„Der Turm der Welt“ von Benjamin Montferat – T minus 60 Stunden

Buch: „Der Turm der Welt“

Autor: Benjamin Montferat

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 697 Seiten

Der Autor: Benjamin Montferat ist das Pseudonym des deutschen Autors Stephan M. Rother. Rother, 1968 in Wittingen geboren, studierte in Göttingen Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie. 1997 erfolgte seine Graduierung zum Magister Artium. Seit Mitte der Neunziger trat Rother als “Magister Rother – Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian” auf den Bühnen Deutschlands auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich Rother auf das Schreiben verlegt, seither hat er 14 Romane veröffentlicht, die häufig im Mittelalter spielen. Der Autor lebt, nach eigener Aussage, mit seiner Frau und fünf Katzen “am Rande des Wahnsinns und der Lüneburger Heide”.

Das Buch: Die ganze Welt schaut auf Paris.
Oktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen strömen in die Lichterstadt, um Zeuge des Spektakels zu werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Ausgerechnet da werden zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden – sie waren einer Verschwörung auf der Spur.
Was niemand weiß: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger Besucher der Ausstellung eng verknüpft: Eine französische Adelige – Königin der Pariser Salons – fürchtet um ihr Geheimnis: dessen Enttarnung würde weit mehr als nur einen gesellschaftlichen Skandal bedeuten. Ein deutscher Offizier, unterwegs in einer sehr persönlichen Agenda, wird zum Spielball der Großmächte. Ein junger Fotograf schließt einen folgenschweren Pakt, um das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Ist die bildschöne Kurtisane in Wahrheit eine Spionin?
Schließlich versammelt sich alles, was Rang und Namen hat, an der Spitze des Eiffelturms, um das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen. Wann wäre der Zeitpunkt für einen Anschlag besser gewählt, um die Welt im Chaos versinken zu lassen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: zu Lande, zu Wasser – und in der Luft … (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Vor etwas mehr als zwei Jahren las ich mit Begeisterung Montferats „Welt in Flammen“. Nach der Lektüre fiel mir auf, dass mit „Der Turm der Welt“ das nächste Buch des Autors schon in den Startlöchern stand. Die Wartezeit war schnell überbrückt und so holte ich mir besagtes Buch pünktlich zum Erscheinungstermin. Und dann passierte das, was einem bei Büchern mit einem Umfang von etwa 700 Seiten und einer gefühlten Schriftgröße 1 halt manchmal passiert: Es kommen andere Bücher dazwischen, die kürzer und schneller zu lesen sind, das eben erst erworbene Buch wandert auf dem Stapel ungelesener Bücher weiter nach unten, dann kommen wieder Bücher dazwischen, die kürzer und schneller zu lesen sind usw. Dann, irgendwann, widmet man sich doch endlich der Lektüre und stellt, wie so häufig, fest, dass man sie viel zu lange nach hinten verschoben hat. So auch hier.

Nun habe ich „Der Turm der Welt“ bereits vor meiner Blogpause in diesem Sommer gelesen und mein Gedächtnis ist naturgemäß begrenzt. Es kann also sein, dass ich mich ausnahmsweise etwas kürzer fasse und mich aus naheliegenden Gründen auf das Wesentliche beschränke.

Montferat führt zu Beginn seines Romans eine Fülle von Personen ein, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Paris weilen oder sich auf den Weg dahin machen. Erst im Laufe der Zeit wird dem Leser deutlich, was – von der Weltausstellung mal abgesehen – das verbindende Element der Figuren ist und wie sie zusammengeführt werden. Dabei schafft der Autor zwei Dinge ganz hervorragend: Zum Einen verliert man als Leser trotz einer nicht unerheblichen Anzahl an handelnden Personen nicht den Überblick, zum Anderen ist die Charaktergestaltung praktisch ausnahmslos gelungen, insbesondere die Hotelière Celeste Marêchal, sowie, natürlich, der Geheimdienstler Alain Marais, der sich vor geraumer Zeit eigentlich vom aktiven Dienst ab- und dafür dem intensiven Absinth-Genuss zugewandt hat. Ob ein solcher Absinth-Junkie tatsächlich in der Lage wäre, spontan wieder eine geheimdienstliche Mission durchzuführen, wage ich zwar zu bezweifeln, aber die Handlung beschränkt sich zeitlich auf 60 Stunden und vielleicht steht Marais bis zum Abschluss der Ereignisse noch so unter Strom, dass er noch nicht mit Entzug und ähnlichen Problemen zu kämpfen hat. ;-) Ansonsten verbuche ich das halt unter „künstlerische Freiheit“.

Nicht verschwiegen werden darf, dass es zum Ende des Buches allerdings eine Personalentscheidung des Autors gibt, die bei mir so gar nicht auf Zustimmung trifft. Aber so überhaupt nicht! Nicht. Im. Geringsten. Allerdings ist das erst recht künstlerische Freiheit. Und dennoch…

Ich wollte es nur gesagt haben.

Auch stilistisch kann ich dem Autor nichts vorwerfen. Vielmehr gelingt es ihm, eine solche Atmosphäre zu erschaffen und so bildhaft zu erzählen, dass man meint, selbst durch die Straßen von Paris im vorletzten Jahrhundert zu streifen. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Autor seine Geschehnisse zwar im sowohl im zeitlichen als auch im räumlichen Umfeld der Pariser Weltausstellung spielen lässt, die Weltausstellung aber nicht unnötig in den Vordergrund stellt. Es wäre ein Leichtes gewesen, all die technischen Neuheiten und Wunder in Schätzingschem Umfang zu schildern, so wie das etwa Wolfgang Hohlbein in nicht ganz Schätzingschem Umfang in „Mörderhotel“ tut, auch wenn das natürlich ein anderes Genre ist. Das wäre aber in erster Linie deplatziert und in zweiter ermüdend gewesen. Ja, zwischendurch muss man auch mal das lobend erwähnen, was ein Autor weglässt. :-)

Inhaltlich hat „Der Turm der Welt“ trotz seiner über einen sehr überschaubaren Zeitraum spielenden Handlung nicht ganz das Tempo, das „Welt in Flammen“ auszeichnete, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, die verschiedenen Figuren erst einmal in die Handlung einführen zu müsssen. Abgesehen davon gibt es keinen weiteren Grund zur Klage, „Der Turm der Welt“ ist ein spannender, facettenreicher Agenten-Thriller, den man jedem, der atmosphärische Spannungsromane im historischen Handlungsrahmen mag, empfehlen kann.

Mir bleibt nun, die nächsten zweieinhalb Monate sehnsüchtig bis zum Erscheinen des dritten Teils von Rothers „Königschroniken“-Trilogie zu warten. Wahrscheinlich überbrücke ich die Zeit mit seinem Buch „Die Prophezeihung des magischen Steins“. Auch wenn darin Spitzohren, vulgo Elfen, auftauchen …

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Breaking News“ von Frank Schätzing.

4 Kommentare zu „„Der Turm der Welt“ von Benjamin Montferat – T minus 60 Stunden

  1. Unlängst habe ich Welt in Flammen gelesen, nachdem es auch bei mir ewig herumlag und war begeistert. Obwohl ich bekanntermaßen bei historischen Romanen kritisch bin. Über den Turm der Welt habe ich danach auch nachgedacht. Nach deinem Stubs wandert er jetzt auf die Kaufliste, wenn der SuB endlich wieder nur ein Regalbrett umfasst. 😁

    Gefällt 1 Person

    1. Na, das freut mich doch mal, dass wir hinsichtlich eines Buches einer Meinung sind! ;-) Genau genommen sieht der Stephan M. Rother sein „Welt in Flammen“ ja auch gar nicht als historischen Roman, aber das wäre Haarspalterei.

      Falls „Der Turm der Welt“ doch mal bei Dir einziehen sollte, würde mich interessieren, ob wir auch diesbezüglich einer Meinung sind.

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