„Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton – Zauberhaft

Buch: „Ein irischer Dorfpolizist“

Autor: Graham Norton

Verlag: rororo

Ausgabe: Taschenbuch, 334 Seiten

Der Autor: Graham Norton, Schauspieler, Comedian und Talkmaster, ist eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der englischsprachigen Welt. Geboren wurde er in Clondalkin, einem Vorort von Dublin, aufgewachsen ist der Sohn einer protestantischen Familie aber im County Cork im Süden Irlands.

Sein erster Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ überraschte viele durch seine Wärme und erzählerische Qualität, er avancierte in Irland und Großbritannien zum Bestseller, wurde mit dem Irish Book Award 2016 ausgezeichnet und wird nun auch zu einer Fernsehserie. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Das Buch: Duneen liegt am Arsch der Welt, ganz unten im Süden Irlands. Große Dramen finden hier nicht statt, trotzdem könnten die Leute in Duneen ein bisschen glücklicher sein. Sergeant PJ Collins zum Beispiel war nicht immer so ungeheuer dick. Brid Riordan hat früher nicht getrunken. Und auch Evelyn Ross hoffte einmal, irgendwann einen Sinn im Leben zu finden.

Dann werden eines Tages auf der Burke-Farm Knochen gefunden. Menschenknochen. Und es ist vorbei mir der Ruhe, für PJ und für Duneen. Alte Wunden brechen auf, alte Lügen kommen ans Licht, neue Konflikte entbrennen, und während PJ seinen ersten richtigen Fall zu lösen versucht, überrascht er viele, die ihn zu kennen glauben – am meisten sich selbst. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Manchmal gibt es so Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man trotzdem enttäuscht. Mir zum Beispiel geht es so mit dem bisherigen Jahr 2019. Aber manchmal gibt es auch Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man mehr als positiv überrascht. Und so ging es mir mit „Ein irischer Dorfpolizist“.

Norton teilt sein Buch in zwei Teile, und diese wiederum in Kapitel überschaubaren Umfangs. Für mich ist das bereits der erste Pluspunkt, da mich wenig so stört, wie mitten im Text die Lektüre einzustellen, weil ich bemerke, dass es bis zum Kapitelende noch 73 Seiten sind. Ein weiterer stilistischer Pluspunkt ist der feinsinnige Humor, der sich durch das Buch zieht. Bereits der erste Satz des Buches dient da als gutes Beispiel, in dem es über den sehr, sehr beleibten Sergeant Collins heißt: „Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge.“ Ich find´s witzig. ;-)

Aber Nortons Buch ist nicht nur humorvoll. Im Gegenteil, die 334 Seiten enthalten auch reichlich tragische Momente. Allerdings schafft es der Autor, wie auch schon die „SZ“ in ihrer Kritik festgestellt hat, dass das Buch weder in die eine noch in die andere Seite kippt.

Die Geschichte selbst hat Hand und Fuß und erfüllt eigentlich alle Kriterien für einen Krimi, den man in den wohl noch unweigerlich folgenden Wintertagen, gemütlich in eine Decke eingewickelt und mit Heißgetränken versorgt, auf dem Sofa lesen kann.

Die bemerkenswerte Stärke des Buches liegt aber meiner Meinung nach in den wunderbaren Charakteren, die Graham Norton da ausgearbeitet hat. Der Autor hat keine strahlenden Helden geschaffen, keine unfehlbaren Figuren, sondern Menschen wir ihr und ich. Menschen mit Makeln, Defiziten, Eigenheiten und Selbstzweifeln. Allen voran muss hier natürlich der Protagonist PJ Collins genannt werden, der nicht nur durch seine Leibesfülle unbeholfen wirkt, sondern auch dadurch, dass er nun ganz plötzlich zum ersten Mal so etwas wie echte Polizeiarbeit leisten muss, was ihn merklich überfordert.

Da wäre zum anderen beispielsweise Brid Riordan, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen begonnen hat, sich dem übermäßigen Alkoholgenuss hinzugeben. Live und in Farbe kann der Leser Brid bei ihrem langsamen Abstieg verfolgen, der mit ungezählten unangenehmen bis peinlichen Situationen einhergeht.

Nortons Figuren sind also weit entfernt von perfekt und unfehlbar, aber ihm gelingt etwas, was ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig finde: Es gelingt ihm, der Leserschaft seine Charaktere zwar mit allen ihnen innewohnenden Schwächen zu präsentieren, aber – wichtig! – ohne sie dabei vorzuführen. Wie einfach wäre es gewesen, PJ ausschließlich als dicke Witzfigur oder Brid nur als schwache Alkoholikerin hinzustellen!?

Aber diese beiden – so wie die meisten Personen der Handlung – sind mehr als nur das. Brid ist nicht per se ein schlechter Mensch, nur weil sie trinkt. Und in PJ steckt weit mehr als nur ein unsicherer, pummeliger, überforderter Polizeibeamter.

Diese wunderbare Charakterzeichnung ist es, was „Ein irischer Dorfpolizist“ in meinen Augen ausmacht und weshalb es so lesenswert ist.

So lesenswert übrigens, dass ich es mittlerweile bereits an eine ganz zauberhafte Person verschenkt habe. Und das würde ich nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre. ;-)

Kurz: Eine ganz unbedingte Leseempfehlung fürs Wohlfühlen an kalten Wintertagen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kolbe“ von Andreas Kollender.

 

24 Kommentare zu „„Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton – Zauberhaft

          1. Ohne Vergleich mit dem Original kann ich das schwerlich beurteilen, aber mein Eindruck ist, dass die Übersetzung tatsächlich gut gelungen ist.

            Dass das nicht immer so ist, weiß ich spätestens seit der Neu-Übersetzung von „Der Herr der Ringe“ zu Anfang des Jahrtausends. ;-)

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          2. Ich habe mal nen Bestseller in Deutschland vor vielen Jahren gelesen. Lauf Jane lauf….von Joy Fielding. Sie ist eine kanadische Schriftstellerin. Als ich anfing, Bücher im Original zu lesen, war ich auch daran interessiert. Ich wunderte mich, dass das Buch kein grosser Erfolg im englisch sprachigen Raum war. Nachdem ich es gelesen hatte, war es mir klar. Aber das war nur einmal
            bei mir so, dass die Übersetzung besser war als das Original.😀

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          3. Danke für die Info. Und, ist es sehr schwieriges oder eigenwilliges Englisch? Habe bei Amazon nur eine deutsche Leseprobe finden können. Gucke und lese generell viel auf englisch. Aber wenn ich dann beim Lesen dauernd das Wörterbuch brauche macht das irgendwie auch nicht so viel Spaß im Textfluss :-)

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          4. Es ist nicht sonderlich schwierig. Aber ich kann Dein English nicht beurteilen.
            Ich habe nur die Erfahrung mit den Jahren gemacht, dass kaum ein englisch sprachiges Buch mit vielen Fremdwörtern gespickt ist, um es intellektueller wirken zu lassen. 😉
            Es ist jedenfalls einen Versuch wert. Ich lese inzwischen nur noch englisch, aber das hat sich entwickelt, dass ich lange Zeit vor dem Internet
            im Ausland lebte und kaum deutsche Bücher hatte.

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  1. Mir ging es genauso wie dir. Ich war absolut positiv überrascht, was für tolle Charaktere Graham Norton da geschaffen hat.
    Er kann ja in seiner Sendung auch manchmal ganz schön scharfzüngig sein, da habe ich wohl nicht damit gerechnet, daß seine Figuren, über die man sich leicht lustig hätte machen können mit so viel Herz beschrieben wurden.

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    1. Ich muss zugeben, dass ich den Herrn vorher gar nicht kannte. :-) Auch weil ich keine englischsprachigen Talkshows im Originalton verfolge – nicht, weil ich es nicht könnte, sondern, weil ich es eher als anstrengend empfinde, wenn ich nicht wenigstens Untertitel habe. ;-)

      Mich haben die Charaktere ein wenig an die von Becky Chambers erinnert. Und wer solche Figuren entwirft, der darf meinetwegen gerne möglichst schnell möglichst viele weitere Bücher schreiben. :-)

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      1. Na, dann wird es dich bestimmt freuen, daß das nächste I’m März erscheint. Eine irische Familiengeschichte. ☺️

        Seine Talkshow schaue ich mir schon seit ein paar Jahren an, weil sie wirklich witzig ist…
        Anders als bei anderes steifen Interviews versammelt Graham alle möglichen unterschiedlichen Stars auf seiner Couch und füllt sie nach und nach ab.
        Und dann kitzelt er ihnen die intimsten Geheimnisse raus.
        😂

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        1. Ui, danke für die Info! Das freut mich in der Tat. Echt nicht schlecht, wenn man jemanden kennt, der bzw. die sich damit auskennt. ;-)

          Na, vielleicht schaue ich mir seine Sendung demnächst auch mal an. Alkohol vor laufender Kamera klingt nach einer witzigen Idee. :-)

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    1. Oh, ganz lieben Dank, das wärmt mir jetzt ein bisschen das Herz! Und das kommt momentan ausgesprochen selten vor. :-)

      Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster, indem ich sage: Ich bin mir fast sicher, dass Dir das Buch gefallen dürfte.

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