„Der Galgendieb“ von Bernard Cornwell – Kitschfreie Zone

Buch: „Der Galgendieb“

Autor: Bernard Cornwell

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 392 Seiten

Der Autor: Bernard Cornwell, geboren 1944 in London und aufgewachsen in Essex, arbeitete nach seinem Geschichtsstudium an der University of London lange als Journalist bei der BBC, wo er das Handwerk der gründlichen Recherche lernte (zuletzt als «Head of Current Affairs» in Nordirland). 1980 heiratete er eine Amerikanerin und lebt seither überwiegend in den USA. Weil er dort keine Arbeitserlaubnis bekam, verwirklichte er seinen lang gehegten Wunsch, Bücher zu schreiben. Im englischen Sprachraum gilt er als unangefochtener König des historischen Abenteuerromans. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Von seinem verblassenden Ruhm als Held bei Waterloo kann sich Rider Sandman im London des Jahres 1817 leider nichts kaufen. Aus schierer Not übernimmt er einen Auftrag des Innenministers: Er soll routinemäßig die Hintergründe eines Todesurteils prüfen. Der Fall: eine Dame von Adel, vergewaltigt und anschließend erstochen, Täter war angeblich ein junger Maler. Dass der aber freiwillig keine Frau anfassen würde, wird Sandman schnell klar. Nur wer war es dann?
Die Tote hatte ein exotisches Vorleben als Schauspielerin – mit vielen Verehrern und noch mehr Feinden. Sandman fügt Puzzleteil an Puzzleteil und steht irgendwann vor der Türe des Seraphim’s Club. Herren aus allerhöchsten Kreisen verkehren darin. Und was sie dort treiben, weiß keiner. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Wenn man auf der Suche nach einem – ganz wertfrei und nicht despektierlich gemeint – recht kitschfreien historischen Roman ist, dann steht man entweder vor einem Problem oder aber häufig vor den Büchern von Bernard Cornwell. Ob die Grals-Trilogie, die Starbuck-Bücher oder „Das Fort“, sie alle sind – zumindest in meiner Erinnerung – überzeugende historische Romane ohne eine unnötige Menge an Herzschmerz. Und genau das war gerade gesucht, als ich „Der Galgendieb“ in die Hände bekam.

Schon zum Einstieg in das Buch – einer recht bedrückenden Szene im Londoner Newgate-Gefängnis – fällt Cornwell mit seiner atmosphärischen Erzählweise auf. Der fürcherliche Geruch, die allgemein beklagenswerten hygienischen Zustände, die lärmenden Gefangenen, die angesichts einer bevorstehenden Hinrichtung ihrer Begeisterung darüber, nicht selbst zu den Unglücklichen zu gehören, die zum Galgen geführt werden, lautstark Ausdruck verleihen, all das wird dem Leser detailliert vor Augen geführt. Und diese anschauliche Erzählweise behält Cornwell über das ganze Buch bei. Manchmal zu anschaulich, insgesamt kommt „Der Galgendieb“ aber ohne übermäßige Grausamkeiten aus.

Die Dialoge wiederum kommen ohne unnötige Anachronismen aus, die für mich ganz persönlich immer eine Art Ausschlusskriterium darstellen, wenn es um historische Romane geht. Wenig verzeihe ich so ungern, wie beispielweise neuzeitliche Redewendungen in Mittelalter-Romane oder andere inhaltliche Anachronismen, die auf schlechte Recherche hindeuten könnten. Davon wird demnächst in einer anderen Rezension vielleicht noch zu reden sein …

Cornwell Charaktere dagegen reden angemessen modern. Und auch sonst kann ich mich über seine Figuren wenig beklagen. Sein Protagonist, Rider Sandman, taugt als Sympathieträger, sein guter Freund Lord Alexander gibt sich in seiner aristokratischen Art als der, der er ist, sieht die Privilegien seines Standes gegenüber anderen Bevölkerungsschichten jedoch durchaus kritisch und selbst der nur in ganz wenigen Szenen auftauchende Gefängniswärter, von dem ich mich gerade frage, ob er überhaupt einen Namen hat, ist mir im Gedächtnis geblieben. Insbesondere Letzteres spricht für Cornwells Figurenensemble, das sogar hinsichtlich des Antagonisten überzeugen kann, was nicht allzu häufig vorkommt und was ich deswegen umso häufiger beklage.

Mit derartigem personellen und stilistischen Rüstzeug versehen, präsentiert der Autor eine Handlung, über die sich ebenso wenig Schlechtes sagen lässt. Übernimmt Sandman die ihm übertragene Aufgabe anfangs nur widerwillig – einerseits, weil er gerade Geld braucht, andererseits, weil ohnehin niemand ernsthafte Ermittlungen von ihm erwartet -, so kommen ihm recht bald tatsächlich Zweifel an der Schuld des als Täter ausfindig gemachten Malers. Und während der Leser ihn bei seinen Ermittlungen begleitet, gelingt es Cornwell nicht nur, eine spannende Handlung zu erzählen, sondern auch den Anflug eines Sittengemäldes von London im 19. Jahrhundert zu zeichnen. Etwas, das man in einem historischen Abenteuerroman nicht unbedingt erwarten würde. Zumal ich hier auch den Beweis herumliegen habe, dass es Abenteuerromane gibt, die wirklich ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz unfassbar sein können. Aber auch dazu demnächst mehr.

Zusammenfassend kann ich sagen: Wer mal wieder einen atmosphärischen, spannenden, gut geschriebenen historischen Roman lesen möchte, der wird mit „Der Galgendieb“ zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Ich bringe Dir die Nacht“ von Catherine Ryan Howard ooooder „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joel Dicker – falls ich es denn zeitnah durchgelesen haben sollte.

 

5 Kommentare zu „„Der Galgendieb“ von Bernard Cornwell – Kitschfreie Zone

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