abc-Etüden-Premiere

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

in Ermangelung aktueller Freitagsfragen – ein Umstand, an dem sich auch bis zum Jahresende nichts mehr ändern wird -, habe ich mir gedacht, ich könnte ja, als eine Art literarisches Methadonprogramm für meine Leserschaft, mal den Versuch unternehmen, bei den abc-etüden mitzumachen, die von Christiane organisiert werden und bei denen es darum geht, drei vorgegebene Begriffe in einen Text mit maximal 300 Wörtern einzubinden, was mir naturgemäß schwerfallen dürfte, wie schon dieser Einleitungssatz beweist. Den Anreiz zu meinem Text lieferte der gestrige Beitrag der über alle Maßen geschätzten Bloggerkollegin wortgeflumselkritzelkram, der mir doch irgendwie zu, ich weiß nicht, düster(?) erschien. Die Wortspende kommt diesmal von Elke, und ihre Worte lauten

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern

Also dann, auf geht´s!

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„Wann wird´s mal wieder richtig Sommer…“, plärrte ein deutscher Uralt-Schlager aus dem Uralt-Radio. Matteo sah aus dem Fenster und lächelte. Er persönlich war froh, dass es mittlerweile endlich wieder richtig Winter wurde. Vorbei waren die Zeiten an denen die Winter mehr als mild waren, an seltenen Tagen bestenfalls nasskalt.

Und nicht nur die Winter wurden wieder schöner. Seit die Menschheit die Singularität erreicht hatte, war alles besser geworden. Matteo schaute aus seinem Küchenfenster auf die nahe Orangenplantage. Bald schon würden dort wieder die Roboter wuseln und ihrer Arbeit nachgehen. So wie überall. Matteo konnte sich noch gut an die alten Zeiten erinnern, als Flüchtlinge diese Arbeit für einen Hungerlohn ausgeführt hatten. Nein, nachtrauern würde er diesen Jahren nicht.

Natürlich brachte der Wegfall aller Arbeitsplätze Veränderungen mit sich. Und die Sonderlinge von „PEGRODA“ wurden nicht müde, dagegen zu prostestieren. Aber Logik war noch nie deren Stärke gewesen. „Robotisierung des Abendlandes“ – lächerlich. Aber irgendwen gab es ja immer, dem Veränderungen nicht gefielen.

Tatsächlich hatte sich für die Menschen vieles zum Guten gewendet. Die Umweltverschmutzung hatte seit Einführung emmissionsfreier, wirklich effektiver Antriebe merklich nachgelassen. Sämtliche Kunststoffe waren vollständig recyclebar. Und seit Einführung des weltweiten, bedingungslosen Grundeinkommens waren die Menschen endlich alle existenziellen Sorgen los und konnten tun, was sie immer schon tun wollten. Schreiben, reisen – was auch immer. Oder, so wie Matteo, Sprachen lernen. Er hatte sich an der Uni eingeschrieben und stand nun kurz vor seinem Bachelor in Deutsch und Literaturwissenschaften, mit 92 Jahren.

Matteo wandte seinen Blick von der Winterlandschaft vor seinem Küchenfenster ab und ging zur Haustür. Im Vorbeigehen warf er sich in seinen Wintermantel, griff sich die zerlesene Ausgabe von Goethes „Italienische Reise“ und verließ das Haus. An „seinem“ Winterbaum setzte er sich auf die Bank, schlug das Buch auf und begann zu lesen. So konnte man es aushalten.

 

300 Worte. Und gaaar nicht so einfach. ;-)

Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und ein anschließend hoffentlich schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl.

 

 

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18 Kommentare zu „abc-Etüden-Premiere

  1. Witzig. Gerade vor ein paar Tagen dachte ich so, dass es doch mal an der Zeit wäre, dass du auch mal eine solche Etüde schreibst. Ich wollte das schon anprangern. Nun lese ich das. Das hat Vor- und Nachteil. Du weißt was ich meine :-) Aber dann sollte mal jemand PEGRODA anprangern :-) VG, René

    Gefällt 1 Person

  2. Jaa! Ist doch toll geworden! Ich bin allerdings fies, die nächsten Wörter sind von mir ob sich damit wohlfühlige Geschichten basteln lassen… weiß ich nicht. Ich würde zur Entschädigung anbieten, dass falls ich noch mal als Spenderin gezogen werde du an meiner statt spenden darfst (ich war schon so oft und neue Teilnehmende bringen auch neue Wortarten rein). Keine Angst, Spar…äh…Sie wissen schon (als ein Wort zu lesen) gehört nicht zu meiner Spende für Mitte des Monats.

    Gefällt 2 Personen

  3. Äh, wie jetzt? FRAGGLE schreibt eine Etüde? Ja, herzlich willkommen und so, ich hoffe, dass du dich so richtig eingrooven wirst und wir mehr von dir zu lesen bekommen! Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass du deinen Etüdentext in eine längere Vor- und Nachrede einbettest, wenn dir das hilft, den Wortschwall zu kanalisieren, der aus dir rausmöchte. Und, heißer Tipp: Etüden gehen nicht nur freitags (Irgendwann kommen die Freitagsfragen ja wieder) und man kann die Wörter innerhalb der zwei Wochen wieder und wieder verbraten. Ja, das ist nicht nur ein Wink, da fällt der Zaunpfahl schon fast ins Haus!
    Oh, übrigens wäre ich in dieser deiner Dystopie viel lieber zu Hause als bei Frau Flumsel, auch wenn ich Singularitäten nicht traue …
    Sehr erfreute Grüße
    Christiane

    Gefällt 7 Personen

    1. Herzlichen Dank! Tja, ich bin auch von mir überrascht. ;-)

      Mir ist bewusst, dass die Etüden wochentagsunabhängig sind und den Zaunpfahl habe ich auch verstanden. Ich weiß nur noch nicht, wie, wo, wann die Etüden in meine sonstige Blogplanung passen. Aber das wird sich zeigen …

      Ich wäre übrigens in meinem Szenario auch lieber zu Hause als in dem von Frau Flumsel, unter anderem deswegen habe ich den Text geschrieben. ;-)

      Liebe Grüße zurück

      Gefällt 5 Personen

  4. Mein äusserst geschätzter Bloggerkollege – ja, so lässt es sich aushalten. Bin sehr begeistert – bis auf die Roboter – da habe ich ein paar Schwierigkeiten mit. Andererseits diese Freiheit, die Möglichkeiten, unendliche Weiten…. Ich freue mich sehr, dass Ich dich inspirieren konnte 😉 und freue mich, wie immer, auf mehr. Hab einen wundervollen Tag!

    Gefällt 6 Personen

    1. Na, irgendwer muss die Jobs ja machen, und dass Roboter ein Fortschritt wären, lässt sich schon daran beweisen, dass ich, hätten wir die Singularität schon, heute morgen hätte liegen bleiben können. Beweisführung beendet, Fall abgeschlossen. ;-)

      Ja, Dein Text hat mich beschäftigt und ich habe festegestellt, dass ich im Dezember keine Dystopien ertrage, nicht mal, wenn sie keine Toten enthalten. Nein, wenn draußen alles dunkel und ungemütlich ist, dann haben literarische Texte gefälligst inhaltlich wohlfühlig zu sein, basta! ;-) Also, meine zumindest …

      Danke für das Lob, ich bin gespannt, wie das „mehr“ dann aussehen wird und ich wünsche Dir auch einen wundervollen Tag.

      Gefällt 5 Personen

        1. Nein, kein Besinnlichkeits-Overkill, dann drehe ich auch wieder durch! ;-)

          Wenn mir beispielsweise „Amazon“ noch EINMAL ihr glöckchengebimmeluntermaltes „Can you feel it“ engegenschleudert, dann …

          Also gut, gelegentliche Dystopien und vereinzelte Tote sind auch okay. ;-)

          Gefällt 6 Personen

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