abc.Etüden KW 15/16 V

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich halte mich mal wieder nicht lange mit Vorreden auf. Verantwortlich für die Etüden ist Christiane, die mir immer besser gefallende Wortspende kommt von Veronika. Auf geht’s.

 

„Du bist immer noch schlecht drauf?“

„Schon wieder!“

„Aber diesmal hat es mit Tulpenzwiebeln zu tun?“

„Sei nicht albern. Nein, mit Notre-Dame.“

„Oh ja, schlimme Sache.“

„Stimmt, aber irgendwann wird das Gebäude auferstehen aus Ruinen – hat woanders auch geklappt. Aber es ist nicht nur der Brand als solcher, der mich beschäftigt.“

„Nämlich was noch?“

„Der Brand konnte quasi live auf den YouTube-Kanälen etlicher Fernsehsender verfolgt werden.“

„Na ja, das ist Live-Berichterstattung.“

„Ja, aber in den USA wurden bei den Livestreams „Information Panels“ eingeblendet.“

„Und das sind …“

„Das hat YouTube vor nicht allzu langer Zeit eingeführt: Wenn jemand ein Video sucht, zu dem viele Falschmeldungen im Umlauf sind, dann blendet YouTube in den „Information Panels“ Hinweise darauf ein und verlinkt mit – mehr oder weniger – verlässlichen Informationsquellen. Und im „Information Panel“ zum Notre-Dame-Brand nahm das „Panel“ Bezug auf die Anschläge vom 11. September.“

„Eiiiii …“

„Japp.“

„Mit anderen Worten, YouTube hielt die Livebilder möglicherweise für den Bestandteil einer Desinformationskampagne?“

„Möglicherweise, ja.“

„Das ist … eiiii…“

„Tja, für den Algorithmus sind, so war zu lesen, zwei Türme wohl in erster Linie zwei Türme. Und ob die in den USA, Frankreich oder Mittelerde stehen, macht da wohl kaum einen Unterschied.“

„Eiiii…“

„Das sagtest Du schon. Eigentlich würde ich es ganz kurzweilig finden, wenn ich nicht wüsste, dass ähnliche Algorithmen schon in naher Zukunft darüber entscheiden sollen, was wir hochladen dürfen und was nicht. Fünf bis zehn Jahre, so sagt der Sportsfreund Zuckerberg im letzten Jahr, dürfte es wohl noch dauern, bis ein Algorithmus wirksam „fake news“ erkennt. Die Urheberrechtsrichtlinie der EU muss aber innerhalb der nächsten zwei Jahre in nationales Recht gegossen werden. Und wenn wir mal davon ausgehen, dass die zuständigen Algorithmen ähnlich leistungsstark bis humorvoll sind, wie dieser hier, dann …“

„… leben wir in interessanten Zeiten.“

„Verstehst Du jetzt, warum ich nicht gut gelaunt bin?“

„Ja.“

 

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15 Kommentare zu „abc.Etüden KW 15/16 V

  1. Das mit dem fehlerhaften Algorithmus habe ich auch mitbekommen. Und es als an den Haaren herbeigezogen einfach ausgeblendet. Aber es gibt mit Sicherheit genug Menschen, die da jetzt plötzlich Zusammenhänge sehen.
    Faszinierend finde ich, wie man über eine Kirche auf einmal zusammenfindet und alle betroffen sind. Wo doch Staat und Kirche speziell in Frankreich getrennt sind. Oder vielleicht doch nicht?
    Liebe Grüße,
    Veronika

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    1. Stimmt, gerade in Frankreich sind Kirche und Staat strikt getrennt, was wohl auch erklärt, warum die Kirche nicht so wahnsinnig viel Geld in der Wiederaufbau stecken möchte. ;-) Zumal die Kirche ja nicht mal Eigentümerin von Notre-Dame ist.

      Dass Leute aus der Einblendung bei YouTube irgendwelche Verschwörungstheorien zusammenklöppeln, spricht meiner Meinung nach für einen zu eng sitzenden Aluhut. Der Algorithmus ist in seiner jetzigen Form, mit Verlaub, einfach beschissen. :-)

      Gefällt 1 Person

  2. Interessante Zeiten trifft es. Man hat das Gefühl, dass Weichen von Leuten gestellt werden, die weder Ahnung vom Ist haben, noch davon, wie die Welt in Zukunft aussehen könnte. Da versteht man die schlechte Laune. Wieder ein sehr interessanter Dialog.
    Grüße, Katharina

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    1. Herzlichen Dank!

      Genau das ist auch mein Eindruck. Ich möchte ja niemandem etwas Böses unterstellen, aber man kann da wirklich die Vermutung anstellen, dass gewisse Entscheidungen von Leuten getroffen werden, die sich der Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht bewusst sind.

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  3. Sehr gut! Gefällt mir!
    Mir ist gestern aufgefallen, dass in den Abendnachrichten bzw. HeuteJournal das Wort „Terror“ nicht einmal angedeutet wurde (tja, vor der EU-Wahl, machte es wohl keinen guten Eindruck, wieder so etwas zu haben), wo in anderen Fällen immer schon im Vorfeld darüber spekuliert wurde. Dennoch: die Symbolik wäre stark – katholische Kirche, die Osterwoche … – na ja, wie auch immer.

    Aber ich fand es gut, dass gestern nicht darüber spekuliert wurde, freilich weil man angeblich noch gar nichts über die Brandursache vermuten konnte – diesmal also nicht. Und dann das! Diese bescheuerten Algorythmen machen alle Bemühungen unserer Nachrichtensender, um das Wort nicht zu nennen zunichte! Mussten gleich zum 09/11 eine Verbindung herstellen! Und es geht fröhlich mit der Angstmache, mit der Spalterei vom Übersee aus weiter … Manchmal denke ich, es sind gar nicht die Algorythmen schuld, sondern dass ganz andere Kräfte dahinter wirken … bloß die Algorythmen können sich nicht wehren, sie sind einfach zu dumm, noch nicht so weit entwickelt!

    LG Sella

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    1. Natürlich vermeidet man das Wort „Terror“ wenn es nicht den geringsten Grund für das Gegenteil gibt. Wenn ich eine Kirche besäße und wüsste, dass ich Dachgeschoss Renovierungsarbeiten durchgeführt würden und dann geht diese Kirche plötzlich in Flammen auf: Würde ich dann denken, dass man sie mir weggesprengt hat oder dass es eine Problem bei den Renovierungsarbeiten gab. Dass man da nicht über Terror spekuliert, hat meines Erachtens weniger mit den bevorstehenden EU-Wahlen sondern mit gesundem Menschenverstand zu tun, wobei ich Dir zustimme: Die Symbolik wäre stark.

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, so ist es; und ja, die Symbolik ist nicht wegzudenken, obwohl dies auch mit keinem einzigen Wort erwähnt wurde. Aber gut! Es soll so sein! Ich bin trotzdem gespannt, was die Untersuchungen ergeben werden, obwohl ich mir da auch nicht ganz sicher bin, ob wir da die wahren Ursachen wirklich erfahren werden.
        Aber ich denke manchmal, es ist vielleicht eh besser, wenn wir nicht alles, was so im Hintergrund abläuft, erfahren, sonst könnten wir vermutlich nicht mehr ruhig schlafen und alles wäre viel zu belastend, nämlich noch viel mehr, als es so schon ist. Ich denke mir meinen Teil dazu, das ist alles, und es bedeutet nicht, dass ich dem Kreis der Verschwörungstheoretiker angehöre. Ich leite meine persönlichen Schlussfolgerungen lediglich aus vorhandenen Fakten ab. Der Fakt in dem Fall von Notre-Dame ist: Viel Holz brennt gut!

        LG Sella

        Gefällt 1 Person

  4. Fürwahr, wir leben in interessanten Zeiten. Ja, schöner Sch… Wusste ich noch nicht, obwohl mir klar war, dass es da wieder Verschwörungstheorien geben würde. Jaaa, großartig. Ich krieg mich gar nicht mehr ein.
    Liebe Grüße
    Christiane 😐

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich habe das auch nur durch Zufall gelesen.

      Die Einblendung erfolgte allerdings nicht wegen kursierender Verschwörungstheorien – die es durchaus schon gibt, weil die Armee der Aluhutträger immensen Zulauf hat -, sondern einfach, weil der Algorithmus einen Fehler gemacht hat.

      Man vertraut bei der Umsetzung politischer Entscheidungen also auf eine fehlerlose Technik, die es in der Form noch gar nicht gibt. Das erschließt sich mir einfach nicht.

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    1. So sieht es aus!

      Sozial aufgeschlossene Konzerne wie Google, die im Jahr 2018 weltweit mehr Strafen als Steuern bezahlt haben …

      Und die Politik sieht sich außerstande, sich aus ihrer mittelbaren Abhängigkeit von der Wirtschaft zu lösen, was man beispielsweise sehr anschaulich daran sieht, wie mit Zähnen und Krallen die Kohleindustrie verteidigt wird.

      Gefällt 3 Personen

        1. Exakt.

          Hätte man allerdings dem einfachen Fischer an der Küste von Cornwall oder dem Stahlkocher in Scunthorpe vorher etwas von den tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen erzählt, gäbe es die Brexit-Diskussion jetzt vielleicht gar nicht. ;-)

          Gefällt 1 Person

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