„Niemalswelt“ von Marisha Pessl – Sie sind tot!

Buch: „Niemalswelt“

Autorin: Marisha Pessl

Verlag: Carlsen

Ausgabe: Hardcover, 484 Seiten

Die Autorin: Marisha Pessl stammt aus Asheville, North Carolina, und lebt mittlerweile in New York. Ihr Debütroman Die alltägliche Physik des Unglücks wurde ein internationaler Bestseller, hat diverse Preise gewonnen und ist von der New York Times als eines der 10 Best Books of the Year ausgewählt worden. Niemalswelt ist ihr erstes Buch für Jugendliche und junge Erwachsene. (Quelle: Carlsen)

Das Buch: Seit Jims ungeklärtem Tod hat Bee keinen ihrer Freunde mehr gesprochen. Als sich die fünf ein Jahr später in einem noblen Wochenendhaus an der Küste wiedertreffen, entgehen sie nachts nur knapp einem Autounfall. Unter Schock und vom Regen durchnässt kehren sie ins Haus zurück. Doch dann klopft ein geheimnisvoller Unbekannter an die Tür und eröffnet ihnen das Unfassbare: Der Unfall ist wirklich passiert und es gibt nur einen Überlebenden. Die Freunde sind in einer Zeitschleife zwischen Tod und Leben gefangen, in der sie dieselben elf Stunden immer wieder durchlaufen – bis sie sich geeinigt haben, wer von ihnen überlebt. Der Schlüssel zur Entscheidung scheint Jims Tod zu sein – in ihrer Verzweiflung beginnen die Freunde nachzuforschen, was wirklich mit ihm passiert ist, in jener Nacht, in der er in den Steinbruch stürzte. Und langsam wird klar, dass sie alle etwas zu verbergen haben … (Quelle: Carlsen)

Fazit: „SIE SIND TOT“ stand in den 90ern immer in großen Lettern auf dem Bildschirm, wenn man bei „Resident Evil“ mal wieder versagt hatte. Und genau das sind Beatrice, genannt „Bee“ und ihre vier Freunde auch. Mehr oder weniger jedenfalls, denn es gibt einen Überlebenden. Und so wie man in „Resident Evil“ im Falle des virtuellen Ablebens einen gespeicherten Spielstand lädt, so beginnen für die fünf Freunde die selben 11 Stunden immer und immer wieder von vorn. Und schließlich fangen sie an, ihre Zeit zu nutzen – von der sie ja nun reichlich haben – um Licht ins Dunkel von Jims Tod zu bringen. Aber der Reihe nach …

Im Jahr 2008 erschien die deutsche Ausgabe von Marisha Pessls Debütroman „Die alltägliche Physik des Unglücks“, bei dem ich mich lange Zeit nicht entscheiden wollte, ob es sich dabei um eine literarische Frechheit oder einen Geniestreich handelt, bis ich mich für Letzteres entschied. Pessls Erstlingswerk war ausgestattet mit einer Flut an Fußnoten, mit einer Fülle an Verweisen, mit Myriaden an Zitaten aus tatsächlichen oder fiktiven Büchern, die die Lektüre des Buches so erschwerten, dass ich jeden verstehe, der frustiert aufgegeben hat. Nicht umsonst wurde sie damals von der „Zeit“ als „new american Streber“ bezeichnet.

Sechs Jahre danach veröffentlichte sie mit „Die amerikanische Nacht“ einen von mir sehnlichst erwarteten Nachfolgeroman, der äußerst düster daherkam, aber durch außerordentlich gelungene Charakterzeichnung bestach. Pessls zweiter Roman muss sich lediglich den Vorwurf gefallen lassen, sich nur äußerst schwer in Schubladen oder Genre-Grenzen einordnen zu lassen – aber wer will das schon …?

Bis zu ihrem dritten Roman „Niemalswelt“ dauerte es nur noch fünf Jahre, die Abstände zwischen den einzelnen Büchern werden also kürzer, was ich außerordentlich begrüße. Weniger begrüßt habe ich die Tatsache, dass es sich beim vorliegenden Buch um eines handelt, dass sich vorzugweise an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. Gut, es mag Menschen geben, die mich da einsortieren würden, aber um das zu tun, müsste man die Wahrheit schon recht massiv beugen. Wenn man sich aber den Jugendbuch-Aspekt wegdenkt – was phasenweise schwierig ist, dazu später mehr -, dann kann man konstatieren, dass Pessls neues Buch ein rundum gelungenes Lesevergnügen darstellt.

Schon mit ihren ersten beiden Büchern, insbesondere natürlich mit ihrem Debüt, hat die Autorin bewiesen, dass sie es stilistisch einfach drauf hat, um es mal salopp zu formulieren. Und das kann man auch über „Niemalswelt“ sagen. Es ist sprachlich weder anspruchslos noch sonderlich fordernd, sondern genau so, wie ich ein Buch für eine junge Leserschaft schreiben würde, wenn ich so etwas könnte.

Dabei verzichtet die Autorin segenswerterweise auf alle Anflüge von „Jugendsprache“, wie ich mal vereinfachend sagen möchte, ohne den Begriff despektierlich zu meinen. Die Dialoge sind meiner Meinung nach an manchen Stellen sogar ein bisschen zu elaboriert gehalten, erklären sich aber wenigstens im Ansatz mit der Herkunft der Jugendlichen, die zu großen Teilen aus „besseren Kreisen“ stammen und überschreiten an keiner Stelle den Punkt, an dem man sich denkt: „So redet doch kein Mensch!“

Apropos Mensch, die Menschen mit denen Pessl ihren Roman bevölkert hat, sind quantitativ überschaubar und qualitativ gut gelungen. Zwar hätte ich mir hierbei noch ein wenig mehr Tiefe, Hintergrund, Ausarbeitung gewünscht, aber da sind wir wieder bei dem Punkt, dass es sich bei „Niemalswelt“ um ein Jugendbuch handelt. Und vor diesem Hintergrund betrachtet, gehen die Charaktere völlig in Ordnung.

Bleibt noch der Plot, um mal ganz bewusst einen der von mir leidenschaftlich verabscheuten Anglizismen zu benutzen, weil ich „Plot“ einfach mal eine Herkunft aus den französischen Begriffen „peloter“ für  „zu einem Knäuel wickeln“ und „complot“ für „Verschwörung“ zuschreibe. Und Worte aus dem Französischen benutzen – das geht! :-) Ich schweife ab – kommen wir wieder zum Plot.

Die Geschichte um die Hintergründe des Todes des jungen Jim überzeugt mich inhaltlich vollkommen, ist klug konstruiert, ganz ohne konstruiert zu wirken, ist spannend und hat letzten Endes auch eine zufriedenstellende Auflösung. Mit der ich, das sei an dieser Stelle ganz unbescheiden erwähnt, allerdings gerechnet hatte. Das tat dem Lesevergügen allerdings keinen Abbruch. Vielmehr tat das der Fokus auf die jüngere Leserschaft und der sich durch das Buch ziehende – und ich formuliere das mal absichtlich hauchzart provokant – typisch amerikanische moralkonservative Anstrich, den die Hauptfiguren tapfer transportieren. Das tun sie, indem sie eindeutig klar machen, dass Drogen verticken ganz dolle doof ist. Nicht, dass ich das anders sehen würde. Aber der erhobene Zeigefinger nervte mich etwas. Entrüstet sind die Protagonisten sogar, wenn es um Täuschungsversuche in Prüfungen geht. Na ja. Dass Bee mit ihrem Freund Jim, mit dem sie doch immerhin nahezu vier Jahre(!) zusammen ist, bevor er zu Tode kommt, noch kein einziges Mal Sex hatte, passt da nur zu gut ins Bild. In diesem Moment würgte, ähm, wehte ein Hauch der twighlightschen Enthaltsamkeit durch das Buch.

Und auch die Botschaft, die das Buch transportiert, ist nicht sonderlich komplex und lässt sich auf Horaz und sein „Carpe diem!“ eindampfen.

Das alles kann ich Marisha Pessl allerdings nicht zum Vorwurf machen, weil ich ein Buch weder dafür kritisieren kann, was es sein soll, noch dafür, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Wer dazu gehört bzw. wer sich an den erwähnten Dingen nicht stört, der kann also die zwei vorhergehenden Absätze getrost ignorieren.

Und wenn man das tut, dann bleibt ein wirklich gutes Buch. Ein Buch, das es mir ermöglicht, mal wieder mit einem Zitat aus selbigem abzuschließen:

„Wie sind alle Anthologien.“ (S. 374)

Ich wünsche euch allen, dass sich eure ganz persönliche Anthologie noch um eine unermessliche Fülle an Texten vergrößert. Also, lasst es mal wieder krachen und „Carpe diem et noctem“, denn wie der weise Paul Stanley schon wusste:

„I know life sometimes can get tough
And I know life sometimes can be a drag
But people, we have been given a gift
We have been given a road
And that road’s name is, rock and roll“

;-)

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere 8 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Eigentlich wollte ich heute schon über Bernhard Cornwells „Der Galgendieb“ schreiben, da aber Marisha Pessl eher als erwartet bei mir eingezogen ist – leider nur in Buchform, nicht persönlich -, haben sich die Prioritäten ein wenig verschoben. Cornwells historischer Roman kommt nun aber als Nächstes.

 

8 Kommentare zu „„Niemalswelt“ von Marisha Pessl – Sie sind tot!

  1. Na, sieh mal einer da – ein Buch, welches mir völlig entgangen wäre.
    Jugendbücher sind tatsächlich auch nicht so meins, aber die Beschreibung hört sich sehr spannend an. Den amerikanischen-moralischen Zeigefinger ignorier ich jetzt mal und setz das Buch auf meine Wunschliste.
    Danke für die Vorstellung!

    Gefällt 1 Person

    1. Nichts, was Marisha Pessl zu Papier bringt, um selbiges anschließend zwischen Papp- oder sonstige Deckel zu packen und zum käuflichen Erwerb freizugeben, sollte man sich entgehen lassen! Aber das ist meine eigene, subjektive, nur wenig mehrheitsfähige Meinung. :-)

      Vielen Dank fürs Lesen!

      Gefällt 1 Person

      1. Na, aber genau wegen der eigenen, subjektiven Meinung von Dir lese ich ja Deine Rezensionen!
        Ich schau mir jetzt aber nicht die anderen Bücher von Marisha Pessl noch an – sonst muss ich ja doch noch heute Geld ausgeben, mein armes Konto verträgt das grade gar nicht gut!
        Aber keine Sorge – wenn Niemalsland mir gefällt (wovon ich jetzt mal stark ausgehe, ich hab da schon hohe Erwartungen nach Deiner Rezi :-) ) wandern die anderen Bücher der Autorin quasi automatisch nach. :-D

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        1. Das hast Du jetzt aber schön gesagt. :-) Danke!

          Hinsichtlich der anderen Bücher muss ich aber schon mal vorweg schicken, dass sie deutlich weniger zugänglich sind und wesentlich schwieriger zu lesen. Das ist nicht für Jede/n etwas. Ich wollts nur gesagt haben … :-)

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