„Seiltänzer“ von Sören Heim – Prosaminiaturen

Buch: „Seiltänzer“

Autor: Sören Heim

Verlag: Girgis Verlag

Ausgabe: Taschenbuch, 109 Seiten

Der Autor: Sören Heim ist freier Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Der Autor ist – unter anderem – Träger des kosovarischen Preises für moderne Lyrik „Pena e Anton Pashkut“ und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. Für mehr über den Schriftsteller und sein Schaffen wissen möchte, dem empfehle ich den Besuch seines Blogs „soerenheim„.

Das Buch: Mit dem Truck in Richtung der untergehenden Sonne. Zu Fuß durch die finsteren Schluchten der größten LKW-Raststäte Europas. Verlorene diskutieren in einer von Bananenstauden unzureichend verdeckten türkischen Kneipe. Ein Schatten balanciert auf Gewächsthäusern und macht den letzten entscheidenden Schritt – in die Wolken.

Im Nachfolger zu seinen „Kleinstadtminiaturen“ erzählt Sören Heim Geschichten aus ganz Europa. Schafft Prosagedichte der Landstraße, verwebt Stimmen aus schummrigen Seitengassen, berrührt Schweiß, Tabak, Alkohol und Bezin. Ein Hymnus der Freiheit mit melancholischem Unterton: Denn die Grenze als Goldenes Kalb des 21. Jahrhunderts kündigt sich düster an. Sie war nie wirklich überwunden. (Klappentext)

Fazit: Im Jahr 2018 bin ich verhältnismäßig wenig, um nicht zu sagen gar nicht, aus meiner literarischen Wohlfühlzone ausgebrochen. Zu turbulent verlief es irgendwie, als dass ich bereit gewesen wäre, mich mit Buch-Experimenten auseinanderzusetzen, ohne zu wissen, ob sie mir auch gefallen würden.

Diese Bereitschaft ist mittlerweile zurückgekehrt und so habe ich mich mit Sören Heims Prosaminiaturen in „Seiltänzer“ beschäftigt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Autor für die Übersendung des Rezensionsexemplars.

Ja, ich gebe zu, mit „Seiltänzer“ habe ich meine literarische Wohlfühlzone recht weit verlassen, denn ich muss darüber hinaus zugeben: Ich habe von Prosaminiaturen nicht die geringste Ahnung! Aber das ist ja kein Grund, sich nicht dennoch damit zu beschäftigen. Und den Versuch zu unternehmen, den gelesenen Texten mit meiner Rezension wenigstens im Ansatz gerecht zu werden. Also, in medias res.

Zwischen 2005 und 2007 trampte der Autor mehrfach in Richtung Spanien, Italien und Ungarn. Aus den bei diesen und späteren Reisen – unter anderem durch die Schweiz und in die Tschechische Republik – gewonnenen Eindrücken bildet Heim seine Prosaminiaturen. Kurze Texte mit einer Länge von zehn Zeilen bis hin zu einigen Seiten. „Seiltänzer“ umfasst über 20 dieser Texte.

Bereits im Vorwort stellt der Autor klar, dass die beschriebenen Szenen nicht zwingend genau so passiert sind und sie immer auch ein Gutteil Fiktion enthalten. Diesen Gedankengang greift bereits der „Abseits der Schienen“ genannte Prolog auf, der einerseits vor der Frage steht, ob die darin geschilderten Ereignisse tatsächlich so passiert sind und der sich – so zumindest meine Interpreation – mit der Thematik beschäftigt, dass Menschen offenbar aus Schaden nicht klug werden, was sich sehr anschaulich beim Betrachten aktueller Wahlergebnisse erkennen lässt. Die Antwort auf die im Prolog gestellte Frage, ob das denn wirklich so passiert sei, lautet im Text dann auch „Wahrscheinlich nicht, nein.“ Und man möchte als Leser anfügen: Noch nicht, nein!

Die folgenden Texte nehmen den Leser mit auf eine Reise quer durch Europa. Da wären die „Spanischen Nachtstücke“, die sich auf mehrere Texte auf- und an verschiedene Stellen im Buch verteilen, die ihre besondere Wirkung – ich hab es ausprobiert – meiner Meinung nach besonders dann entfalten, wenn man sie direkt hintereinander liest. Das ist übrigens auch eine, wie ich finde, besondere Stärke des Buches, dass man die Geschichten eben nicht unbedingt in der Reihenfolge lesen muss, in der sie abgedruckt sind. Man kann „Seiltänzer“ stattdessen, aufgrund des praktischen Formats, eigentlich immer bei sich führen und je nach Bedarf an einem Tag diesen und an einem anderen Tag jenen Text lesen, ihre Wirkung entfalten sie auch auf diese Weise.

Da wäre des Weiteren beispielsweise die Geschichte „Das Geheimnis der Täler“, die den Leser nach Kursk entführt und der Frage nachgeht: „Wovon leben die Leute hier?“. Da wäre die düster gehaltene Geschichte mit dem passenden Titel „Hamburg, im Geiste“, über die ich immer noch nachdenke. Da wäre aber auch die „Kleine Gespenstergeschichte“ in der ein scheinbar ein Verstorbener auftaucht. Letztere ist übrigens mein Lieblingstext, enthält allerdings nicht meine Lieblingsstelle, nämlich jene über die „Straße der Prostituierten – eine wenig verkehrsgünstig gelegene Straße, die doch überraschend viel Verkehr aufweist (…)“ (Seite 45). Ja, ich habe manchmal eine etwas infantile Art von Humor.

Allen Texten ist gemein, dass sie sehr bildhaft und dicht und atmosphärisch und schön geschrieben sind. Vor dem inneren Auge des Lesers, also mir, entfalten sich Bilder, die einen glauben lassen, beispielsweise Florenz und seine „in allen Farben der Muschel“ geschilderte Festung vor sich zu haben, obwohl ich – ganz ähnlich wie der Erzähler der entsprechenden Geschichte – noch nie in Florenz war.

Abschließend möchte ich zwei Personen zu Wort kommen lassen, um damit meine Meinung zu „Seiltänzer“ in wenige Worte zu fassen, nämlich die Radiomoderatorin meines Vertrauens einerseits und Denis Scheck andererseits. Erstere sagte nämlich gestern in den frühen Morgenstunden über die neue Single von „Muse“: „Das macht etwas mit mir!“ und Zweiterer hat mal sinngemäß gesagt, dass der Leser ein gutes Buch nicht als der Mensch beendet als der er es begonnen hat. Und beide Äußerungen treffen auch auf meine Lektüre von „Seiltänzer“ zu.

Solche Bücher gibt es viel zu wenige.

Wertung:

9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Atelier in Paris“ von Guillaume Musso.

8 Kommentare zu „„Seiltänzer“ von Sören Heim – Prosaminiaturen

    1. Manchmal muss man die Komfortzone auch mal verlassen. :-)

      Ehrlicherweise muss gesagt sein, dass „die Straße der Prostituierten“ so ziemlich die einzige Stelle ist, an der Humor durchblitzt. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht.

      Gefällt 1 Person

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