„Kolbe“ von Andreas Kollender – Solides Handwerk

Buch: „Kolbe“

Autor: Andreas Kollender

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 448 Seiten

Der Autor: Andreas Kollender wurde in Duisburg geboren, studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie und arbeitete nebenbei auf dem Bau, im Einzelhandel und in einer Szenekneipe. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Hamburg und leitet Kurse für literarisches Schreiben. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Sommer 1943: Hitler muss weg! Das steht für Fritz Kolbe fest. Als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hat er Zugang zu streng geheimen Dokumenten, die er aus der Behörde schmuggelt. Eine Kurierfahrt in die Schweiz ermöglicht ihm die Kontaktaufnahme zu den Amerikanern. Kolbe beginnt ein gefährliches Doppelleben. Unter dem Namen George Wood wird er der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. (Quelle: Ullstein)

Fazit: Es gibt Bücher, über die könnte ich tage- und nächtelang reden. Wahrscheinlich selbst, wenn mir niemand zuhörte. Und es gibt Bücher, über die kann ich weniger Worte verlieren, obwohl sie mir vielleicht sogar gefallen haben. In die letzte Kategorie fällt Kollenders „Kolbe“. Schreiten wir dennoch mutig zur Tat.

Hand aufs Herz: Wem sagt der Name Fritz Kolbe erwas? Ja, das ging mir ähnlich. Und Google auch. Wenn man dort „Kolbe“ als Suchbegriff eingibt, landet man bei einem Backofen-, Dunstabzugshauben- und Kochfeld-Hersteller, einem Jura-Professor-Doktor, einem polnischen Franziskaner-Minoriten sowie einem Mitarbeiter der Stadt Delmenhorst.

Dabei war Fritz Kolbe nichts anderes als ein wichtiger Widerstandskämpfer im Dritten Reich und – aus eigenem Antrieb – Spion im Auftrag der Amerikaner, wo er in erster Linie mit Allen Dulles zusammenarbeitete. Den kennt man nun wieder, in seiner Eigenschaft als späterer CIA-Direktor. Und deshalb ist es auch wichtig, dass sich Kollender in seinem Roman der Person Fritz Kolbe angenommen hat.

Der Autor schildert in seinem Buch das Zusammentreffen eines Journalisten und der dazugehörigen Fotografin mit Kolbe in seinem schweizerischen Exil nach Ende des Krieges. Dort beginnt Kolbe dann, seine Lebensgeschichte zu erzählen, angefangen mit seiner Tätigkeit in Südafrika, die er zum Kriegsbeginn aufgeben musste, da man ihn nach Berlin zurückbeordert hat.

In einer, so mein Eindruck, ungewohnt szenischen Erzählweise, an die ich mich, zugegeben, erst gewöhnen musste, beschreibt Kollender den Werdegang vom Beamten im Auswärtigen Amt mit einer ausgeprägten Abneigung gegen die Nazis hin zu dem, was Dulles später sinngemäß als „zweifellos einer der besten Agenten, den irgendein Geheimdienst jemals gehabt hat“ bezeichnete. Diese Erzählweise enpfand ich zu Beginn als eher trocken und spröde, sie passt aber nach längerer Bedenkzeit ziemlich gut zu den dargestellten Ereignissen und vor allem zur Stimmung.

Denn Stimmung, die kann Kollender sehr gut. Die beklemmende Atmosphäre voller Angst, in der sich Kolbe bewegt, wird von ihm sehr gut transportiert. Selbst wenn man, im Gegensatz zu mir, zu Beginn schon wusste, wie die Geschichte ausgehen würde, könnte man sich der Spannung des Romans wohl kaum entziehen. Dabei verzichtet der Autor segenswerterweise auf alberne Actionszenen und schlägt eher leise Töne an, um das konspirative Umfeld, in dem sich Kolbe bewegt, rüberzubringen.

Neben der Atmosphäre sind insbesondere die Charaktere Kollenders Stärke. Er zeichnet nicht nur ein spannendes Psychogramm einer Hauptfigur, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um den Krieg vorzeitig zu beenden – im vollen Bewusstsein, damit das Leben der eigenen Soldaten zu gefährden. Auch die Nebenfiguren sind durchgehend gut getroffen.

Inhaltlich kann man sagen, dass „Kolbe“ – soweit sich das mir als Laien darstellt – erfreulich gut recherchiert ist und sich nur hier und da erzählerische Freiheiten erlaubt, die aber auch erlaubt sein müssen.

Die, die sich nicht minimal spoilern lassen wollen, lassen die folgenden Absätze über Kolbes Lebenslauf im Idealfall ungelesen, alle anderen lesen gerne weiter.

Kolbe spielte im Laufe seiner Spionagetätigkeit über 1.600 Dokumente, teils hochbrisanten Inhalts, den Amerikanern zu. In diesem Zusammenhang zeigt sich erstmals die Tragik, die mit seinem Leben als Spion zusammenhing. Denn die Amerikaner nutzen ihre Informationen kaum! Er warnte vor der Liquidierung der römischen Juden 1943 – nichts wurde dagegen unternommen. Er warnte vor der Deportation ungarischer Juden – die Amerikaner blieben tatenlos.  Er konnte sogar den Standort und den Aufbau der Wolfsschanze aufzeichnen – auf amerikanischer Bomber, die den Bau in Schutt und Asche verwandelten, wartete man vergebens. Das alles lag in erster Linie daran, dass man die von Kolbe übermittelten Unterlagen seitens der Amerikaner für zu gut hielt, um echt zu sein und man die Vermutung äußerte, es mit einem Doppelagenten zu tun zu haben – selbst als die von Kolbe vorausgesagten Ereignisse tatsächlich eintrafen.

Die zweite Tragik seines Lebens betrifft den Umgang der Nachkriegsdeutschen mit Kolbe. Er stieß auf ähnliche Gegenliebe wie heute Edward Snowden bei den Amerikanern. Als ehemaligem Beamten hätte ihm eine Bezahlung zugestanden. Er bekam sie nicht. 1949 wollte Kolbe wieder in seinen ehemaligen Beruf zurück. Erfolglos. Im Auswärtigen Amt hatte man lieber vertraute Gesichter um sich: 1951 wurden die leitenden Beamtenstellen der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt ausschließlich mit ehemaligen „Parteigenossen“ besetzt.

Kolbe wurde zur persona non grata in Deutschland. Erst sechs Jahre bevor Kolbe im Jahr 1971 starb, wurde er vom Vorwurf des Verrats freigesprochen. Das entsprechende Schreiben war noch nicht mal an Kolbe selbst adressiert, sondern an einen Freund. Und erst im Jahr 2004 wurde er offiziell durch den damaligen Außenminister Fischer von der Bundesrepublik geehrt. Tja, Aufarbeitung dauert hierzulande manchmal ja etwas länger.

Die Spoiler-Gegner dürfen ab hier weiterlesen.

Hm, nun habe ich doch eine ganze Menge Worte über einen Mann verloren, der meines Erachtens viel tiefer im bundesdeutschen Gedächtnis verankert sein sollte. Einen Mann, der schon vor fast 80 Jahren das erkannt hat, was heute noch gilt: Nazis sind scheiße!

Den dazugehörigen Roman kann ich allen geschichtsinteressierten Lesern nur empfehlen. Für alle anderen fällt das Buch vielleicht eher in die Kategorie „kann, muss aber nicht“.

Fazit:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil:7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Helix“ von Marc Elsberg.

 

 

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13 Kommentare zu „„Kolbe“ von Andreas Kollender – Solides Handwerk

    1. Das geht mir ähnlich. Jedoch kann ich wahrscheinlich lesen und lesen bis kurz bevor ich in die Kiste springe, ohne es je zu verstehen. Das soll mich aber nicht daran hindern, noch mehr darüber zu lesen. Danke für die Empfehlung 😊

      Gefällt 2 Personen

  1. Hm, hatte eigentlich auch schon kommentiert und jetzt isset wech. Also noch einmal… Das Buch hier wird vermutlich unter „weiß ich nocht nicht“ laufen, denn manchmal braucht es bei mir etwas länger um zu entscheiden ob ja oder doch. Hast Du eigentlich schon Tim Erzbergs Band 2 gelesen? Gefiel mir noch besser als Band 1 und bringt mich leider dazu, doch noch einmal über einen weiteren Besuch dieser Insel nachzudenken. Wenn nur halt die Überfahrt nicht wäre….

    Gefällt 1 Person

  2. Fällt bei mir eher unter die Rubrik „weiß ich noch nicht, ob ich das lese“. Weil ich es nunmal mit Nazideutschland nicht so wirklich habe. Aber kann durchaus dennoch dazu kommen. Bei einigen Büchern kann es halt ein wenig dauern.
    By the way, hast Du schon den 2. Band von Tim Erzberg gelesen? Den finde ich sogar fast noch besser als Nr. 1. Vor allem verstärkt sich das Gefühl bei mir doch noch einmal auf die Insel zu müssen. Wenn nur die Überfahrt nicht wäre….

    Gefällt 1 Person

    1. Kann ich nachvollziehen, diese Zeit ist nicht für jeden etwas und auch nicht für jede Lesestimmung.

      Von dem Erzberg gibt es einen zweiten Teil? Das ist mir neu, danke für die Info. Mal schauen, ob ich mir das ansehe – falls ja, hoffe ich, nicht wieder so früh die Auflösung der Handlung zu erraten.

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    1. Weiß ich, und das dachte ich mir! Aber Dir kann ja auch nicht alles gefallen, was ich lese – sonst halte ich mich irgendwann für unfehlbar, gründe eine Religion, werde stinkreich. Nein, das kann niemand wollen. :-)

      Ach, und vielen Dank! ;-)

      Auch Dir einen wundervollen Tag und liebe Grüße zurück.

      Gefällt 1 Person

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