Extraetüden – Big Brother ist watching you V

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die abc.Etüden drehen eine Extrarunde. Üblicherweise werden die vorgegebenen Begriffe für die Etüden alle zwei Wochen ausgetauscht. In Monaten, die fünf Sonntage haben, gibt es zusätzlich eine Extraetüde, bei der es gilt sich aus den sechs Begriffen der Vorwochen fünf auszusuchen und sie in einen Text von maximal 500 Wörtern einzubauen. So weit das Prozedere, welches mir in der weitschweifigen Art, die man mir manchmal nachsagt, eigentlich entgegenkommen müsste. Wir werden sehen. Die Etüden werden weiterhin von Christiane ausgerichtet, die Wortspenden stammen von Natalie und Rina. Schreiten wir zur Tat. Ach, und wen das irrationale Verlangen überkommt, die bisherigen Teile meines Machwerks, das ich mal wohlwollend Fortsetzungsgeschichte nennen möchte, lesen zu wollen, der kann das hier, hier, hier und hier tun.

 

Er wusste nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Verwirrt und mit hämmernden Kopfschmerzen befand er sich in diesem schmucklosen Verhörraum mit Linoleum-Charme, vor sich einen grenzwertig widerlichen Café Mocha aus dem Automaten, und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Er versuchte, sich zu erinnern: Kaum war er, mehr als betrunken, zu Hause angekommen, schon hatte man ihn überwältigt, gefesselt, eine Art Jutesack über den Kopf gezogen und in einen Lieferwagen verfrachtet. Der Geruch des Jutesacks – eine Mischung aus Schweiß und Erbrochenem – biss ihm auch jetzt noch in der Nase. Asiaten waren es gewesen, Chinesen, wenn er sich nicht irrte, auch wenn er die Sprache nicht beherrschte.

„Ich hab es doch gewusst!“ hatte er ins Dunkel des Lieferwagens geflucht, überzeugt davon, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte.

Dann war alles ganz schnell gegangen. Er meinte Schüsse gehört zu haben, dann geriet das Fahrzeug in Schieflage und er wurde durch die Gegend geschleudert. Alles andere als weich war er gegen das Fahrzeugdach geprallt und hatte kurzzeitig das Bewusstsein verloren.

Dann wurde die Heckklappe des Wagens geöffnet und andere Männer – eindeutig keine Chinesen – hatten ihn, wenigstens ohne Fesseln und Jutesack, auf den Rücksitz eines Kombis verfrachtet. Durch fiesen Nieselregen waren sie quer durch die Stadt zu diesem Gebäude gefahren – und hier saß er nun, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, was abgelaufen war.

Die Tür öffnete sich und ein Mann in tadellosem, sichtbar teuren Anzug betrat den Raum.

„Schönen guten Tag. Koslowski, BND. Wie geht es Ihnen?“

„Beschissen. Sagten Sie BND?“

„Allerdings.“

„Okay – was läuft hier?“

„Die Kurzfassung?“

„Ja.“

„Wir hatten die Befürchtung, Doppelagenten des amerikanischen und chinesischen Geheimdienstes in unseren Reihen zu haben. Diesen Leuten haben wir die Information zukommen lassen, wir hätten eine weit effektivere Überwachungssoftware entwickelt als die jemals hatten. Ab da lief alles wie geplant: Beide Geheimdienste brachten die Software in ihren Besitz und nutzen sie seitdem.“

„Ich verstehe nicht – wo ist da der Vorteil für Sie?“

„Nun, ganz einfach: Die Software funktioniert nicht! Eigentlich sollte sie keine brauchbaren Ergebnisse liefern. Eigentlich. In ihrem Fall aber …“

„In meinem Fall was?“

„… hat die Überwachung ihrer Texte zum Ergebnis geführt, dass Sie in ihnen zur Ermordung des amerikanischen und des chinesischen Präsidenten aufrufen! Kein Wunder, dass da die Geheimdienste steil gehen, oder!?“

„Ich bin das Opfer einer Fehlfunktion geworden?“

„Exakt!“

„Ich werde Sie verklagen, verdammte Scheiße!“

„Nein, das werden Sie nicht tun. Was Sie tun werden, ist, eine Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben. Diese ganze Geschichte ist nie passiert. Dafür zahlt Ihnen der BND eine angemessene Entschädigung – ist schon auf ihrem Konto – und sie können gehen. Schmidt fährt Sie nach Hause. Schönen Tag noch. Und nichts für ungut.“

***

Sechs Wochen später am Berliner Flughafen BER. Das Funkgerät des Chevy Tahoe knistert, dann ist die Stimme des Chefs zu vernehmen.

„Zentrale an Petersen!“

„Hier Peterson, was gibt’s ?“

„Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“

„Nein, Sir. Hier passiert nichts. Nie! Hier wird NIE etwas passieren!!!“

„Na, vielleicht doch, vielleicht ja später: Sie schieben heute nämlich Doppelschicht. Wir hören uns dann morgen. Immer locker bleiben, ja!?“

 

 

500 Worte

 

 

15 Kommentare zu „Extraetüden – Big Brother ist watching you V

  1. Fehlfunktion…Ach du meine Güte…hihihihi – Das ist nicht doch eine Autobiographie??? ….Und der arme Petersen…. einen Geisterflughafen bewachen…aber da lässt sich auch gut feiern…:-)
    Sehr gut beendet.

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    1. Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. :-)

      Und Petersen hat doch jetzt eine absoluten Traumjob: Schön ruhig und gänzlich ohne Aufregung. :-)

      Vielen lieben Dank!

      Gefällt 1 Person

  2. Ach was! Also liegst du jetzt in Wirklichkeit mit den Taschen voller Geld im Liegestuhl und der arme Petersen/son vergammelt am BER. Nun, mit Recht!
    Sehr elegante Kurve übrigens, die du da eingebaut hast. Eine Fehlfunktion. Das Schlimme ist, dass automatisch jeder denkt, dass so was möglich wäre.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    1. Verdammt, ich habe den Namen vergeigt. ;-) Hach, man sollte die Schreibweise seiner eigenen Charaktere schon kennen… ;-)

      Und ich sitze mitnichten mit Taschen voller Geld irgendwo. Leider. :-)

      Gefällt 1 Person

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