „ich kann es über all die Jahre einfach nicht mehr hören“ und dann auch wieder ganz rechts wählen.

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    1. Die Zahlen aus dem „Spiegel“-Artikel, auf den ich mich hier beziehe, sagen, dass 2012 noch 90 % etwas mit dem Begriff anfangen konnten, 2017 waren es dann „nur“ noch 86 %. Das sind zwar 14 % zu wenig, aber immerhin. :-)

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  3. Ich muss mal kurz eine Lanze für die Schüler brechen, da ich es bei unseren Pubertären wie folgt erlebe: natürlich steht das noch auf dem Lehrplan, da Geschichte aber immer mehr wird und dieses Fach mit max 2 Wochenstunden unterrichtet wird, werden eben leider alle Themen nur noch kurz angerissen und kaum noch vertieft. Zumindest ist es bei uns so. Da muss man dann einfach Eigeninitiative zeigen und erzählen und an entsprechende Orte reisen…..

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    1. Ich wollte der Schülerschaft auch nicht unterstellen, strunzdumm und desinteressiert zu sein. ;-) Das ist genau so falsch, wie der Vorwurf, die Lehrer seien schuld. Es ist einerseits einzelfallabhängig, andererseits von allem ein bisschen, inklusive Schulsystem und Planung hinsichtlich der Lehrerversorgung, -verteilung und -nachwuchses, dass es, zumindest hier in Niedersachsen, zum Lachen wäre, wenn es nicht zum Weinen wäre.

      Wenn beispielsweise Lehrer und Innen ungeachtet ihrer Unterrichtsfächer an Schulen geschickt werden, um dort Lücken aufzufüllen, die aber ggf. in ganz anderen Fächern herrschen, dann kann man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln. Statistisch hat man dann aber eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent, selbst wenn der Unterricht – überspitzt gesagt – nur noch aus Religion und Erdkunde besteht.

      Bei allem Respekt vor Religion und Erdkunde. ;-)

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  4. Ja, das ist sehr traurig und stimmt einen besonders nachdenklich … und bei der nächsten, übernächsten Generation wird der Prozentsatz vielleicht nur mehr bei 20% liegen … so braucht man sich dann nicht zu wundern, wenn sich Geschichte irgendwann wiederholt …

    „Unwissenheit war von jeher und ist noch die Quelle aller Barbarei, nicht bloß der Menschen gegen Menschen, Rassen und Völker, sondern auch gegen jedes andere Dasein in Natur, Kunst und Leben.“

    ―Theodor Körner
    (deutscher Dichter und Dramatiker, 1791-1813)

    Liebe Grüße
    Sella

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  5. upps, mein Kommentar ist ja weg, wollte gerade noch ein P.S. anfügen, aber vielleicht hängt er ja bei dir im Spam oder muss freigeschaltet werden, sodass ich jetzt wirklich nur den Nachsatz schreibe: danke für das Interview, jetzt ist mir wieder schlecht. Manches werde ich wohl nie verstehen.

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    1. Der war nicht weg, der musste tatsächlich erst mal freigeschaltet werden. :-) Ich habe das im Rahmen der DSGVO in einer Art vorauseilendem Gehorsam so eingestellt und aus unerfindlichen Gründen beibehalten.

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  6. Danke Fraggle für die Etüde. Ich fasse es kaum, dass dies die Jungen nicht mehr wissen, was haben die denn für einen Geschichtsunterricht, seufz … na, dann müssen wir eben die Erinnerungen daran wach halten, selbst wenn wir gar nicht mit dabei gewesen sind.
    herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Ja, irgendjemand muss das wohl tun. :-) Und die Verantwortung würde ich dabei gar nicht so sehr in Richtung des Unterrichts schieben, die NS-Zeit steht ja auf dem Lehrplan. Außerdem sind Lehrerinnen und Lehrer schon gescholten genug. :-)

      Nein, da ist auch ein wenig die Schülerschaft in der Verantwortung.

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  7. Uh. Danke für den Link zum Eichmann-Artikel, den muss man allerdings lesen, der liegt schwer im Magen. Punkt. Wie kann das passieren, dass die Kids in der Schule nichts mehr über unsere jüngste Vergangenheit erfahren? Ja, ich habe auch den Spiegel-Artikel gelesen, trotzdem ist unter 50 % schon erschreckend.
    Mich freut deine Etüde, klar, oder? Besonders, dass am Ende keiner einsteigt.
    Und dass es einen „Internationalen Tag des Tattoos“ gibt, wusste ich auch nicht, wobei mich das aber wirklich nicht weiter wundert.
    Einen schönen Tag dir!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Ja, das Interview ist tatsächlich schwer erträglich, aber genau deswegen so lesenswert. Auch, weil es Menschen gibt, die sich das Recht herausnehmen, alles, was in diesem Interview geschildert wird, als Bestandteil eines „Vogelschisses“ zu bezeichnen.

      Dass die Kids davon nichts mehr erfahren, stimmt so nicht. Der Nationalsozialismus steht – natürlich – durchaus auf dem Lehrplan. Nur müsste man zwischendurch halt auch mal aufpassen im Unterricht. ;-) Und man könnte über das Schulsystem als solches sprechen, das würde jetzt aber zu weit führen.

      Hinsichtlich des Internationalen Tag des Tattoos kann ich Dir sagen: Es gibt keinen Tag, den es nicht gibt! :-)

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      1. #Vogelschiss: Ich bin gestern bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, meiner heißgeliebten Stadtbücherei, über ein Buch über die Neue Rechte und ihre Netzwerke gestolpert. Ganz frisch draußen. Liest sich sehr interessant an. Titel gern auf Anfrage, ich will nicht unaufgefordert damit herausplatzen.

        Das mit den Gedenktagen habe ich auch schon mal gedacht. :-)

        Gefällt 1 Person

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