„Es ist an der Zeit, dass Männer auch Frauen lesen“

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

vor ein paar Tagen erschien in der Online-Ausgabe der „Welt“ ein Artikel der nigerianischen Schriftstellerin Chimananda Ngozie Adichie, Autorin des mehrfach preisgekrönten Romans „Americanah“. Darin beschreibt Adichie Episoden aus ihrer Vergangenheit in Nigeria und schlägt anhand der geschilderten Begebenheiten den thematischen Bogen zur Rolle und Bedeutung der Frau in der Literatur. Die Lektüre des Artikels kann ich wärmstens empfehlen, weil ich solche Texte als wichtig empfinde.

Leider ist mir der Text an einigen Stellen sauer aufgestoßen, was den Gesamteindruck etwas trübt. So beginnt der Artikel mit dem Satz: „Aus Studien wissen wir, dass Frauen Bücher von Männern und von Frauen lesen. Männer lesen nur Bücher, die auch von Männern geschrieben wurden.“ Mein Blick fällt auf das von mir vor einiger Zeit gelesene „Die Vergessenen“ von Ellen Sandberg und ich denke mir: „Das stimmt doch so nicht!“ Und siehe da, mehrere Absätze später heißt es: „(…) denn aus Studien wissen wir, dass Frauen Bücher von Männern und von Frauen lesen, dass Männer jedoch primär Bücher lesen, die auch von Männern geschrieben wurden.“ „Primär“, nicht „nur“! Ist ja nicht so, als ob das irgendwie wichtig wäre oder gar eine unterschiedliche Bedeutung hätte …

An anderer Stelle geht die Autorin von der Prämisse aus, dass die Zustände in Nigeria (für die Nichtleser des Artikels: unter anderem wurde Adichie nach einem Priesterwechsel von einer in diesem Zusammenhang installierten, selbsternannten Tugendpolizei aufgrund ihrer Kleidung der Zutritt zur Kirche verwehrt.) in ähnlicher Form überall auf der Welt herrschen, „diese Bestrebungen, Frauen die Autonomie im Umgang mit ihrem eigenen Körper zu verweigern, die gibt es überall auf der Welt.“ heißt es da. Als Beispiel führt sie „die Frau im Westen, die als Schlampe bezeichnet wird, einfach weil sie ein sexuelles Wesen ist“ an.

Da sich mir als Mann eine Beurteilung dieser Textstelle eigentlich verbietet, belasse ich es dabei, die Frage in den Raum zu werfen, ob Frauen hier tatsächlich den Eindruck haben, dass es diese „Bestrebungen“ gibt!? Und „Bestrebungen“ verstehe ich als gesamtgesellschaftliche Bestrebungen. Falls die Antwort also „ja“ lautet, fände ich das ziemlich gruselig. Wobei es durchaus Beispiele gibt, die auf diese Bestrebungen hindeuten, hier sei nur mal die Katholische Kirche und ihr Einfluss auf gläubige Christen genannt, wenn es um die Frage der Verhütung geht.

Und wenn wir von Verhütung mal zu Kindern kommen, scheint es auch da gesamtgesellschaftliche Meinungen zu geben, die es der Frau von heute erschweren, es überhaupt noch irgendwie richtig zu machen: Hat eine Frau in einem bestimmten Alter noch keine Kinder, muss etwas mit ihr nicht stimmen. Hat eine Frau in einem bestimmten Alter aber „zu viele“ Kinder, stimmt mit ihr auch etwas nicht. Hat eine Frau dann ein Kind und geht relativ schnell wieder arbeiten, ist sie eine Rabenmutter. Hat sie ein Kind und geht nicht wieder arbeiten, ist sie faul, asozial und lebt auf Kosten des Staates. Und einen Mann würde man niemals fragen, wie er es schafft, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Nun, wie gesagt, einer Bewertung enthalte ich mich weitgehend, sehe aber durchaus Hinweise, dass die Behauptungen der Autorin nicht aus der Luft gegriffen sind.

Nun geht sie aber dazu über, zu behaupten, dass dieser Einfluss auf die Autonomie der Frau auch in der Literatur gelte, „in der von Autorinnen erwartet wird, dass sie ihre weiblichen Protagonisten „liebenswürdig“ machen, als könne sich die ganze Menschlichkeit einer weiblichen Person nur dann entfalten, wenn sie sich in den sorgsam gesteckten Grenzen einer Vorstellung von LIEBENSWÜRDIGKEIT abspielt.“

Und auch da sage ich wieder: Das stimmt doch so nicht! Wer das behauptet, hat nie Bücher von Tana French oder Gillian Flynn gelesen, in denen weibliche Protagonistinnen in der Mehrzahl alles Mögliche sind, aber „liebenswürdig“ zählt nun wirklich nicht dazu. Auch Tanja Kinkel hat in ihren älteren Werken Protagonistinnen geschaffen, die man, wollte man nach Schubladen suchen, guten Gewissens in die Kategorie „starke Frau“ einordnen kann, aber so richtig „liebenswürdig“ fand ich beispielsweise Eleonore von Aquitanien jetzt nicht so wirklich. Als letztes Gegenbeispiel seien hier die weiblichen Figuren in Naomi Aldermans „Die Gabe“ genannt. Wer dort eine liebenswürdige Figur findet, hat ein anderes Buch gelesen.

Letztlich mündet Adichies Artikel dann in dem Aufruf: „Es ist an der Zeit, dass Männer auch Frauen lesen.“

Ich persönlich finde ja, dass es an der Zeit ist, dass Männer als auch Frauen die Bücher lesen, die sie lesen wollen. Und dass es völlig unerheblich ist, ob diese dann von einer Frau, einem Mann, einem Leguan oder einer KI geschrieben wurden. Dass es völlig unerheblich ist, ob es sich dabei um Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, um dadaistische Gedichte von Kurt Schwitters oder das Telefonbuch von Olpe im Sauerland handelt.

Aber unabhängig von den zwei, drei Schwierigkeiten, die ich mit dem, wie erwähnt, sehr lesenswerten Artikel habe, muss die Grundfrage dahinter, nämlich die Bedeutung der Frauen in der Literatur, natürlich gestellt werden, heutzutage noch viel eher als beispielsweise vor 20, 50 oder gar 100 Jahren.

Ich habe pflichtschuldigst mal gezählt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ziemlich genau 25 % Prozent der von mir rezensierten Bücher von Frauen geschrieben wurden. Ich gebe zu, dass mich die Zahl negativ überrascht hat, denn intuitiv bin ich von etwa einem Drittel ausgegangen. Noch überraschter war ich von einem Artikel der Schriftstellerin Nina George, aus dem hervorgeht, dass ich mit diesen 25 % noch über dem Durchschnitt bin, welcher in Literaturblogs bei gerade mal 19 % läge, bei Bloggerinnen bei 40 %. Aus diesen Zahlen ergibt sich, dass ich mit meinen 25 % sogar noch sehr viel deutlicher über dem Schnitt meiner männlichen Kollegen liege. Ich erwarte Applaus! :-)

Woran liegt es nun aber, dass Männer sich offensichtlich wenig mit Büchern von Autorinnen auseinandersetzen? Kann und muss man dagegen etwas tun? Und wenn ja, was?

Glücklicherweise wird niemand von mir eine wissenschaftliche Analyse verlangen, die zu erbringen ich auch gar nicht in der Lage, oder gar willens, wäre. Nina George hat das schon weit besser getan, als ich das je könnte. Ich muss das Ganze also aus meinem eigenen, kleinen Mikrokosmos betrachten.

Das Wichtigste, was man zur Antwort auf die o.g. Fragen heranziehen könnte, wäre eine Statistik, aus der überhaupt der Anteil an Frauen in der Literatur hervorgeht. Nur: So etwas scheint es, zumindest für den deutschssprachigen Raum, nicht zu geben. Das hilft also nicht weiter.

Vielleicht hat es mit der Art der Literatur zu tun? Wenn ich eine Bücherei betrete, gibt es ganze Bücherreihen, die mir alleine durch ihre äußere Gestaltung klarmachen: „Wir sind nichts für Dich!“ Als Beispiel seien hier einmal – und das ist völlig wertfrei vom Inhalt gemeint – die Bücher von Sophie Kinsella genannt, die für mich optisch einen Albtraum in pink darstellen. Um solche Bücher mache ich dann eben auch einen großen Bogen, weil es den Anschein von Kitsch erweckt. Und mit Kitsch kann ich nun mal nichts anfangen.

Nina George mutmaßt „Mitunter ist es auch Feigheit vor dem Gefühl. Dieses tief sitzende Unbehagen, sich mit komplexer Emotionalität auseinanderzusetzen, die nicht distanziert und analytisch erzählt wird (…) , aber das trifft es, zumindest für mich persönlich nicht. Außerdem mag ich diesen nur semi-unterschwelligen Vorwurf nicht. Ich habe kein Problem damit, mich mit „komplexer Emotionalität“ auseinanderzusetzen, nur weil ich Diana Gabaldon oder Jojo Moyes nicht mag. Ich kann auch die deutsche Sprache in ihrer geschriebenen Form lieben und trotzdem die Bücher von Thomas Mann verabscheuen. Nein, Gabaldon und Moyes treffen nur einfach nicht meinen Geschmack, das hat nichts mit „Feigheit vor dem Gefühl“ zu tun. Ich habe seinerzeit sogar „P.S. Ich liebe Dich“ gelesen und es für großartig befunden. So!  :-) Nur mit dem gleichnamigen Film konnte ich nicht umgehen, weil Hilary Swank die selbe deutsche Synchronstimme hat wie Bart Simpson, was mich schwer irritiert hat. ;-) Aber das führt jetzt zu weit vom Thema weg …

Aber auch wenn man diese „Frauenliteratur“ (Fun Fact: Wenn man bei Google „deutsche Autorinnen 19. Jahrhundert“ als Suchbegriff eingibt, ist das oberste Suchergebnis der Wikipedia-Eintrag zu „Frauenliteratur“ – denkt mal drüber nach …) meidet, so erklärt das nicht die weiter oben erwähnten lediglichen 19 % an in Literaturblogs veröffentlichten Rezensionen zu Büchern, die von Frauen geschrieben wurden. Denn eigentlich ist der Anteil an Autorinnen insbesondere im Bereich der U-Literatur wesentlich höher, als er das in der E-Literatur ist. Diese Zahlen sollten sich dann aber auch in den Rezensionen widerspiegeln – tun sie aber nicht.

Letztlich weiß ich – natürlich – schlicht nicht, woran es liegt, dass Männer bzw. Blogger sich so wenig mit Büchern von Autorinnen beschäftigen, habe aber eine ganz faszinierende Theorie:

Sie lesen diese Bücher durchaus, würden aber nie, nie, niemals zugeben, das getan zu haben oder gar freiwillig darüber reden oder schreiben! :-)

Apropos zugeben, ich muss auch zugeben, dass ich den Anteil – zumindest, wenn es um Unterhaltungsliteratur geht – nicht schlimm finde. Denn letztlich kann ich mich nur dahingehend wiederholen, dass doch bitte jeder das lesen soll, was er will.

Im Elfenbeinturm der gehobenen Literatur sieht die Sache schon wieder ganz anders aus, was man schnell bemerken kann, wenn man Jury-Zusammensetzungen, Nominierungen und Preisträger betrachtet. Aber damit beschäftige ich mich vielleicht mal in einem anderen Beitrag …

 

Freitagsfragen # 65

Freitagsfragen

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

man glaubt es kaum, wie ein einziger Feiertag – in manchen, diesbezüglich großzügiger ausgestatteten Gegenden sogar zwei – das Zeitgefühl so durcheinanderbringen kann. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, selbiges durch einen zweiten Feiertag in dieser Woche vollends aus der Spur zu tragen. Aber in Niedersachsen ist man genügsam, bedankt sich freundlich bei Landesvater Weil für die Wiedereinführung des Reformationstages – wer hier „Halloween“ sagt, fliegt raus – und hadert weiterhin damit, dass die Bayern vier Feiertage mehr haben, weil man dort schon frei hat, weil – wie ich öfter sinngemäß sage – der heilige Sankt Blasius von Pumpernudl im Jahre des Herren 973 an einem Dienstag Vormittag die Katze der Äbtissin Berta vom Orden der Faulenzerinnen vom Baum gerettet hat.

Aber weg von Feier- und hin zu Freitagen und den damit zusammenhängenden Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog. Die heutigen Fragen und (für meine Verhältnisse recht kurzen) Antworten lauten:

1.) Machst Du Komplimente? Wann bekommt jemand ein Kompliment von Dir?

Oh, aber ja doch. Und sogar recht gerne. Und ich meine das dann auch immer so, wie ich das sage, um mal recht frei Nena zu zitieren. Es gibt Zeitgenossen, in erster Linie aus meinem persönlichen Umfeld, die dann davon ausgehen, dass ein wie auch immer geartetes Kompliment darin begründet liegt, dass ich der entsprechenden Person gegenüber im positiven Sinne voreingenommen bin. Wahlweise auch darin, dass ich einfach keine Ahnung habe. :-) An dieser Stelle sei gesagt: Das stimmt nicht!

Tja, wann bekommt jemand ein Kompliment von mir? Immer dann, wenn, objektiv gesehen, ein Anlass dazu besteht. Oder wenn mir danach ist. Oder beides.

2.) Sprichst Du fremde Menschen an?

Nein. Im Grunde meines Herzens bin ich schüchtern. ;-) Eigentlich würde mir auch gar kein Grund einfallen, wildfremde Menschen anzusprechen. Deswegen bin ich nicht gerne bei Festivitäten jeglicher Art, bei denen ich außer den Gastgebern niemanden kenne.

Ich gehe aber davon aus, dass ich im Notfall durchaus fremde Menschen ansprechen würde. Falls ich also mal in einer mir unbekannten Gegend neben meinem mit laufendem Motor und offenen Türen dort stehenden Auto weinend im Straßengraben sitze, weil mein Navi kaputt und mein Handy ohne Empfang ist und ich den verfluchten, patentgefalteten Falk-Plan nicht auseinanderbekomme – dann ist es ziemlich sicher, dass der nächstbeste Unbekannte von mir angesprochen wird.

3.) Hast Du einmal an einem Wettbewerb teilgenommen?

Das kommt darauf an. Zählt die Jobsuche als Wettbewerb? Irgendwie schon, oder!? Dann natürlich ja. Und den letzten diesbezüglichen Wettbewerb habe ich glücklicherweise gewonnen. Ich habe auch schon Jobsuche-Wettbewerbe gewonnen, die ich, rückblickend betrachtet, lieber verloren hätte, aber das ist ein anderes Thema.

Ansonsten bin ich eher nicht so der Wettbewerbstyp und kann eigentlich nur auf den Vorlesewettbewerb der sechsten Klassen im Jahre Neunzehnhundertirgendwas verweisen, bei dem ich einen skandalösen dritten Platz belegt habe. Ich werde nicht müde, dieses Ergebnis anzuprangern.

4.) Die Wahl der Qual: Wärst Du lieber allwissend oder alles fühlend?

Ich glaube, wäre ich alles fühlend, würde sich meine Psyche sehr bald in Wohlgefallen auflösen. Da ziehe ich es doch lieber vor, allwissend zu sein. Ich neige ohnehin dazu, manchmal ein Klugscheißer zu sein, da passt das ganz gut.

Ich stelle mir das auch super vor: Die Menschheit würde mir ein Monument errichten, in dem ich residiere und gelegentlich Hof halte. Ich hätte einen Assistenten namens Lübke. Man würde mir Opfer darbringen. Und irgendwann würde ich der Menschheit kundtun, dass die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest tatsächlich „42“ ist. Ach, herrlich.

 

Das war es auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und einen guten Start in ein schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl!