„Breaking News“ von Frank Schätzing – 2 in 1 oder Die Mutter aller Fake News

Buch: „Breaking News“

Autor: Frank Schätzing

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 965 Seiten

Der Autor: Frank Schätzing, geboren 1957 in Köln, veröffentlichte 1995 den historischen Roman »Tod und Teufel«, der zunächst zum regionalen, später bundesweit zum Bestseller avancierte. Nach zwei weiteren Romanen und einem Band mit Erzählungen sowie dem Thriller »Lautlos« erschien im Frühjahr 2004 der Roman »Der Schwarm«, der seit Erscheinen eine Gesamtauflage von 4,5 Millionen Exemplaren erreicht hat und weltweit in 27 Sprachen übersetzt wurde. Es folgten die internationalen Bestseller »Limit« (2009) und »Breaking News« (2014). Im Frühjahr 2018 erschien Frank Schätzings neuer Thriller »Die Tyrannei des Schmetterlings«. Frank Schätzing lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Tom Hagen, gefeierter Star unter den Krisenberichterstattern, ist nicht zimperlich, wenn es um eine gute Story geht. Die Länder des Nahen Ostens sind sein Spezialgebiet, seine Reportagen Berichte aus der Hölle. Doch in Afghanistan verlässt ihn sein Glück. Eine nächtliche Geiselbefreiung endet im Desaster. Hagens Ruf ist ruiniert, verzweifelt kämpft er um sein Comeback. Drei Jahre später bietet sich die Gelegenheit in Tel Aviv, als ihm Daten des israelischen Inlandgeheimdienstes zugespielt werden. Hagen ergreift die Chance – und setzt ungewollt eine tödliche Kettenreaktion in Gang…

Breaking News ist ein mitreißender Thriller vor dem Hintergrund einer epischen Saga. Zwei Familien wandern Ende der zwanziger Jahre nach Palästina ein, in eine von Legenden, Kämpfen und Hoffnungen beherrschte neue Welt, wo Juden, Araber und britische Kolonialherren erbittert um die Vorherrschaft ringen. Bis in die Gegenwart, über Generationen hinweg, spiegeln und prägen beide Familien Israels atemlose Entwicklung.

Als Hagen in der jungen Ärztin Yael Kahn eine unerwartete Verbündete findet, erkennt er, dass auch sein Schicksal eng mit der Geschichte des Landes verbunden ist. Doch mit Yael an seiner Seite gehen die Probleme erst richtig los. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Hand aufs Herz: Wer innerhalb meiner Leserschaft wäre in der Lage, ad hoc, kurz und verständlich innerhalb von, sagen wir, drei Minuten die Ursachen, Anfänge sowie den Verlauf des Nahostkonfliktes rund um Israel zu erläutern? Ja, so ähnlich ging es mir auch. Man weiß zwar einiges, aber so wirklich detailliert erklären, wie es zu der aktuellen Situation gekommen ist, hätte mich überfordert.

Wie gut, dass seinerzeit Herr Schätzing mit seinen „Breaking News“ daherkam. Denn, ich gestehe, ich bin schon gerne umfassend informiert und zumindest bei den Krisenherden und bewaffneten Konflikten, von denen ich regelmäßig höre und von denen regelmäßig berichtet wird, weiß ich gerne, worum es da eigentlich geht. Tragischerweise wird auf der Welt weiterhin an zu vielen Stellen geschossen – etwa 20 Kriege und 385 bewaffnete Konflikte im Jahr 2017 zählte das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung nach Angaben der „FAZ“ vom Februar 2018 -, als dass man wirklich über alle und alles fundiert informiert sein könnte. Angesichts solcher Zahlen habe ich ja fast schon ein gutes Gewissen angesichts der Tatsache, mittlerweile mehr oder weniger aufgegeben zu haben, zu verstehen, welche und wie viele Gruppen in Syrien gerade auf welche anderen schießen. Fast.

Aber nun war ja Herr Schätzing angetreten, um wenigstens meine teilweise Unkenntnis bezüglich des Nahostkonflikts zu beseitigen. Und das hat er eindrucksvoll geschafft.

Über die komplizierte Autor-Leser-Beziehung, die mich mit Frank Schätzing verbindet, habe ich kürzlich erst angesichts der Rezension zu seinem neuesten Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ berichtet und möchte das gar nicht erneut runterbeten. Nur eine Ursache für diese komplizierte Beziehung sei an dieser Stelle nochmals genannt, nämlich, dass Schätzings Bücher manchmal einfach zu lang sind. Angesichts dieser dicken Wälzer denkt man sich vielleicht noch: „Na, dann wird das Buch aber eine entsprechende Schriftgröße haben!“, schlägt das Buch auf und haucht angesichts der winzigen Lettern nur ein überraschtes: „Oh …!“

Das Problem ist nur: Hier ging es nicht kürzer!

Denn im Grunde genommen erzählt Schätzing in seinem Buch zwei Geschichten in einer. Zum Einen wären da die Geschehnisse rund um den Journalisten Tom Hagen, der sich mit der Behauptung, im Besitz von Informationen aus dem Kreis des israelischen Geheimdienstes zu sein, in ernste Schwierigkeiten bringt. Zum Anderen beschreibt Schätzing den Lebensweg des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon.

Mögen die Charaktere rund um Sharon auch fiktiv sein, sein Lebensweg und die wichtigen Stationen in der Geschichte Israels, die Schätzing beschreibt, sind es nicht. Und gerade deshalb hat mir dieser Teil des Buches besonders viel Freude gemacht, weil man einfach erstaunlich viel lernt. Oder bereits Vergessenes rekapituliert. So hatte ich, wie ich zu meiner Schande eigestehen musste, noch nie von der israelischen Journalistin Anat Kam (wahlweise „Kamm“) gehört, die als „Whistleblower“ von sich reden machte, als sie streng geheime Unterlagen über die illegale Tötung dreier Palästinenser durch israelische Soldaten an einen Journalisten weitergab, teilweise noch bevor die uns heute geläufigen „Whistleblower“ auf der Leinwand der Zeitgeschichte auftauchten.

Schade, dass mir Schätzing nicht auch noch das Phänomen „Whistleblower“ erklären kann. Wenn ich beispielsweise glaubhafte Beweise dafür habe, dass mein Nachbar plündernd und brandschatzend mittels Waffengewalt durch die hiesige Fußgängerzone ziehen möchte – ein rein fiktives Szenario, wiewohl ich nicht verhehlen möchte, der Meinung zu sein, dass mein Nachbar tatsächlich einen veritablen Schatten hat – und ich das dann der Polizei melde, bin ich Held, erscheine in der Lokalpresse und alle lieben mich. Habe ich dagegen glaubhafte Beweise dafür, dass der Staat – im Fall Anat Kam in Form des Militärs – illegale Machenschaften betreibt, und leite diese an die Presse weiter, muss ich mich vor Gericht wegen Hochverrats verantworten. Ich verstehs nicht. Aber lassen wir das.

Abseits der Ariel-Sharon-Handlung weiß auch die um Tom Hagen voll zu überzeugen. Schon der einleitende Satz

„Unterwegs in einem Toyota Land Cruiser, sieben Uhr morgens, Sack überm Kopf, unter der Kinnlade zugebunden.“

verdeutlicht, dass der Autor den Leser nicht auf einen Trip in ein literarisches Wohlfühl-Ressort mitnimmt. Schätzing spart sich die teils schwülstige Ausdrucksweise, die beispielsweise sein neuestes Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ auszeichnet, erzählt knapp, prägnant und eindrücklich. Die Handlung bietet Spannung und Tempo und somit genau das, was man von einem Politthriller erwartet.

Eher unerwartet ist glücklicherweise die Hauptfigur Tom Hagen. In Büchern wie „Breaking News“ befürchtet man einen Protagonisten wie Jack Reacher oder Jack Ryan. Testosteron auf zwei Beinen eben. Bei allem Respekt vor Lee Child und Tom Clancy. Tom Hagen weist zwar auch Züge von beiden auf, unterscheidet sich in der Summe aber dennoch glücklicherweise deutlich von ihnen.

Tja, rückblickend habe ich also weder an der Handlung, noch an den Charakteren oder am Schreibstil groß etwas zu meckern. Daraus resultiert auch, dass „Breaking News“ – nur für mich, natürlich – Schätzings zweitbestes Buch ist. Und ein sehr wichtiges, lehrreiches noch dazu.

Kurz gesagt, wer Schätzings Bücher mag, bislang aber noch um „Breaking News“ herumgelaufen ist, kann bedenkenlos zugreifen. Und alle anderen, die einen tempo- und lehrreichen Politthriller zu schätzen wissen und sich vor knapp 1.000 Seiten nicht scheue,n ebenso.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Nachts in meinem Haus“ von Sabine Thiesler.

8 Kommentare zu „„Breaking News“ von Frank Schätzing – 2 in 1 oder Die Mutter aller Fake News

  1. Das schlummert schon seit etwa drei Jahren auf meinem Tolino. Bin bisher nicht über die ersten zwanzig Seiten hinaus gekommen. Allerdings ging mir das mit dem Schwarm nicht anders und dann packte der mich aber 😉
    Okay, ich nehm es mir jetzt nochmal vor, danke für die ausführliche Rezension 😊

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    1. Herzlich gerne! Befreie das Buch doch mal aus seinem Tiefschlaf, den hat es nicht verdient. :-)

      Wobei ich gestehen muss, dass das Buch auch insgesamt vier Jahre auf meinem Stapel ungelesener Bücher gelegen hat … ;-)

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  2. Ich packe ihn mal auf meine Merkliste. Denn ich bin nicht wirklich Fan von Politthrillern, jedoch interessiert mich Historie ja nun doch wieder. Und der Konflikt Israel/Palästina schwelt ja schon seit ich denken kann. Insofern wäre es nicht übel, da mehr zu wissen…

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    1. Zumindest ist es kein Politthriller im Sinne der Bücher von Tom Clancy, Frederick Forsyth oder John le Carré, um mal bekanntere Beispiele zu nennen, sondern sehr viel zugänglicher.

      Man muss sich halt bewusst sein, dass man es mit knapp 1.000 Seiten zu tun hat und sich dann fragen, ob das Interesse am Thema dafür ausreicht, wenn das eigentliche Genre eher nicht so im Beuteschema liegt. :-)

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  3. Tja, der Schätzing ist schon ein Schatz für sich.
    Wenn ich da so meinen Verlag höre: „… kürzen … zu lang … die Leser wollen maximal 400 Seiten … können sie das nicht abkürzen … muss es noch einen Teil geben …“
    Es müssen mehrere Teile sein, weil ein Teil zu dick war, und ich bin auch nach dem 3. Teil noch längst nicht durch mit dem Thema.
    Danke fürs lesen …
    VG Francis Bee

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    1. Der Schätzing hat ja auch eine ganze Weile solche 400-Seiten-Bücher geschrieben, dann aber einmal das Glück gehabt, sich mit dem Umfang von „Der Schwarm“ durchzusetzen und das Buch dann auch noch wie geschnitten Brot zu verkaufen. Seitdem hat er, was Buchlängen angeht, vermutlich Narrenfreiheit.

      Ebenso wie, in anderer Hinsicht, Tom Hillenbrand, der Bücher aus verschiedensten Genres schreiben darf. Krimis, historische Abenteuerromane, Sci-Fi-Thriller, alles dabei. Verlage würden da wohl eher was von „Wiedererkennungwert“ schwafeln und zu einen einzelnen Genre raten, auf das man sich als Autor beschränken sollte.

      Allerdings schreibe ich nicht – nicht jedenfalls nichts, was einen Verlag interessieren würde -, daher sind meine Vermutungen reine Spekulation. :-)

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      1. Ja, das mit dem Wiedererkennungsmerkmal hat bei Verlagen auch einen hohen Stellenwert. Wenn man mal davon absieht, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und gern auf Wiederholungen (äußerlich) zurückgreift, ist die Wiedererkennung sicher gut, damit man überhaupt schnell das findet, was man sucht (+mag). Das zumindest behauptet auch mein Verlag und hat mir die Farben Gelb-Schwarz als Buchcover verpasst. Ich hatte nichts dagegen und habe es gern übernommen. Bin ja auch ´ne Biene (die nicht wirklich gelb-schwarz ist).

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