„Der Hirte“ von Ingar Johnsrud – Keep it simple, stupid!

Buch: „Der Hirte“

Autor: Ingar Johnsrud

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Paperback, 510 Seiten

Der Autor: Ingar Johnsrud, Jahrgang 1974, wuchs in Holmestrand auf. Er studierte Film- und Medienwissenschaften und arbeitete fünfzehn Jahre als Journalist bei einem der größten norwegischen Medienunternehmen. Sein erster Thriller, »Der Hirte«, wurde als bestes Krimidebüt für den Maurits Hansen Prisen nominiert und eroberte international die Bestsellerlisten. (Quelle: Blanvalet)

Das Buch: Die Tochter der einflussreichen Politikerin Kari Lise Wetre wird vermisst – ein Routinefall für Hauptkommissar Fredrik Beier. Doch kurz darauf wird Beier nach Solro beordert, einem alten Hof vor den Toren Oslos. Fünf Männer wurden auf dem Sitz der christlichen Sekte »Gottes Licht« grausam getötet. Das Gelände des Hofs ist ausgestattet wie ein Hochsicherheitstrakt, und im Keller des Gebäudes stoßen die Ermittler auf ein Labor, das auf erschreckende Experimente hinweist. Von den restlichen Mitgliedern der Sekte fehlt jede Spur, unter ihnen die vermisste Annette Wetre …(Quelle: Blanvalet)

Fazit: Der von mir insbesondere wegen seines Buches „Blackout“ geschätzte Autor Marc Elsberg sagt über „Der Hirte“:

„Der cleverste Skandinavier, den ich seit Jahren gelesen habe.“

Und das „Stavanger Aftenbladet“ urteilt gar:

„Wenn „Der Hirte“ auf seinen Höhepunkt zuläuft, sollte man die Zähne zusammenbeißen und sich konzentrieren. Johnsrud beherrscht sein Handwerk auf beeindruckende Weise“.

Das kann man nun sicherlich so sehen – muss man aber nicht. Ob es sich dabei um den „cleversten Skandinavier“ handelt, mag ich nicht beurteilen, allerdings sei mir gestattet, zu erwähnen, dass aus meiner Sicht – nichts für ungut, liebe Skandinavier – die diesbezügliche Messlatte auch nicht sooo hoch liegt.

Aber versuchen wir mal kurz, sachlich zu werden.

Als ich zu „Der Hirte“ griff, vermutete ich, eine Handlung vor mir zu haben, die im weitesten Sinne an die spinnerten „Branch Davidians“ um ihren Oberhoschi David Koresh erinnert  – die Älteren werden sich an den Sturm auf das Sektenhauptquartier durch das FBI erinnern. Leider bekam ich noch viel mehr. Leider deshalb, weil auch für „Der Hirte“ die Maxime geholfen hätte: „Weniger ist mehr.“

Die Probleme, die ich mit „Der Hirte“ hatte, liegen zumindest nicht im stilistischen Bereich. Johnsrud schreibt gefällig, überfordert die Leserschaft nicht, die Dialoge wirken nicht aufgesetzt, im Grunde ist in diesem Bereich also alles in Ordnung. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass es einige Szenen expliziter Gewaltdarstellungen gibt, die nichts für Zartbesaitete sind, was ich nicht als Triggerwarnung verstanden wissen möchte, weil ich nichts von Triggerwarnungen halte. Mir geht es eher darum, dass ich wenig Probleme mit expliziter Gewaltdarstellung habe, wenn ein Buch das konsequent durchzieht. Dann kann ich anschließend wenigstens sagen: „Das ist mir zu heftig, aber wer es mag …“. In „Der Hirte“ allerdings wirken diese Szenen aufgesetzt, billig, überflüssig sowie – und das ist das Schlimmste – effektheischend. Das ist das eigentliche Problem, das ich damit habe.

Abseits des Stils gefällt mir eigentlich auch die Form, in der Johnsrud seinen Thriller erzählt. In regelmäßigen Rückblenden schildert er Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus, die – und das ist kein Spoiler – ihre Folgen bis in unsere Zeit und die Ermittlungen von Hauptkommissar Beier haben. Allerdings beginnt schon damit die zentrale Schwierigkeit des Buches. Dazu später mehr.

Hinsichtlich der Charaktere dürfte es klar sein, dass wir als ermittelnden Hauptkommissar und Protagonisten keinen jungen, enthusiastischen, idealistischen, freundlichen und allgemein mit sich und der Welt im Reinen befindlichen Morgenmenschen mit Hang zur guten Laune haben, schließlich handelt es sich um einen skandinavischen Thriller. Aber insgesamt wirkt Fredrik Beier sogar noch  ganz überzeugend, auch wenn er nicht wirklich das Zeug zum Sympathieträger hat. Sehr gut gefallen hat mir dagegen seine Kollegin Kafa Iqbal. Eine Einschätzung, die ich mit dem Autoren teile, der über diese Figur sagt: „Als junge Muslima in einer männlich dominierten Polizeiwelt mit einem Background beim Nachrichtendienst stellt sowohl ihr Privat- als auch ihr Berufsleben ein Minenfeld aus Verpflichtungen, Erwartungen und Enttäuschungen dar. Sie ist eine starke Figur, die letztendlich weiß, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen kann.“ (Quelle: Blanvalet) Besser hätte ich es selbst nicht zusammenfassen können.

Kommen wir nun zum eigentlichen Problem des Buches, nämlich zum Plot, wie man heute so unschön neudeutsch sagt. Johnsruds Thriller beinhaltet eine Unmenge an Themen: Die Rassenideologie der Nazizeit, Experimente an Menschen, Terrorismus und Islamismus, Ränke innerhalb der Polizeibehörde, Sektenkulte und was weiß ich sonst nicht noch alles. Und dabei verliert der Leser sehr leicht den eigentlichen roten Faden aus den Augen, fragt sich, wie das Ganze denn nun zusammenhängen soll, bekommt eine Reihe offener Fragen nicht beantwortet – was mit Müh und Not noch damit begründet werden kann, dass es sich bei „Der Hirte“ um den ersten Teil einer Trilogie handelt -, und bleibt letztlich im Dickicht der Handlungsstränge und angeschnittenen Themen hängen auf der Suche nach einem Ausweg.

Hier wäre weniger wirklich mehr gewesen und insgesamt ist diese überladene Handlung auch der Grund, warum ich die Reihe um Hauptkommissar Beier mit Sicherheit nicht weiter verfolgen werden.

Wertung:

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Handlung: 5 von 10 Punkten

Spannung: 5,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Operation Zagreb“ von Philipp Kerr.

7 Kommentare zu „„Der Hirte“ von Ingar Johnsrud – Keep it simple, stupid!

  1. Was ich mich die ganze Zeit schon frage: Inhalierst Du Bücher? Oder wie kommt es, dass Du innerhalb kürzester Zeit hier jede Menge Rezensionen „raushaust“? Oder sammelst Du und setzt Dich dann hin, um nacheinander weg diese Rezensionen zu schreiben?

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    1. Ich verabreiche sie mir intravenös! :-) Nein, Spaß beiseite, ich habe in meiner letzten Blogpause tatsächlich sehr viel gelesen und diese ganzen Bücher müssen jetzt erst mal „abgearbeitet“ werden. Ich habe jetzt noch – ich glaube – acht gelesene Bücher, die auf ihre Rezension warten. Und bis das erledigt ist, kommen ja auch wieder neue Bücher dazu. Hm, wenn ich so darüber nachdenke: Es ist ein Teufelskreis! ;-)

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      1. Das weiß ich nicht, weil ich eigentlich Thriller/Krimi nicht mag. Wenn du das Genre gern liest siehst du das vielleicht anders. Ich habe die auch nur auf Englisch gelesen und es erscheint mir alles sehr gewollt und zum Teil aus dem Baukasten. Ich finde die Charaktere arg klischeeirt und im ersten Band schmeißt der wirklich alles rein, was er reinschmeißen kann an Überladungen. Ich fand’s schade, denn es waren gute Ideen dabei. Band zwei geht um einen Mörder, der verrückt ist nach Grimms Märchen, dann gibt es einen Band, der sich mit Kannibalismus/Kaneval beschäftigt und einen über ein aus der DDR übrig gebliebenes Killerkommando und einen über so eine Art RAF-Ableger. Von den Themen her gut uns ich nehme ihm auch nicht übel, dass er als Hamburg- und Köln-begeisterter Schotte über diese Städte schreibt, aber stilistisch und von der Art her schwach. Jemand, der das kann hätte da super Sachen draus machen können. Auf Deutsch sind die Bücher soweit ich weiß bei Lübbe erschienen. Es ist sicherlich Geschmacksache. Aber man fasst sich ein paar Mal an den Kopf und denkt sich „Junge, bist du dämlich!“ ohne zu wissen ob man nun Herrn Russell oder seinen Jan Fabel meint.

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          1. Ich habe die leider irgendwann in einen Bücherschrank gegeben, sonst würde ich dir meine Exemplare überlassen. Aber vielleicht bekommst sie günstig gebraucht (m*dim*ps oder so). Wie gesagt, thematisch toll, da geht was, sonst hätte ich auch gar nicht fünf Bände gelesen (ich habe immer darauf gewartet, dass sich technisch mal weiter entwickelt).

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