„Operation Zagreb“ von Philip Kerr – Long time no see

Buch: Operation Zagreb

Autor: Philip Kerr

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 508 Seiten

Der Autor: Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. 1989 erschien sein erster Roman «Feuer in Berlin». Aus dem Debüt entwickelte sich die Serie um den Privatdetektiv Bernhard Gunther. Diese Reihe führte Kerr mit «Das Janus-Projekt», «Das letzte Experiment», «Die Adlon-Verschwörung», «Mission Walhalla», «Böhmisches Blut», «Wolfshunger», «Operation Zagreb» und «Kalter Frieden» fort. Für «Die Adlon-Verschwörung» gewann Philip Kerr den weltweit höchstdotierten Krimipreis der spanischen Mediengruppe RBA und den renommierten Ellis-Peters-Award. Seit 2004 schrieb er als P. B. Kerr an der Fantasy-Kinderbuch-Serie «Die Kinder des Dschinn» und eroberte damit auch das jugendliche Publikum.

Philip Kerr starb am 23. März 2018 in London. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Sommer 1942: Bernie Gunther arbeitet wieder im Polizeipräsidium am Alex in Berlin. Im Windschatten des Krieges fühlen sich die Verbrecher sicher, und Bernie hat besonders viel zu tun. Ein Befehl von Propagandaminister Goebbels zwingt ihn, in geheimer Mission nach Zagreb zu reisen. Er soll den Vater von Goebbelsʼ Lieblingsschauspielerin Dalia Dresner finden – einen brutalen Schlächter, der sich der rechtsextremen Ustascha angeschlossen hat. Doch dann verschwindet Dalia selbst, und Bernie muss sie unbedingt wiederfinden. Denn der Propagandaminister erträgt es nicht, wenn etwas nicht seinem Willen gehorcht … (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Lang, lang ist es her, seit ich Philip Kerrs „Berlin-Trilogie“ gelesen habe, in der zum ersten Mal Kerrs Protagonist Bernhard „Bernie“ Gunther auftauchte. Ich erinnere mich, diesen Dreiteiler absolut großartig gefunden zu haben. Dennoch verlor ich das Schaffen des britischen Schriftstellers für viele Jahre weitgehend aus den Augen. Erst mit „Die Hand Gottes“ – eine Art Fußball-Krimi – hatte ich ihn wieder auf dem Schirm. Und das wiederum hätte ich mir durchaus ersparen können, weil das so ziemlich einzige Highlight des Buches ein Gag war, in dem Kerr Sokrates´ Leeren des Schierlingsbechers mit einem verschossen Elfmeter von Olympiakos in Verbindung bringt, aber das zu erklären würde jetzt zu weit führen …

Nun stolperte ich unlängst mit „Operation Zagreb“ aber doch mal wieder über eines seiner Bücher und habe den Kauf desselben nicht eine Sekunde bereut.

Eigentlich gibt es in jedem Bereich etwas, wofür man den Schriftsteller loben kann. Beispielsweise für seine Charaktere, allen voran natürlich seinen Protagonisten Bernie Gunther, der ein Wunderwerk an Zynismus und Sarkasmus darstellt, mir damit aber, anders als – ja, ich muss es erneut erwähnen – skandinavische Ermittler nicht auf die Nerven geht. Gunther lebt und arbeitet in einem Umfeld – Deutschland zum Zeitpunkt des Zweiten Weltkriegs – in dem einem mittelfristig wohl nichts anderes übrig bleibt, als Zyniker zu werden.

Und dieser Bernie Gunther ist es auch, durch den Philip Kerr es beeindruckend schafft, in seiner Handlung einen Mittelweg aus Dramatik und Humor zu finden. Natürlich enthält der Roman reihenweise Szenen, die nichts für Zartbesaitete sind, ohne die erzählte Gewalt allerdings zu zelebrieren oder als Mittel zum Zweck einzusetzen. Wenn man bedenkt, in welchem Handlungsrahmen der Autor seinen Roman spielen lässt, dann ist selbiger noch vergleichsweise unblutig. Na ja, fast.

Damit der Leser nicht gänzlich in Schwermut versinkt, springt immer wieder Bernie Gunther in die Bresche. Nun muss man dessen Humor natürlich mögen. Wenn er beispielsweise zu einem Autoren aus der Schweiz, der von sich behauptet, eigentlich immer an irgendeinem Buch zu schreiben, sinngemäß sagt, dass das gut sei, denn Deutschland benötige ja gerade einen stetigen Nachschub an Büchern, schließlich verbrenne man die hierzulande im Moment so gerne, dann finde ich das persönlich komisch, kann aber verstehen, wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Wer diese Art mag, für den dürfte Gunther so eine Art Nonplusultra der Ermittlerfiguren darstellen.

Die Handlung ist zwar teils komplex, dürfte aber niemanden überfordern. Ich habe mich eine ganze Weile gefragt, wie denn nun ein bestimmter Handlungsstrang mit dem Gesamtkonstrukt zusammenhängt, aber das ist genau genommen kein schlechtes Zeichen. Viel in dieser Handlung lebt, weiter oben erwähnte ich das schon, von der Stimmung, die der Roman verbreitet. Und diese erinnert über weite Strecken an Romane, die Krimifachleute wahrscheinlich „Roman Noir“, „hardboiled“, „Noir Fiction“ oder etwas Ähnliches nennen würden. Und auch da gilt: Das muss man mögen. Mein persönlicher Geschmack ist das Genre eigentlich gar nicht, hier hat es für mich aber dankenswerterweise funktioniert.

Inhaltlich möchte ich über die Handlung gar nicht so viel sagen. Unter anderem, weil es mir augenscheinlich auch nicht gelingen würde, das ohne nennenswerte Spoiler zu tun …

Deshalb belassen wir es bei: Wer tragikomische Krimis mag, die vielleicht manchmal etwas düster erscheinen und mit einem einem Protagonisten aufwarten, der laut „Spiegel“ „einen der schillerndsten Helden der Krimiliteratur“ darstellen und wer dazu noch ein wenig historisches Interesse mitbringt, der liegt mit „Operation Zagreb“ ziemlich richtig.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stimmung: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Erbe der Sterne“ von James P. Hogan. Endlich mal wieder Science-Fiction.

10 Kommentare zu „„Operation Zagreb“ von Philip Kerr – Long time no see

  1. Da muss ich wohl mal zugreifen und mich durch die 500 Seiten welzen …
    Bei dem Humor … naja, wenn man mal davon absieht, dass der Humor nicht aus deutscher Hand stammt … dann kann man das ja mal gelten lassen … doch Kritik darf oder sollte man ja in alle Richtungen zulassen. Davon lebt Demokratie und zu eng sehen hat dann immer den Beigeschmack von Vorverurteilung und Grenzen setzen. Ich bin gegen Blockaden, wie sie jetzt auch durch falschverstandenen Datenschutz umgesetzt werdfen, weil Algorithmen eben nicht fehlerfrei funktionieren. … Wer das glaubt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten können.

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    1. Nö, sagt mir nichts. :-) Da bin ich gespannt, auch wenn ich gestehe, dass bei mir angesichts der Titel wie „Todesfrist“, „Todesmarsch“, „Todesmärchen“ und – insbesondere – „Todesreigen“ der natürliche Fluchtreflex einsetzt …

      Aber wahrscheinlich klingen die Bücher brutaler als sie sind …?

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        1. Ich fürchte, dann ist das nix für mich. ;-) Bei der Mord- und Totschlagliteratur brutaler Art bin ich mittlerweile weitestgehend raus und ziehe schon eher Thriller mit psycholgischer Spannung vor, die eher unblutig daherkommen.

          Aber warten wir mal ab.

          Apropos abwarten: Schade, dass heute noch nicht Freitag ist, dann würde ich nämlich irgendeinen Ansatz finden, um im Rahmen der Freitagsfragen über die faktische Beförderung von Herrn Maaßen zu schreiben. :-) Aber was nicht ist, kommt noch … ;-)

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          1. Du wirst ja wohl nicht verweichlichen😉😂
            Bitte schreib was – auch wenn nicht Freitag ist. Stell dir einfach vor, ich würde dich fragen, was dir heute besonders komisch vorgekommen ist oder was dich bewegt, aufgeregt, amüsiert oder sonst was hat.. ….
            Bittööööö

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          2. Ich HAB doch gerade was geschrieben … ;-) Nein, das muss noch bis Freitag warten, auch weil mir jeden Tag beim Blick in die Tageszeitung ein weiteres Thema einfällt – ich möchte nichts auslassen. ;-)

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