„Ein notwendiges Übel“ von Abir Mukherjee – Exotisch

Buch: „Ein notwendiges Übel“

Autor: Abir Mukherjee

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 494 Seiten

Der Autor: Abir Mukherjee ist Brite mir indischen Wurzeln: Seine Eltern wanderten in den Sechzigerjahren nach England aus. Sein Debütroman Ein angesehener Mann schaffte auf Anhieb den Sprung auf die britischen Bestsellerlisten. Mukherjee lebt mit seiner Familie in London. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Kalkutta, 1920: Ein Jahr nach seiner Ankunft in Britisch-Indien wird der ehemalige Scotland-Yard-Ermittler Sam Wyndham mit einer heiklen Mission betraut. Der Thronfolger von Sambalpur wurde ermordet. Die Kolonialregierung hat ein hohes Interesse an der Ergreifung des Täters, verfügt in dem unabhängigen Fürstenstaat jedoch über keinerlei polizeiliche Befugnisse. Sam und sein indischer Sergeant Surrender-not Banerjee reisen als verdeckte Ermittler ins Reich des Maharadschas, das für seinen unsagbaren Reichtum, die prunkvollen Tempel, und die jährliche Großwildjagd bekannt ist … (Quelle: Heyne)

Fazit: „Ein notwendiges Übel“ ist der zweite Teil der Reihe rund um den Ermittler Sam Wyndham des britischen Autors Mukherjee. Der Erstling, „Ein angesehener Mann“ erschien 2017, ging aber an mir vorbei. Ein Versäumnis, das es nun bald aufzuholen gilt.

Dabei gelingt der Einstieg in „Ein notwendiges Übel“ aber auch ohne Kenntnisse des Reihenauftakts. Die Ereignisse aus „Ein angesehener Mann“ werden zwar öfter mal kurz angeschnitten, zwingend gelesen haben muss man Mukherjees ersten Roman deshalb aber nicht.

Nicht nur das vereinfacht die Lektüre des Buches, insbesondere Mukherjees Stil tut das. Der Autor schreibt leb- und bildhaft. Gekonnt gelingt es ihm, dem Leser Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Farben, Gerüche, Atmosphäre im Indien der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts zu beschreiben. Das gelingt ihm sogar so anschaulich, dass ich mir noch mehr davon gewünscht hätte. Auch die Dialoge können sich lesen lassen.

Lediglich die Angewohnheit des Protagonisten Wyndham, seinen indischen Searganten Surendranath Banerjee beharrlich „Surrender-not“ zu nennen, weil er zur Aussprache von „Surendranath“ einfach nicht fähig ist, kann man kritisch beäugen. Allerdings verarbeitet Mukherjee hier ja auch einen historischen Stoff, da passt das dann schon irgendwie wieder, veranschaulicht es doch treffend das Selbstverständnis der britischen Kolonialherren, hier in Person Wyndhams, ihren indischen „Untertanen“ gegenüber. Das erinnert mich ein bisschen an eine Szene aus „Conquest of Paradise“ in der der Übersetzer Utapán gegen Ende des Films demonstrativ seine europäische Kleidung ablegt, seine Haare nach Art seines Volkes schert und sich, kurz bevor er im Wald verschwindet, an Kolumbus wendet mit den Worten: „Du hast nie gelernt, meine Sprache zu sprechen!“

Den guten Eindruck, den der Autor stilistisch hinterlässt, kann er auch mit seinen Charakteren bestätigen. Er schafft es, ein Mordopfer – von dem man vorher weiß, dass es ein Mordopfer sein wird, wenn man den Klappentext gelesen hat – auf nur wenigen Seiten so sympathisch wirken zu lassen, dass man sich als Leser nach dessen Ermordung denkt: „Och, schade!“ :-) Aber nicht nur im Bereich belangloser Nebenfiguren kann Mukherjee überzeugen, auch sein Protagonist gefällt mir ausnehmend gut. Zwar könnte man meinen, man hätte hier einfach einen alkoholkranken skandinavischen Ermittler gegen einen opiumsüchtigen Briten ausgetauscht, das wäre aber wirklich zu kurz gesprungen. Wyndham setzt sich regelmäßig mit seiner Abhängigkeit auseinander, weiß im Grunde seines Herzens, dass das Zeug nicht gut für ihn ist, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass er jederzeit aufhören könne, wenn er nur wolle. Ja, sicher …

Auch der schüchterne indische Seargant Banerjee gefiel mir gut, man würde ihm nur wünschen, das Autor würde ihm mal eine etwas größere Rolle zukommen lassen. Aber das mag in der Zukunft ja noch kommen.

Zur Krimihandlung kann ich sagen, dass ich, sehr zu meinem Erstaunen, nach etwa 300 Seiten in etwa wusste, wohin das Ganze wohl führen würde. So unterschied sich die Lösung, die ich für die Geschehnisse hatte, nur unwesentlich vom tatsächlichen Ausgang des Buches. So etwas passiert mir außerordentlich selten, ich bin nicht wirklich gut darin. Und wenn es mir doch mal gelingt, den weiteren Verlauf einer Handlung zu erraten, dann ist das meist kein gutes Zeichen für das Buch. Hier jedoch nicht. Denn auch, wenn man eine grobe Ahnung hat, wie das Ganze wohl ausgeht, so ist der Weg dahin doch sehr unterhaltsam.

Abschließend kann ich also sagen, dass es sich bei „Ein notwendiges Übel“ um einen sehr gelungenen, lesenswerten Krimi handelt, der mit einem ungewöhnlichen Settung daherkommt und mit Spannung und Atmosphäre punkten kann.

Der einzige kleine Kritikpunkt betrifft die für die Gestaltung des Buchtitels verwendete Goldfarbe! Denn für so ziemlich jede Goldfarbe auf Büchern gilt: Sie löst sich früher oder später ab. So auch hier. Und wenn man sich dann regelmäßig mit seinen goldigen Flossen unbedacht ins Gesicht greift, dann … sieht das nicht schön aus und führt dazu, dass man unter Umständen die eine oder andere Frage beantworten muss … ;-) Aber hey, wenn das so ziemlich das Einzige ist, was man an einem Krimi zu kritisieren hat, dann ist das Leiden auf hohem Niveau.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Vor dem Fall“ von Noah Hawley. Darüber wollte ich eigentlich heute schon schreiben, Mukherjee lag hier aber schon länger rum. :-)

2 Kommentare zu „„Ein notwendiges Übel“ von Abir Mukherjee – Exotisch

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